Tag 10 / Kraków - Polnisches Karussell

Pausentage sind für mich mindestens genauso wertvoll wie Reisetage. Denn oft ist mein Körper schneller als mein Kopf: Bei mindestens hundert Kilometern täglich bin ich innerhalb Europas schnell in einem anderen Land – das auch innerlich zu begreifen, dauert bei mir seine Zeit.

Natürlich braucht auch mein Körper eine Gelegenheit, um sich zu regenerieren. Dabei wirken Pausentage wie ein innerer Resetknopf. Egal, wie anstrengend die vorhergehende Etappe auch gewesen sein mag – mit etwas Ruhe, Abstand und gesundem Essen bin ich wieder bereit für die kommende Herausforderung und kann das Geschehene besser einordnen.


Zwei kleine Aufgaben

Nicht zuletzt sind Pausentage eine gute Gelegenheit, das eigene Equipment einmal gründlich zu überprüfen. Durch meine bisher wilden, oft schlammigen und staubigen Abfahrts- und Rüttelpisten mitten über Felder und durchs Gebüsch geht schließlich ab und zu auch mal etwas kaputt.

So stehen Laura und ich in der Küche ihres modernen, weißen Apartments, in dem ich es angesichts der Fülle an Lichtschaltern immer noch nicht hinbekomme, die richtige Deckenlampe anzuschalten. Sie hilft mir gerade dabei, ein paar Löcher in meinen Merinoshirts zu stopfen, die wohl etwas zu viel mit dornigem Gebüsch geschmust hatten. Dabei ergibt es sich ganz nebenbei, über dies und das zu quatschen.

„In Albanien habe ich angefangen, Jura zu studieren. Doch bereits nach einem Jahr merkte ich, dass der Prof meistens viel zu spät kam oder sich überhaupt nicht vorbereitet hatte. Dazu war er meist in eine Wolke Chanel eingenebelt und kam mit einem AMG vorgefahren. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich reiche Familien oder regierungsnahe Leute in albanische Unis einkaufen – und guter Unterricht damit fast schon zur Nebensache wird. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich hier nicht viel lernen kann, und ich brach ab – ohne großen Plan, was danach kommen würde.“

Carson, der sich gerade von seinem immer noch ziemlich heftigen Jetlag erholte, watschelte etwas verschlafen zu uns herüber und stieg in die Unterhaltung ein:

„Mir geht’s ein bisschen ähnlich wie Laura: Ich habe täglich zehn Stunden an meinem Laptop für meinen Job geschuftet, und irgendwann konnte ich das nicht mehr. Jetzt, mit 48, würde ich gern noch mal einen PhD in Internationalen Beziehungen anfangen. Das Programm startet in Korea in den nächsten zwei Monaten. Die Studiengebühren sind dort nicht so hoch, dafür ist die Bildungsqualität echt gut. Nur das mit der koreanischen Sprache … wird wohl noch etwas dauern. Das Alphabet habe ich schon etwas Begriffen. Aber diese Aussprache! So wie es aussieht, werden wir wohl so schnell noch nicht zur Ruhe kommen.“


Zwei kleine Aufgaben

Ich schaute in mein Notizbuch und blickte auf zwei kleine Aufgaben, die ich mir gestellt hatte – sozusagen als Test, wie gut ich in einer fremden Umgebung zurechtkommen würde:

  1. Ich wollte ein kleines Loch in der Regenhülle meines Zeltes reparieren.
  2. Ein Gurt meiner Radtasche sollte nachgekauft werden, den ich in der Hektik des Umzugsgetümmels in Deutschland vergessen hatte.

Eigentlich zwei kleine Aufgaben – dachte ich zumindest zu diesem Zeitpunkt.


