Ein Jahr auf dem Rad: Was kommt mit?
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich 2021 bei einer Radtour eine Espressokanne und eine Hängematte 1.000 Kilometer von Rostock nach Amsterdam gegen den Wind mit mir herumgeschleppt habe, ohne sie auch nur ein einziges Mal zu benutzen. Es gab a) an meinen Rastplätzen keine geeigneten Bäume für eine entspannte Pause und b) schmeckte der Kaffee in den vielen Cafés einfach deutlich besser als mein Campingkocher-Gepfusche.
Das Delikate beim Packen für eine Radtour ist also, dass man es eigentlich nur falsch machen kann:
Entweder schleppt man Dinge mit sich herum, die man ewig nicht braucht, oder man vermisst später schmerzlich etwas, das man eigentlich gebraucht hätte. Wo ist bitteschön die Glaskugel, mit der sich das eine vom anderen unterscheiden lässt?
Bei meiner einjährigen Radtour Richtung Osten wird dieses Problem noch einmal deutlicher, da ich unterwegs viele Klimazonen durchqueren werde und ab Georgien wahrscheinlich kaum noch spezielle Ersatzteile finden kann. Wie also vermeidet man es, sich unterwegs zu ärgern?
Hier kommt mein persönlicher Fünf-Punkte-Plan für etwas mehr Seelenfrieden beim Packen:
Punkt 1: Weniger ist mehr
In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder Testtouren unternommen, unter anderem nach Norwegen, Polen und Venedig. Dabei habe ich vor allem eines festgestellt: Ich brauche meistens viel weniger, als ich vorher gedacht habe. Durch das Zwiebelprinzip lassen sich außerdem alle möglichen Kleidungsschichten miteinander kombinieren.
Das Ding ist: Bei Radtouren packst Du alles permanent ein und wieder aus – jeden Tag. Auch ich kam irgendwann dahinter, dass man jedes Kleidungsstück problemlos waschen kann und ein Wechselpaar im Grunde vollkommen ausreicht.
Beim Packen stelle ich mir immer vor, was ich als Erstes verfluchen würde, wenn ich das nächste Mal einen Gebirgspass hochjuckele: den schweren Kunstfotoband, den ich unbedingt noch in München kaufen musste? Die elf Liter Wasser, weil ich den Gebirgsbächen unterwegs trotz Filter nicht traue? Oder die drei Paar sexy Sneaker, damit ich beim nächsten Abendessen nicht wieder der Typ mit den hässlichen Outdoorlatschen bin? It’s up to you!
Das ganze Ausmisten hat auch etwas Befreiendes: Wenn Du mit Deinem Rad und Deinen sieben Gegenständen durch eine Shoppingmall schiebst und feststellst, dass Du 90 Prozent von dem ganzen Krempel für Deinen Alltag gar nicht benötigst, ist das ebenfalls eine Form der Befreiung.
Punkt 2: Die eigenen Prioritäten kennen
Für die einen ist es besonders wichtig, nachts warm und flauschig eingepackt zu sein – vor allem an den Füßen. Die anderen schlafen stoisch und stolz auf dem harten Boden ihres Zeltes, um sich die paar zusätzlichen Gramm einer Isomatte zu sparen. Vorlieben können sehr unterschiedlich sein. Und das ist ja auch okay!
Viel wichtiger ist es, die eigenen Vorlieben zu kennen. Gutes Packen rettet daher oft auch die Laune.
Ich möchte zum Beispiel nicht mehr auf mein aufblasbares Kopfkissen, eine Minisitzmatte für den Po auf kalten oder stacheligen Steinen oder meinen Barttrimmer verzichten. Findet Ihr das spießig? Mir wurscht!
Und als Künstler schleppe ich auch gerne mal ein paar zusätzliche Stifte, Zeichenblöcke oder Sprühdosen mit mir herum.
Beim Packen folge ich trotzdem einer strikten „Must-have“- und „Nice-to-have“-Logik. Die Must-haves kommen zuerst. Wenn danach noch ausreichend Platz und Gewicht übrig sind, dürfen auch ein paar Nice-to-haves mit.
Denn was nützt das schöne Aquarellset, wenn man wegen eines fehlenden Reparaturwerkzeugs auf der Strecke liegen bleibt?
