Tag 11 / Die Attacke der Minihunde
Gerade radel ich durch die Slowakei, deren "Niedere Tatra" mich ein bisschen an das osteuropäische Tirol erinnert – oder auch an die Volvic-Werbung, in der sich ein grüner Hügel an den nächsten reiht. Das einzige größere Problem für Radfahrer sind die Straßen, die gefühlt entweder aus Bundesstraßen, Schotterpisten oder Nebenstraßen bestehen, die mehr Löcher als Asphalt haben.
Bereits gestern habe ich mich den ersten bissigen Hügel zur polnisch-slowakischen Grenze hochgekämpft – im Dunkeln, weil ich keine Lust darauf hatte, am Morgen von einem harten Anstieg begrüßt zu werden. Dabei leuchteten mir zahlreiche Jesus-Schreine den Weg durch den dichten, dunklen Tannenwald.
Was wohl die Anwohner dachten, als mitten in der Nacht ein keuchendes, flackerndes Licht an ihren gut gepflegten Holzhäusern vorbeituckerte?
Was die Anstiege hier im Wesentlichen von Tschechien unterscheidet, ist, dass Radfahrer bei der Streckenführung offenbar keine große Rolle spielen. Alles, was mit einem Jeep mit Vierradantrieb zu bewältigen ist – geht. Ich würde die Berge hier deshalb ein bisschen mit meiner japanischen Säge vergleichen: Eine fiese Zacke jagt die nächste.
Schon als ich die slowakische Grenze überquerte und mich ein Opa auf seinem Quad überholte, wurde ich stutzig. Als er dann auch noch eine kleine Flasche Klares kaufte, wusste ich: Jetzt bin ich wohl langsam wirklich in Osteuropa angekommen. Fahrräder sieht man hier kaum. Dafür überholten mich ein Vater und sein Sohn auf Dirtbikes gleich zweimal und ließen mich jedes Mal in einer großen Staubwolke zurück.
Das alles verdirbt mir nicht den Spaß – aber konzentrieren muss ich mich schon, damit ich nicht in einem der heftigen Schlaglöcher verschwinde.
Zwei Tage können weit weg sein
Das Sonderbare an einer Radreise ist, dass alles, was hinter einem liegt – und seien es nur wenige Tage – sehr schnell an innerer Entfernung gewinnt. Denn Du bist ständig dazu gezwungen, Dich voll und ganz auf den Moment zu konzentrieren.
Dabei ist es erst zwei Tage her, dass Carson, Laura, Sisi und ich auf der gemütlichen grauen Ausziehcouch lagen und spätabends gemeinsam eine Folge „Reacher“ auf Amazon Prime schauten.
Das ist die Art von Serie, bei der das Gehirn mit jeder Minute ein paar seiner grauen Zellen verliert. Dialoge, so hölzern geschrieben, als hätten sich ein paar Fünfzehnjährige nach der Schule verschwörerisch in einer schwitzigen Teenagerhöhle zusammengesetzt. Dazu Romanzen mit dem Feingefühl für Zwischentöne eines Pornos.
„Hier, trink noch einen Schluck Bier – dann wird’s erträglicher“, scherzte Carson. "Komm, gib doch zu, dass Dir das hier gefällt. Das hier ist wie Yoga für den Kopf – nur dümmer!"
Ich schaute in die großen dunklen Augen von Sisi, die mich inzwischen nicht mehr ganz so verachtend anzusehen schien – insoweit das bei Chihuahuas überhaupt möglich ist. Und dann kam mir plötzlich die Geschichte in den Sinn, wie wir uns eigentlich kennengelernt hatten, als wäre es erst gestern gewesen.
Türkei, irgendwann im Oktober 2023
Ich wanderte allein die zweite Hälfte des Lykischen Wegs und hatte nicht unbedingt den besten Start. Gleich am ersten Tag der Wanderung knutschte meine neu gekaufte 110-Euro-Exped-Ultralight-Isomatte eine Distel. Ich schlief also fortan häufiger auf dem harten türkischen Boden, der viele scharfkantige Steine hatte – sagte mir zumindest mein Rücken.