Polnisches Karussell

Zunächst müsst Ihr wissen, dass Polen allgemein nicht unbedingt zu den Frühaufstehern gehören. Viele Läden öffnen erst um 11 Uhr. Für mich kein Problem, da der Morgen ebenfalls nicht unbedingt meine Stärke ist. Als ich jedoch um 11:30 Uhr vor dem ersten Outdoorladen stand und dieser seine Öffnungszeiten zwischenzeitlich wohl auf 12 Uhr mittags hochkorrigiert hatte, wurde ich etwas stutzig.

Also schlenderte ich zu Outdoorladen Nummer zwei, der sich mitten im Stadtzentrum von Kraków befand. Dabei genoss ich es, einfach mal wieder ziellos und ohne Hektik durch die Gegend zu flanieren und die Menschen zu beobachten.

An diesem sonnigen, fast schon vorherbstlich warmen Tag (ein normaler Sommer in Polen, halt) fiel das Licht durch die sich sanft wiegenden Bäume der Fußgängerallee. Die pastellfarbenen historistischen Fassaden, die mich in gewisser Weise an Wien erinnerten, wurden vom emsigen Treiben der Passant*innen umspielt.

Ich schaute in die Gesichter der Geschäftsleute und erkannte darin eine stille, ausdauernde Verbissenheit. Mein erster Eindruck widersprach dem von Carson, der viele Polen als lethargisch beschrieben hatte. Auf mich wirkten sie eher wie Menschen, die mit Ausdauer, aber oft freudlos um ihren Platz in einer westlich-kapitalistischen Gesellschaft kämpfen. Sie liefen häufig schnellen Schrittes und mit geducktem Kopf und angespannten Ellebogen kampfbereit durch die Straßen und unterschieden sich damit deutlich von den unzähligen Tourist*innen, die laut, raumgreifend und fast schon gebieterisch durch die Innenstadt drängten. Irgendwie konnte ich in diesem Moment auch ein Stück weit nachvollziehen, warum darunter die Gastfreundschaft ab einem gewissen Punkt leiden kann.

Daneben gab es viele Kioskbesitzer, die auch die mir aus Istanbul vertrauten Sesamkringel – Simits, die in Polen bestimmt anders heißen – für weniger als einen Euro verkauften. Einen von ihnen grüßte ich offen mit einem Lächeln. Er lächelte zurück und plauderte dabei nebenbei herzlich mit einer Polin, die – wie so oft – stilvoll gekleidet und offensiv parfümiert war.

Dabei fragte ich mich plötzlich, wann ich selbst das letzte Mal so unbeschwert gelächelt hatte.


Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal losgelassen?

Als Freiberufler würde ich mich in Deutschland ebenfalls als verbissenen Einzelkämpfer bezeichnen, der selbst im Urlaub nicht richtig loslassen kann. Auch jetzt noch – auf meiner Radreise – verfolgen mich Mahnungs-E-Mails einer Druckerei, weil einer meiner Kunden mal wieder vergessen hat, eine offene Rechnung für einen Druckauftrag zu begleichen. Auch das Beratungsgespräch mit einem Steuerberater steht weiterhin aus – der bis Anfang September noch im Urlaub ist. Abzuschalten ist unter diesem Umständen wirklich nicht leicht.

Wann also hatte ich das letzte Mal so richtig loslassen können?

Dieser Gedanke stimmte mich nachdenklich und auch etwas traurig.

Beim Herumflanieren in einem anderen Land und einer fremden Stadt hingegen erwachte meine Neugier wie von selbst: kleine Details längst verblasster Graffitis an Häuserwänden. Nonnen, die aussahen, als wären sie aus dem 18. Jahrhundert in die Gegenwart gebeamt worden. Kreative Fensterdekorationen aus Neonstäben und schönen Pflanzen. Dazwischen immer wieder dandyhafte Polen, die mit weißen Rüschenhemden, khakifarbenen Westen und spitzen, blank polierten Lederschuhen innerlich bestimmt einem avantgardistischen Gedicht nachgingen.

