Tag 17 / Serbien / Mein zwanzigjähriges Ich Teil 1



Willkommen in Serbien

Serbien. Ich hatte gerade die Grenze überquert, wo mich der mürrische Grenzbeamte mit einem kurzen, routinierten Blick abfertigte und fragte:

„Wo geht’s hin?“

„Istanbul“, antwortete ich.

„Aha“, murrte er zurück. „Warum nimmst du nicht das Flugzeug? Das geht schneller.“

Nun musste ich mir noch schnell eine SIM-Karte besorgen, da das Land im Herzen Südosteuropas nicht zur EU gehörte. Nicht noch einmal wollte ich dabei zuschauen, wie mein wertvolles Guthaben innerhalb weniger Minuten zu je 20 Cent pro zehn Kilobyte aufgebraucht wurde. In einem kleinen Ort unweit der Grenze füllte ich zudem meine Nahrungs- und Flüssigkeitsvorräte auf, die bei aktuell 37 Grad viel zu schnell schrumpften.

Während ich vor dem Lidl in einer kleinen Schattennische der Mittagshitze entging und einen Ready-to-go-Salat verzehrte, hörte ich plötzlich Englisch mit starkem deutschen Akzent. Der junge Kerl mit lockigem Haar und stolzem Schnauzbart war um die zwanzig und redete munter mit drei dreisten serbischen Jungs.

„Nein – die Nazis sind eher ein schlechter Teil der Vergangenheit meines Landes. Ich weiß jetzt nicht, was ich dazu sagen soll.“

Ich schaute nach links und entdeckte auch direkt sein Rad – ein bis zur letzten Tasche vollgestopftes Reiserad.

Innerlich stöhnte ich kurz auf: Nicht schon wieder eines dieser Gespräche.

Meine Begegnung mit dem Valencianer Guillermo lag erst einen Tag zurück – ich war wohl etwas übersozialisiert.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, kam er auch schon heiter anspaziert und begrüßte mich.

„Hi, ich bin Vincent und komme aus Nürnberg. Wer bist du? Wie geht’s dir?“, fragte er mich – etwas zu begeistert – auf Englisch.

Ich murmelte knurrig ein paar Antworten vor mich hin, während ich sehr tief in meine Salatschüssel starrte. Die abwehrende Geste wirkte: Mit einer kurzen, höflichen Verabschiedung zog er davon.

Scheinbar fuhr er in die gleiche Richtung wie ich.

Begegnung mit meinem jüngeren Ich

Als ich mich selbst wieder auf mein Rad schwang, war ich etwas überrascht von mir. Wie konnte es sein, dass ich in so kurzer Zeit zum Reisemuffel geworden war?

Beneidete ich den Jungspund innerlich um seine unersättliche Neugier und seinen grenzenlosen Optimismus, der förmlich aus seiner sich vor Begeisterung überschlagenden Stimme sprühte? Oder war ich da vielleicht der zwanzigjährigen Version meiner selbst begegnet, die mir allein dadurch, dass ich nicht mehr zwanzig war, vor Augen führte, dass ich inzwischen achtunddreißig Jahre alt war?

Während ich so vor mich hin sinnierte und der Asphalt langsam zu glühen begann, wurde ich immer wieder von nach Diesel stinkenden Lkw, prähistorisch alten Traktoren und Pkw überholt, die der Verschrottung in Deutschland offenbar nur knapp entgangen waren.

Ausgebranntes Auto im Straßengraben – check.

Opa auf rostigem Rad mitten auf der Straße – check.

Lkw, der mich mit gefühlt zehn Zentimetern Abstand überholte – check.

Ich war ja schließlich nicht zum ersten Mal in Serbien.

Da tauchte plötzlich eine schwarz gekleidete Gestalt am Straßenrand auf. Gar nicht mehr so strahlend, sondern eher verärgert und etwas schwitzend.

Ich dachte: Das ist meine zweite Chance.

Gebe ich meinem zwanzigjährigen Ich eben noch eine.

Vincent plapperte sofort wild drauflos. Dass er seinen Fahrradständer fast verloren hätte. Dass die Serben hier ja alle so nett seien! Dass sein Akku schon wieder fast leer sei.

„Hast du schon mal versucht, dein Handy unterwegs in den Flugmodus zu stellen, um Akku zu sparen?“, erwiderte ich und konnte mir angesichts der Offensichtlichkeit des Problems einen leicht spöttischen Unterton nicht verkneifen.

„Oh nein! Stimmt! Das ist eine gute Idee – darauf bin ich ja noch gar nicht gekommen!“

Ich wagte mich weiter in die Untiefen der Konversation.