Dann weckte ich im letzten Dorf vor lauter Pech einen schlafenden großen Hund, der mich über zwei Kilometer lang unerbittlich verfolgte und anbellte. Er war so aggressiv, dass er trotz gekreuzter Wanderstöcke vor mir und schreiender Türken neben mir nicht aufhörte, nach mir zu schnappen.
Ich stolperte also gewissermaßen über Stock und Stein über den Lykischen Weg, der für sich genommen schon keine einfache Wanderroute ist. Vor allem, weil er stellenweise schlecht gepflegt ist, viele der Wandermarkierungen zwischen den zerklüfteten Steinfeldern nur schwer zu erkennen sind und die mediterrane Vegetation, die scheinbar überall Stacheln hat, den Wanderweg teilweise so überwuchert, dass man sich zwangsläufig wie Indiana Jones fühlt. Oder Lara Croft.
Von den versteckten Giftschlangen und Skorpionen habe ich dabei noch nicht einmal gesprochen...
Um mich von dem stressigen Wandertag zu erholen, setzte ich mich entnervt auf einen großen Kalkstein. Dort entdeckte ich zwei Reisende, die schnellen Schrittes, aber scheinbar ebenfalls am Ende ihrer Kräfte durch das stachelige Unterholz stapften und dabei fortwährend auf Englisch fluchten.
„Das gibt’s doch alles nicht! Ich bin schon so viele Trails auf der Welt gewandert, aber dieser Weg hier ist echt das Letzte. Nicht einmal meine Karten, die ich mir vorher besorgt habe, sind halbwegs aktuell. Laura, es tut mir leid, dass ich Dich hierher mitgeschleppt habe.“
Das war Carson, der mir später erzählte, dass die beiden sich erst wenige Wochen vor dem Erlaufen dieses Trails kennengelernt hatten.
Laura sagte stolz: „Und das war meine erste mehrtägige Wanderroute! Ich hatte mir meine gesamte Ausrüstung vorher für wenig Geld im Second-Hand-Laden gekauft. Vielleicht für 45 Euro oder so?“
Jedenfalls beschlossen wir ziemlich schnell, uns zu dritt durch das türkische Stachelgebüsch zu schlagen. Die Kratzer an Beinen und Unterarmen juckten und zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr. Ich schlug Plan „N“ vor: sich im nächsten Ort so schnell wie möglich eine Notunterkunft zu suchen.
Die Hundegang
Das erwies sich jedoch als schwieriger als gedacht. Kaum lichtete sich das Gestrüpp, wartete schon die nächste Horde großer Hunde auf uns.
Bis dahin hatten wir wohl alle gelernt, dass man bei Hunden vor allem Entschlossenheit zeigen und bestimmt in eine Richtung weitergehen musste. Sie wittern jede Äußerung von Angst und nehmen diese offenbar gern zum Anlass, ihre bösen Späße mit einem zu treiben.
Dabei hatte ich während der Wanderung eine gewisse „Gangdynamik“ beobachtet. Die großen Hunde waren oft friedlich und warteten geduldig ab, wie sich die Situation entwickelte. Die kleinen Knöchelbeißer hingegen kläfften und provozierten gern. Wie Menschen mit Egoproblemen mussten sie sich scheinbar vor ihrer Hundemeute beweisen. Schafften sie es, Dich einzuschüchtern, stiegen irgendwann auch die größeren Hunde mit ein, sodass Du bald eine ganze Gefolgschaft von Straßenhunden am Arsch hattest.
So liefen wir also wie im Wilden Westen die Serpentinen hinunter, immer mit einem Auge auf die Hundesituation gerichtet – um im Zweifelsfall schnell einen Stein oder Stock zur Verteidigung greifen zu können.