Meine Schritte wurden leichter, fast federnd.

Und dann endlich kam Outdoorladen Nummer zwei.

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Outdoorladen Nummer zwei

„Oh, also einen Zeltservice haben wir hier nicht. Keine Ahnung, was man da machen kann. Ich ruf mal einen Kollegen an.“

Ein paar Minuten später kam die nüchterne Erkenntnis:

„Tut mir leid, er hat auch keine Ahnung, wo man hier ein Zelt reparieren kann.“

Also weiter zu Outdoorladen Nummer drei.

Ich nahm den Spaziergang gelassen und bekam zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Lust, meine Umgebung mit Aquarellfarben zu zeichnen. Dabei waren es nicht einmal spektakuläre Motive, die mich interessierten: rostige Regenrinnen und bröckelnde Fassaden. Lichteinfall, der mit seinen Mustern eine augenblickliche, vergängliche Stimmung zeichnete. Raum, Architekur, Menschen. Keine Handlung, keine aufgeladene Bedeutung. Luftigkeit und Einfachheit. Danach sehnte ich mich am meisten.


Outdoorladen Nummer drei

Angekommen im Outdoor Laden Nummer Drei – er hatte sich übrigens vor allem auf alpine Wanderungen spezialisiert – gab es die nächste Enttäuschung. Der Verkäufer verkündete mir kopfschüttelnd:

„Sorry, wir haben hier nur Gore-Tex-Flicken. Die funktionieren auch wirklich nur für Gore-Tex-Textilien, da diese atmungsaktiv sein müssen. Bei Deinem Zelt wird das nichts bringen.“

Und weiter ging’s zu Outdoorladen Nummer vier, der laut Website sogar exakt meine Sorte von Zelt verkaufte.

Dort traf ich auf die erste Person, die mir eine realistische Einschätzung der Situation geben konnte. Der Verkäufer saß gelangweilt an seinem Monitor, während ein nicht abreißender Strom von Tourist*innen an der Fensterfront des kleinen Ladens vorbeizog.

„MSR hat den besten After-Care-Service. Ich suche Dir mal die Adresse raus.“

Als er den Bildschirm umdrehte, kam allerdings schnell die Ernüchterung.

„Die Adresse liegt in Warschau – ich fahre morgen Richtung Slowakei weiter. Wie soll das denn bitte funktionieren?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Der normale Weg wäre, dass Du das Zelt einschickst und es innerhalb von zwei bis drei Wochen wieder postalisch zu Dir zurückkommt. Aber Du kannst übergangsweise auch ein paar Patches kaufen!“

Ich las den Schriftzug, der in fetten Leuchtbuchstaben über teuren North-Face- und Osprey-Rucksäcken prangte:

„Bei uns bist Du genau richtig – hier beginnt Dein Abenteuer!“

Es handelte sich natürlich um Spezialflicken. Vier kleine Stück für gut 15 Euro. Am besten zu benutzen mit einem Spezialkleber, der weitere 10 Euro kostete und wieder nur für eine bestimmte Sorte von Equipment funktionierte.

Inzwischen hatte ich langsam die Schnauze voll, aber selbst keine einfache Lösung im Kopf. Das Problem: Moderne, leichte Zeltwände bestehen häufig aus silikonbeschichtetem Gewebe. Darauf halten viele herkömmliche Reparaturkleber und selbstklebende Flicken schlecht. nicht einmal Gaffaband oder Sekundenkleber. Für eine dauerhafte Reparatur braucht es deshalb einen geeigneten Silikonkleber beziehungsweise Seam Sealer – oder einen Flicken, der für diese Oberfläche geeignet ist.


Outdoorladen Nummer fünf

Also weiter zu Outdoorladen Nummer fünf: Decathlon.

Die große Halle der Outdoorkette lag weit außerhalb des Zentrums, also musste ich eine Weile an der Weichsel entlangradeln, was ich an diesem sonnigen Tag als Spazierfahrt betrachtete.