„Hier in Serbien soll es aktuell viele Waldbrände geben. Die scheinen uns gerade nicht zu betreffen – können sich aber schnell ausbreiten.“

„Ach was?“, erwiderte er erstaunt. „Davon habe ich gar nichts gewusst!“

Langsam schlug meine Verwunderung über die Arglosigkeit des Jungradlers in väterliche Fürsorge um.

In schnellem Tempo ratterte ich alle Serbien-Fahrradbasics herunter, die mir einfielen, damit er zumindest nicht komplett lost war.

„Hier“, sagte ich, nachdem wir kurz am Straßenrand angehalten hatten. „Falls irgendwas ist – das ist meine Nummer. Schreib mir. Ich hab Freunde in Serbien und kann dir vielleicht aus der Patsche helfen, wenn es drauf ankommt.“

„Danke!“, erwiderte er und strahlte herzlich. Dann fügte er verwundert hinzu: „Leider hab ich aktuell nur kein Handynetz und mein Guthaben ist auch schon verbraucht. Hast du eine Ahnung, woran das liegen könnte?“

Diese Arglosigkeit machte mich schon ein bisschen sprachlos – bis ich mich daran erinnerte, dass es mir vor gut drei Jahren auf meiner ersten Istanbulreise ähnlich ergangen war.

„In einem Nicht-EU-Land bringt dir dein EU-Handyvertrag leider nicht viel“, antwortete ich. „Du kriegst hier aber in jeder kleinen Stadt für fünf Euro eine SIM-Karte mit mindestens 100 GB Datenvolumen.“

Er schaute mich etwas ratlos an.

„Mein aktuelles Tagesbudget beträgt aber nur acht Euro. Ich hab ein Stipendium von 800 Euro bekommen, das ich auf zwei Monate zu strecken versuche, und darf nicht mehr ausgeben.“

Ich runzelte verwundert die Stirn. Waren Stipendien nicht eigentlich dazu da, einem das Leben leichter zu machen statt schwerer?


Acht Euro am Tag

Er fuhr fort, während wir nebeneinander herradelten und immer wieder von schnell überholenden Audis Anno Domini mit langen Rußfahnen passiert wurden:

„Deshalb habe ich vor ein paar Tagen in Budapest angefangen, Pfand zu sammeln. 13 Euro habe ich damit in drei Stunden gemacht! Ich bin übrigens vegan.“

Innerlich klatschte ich mir mit einer unsichtbaren Hand vor die Stirn.

Wie viele Gen-Z-Klischees passen eigentlich in eine Person?

Zum Glück bemerkte er mein Augenrollen unter der Sonnenbrille nicht.

„Nur war ich etwas verwundert, dass mich die Ungarn irgendwann schief angesehen haben. Einen pfandflaschensammelnden Radtouristen hatte hier wohl niemand erwartet. Richtig nett, die Ungarn!“

Dann erzählte er mir von einer Begegnung, die er erst zwei Tage zuvor gehabt hatte – ungefähr an demselben Ort, an dem ich mit dem Kellner unangenehm aneinandergeraten war.

„Da gab’s diesen Aussteigerhippie. Der hat kein Geld und kein Telefon und lebt in einer Baracke. Sein Kumpel hat mir ein paar Äpfel angeboten, und dann bin ich ihm einfach gefolgt. Sie bauen zusammen irgendwas im Garten. Was genau – weiß ich nicht. Am ersten Abend soffen wir fünfzehn Bier. Eine Art Radler – nur mit einem Apfel-Energy-Drink gemischt. Am nächsten Morgen weckte er uns um neun Uhr und wir soffen erst mal weiter, bevor es dann zur Arbeit ging. Einer der Kumpel packte plötzlich eine Kettensäge aus und fing planlos an, irgendwas zu zersägen. Keine Ahnung, wozu das dienen sollte – aber ich fand das irgendwie lustig. Schau mal hier!“

Gen-Z-mäßig hatte er natürlich ein TikTok-taugliches Reel gefilmt.

Vincent, grinsend in einem Meer aus leeren Bierdosen.

Dann: Kettensägengeräusche.

„Den Tag davor hatte sich der Aussteigerhippie leider seinen letzten Zahn ausgeschlagen. Er wollte irgendwas am Dach rumbasteln, dann ist ihm ein Ziegel mitten ins Gesicht gefallen. Kannst du dir das vorstellen? Mitten ins Gesicht!“

Vincent lachte herzlich. Seine Laune schien sich zu bessern.