Must-haves:
ein gut sortiertes Erste-Hilfe-Set
Ausrüstung zur Wasserversorgung: Wasserblasen, Kanister, Wasserfilter und Wasserflaschen
Essen und Ausrüstung zur Essenszubereitung
verschiedene Zahlungsmittel
ein Schlafsystem, das unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen standhält
Reparaturzeug fürs Rad
In diese Kategorie fallen auch Spezialwerkzeuge. Zum Beispiel dieser eine blöde, schwere Inbusschlüssel, den man 2.000 Kilometer mit sich herumschleppt, nur um dann an einem Flughafen die Pedale abschrauben zu können. Die nervige Alternative: durch halb Istanbul rennen, um genau diesen einen blöden Schlüssel zu finden – alles schon passiert.
Eine komplette Packliste kann ich an dieser Stelle nicht erstellen, weil mir gerade die Zeit dazu fehlt und ich selbst noch mitten im Packen stecke. Sollte Euch das interessieren, hinterlasst aber gerne einen Kommentar. Dann nehme ich das Ganze noch einmal genau auseinander.
Punkt 3: Know your stuff!
Stell Dir vor, Du kommst nachts im Regen an Deinem Zeltplatz an und versuchst, Deine fancy lichtsensitive Petzl-Stirnlampe einzuschalten. Das Ding blinkt wild wie ein UFO, das E.T. per Morsecode Nachrichten in seine Heimat schickt – aber leuchten will es nicht. Weil Du eben nicht gecheckt hast, dass sich die fancy Petzl-Lampe im Lock-Modus befindet, damit sie nicht versehentlich eingeschaltet wird. Dann schmeißt Du panisch Deinen ganzen Kram aus den Radtaschen in den Matsch und versuchst irgendwie, im Dunkeln die Zeltstangen richtig zusammenzustecken, während glitschige Frösche freudig über Deine Klamotten hüpfen. Und jetzt stehst Du dumm im Dunkeln und es regnet.
Wem könnte so etwas wohl passiert sein? :-D
Die Lösung klingt simpel, hilft aber: Teste dat Ding mal, bevor Du damit durch die Pampa gurkst. Und schaffe Ordnung in Deinem Gepäck, sodass Du Deine Ausrüstung notfalls auch blind, kopfüber, Ninja-style und mit zitternden Fingern auseinander- und wieder zusammengebaut bekommst.
Teuer ist nicht gleich Feuer
Wie viele Nerdgespräche ich schon über Outdoorequipment geführt habe, nur um dann draußen vieles davon für mich zu widerlegen! Ganz schlimm sind Outdoorladenverkäufer. Ihr Interesse besteht meiner Meinung nach vor allem darin, Dir das teuerste Equipment aufzuquatschen. Und nein, ich werde die 540 Euro teure Himalaya-Gore-Tex-Jacke wahrscheinlich niemals kaufen, auch wenn sie mir 50 Gramm Gewicht und etwas Packmaß spart. :-D
Mein Eindruck ist außerdem, dass sich die Outdoorbranche immer stärker darauf konzentriert, hoch spezialisierte Ausrüstungsgegenstände zu entwickeln, die genau für ein einziges vorgesehenes Setting funktionieren.
Unterwegs kommen dann ganz andere Qualitäten zum Vorschein: Tut das Ding wirklich, was es verspricht? Hält es einer langfristigen Beanspruchung stand?
Eine gute Freundin hat zum Beispiel nicht schlecht gestaunt, als ihr neues 700-Euro-Zelt beim ersten Aufbau in Chile plötzlich den Geist aufgab und eine Öse für die Zeltstange riss. Reparieren lässt sich bei solchen ultraleichten Gegenständen oft nur wenig. Auch ich musste unterwegs schon feststellen, dass sich silikonisierte Zeltwände nur mit speziellen Patches reparieren lassen – und nicht etwa mit Gaffaband.
Dagegen bin ich schon drei Wochen lang mit einem 70-Euro-Zelt von Decathlon durch die türkische Wildnis gewandert – danke an Johannes – und habe nicht schlecht über das geringe Packmaß dieses Schnappers gestaunt.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Je besser Du Deine Ausrüstungsgegenstände miteinander kombinierst, desto weniger davon brauchst Du, weil sich viele Dinge zweckentfremden lassen. Schlauchschals sind ohnehin die Origamis der Bekleidung.