Nur fahren polnische Radfahrer im Gegensatz zu den Autofahrern ziemlich rabiat. Besonders Fußgänger*innen gegenüber verhalten sich manche erstaunlich aggressiv. Dass ich beim Überholen klingelte, ließ mich fast schon wie einen radfahrenden Gentleman erscheinen.

Bei Decathlon angekommen, glänzte der heftig durchtrainierte, aber ebenso heftig verpickelte Verkäufer nicht unbedingt mit Kompetenz. Er führte mich zur Reparaturabteilung, in der viele Verpackungen bereits geöffnet waren.

Ich wies ihn auf die Beschreibung auf einer der Packungen hin:

„Darauf steht doch, dass es für Luftmatratzen bestimmt ist.“

Grinsend antwortete er, wobei eine silbern glänzende Zahnspange in seinem Mund funkelte:

„Luftmatratzen, Klamotten, Zelte – am Ende ist das doch alles das Gleiche!“

Der deutsche Pedant in mir musste sich sehr zurückhalten, diesen Verkäufer nicht von links und rechts zusammenzubelehren.

Ich kaufte mir ein Cap – sozusagen als Trostpflaster – und fuhr unverrichteter Dinge zum Radladen.

Wenigstens eine Sache musste doch hier irgendwie zu lösen sein!


Ein Gurt. Nur ein einziger Gurt.

Im Radladen angekommen, der mit hochpreisigen Gravelbikes der Marken Cannondale, Canyon und Co. Ab 1.600 Euro aufwärts den Radhipster in mir zum Frohlocken brachte, machte ich mir zunächst große Hoffnungen. Immerhin ging es nur um einen läppischen Gurt der deutschen, aber international recht weit verbreiteten Marke Ortlieb. Außerdem wollte ich auch für Carson etwas nach geeigneten Rädern schauen.

„Keine Ahnung“, antwortete der Verkäufer lustlos. „Ich glaub, die hatten wir mal. Aber woher soll ich das denn wissen? Ist schon eine ganze Weile her.“

Meine Geduld war aufgebraucht.

Entnervt schrieb ich Carson:

„Sorry, Dude. Die Leute hier sind so derbe unfreundlich und verpeilt. Ich hab keinen Bock mehr, mich mit dieser Inkompetenz hier rumzuschlagen. Das mit dem Rad müssen wir irgendwann anders mal machen.“

Er antwortete ironisch:

„Komm, jetzt sag nicht, dass Dich das überrascht hat. Du bist hier schließlich in Polen! :-D“

Als ich schon im Begriff war, das garstige Radmekka zu verlassen, schmiss der Verkäufer läppisch eine Verpackung auf seinen Verkaufstisch, die so vergilbt und verstaubt aussah, als hätte er sie höchstpersönlich zehn Jahre zuvor aus der Weichsel gefischt.

„Hier, schau mal – das hier könnte es sein.“

Mit einem einzigen verächtlichen Blick musterte ich die Verpackung.

Einsilbig und schlecht gelaunt antwortete ich:

„Falsches Modell, schlechte Qualität. Nicht zu gebrauchen.“

Fast schon so mies gelaunt wie ein Pole.


Outdoorladen Nummer sechs

Mein letzter Gang zu Outdoorladen Nummer sechs war dementsprechend nicht unbedingt von Zuversicht geprägt.

Er sollte noch bis 17 Uhr geöffnet sein.

Als ich um 16:45 Uhr vor der Tür stand, war er natürlich bereits geschlossen.

Ich seufzte genervt – und zog aus meinem Reparaturkit einen neuen, passenden Reserveflicken.

Denn der Deutsche, der ich nun einmal bin, hatte sich natürlich bereits vor der Tour einen entsprechenden Ersatzflicken gekauft.

Man kann ja nie wissen.










 


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