Offenbar hatte diese Ex-Hippie-Pro-Kettensägen-Begegnung tiefe Spuren der Bewunderung in seinem zwanzigjährigen Hirn hinterlassen.

„Einen Tag zuvor hatte er seinem Kumpel aus Versehen einen Ziegel ins Gesicht geschmissen, weil er wohl zu high war und nicht hingeschaut hatte. Sein Kumpel nahm einfach jede Menge Zigarettenblättchen, um die Platzwunde am Kopf zu überkleben. Kannst du dir das vorstellen? Das nenne ich ungarische Arbeitsmentalität!“

Ich merkte langsam, wie mein achtunddreißigjähriges Hirn sich nach anderen Eindrücken sehnte als Geschichten von herumfliegenden Ziegeln.

Nett, aber nachdrücklich sagte ich Vincent, dass es für mich an der Zeit sei, wieder mein eigenes Tempo zu fahren, und verabschiedete mich mit einem Fistbump.

„Und meld dich bei mir, falls dir ein Ziegel entgegenfliegen sollte, okay?“

Er lächelte und ich trat kräftig in die Pedale, um ihn hinter mir zu lassen.


Mein zwanzigjähriges Ich lässt sich nicht abschütteln

Also strampelte und strampelte ich.

Eine halbe Stunde lang mit 27 bis 30 km/h durch die serbische Nachmittagsglut auf einer langen, geraden Asphaltstraße.

Das dürfte wohl gereicht haben, um ihn abzuhängen?

Vorsichtig drehte ich mich um – und erkannte schon seine wehenden braunen Locken direkt hinter meiner Hecktasche.

Mein zwanzigjähriges Ich war wohl nicht so einfach abzuschütteln.

„Boah!“, stöhnte er erschöpft. „Du redest wie ein Sechzigjähriger, aber fährst wie ein Achtzehnjähriger. Ich schwöre, das ist echt ein Fiebertraum.“

Dann konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ich bin in deinem Windschatten gefahren – das war safe die beste Art, um hier schnell weiterzukommen.“

Nun musste auch ich innerlich grinsen.

Mit zwanzig hätte ich es wohl genauso gemacht.

Gut, Vincent. Fürs Erste gebe ich mich geschlagen.

Ich bot ihm an, dass wir die Strecke bis Belgrad gemeinsam fahren könnten. Zu zweit zu radeln war auch für mich ein neues Erlebnis, da keiner meiner Freunde auch nur ansatzweise ausdauernd oder verrückt genug war, so eine Reise selbst einmal auszuprobieren.

„Aber lass erst mal eine Pause machen!“, wandte er eilig ein.

Pause machen?

Das wiederum war ich nicht gewohnt.

Er holte seinen veganen Vitamin-Kreatin-Shake in einer riesigen Plastikdose von seinem bis zum Anschlag vollgespannten Gepäckträger und anschließend ein großes, schwarzes, schweres Gerät, das er mir stolz präsentierte.

„Das ist eine elektrische Pumpe! Die zeigt den Druck genau an und du musst nie wieder selbst pumpen.“

Ich wog das gute Xiaomi-Gerät in meiner Hand.

Bestimmt vierhundert Gramm.

Oder im Mindset eines Radreisenden: fast eine halbe Trinkflasche.

„Hier, halt mal.“

Er drückte mir den Lenker seines überladenen Rades in die Hand, und ich konnte mir gerade noch den elterlichen Hinweis verkneifen, dass seine Vordertaschen beide offen standen und er sein Ladekabel gerade auf dem Asphalt drapierte.

„Willste ’ne Banane?“

In einem brüderlichen Akt präsentierte er mir eine halb angematschte Bananenstaude.

Die Bestechung wirkte. Als diplomatische Geste erzählte ich ihm von meinen Reiseplänen nach Indien.

„Boah – das ist ja mal voll cool! Das ist mein Traum gewesen. Eigentlich wollte ich nach Australien fahren!“

Wieso wollen eigentlich immer alle nach Australien fahren?

„Aber dafür reichen die achthundert Euro dann leider doch nicht. Jetzt fahre ich zu einer Biofarm in die Türkei und arbeite dort. Natürlich ohne Bezahlung. WWOOFen nennt man das – kennste?“

Ich nickte langsam und kam mir plötzlich sehr, sehr eigennützig vor, als ich innerlich dachte, dass ich nie wieder ohne Bezahlung für irgendjemanden arbeiten würde.

Das ist wohl eine meiner Freiberuflerkrankheiten.


