Tag 1/ In Gefühlen schwimmen, Klimawandel & die Extrawurst

Was ist für Euch das Schwierigere an einer Tour? Anzufangen oder aufzuhören? Für mich ist es ehrlich gesagt beides.

 

In Gefühlen schwimmen

Schon gestern Nacht, nachdem meine Freunde nach dem wirklich wunderbar kitschig schönen Abschiedsabend zurück zu ihrem Leben und ihrem gewöhnlichen Alltag nach Hause gekehrt sind (ich bin Euch übrigens allen sehr, sehr dankbar dafür <3), spürte ich ein Ziehen im Bauch. Ab diesem Moment trennten sich unsere Wege endgültig und mein Wohnraum reduzierte sich von einer – zugegeben nicht gerade großen, aber immerhin eigenen – Wohnung auf ein Einpersonenzelt, in dem ich mich gerade einmal wie eine Wurst am Spieß um die eigene Achse drehen kann, während alle meine Gegenstände, die ich täglich benutzen werde, in vier Radtaschen um mich herum verteilt lagen.

Aufbruch bedeutet für mich vor allem, dass da viel Ungewisses ist und wenig, was mir in diesen Situationen innerlich Halt gibt. Eigentlich gibt es da gerade nur meine Entscheidung und meinen Willen, es zu versuchen. Der Rest schwebt wie ein riesiges Fragezeichen über dem noch etwas im Morgendunst verhangenen See. Langsam tauchte ich noch einmal in das klare Wasser vom Cossi, der für mich inzwischen auch symbolisch für meine selbstgewählte Heimat Leipzig steht, und dann schwamm ich einfach für ein paar Minuten antriebslos herum, wie eine Boje, im Brei meiner eigenen Gefühle.

Der Klimawandel vor der Haustür

Viel Zeit zum Sinnieren sollte mir jedoch nicht bleiben, da das Thermometer mit der steigenden Sonne langsam, aber stetig die Dreißigermarke erklomm. Deshalb sind die Morgen und die Abendstunden gerade im Sommer oft die wertvollsten Stunden für mich, da man als Radfahrer der Witterung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.

Die Strecke von Leipzig Richtung Dresden bin ich gefühlt jede Saison seit mehreren Jahren mindestens einmal gefahren. Umso mehr schockierte mich der Anblick der Landschaft: ausgedörrte Felder, Flüsse, in denen Kinder nur noch knöcheltief waten konnten, Obstbäume, deren heruntergefallene Früchte viel zu früh auf dem Asphalt verschrumpelten. Dazu viel zu wenige Trinkwasserquellen, sodass mein  kleiner Wasservorrat schnell aufgebraucht war.

Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass der Klimawandel direkt von Tag 1 an vor der Haustür auf mich lauern würde. In meinem „zivilisierten Leben“ verkroch ich mich meist an heißen Tagen, aber jetzt bin ich dazu gezwungen, das Ausmaß selbst zu erfahren. Dazu ist die Gegend um Döbeln und Grimma herum gar nicht mal so unhügelig. Da ich das Gewicht meines Gefährts noch nicht gewöhnt bin (und es dank eines Geschenks für eine Bekannte in Dresden und den Überbleibseln der gestrigen Nacht eh schon überladen war), fühlte ich mich eher wie in der Toskana als im sächsischen Umland.

Chillen zwischen Schweinshaxe und Erbsen

Um mich an die Hitze zu gewöhnen, bin ich dieses Jahr schon regelmäßig laufen gewesen, auch bei 35 Grad. Dadurch hat sich mein Körper in hohem Maße an das Wetter angepasst und ich behaupte jetzt einfach mal, dass ich gut mit solchen Temperaturen klarkomme. Als ich jedoch gegen Nachmittag beim Lidl in Meißen strandete und auf dem Thermometer 37 Grad prangten, wunderte sich niemand, dass ich eine halbe Stunde im klimatisierten Supermarkt chillte – und meinen Kopf immer wieder möglichst unauffällig ins Tiefkühlregal steckte, zwischen Schweinshaxen und Erbsen. Mein Wasserverbrauch lag zu diesem Zeitpunkt schon bei gut 9 Litern.

Die Auswilderung

Da ich erst vor Kurzem beruflich in Dresden war und viele Erinnerungen mit der Route die Elbe hinauf verbinde, wurde mir immer schwerer ums Herz. Als Reisender ist man auf seltsame Weise nicht mehr Teil des alltäglichen Lebens und so beobachtete ich Leute, die auf ein großes Stadtfest gingen, wie ein Fremder, ein Alien, das aktuell gerade nirgendwo anders hingehört. 

Das ist ehrlich gesagt einer der Momente am Aufbruch, der mir wirklich schwerfällt: mich loszulösen. Denn meine Lebenswelt war schon jetzt eine ganz andere als die der Passanten. Mich interessierte nur noch, wo ich a) schnellstmöglich eine Dusche bekomme und b) wo ich möglichst etwas Kalorienreiches essen kann – am besten ein halbes Wildschwein.

Beim Reisen denke und fühle ich ganz anders. Ich werde noch dreister, als ich eh schon bin, ergreife jede Möglichkeit so schnell ich kann und zögere auch nicht, schnellstmöglich wieder abzuhauen, wenn mir etwas verdächtig vorkommt. Gewissermaßen verwandle ich mich immer mehr und mehr zum Neandertaler zurück. Aber auch ein Neandertaler sehnt sich nach menschlicher Verbindung.

 

Die Extrawurst

Immer wieder kehre ich an die gleichen Orte zurück – gleiche Strände, gleiche Cafés. Wahrscheinlich gibt das etwas Halt im Reich der Ungewissheit. So hielt ich nach 150 km bei meinem Lieblingsimbiss in der Nähe von Pirna und fragte den Betreiber geradeheraus, ob ich bei ihm auf der Wiese campen könnte, da mich volle Campingplätze schon immer eher abgeschreckt haben.

Er sagte unvermittelt und freundlich zu und schmiss für mich noch einmal kurz vor Feierabend den Grill an. Solche kleinen Gesten bedeuten für mich als Reisender wirklich viel. Sie zeigen mir, dass eine Person meine Bedürfnisse sieht, und auch wenn solche Verbindungen oft nur kurz halten, fühlen sie sich sehr echt an. Es ist ein bisschen wie ein Paradox: Erst dadurch, dass man ein Stück weit verwundbarer, unabhängiger, aber auch bedürftiger wird, entsteht für einen Moment eine Verbindung, die ich nicht haben würde, wenn ich Tag ein, Tag aus meinen Alltag bestreite – so geht es mir zumindest.

Gerade genieße ich jedenfalls den Blick auf die Elbe, diese very special  Extrabockwurst und das kühle Glas Bier, das mir zu Hause vielleicht nicht mal eine müde Zeile wert gewesen wäre.












Kommentare

  1. Ich liebe den Schreibstil jetzt schon:) Danke, dass du das mit uns teilst! ^^

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    1. Danke Dir für Dein Kompliment und vor allem für’s Lesen meines Blogs! :-) Ich geb mir wirklich Mühe zwischen ausgebreitetem Zelt, verteilten Radtaschen und dem ein oder anderen Regenschauer ein paar Zeilen zu schreiben, die Euch hoffentlich auch ein bisschen auf die Reise mitnehmen können.

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  2. Ja, das liest sich toll, Gunni.

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  3. Ich bin etwas hinterher mit lesen.

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