Noch sieben Tage bis zum Abheben

 


Ein wiederkehrender Traum

Als Teenager kam mir öfters ein wiederkehrender Traum. Ich rannte voller Entschlossenheit auf eine Klippe zu und sprang – ohne einen Moment zu zögern – in die Tiefe hinab. Dabei war mir lange nicht klar, ob ich stürzte oder segelte, fiel oder flog.

In diesem Traum hatte ich niemals Angst vor dem Aufschlag. Um mich herum wurde es immer dunkler, denn offensichtlich führte mich mein Weg in eine tiefe Schlucht hinab. Ich schloss meine Augen und genoss das Gefühl der Schwerelosigkeit. Das Adrenalin, die berauschende Geschwindigkeit, das Flattern meiner Kleidung. In diesem Moment fühlte ich mich so lebendig wie zu Wachzeiten nicht – vor allem spürte ich keine Angst, nur noch Entschlossenheit. Mein Leben verdichtete sich auf diesen einen Moment. Das war in diesem Traum unheimlich befreiend.

 

In meinem bisherigen Leben tauchten die Momente dieser Klippe immer wieder auf. Damit meine ich keine Momente akuter Lebensgefahr, sondern Momente von abrupten Veränderungen, deren Ausgang zunächst ungewiss war. Ich würde behaupten, dass ich aktuell wieder vor so einem Punkt stehe.

Nur bin ich in der Realität leider dann doch etwas ängstlicher. Nicht einmal eine ganze Woche liegt noch vor mir, bevor ich mich auf meine lange Radreise in Richtung Osten aufmache, die ungefähr ein Jahr dauern wird. Das ist zumindest mein Plan.

Was mich aktuell am meisten beschäftigt, sind weder Gedanken an Geld, mögliche Visaschwierigkeiten bei der Reise in die vielen mir völlig fremden Länder oder offene Fragen des Gepäcks oder meiner möglichen Reiseroute. Vielmehr ist es dieses seltsam vertraute Gefühl, dass der Boden unter mir schwankt.

Der Boden unter mir schwankt

All die strukturelle Sicherheit, die ich mir in den letzten fünf Jahren mühselig und kleinschrittig aufgebaut habe, löst sich Schritt für Schritt auf: Meine Wohnung vermiete ich unter, genauso wie mein Atelier. Meine Beschäftigungsverhältnisse habe ich bis auf Weiteres ausgesetzt. Wenn ich aktuell Freunden und meiner Familie begegne, dann tue ich das auch mit der Gewissheit, dass sich während meiner Abwesenheit in einem Jahr sicherlich Dinge ereignen, an denen ich nicht teilnehmen kann – und an denen sie nicht teilnehmen werden können.

In solchen Momenten liege ich dann schlaflos in meinem Bett und die Welt dreht sich unter und über mir in chaotischen Bahnen. Für kurze Momente verliere ich meine Orientierung. Dann schaue ich auf und vor mir hängt – direkt gegenüber an meiner Wand wie ein Damoklesschwert – mein nicht ganz günstiges Reiserad. Das gibt mir ein bisschen die Orientierung zurück. Fahrradfahren war für mich schon immer eine Tätigkeit der Selbstermächtigung und der Bewegung durch chaotische Zeiten hindurch. Es ist aus Stahl gefertigt – einem brutalen Material, das ich gerade vor wenigen Tagen selbst in Form von Gerüststangen bei gefühlt 36 Grad tragen durfte. Es ist garstig, schwer, unnachgiebig, aber auch verlässlich.

Während des Aufbaus meiner Ausstellung ist mir eine dieser schweren Stangen fast auf den Fuß (und den Kopf) gefallen. Ich habe das harsche Klingen, den Geruch des Rosts an meinen Fingern noch deutlich vor Augen. Stahl ist für mich eine Hassliebe – aber zu diesem Thema werde ich sicherlich noch einmal einen anderen Beitrag schreiben.

 

Möglichst viel gleiten und wenig stürzen

Zurück zu meinem Traum. Während ich diesen Beitrag hier schreibe, höre ich einen Mix von 2013er-Tracks, die ich in dieser Zeit gehört habe (Spotify Link). Es war ebenfalls eine Zeit von gewaltigen Umbrüchen für mich: Ich kam aus Istanbul zurück. Meine damalige Freundin würde wenig später an Krebs erkranken und sterben und mein Studienabschluss wirkte auf mich wie ein riesiges Fragezeichen.

Es sind ehrlich gesagt genau die gleichen Gefühle, die ich in diesem Moment spüre.

Und vielleicht ist es gar kein Zufall, dass meine Reise (wenn alles gut geht) sowohl über Istanbul als auch nach Südkorea führen wird, wo ich hoffe, die Mutter meiner verstorbenen Partnerin zu treffen und ihr Grab zu besuchen.

Nach drei Jahren Psychotherapie weiß ich inzwischen, dass die Klippe und die Dunkelheit keine Todessehnsucht darstellen und auch keine Angst vor dem Sterben verkörpern. Für Menschen wie mich, die viele Jahre mit Depressionen kämpfen, stellen Gedanken an den Tod eher einen Notausgang dar – der Tod ist für mich ein alter Gefährte und ein Besuch bei ihm kommt einer Erlösung gleich. Hoffentlich werde ich diesen Notausgang nie nutzen. Nein, Angst vor dem Tod habe ich aktuell überhaupt nicht.

Vielmehr verkörpern die Klippe und die Dunkelheit den Kontakt mit meinem Unterbewussten und auch die Angst vor der Begegnung mit all den Schatten und Kreaturen meiner Vergangenheit, die sich meiner Wahrnehmung entziehen.

Diese Reise wird also auch eine Reise ins Innere, in der sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kreuzen.

Ich hoffe, dass mein Rad auf dieser Reise so etwas wie ein Paraglider sein wird, sodass ich möglichst viel gleite und möglichst wenig stürze.

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