Einfach mal loslassen

Wir fuhren weiter zu einer Staustufe, die zu einer Art Freibad umgebaut worden war. Ich schlug vor, die Gelegenheit zum Baden zu nutzen, da wir beide natürlich wieder wie eingelegte Sardinen im eigenen Saft schmorten.

Wie anders es war, ein Erlebnis einmal in Gesellschaft zu teilen.

Munter quatschte Vincent einen in orangefarbener David-Hasselhoff-Badehose am Rand des gallig-grünen Schwimmbeckens lungernden Serben an.

„Wasserqualität okay?“

Mit Daumen hoch und runter verständigten wir uns irgendwie.

Mit einem Mal befand ich mich in der Sorte Abenteuerfilm, die sich mein jugendliches Ich immer gewünscht, aber leider viel zu selten erlebt hatte.

Gemeinsam rumplantschen, rumalbern, einfach die Zeit verstreichen lassen.

Beim Umziehen holte Vincent allerdings schon die nächste Überraschung aus seiner Packtasche: ein riesiges, schweres Frotteehandtuch.

„Ist von meinem Lieblingshockeyverein zu Hause. Ein Andenken!“

Gerade so konnte ich mir die abfällige Bemerkung verkneifen, dass ein nasses Frotteehandtuch wohl besser auf dem heimischen Handtuchtrockner aufgehoben wäre.

Doch plötzlich musste ich an meine ersten Abenteuerausflüge mit meiner Klettercrew aus Berlin denken.

Anstatt an den Ballermann zu düsen und uns bodenlos zu besaufen, verschlug es uns Berliner Jünglinge ins Elbsandsteingebirge, wo wir natürlich – ohne jegliches Klettertraining – gleich die 7+ mit Kochlöffel am Fels hoch- und runterkletterten. Denn Egor, ein russischer Freund, dessen Vater Bergsteiger war, würde ja schon alles wissen, ne?

Wir seilten uns ab, kletterten nachts mit Stirnlampen schwierige Routen hinauf, kifften uns die Birne weg – Alkohol eher weniger, weil das mit dem Sichern dann nicht mehr so gut ginge, meinte Egor – und taten all das, was uns in unserem Berliner Käfig nicht möglich war.

Meine Mutter kann sich sicherlich noch an die endlos zerschlissenen Jeans erinnern, die immer zuerst im Schritt auseinanderrissen – und dort natürlich auch am schwierigsten zu nähen waren.

Was war inzwischen nur mit mir passiert?

Wieso war ich so nachdenklich, so schwer und vor allem so eigenbrötlerisch geworden?


Verkehrte Welt

Vincent hatte inzwischen schon den nächsten Wasserhahn gefunden, trank daraus – und stellte anschließend fest, dass das Wasser doch nicht so gut schmeckte.

Wir redeten nun munter und unablässig miteinander. Er erzählte mir, dass er eigentlich vorgehabt hatte, allein zu reisen, zu schreiben und eine Trennung zu verarbeiten – aber an jeder Ecke irgendetwas Spannendes passierte.

„Ich schaff aktuell vielleicht mal sechzig Kilometer am Tag. Aber lieber genieße ich die Reise und schaue mich ein paar Mal um, als blind durchzurasen. Dadurch check ich auch die vielen Obstbäume, die es hier gibt. Pflaume?“

Lässig warf er mir eine frisch gepflückte Pflaume zu.

Verkehrte Welt?

Wieso raste der Achtunddreißigjährige dem Zwanzigjährigen davon?

Wir stoppten an einem nahegelegenen Shop, und da sein Tagesbudget von acht Euro wahrscheinlich keine großen Sprünge erlaubte, kaufte ich uns beiden Radler, Wasser und Süßkram, der in Serbien deutlich günstiger war als noch in Ungarn.

„Das liegt an den hohen Steuern in Ungarn“, meinte er. „27 Prozent.“

Inzwischen hatte sich eine Meute Dorfmädels zwischen zwölf und vierzehn Jahren um uns versammelt und bestaunte unsere massiven Reiseräder. Vincent scherzte und grüßte alle herzlich. Ich versuchte es auch – und konnte für einen kurzen Moment alles vergessen, was sonst gerade anstand.

Es folgten noch weitere Ziegelgeschichten, aber auch Geschichten von Freunden, mit denen er irgendwo in Sizilien vollkommen lost auf einem Berggipfel ein paar Sizilianer getroffen hatte, die gerade dabei gewesen waren, ein halbes Wildschwein zu grillen – und die drei schließlich aus ihrer misslichen Lage retteten.

„So wie du heute!“, meinte er.