Ja, auch ich bin auf die Werbung hereingefallen und habe mir einen 40 Euro teuren Titan-Kackspaten gekauft, den man gleichzeitig als Zelthering verwenden kann. Werde ich ihn jemals gebrauchen? Who knows!?
Ode an die Tüte
Meinen Ordnungsfimmel lebe ich ganz besonders im Outdoorbereich exzessiv aus: Alles wird bei mir in Drybags sortiert, die möglichst unterschiedliche Farben haben, damit ich die gebrauchte Wäsche sofort von den frischen Schlüppis unterscheiden kann.
Ein großer Vorteil von Drybags gegenüber normalen Tüten: Man kann die Dinger richtig schön komprimieren. Kleidung möglichst rollen und stopfen. Und sollte es doch einmal in die Radtasche regnen, freut sich der erschöpfte Radler auch über ein trockenes Wechselshirt.
Also: Tüten sind toll! Kauft mehr Plastiktüten!
Punkt 4: Mehr Redundanz, Ihr Punks!
Dass Dinge unterwegs kaputtgehen oder gestohlen werden, wünscht man natürlich niemandem. Sollte es dennoch passieren, wäre es schade, wenn Euch das komplett lahmlegt.
Wenn zum Beispiel die eine one and only 550 Euro teure hightech Himalaya-Gore-Tex-Jacke am zweiten Tag Eurer Tour von einem fiesen Mr. Kaktus zerstochen wird, sieht es schnell finster aus.
Ich plane daher immer Back-up-Lösungen ein – und zwar bei möglichst allem: angefangen bei den Schuhen bis hin zu Kommunikations- und Zahlungsmitteln.
Deshalb renne auch ich jetzt doch in sexy Outdoorsandalen herum (obwohl es meinem modischen Schuhgeschmack auf's tiefste widerspricht!) weil ich mit ihnen notfalls auf meinen Wendepedalen durch die kasachische Steppe radeln kann.
Back-up bedeutet auch, zu wissen, wo sich im Notfall Ersatz oder Nachschub besorgen lässt. Deshalb bin ich ein großer Fan von Decathlon und kenne das Sortiment ziemlich gut – schließlich gibt es sogar in Almaty eine Filiale dieser Outdoorkette.
Punkt 5: Wer Schickes schickt, handelt geschickt
Brauche ich jetzt wirklich die fetten Winterschuhe? Oder zwei jeweils 500 Gramm schwere Ersatzreifen und die 400 Gramm schwere Ersatzkette? Eher einen Fleecepullover oder doch lieber zwei? Und wie viele Unterhosen braucht der halbwegs zivilisierte Langzeitreisende, um von seinen Artgenossen noch als Homo sapiens erkannt zu werden?
Finde es heraus und nutze die wunderbare menschliche Errungenschaft des Postwegs!
Das betrifft auch die oben erwähnte, wunderbar nutzlose Espressokanne, die ich spätestens bei Kilometer 100 hätte zurückschicken sollen.
Mit dem Schickenlassen wird es allerdings etwas komplizierter. Am besten wäre eine feste Adresse bei einem Freund oder einer Freundin im jeweiligen Land, an die sich Pakete zuverlässig und frühzeitig senden lassen. Ich habe gehört, dass es auch diverse Postboxen oder Hotels gibt, die Sendungen für Reisende aufbewahren.
Wie gut das funktioniert, muss ich ehrlich gesagt selbst noch testen. Aber ein großes Dankeschön an dieser Stelle schon einmal an Anja, die für diese Tour mein Postengel seind wird. :-)
Back to Reality
Nun stehe ich hier inmitten all meiner Ausrüstungsgegenstände und teueren Merinoklamotten. Obwohl ich all diese klugen Regeln beherzigt habe und meine Klamotten, Werkzeuge und Extras in vier eher leichten Radtaschen verstaut sind, sagt mein Gehirn trotzdem immer wieder: Wow, ist das wenig.
Und gleich hinterher kommt die Unsicherheit.
Auch bei mir bleiben am Ende viele Fragezeichen: Habe ich wirklich an alles gedacht? Oder habe ich etwas Wichtiges übersehen?
Das Blöde an solchen Reisen ist, dass man es meistens erst herausfindet, wenn man bereits unterwegs ist.
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