Dann wartete jedoch die nächste böse Überraschung auf uns: Die lang ersehnte Pension war geschlossen.
Carson und ich fluchten laut. Wir hatten inzwischen einen Grad der Erschöpfung erreicht, der uns weiteres Suchen fast unmöglich machte.
Ich schlug vor, den Garten der Ferienanlage zu untersuchen, um zu schauen, ob wir dort vielleicht unsere Zelte aufstellen könnten. Auch der immer noch gefüllte, verlassene Pool wirkte verlockend. Wie eine kleine Festung errichteten wir unsere Zelte nebeneinander und teilten unseren Proviant.
So freundeten wir uns langsam an.
Attacke der Minihunde
Kaum wollten wir uns schlafen legen, hörte ich plötzlich mehrstimmiges Kläffen aus unmittelbarer Nähe.
Mit einem Stock bewaffnet stieg ich aus dem Zelt – und auch Carson war angriffsbereit. Unsere beiden Stirnlampen leuchteten rot wie die Augen des Terminators.
Was wir dann erblickten, hätte Hundefreunden vermutlich das Herz erweicht:
Da standen drei oder vier Minihunde, die ganz im Sinne ihrer Herrchen – oder Frauchen – das Ferienanwesen verteidigten. Nur trauten sie sich nicht so recht an uns bärtige, schwitzende, rot leuchtende Gestalten heran. Was sie jedoch keineswegs vom Kläffen abhielt.
Sowohl Carson als auch ich waren zu diesem Zeitpunkt jenseits von müde und genervt. Also beschlossen wir, die Hündchen Hündchen sein zu lassen.
Leider stellte sich heraus, dass die Biester einiges an Ausdauer hatten.
Sie kläfften und kläfften und raubten uns damit jeglichen Schlaf – und natürlich auch den letzten Nerv.
Als wir noch vor Sonnenaufgang aufstanden und all unsere Habseligkeiten zusammenpackten, war an ein ruhiges Frühstück nicht zu denken. Was ihnen an Körpergröße fehlte, glichen sie mit Beharrlichkeit aus.
„Los, lass uns in die nächste Ortschaft verschwinden“, schlug Carson vor.
Ich nickte ohne zu zögern.
Übermüdet und gestresst zogen wir also in Richtung Tal, zum nächstgrößeren Ort. Doch auch weiterhin folgten uns Hundekolonnen. Kleine und große. Schwarze und braunde. Ein wahres Bellkonzert – eine Bellonade – oder so.
Inzwischen hatten wir eine Art Hundebastion gebildet: Ich ging mit meinen Wanderstöcken im Anschlag vorneweg, Laura sicherte mit einem wurfbereiten Stein unseren Rücken und Carson war ebenfalls mit einem Stock bewaffnet und sicherte die Seiten.
Der Morgen der Hundekrieger
Erschöpft suchten wir uns schließlich eine Unterkunft. Ich setzte das Hotelbad unter Wasser, um endlich das kleine fiese Loch in meiner überteuerten Hightech-Matratze zu finden – erfolglos. Dann schlief ich wie ein Stein und träumte von bellenden, sich endlos drehenden Hundeköpfen – im All.
Am Abend trafen wir uns in einer Bar auf ein eisgekühltes Bier und prahlten über unsere just glimpflich überstandene Hundeepisode, die fortan als „Attacke der Minihunde“ in unser Gedächtnis eingehen sollte.
Da ich immer noch aufgedreht, übermüdet und glücklich über die neue Bekanntschaft war, bemerkte ich gar nicht, wie ich wild gestikulierend ein Bierglas samt Inhalt Jackie-Chan-Style zerteilte.
Ich schaute auf meine Hand, an der Biertropfen herunterplätscherten und einige Glassplitter klebten.
„Hundekrieger kennen wohl keinen Schmerz, was!?“, lachte Carson.
Von da an waren wir Freunde.


















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