„Ich hatte heute einen richtig bodenlos schlechten Tag. Alles ging schief – ein richtiger Fiebertraum! Aber Mann, bist du cool, dass du diese Reise machst. Das ist richtig krass!“

Im Komplimenteannehmen bin ich leider richtig schlecht. Abgesehen davon dachte ich nicht in Kategorien wie krass, cool oder … was auch immer.

Ich machte einfach das, worauf ich Lust hatte, und schiss eigentlich grundsätzlich auf die Meinung anderer, sagte ich ihm.

„Endcool!“, antwortete er.

Scheinbar war ich mit meinem Mindset zum Glück doch noch nicht ganz sechzig.


Let’s go!

Der Abend brach langsam herein und unser Pfad verjüngte sich zu einem etwa fünf Kilometer langen Traktorweg ins serbische Nirgendwo.

Wir arbeiteten uns langsam voran – ich mit stoischem Willen, Navi und meiner unerschrockenen Art. Vincent irgendwelche Gen-Z-Mucke summend, die sich für mich komplett gleich anhörte.

Plötzlich schienen uns die Farne immer mehr ins Gesicht zu wachsen.

Und nicht nur das: Der Weg war kaum noch zu erkennen.

Meine inneren Alarmglocken läuteten bereits kräftig, als ich Vincent vorsichtig fragte:

„Wollen wir da wirklich durch?“

„Let’s go!“, antwortete er überzeugt.

Der Pfad hatte es wirklich in sich. Die Farne verwandelten sich zunehmend in dorniges Unterholz, das mir immer mehr in Arme, Beine und Kleidung schnitt.

„Alles gut?“, fragte ich Vincent – mit väterlichem Verantwortungsgefühl und zunehmend schlechtem Gewissen.

Doch er war schon wieder dabei, ein Selfie-Video zu drehen.

„Hey Leute – schaut euch mal das an. Serbischer Dschungel. Gottlos, echt!“

Die fünf Kilometer wollten einfach nicht enden. Inzwischen konnte ich den Pfad kaum noch erahnen und hätte mir eine sehr lange Machete gewünscht. Eine Dornenranke schlug mir quer durchs Gesicht – hätte ich keine Sonnenbrille … oder eher Krautbrille … aufgehabt, hätte das möglicherweise böse geendet.

Auch Vincent war inzwischen sichtlich erschöpft.

„Boah, ich bin voll froh, dass wir das hier gerade gemeinsam fahren. Ohne dich hätte ich das, glaube ich, nicht durchgehalten.“

Ich wahrscheinlich auch nicht.

Ich wäre nach dem ersten Drittel wohl schon umgekehrt.

Zu zweit fühlte ich mich viel selbstbewusster als allein.

Dachte ich.

Aber sagt es ihm nicht.

Wie das mit Gefühlen unter Männern halt immer so ist.

Scheiße – was für ein Gedanke war das denn gerade?

Die Sache mit der Lunte

Mit dem Gefühl, gerade noch eine Kratzparty aggressiver Katzen überstanden zu haben, fuhren wir gemeinsam über die inzwischen fast dunkle Hauptverkehrsstraße Richtung Novi Sad – der letzten großen Stadt vor Belgrad.

Immer wieder erkundigte ich mich vorsichtig, ob das für ihn okay sei. Unter keinen Umständen wollte ich ihn gefährden und dachte dabei plötzlich mehr an ihn als an mich.

„Lass mal kurz Papes holen – ich hab da was Grünes dabei.“

Das wiederum war ein Thema, auf das wir uns beide einigen konnten.

Scherzhaft beteuerte er:

„Ich dachte noch, ich würde hier auf der Radtour voll abstinent sein. Aber erst die Ungarn – jetzt du. Richtig cool!“

Und auch ich freute mich über ein paar entspannende Genussmittel am Abend.

„Nur das mit dem Grenzübergang vorhin – da hab ich schon etwas geschwitzt.“

Unser deutscher Pass schien wohl den Röntgenblick der Kontrolle etwas abzuschirmen, erwiderte ich scherzhaft.

Wir fuhren an diesem Abend noch endlos durch das trockene Unterholz und campten letztendlich beide erschöpft ausgerechnet vor einem Imkereigelände, wo die Bienenstöcke in farbenfrohen Holzkästen vor uns standen.

Natürlich fingen die Bienen irgendwann an, ihr Territorium zu verteidigen, und griffen mich unerbittlich an.

Ich bat Vincent um die Lunte und blies den aufgedrehten Bienen freundlich den Rauch entgegen.

„Schau mal – fast wie ein richtiger Imker.“

Vincent lachte.

Er hatte recht.

Zu zweit waren die Strapazen einfach viel, viel angenehmer.














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