Tag 12 / Slowakei / Von Pferden und Reitern


Ich sitze hier gerade auf einer Holzbank des „Lazy Camps“, irgendwo in der Slowakei. Um mich herum zirpen die Grillen, die Bäume rauschen sanft im Nachtwind und der Vollmond scheint hell auf mich herab.

Nur als Silhouetten sehe ich drei Katzen um mich herumschleichen. Die eine – weiß – sitzt auf der Bank neben mir, weil sie dort die beste Aussicht auf ihre Beute hat. Die anderen beiden – schwarz – huschen wie scheue Schatten durch das Gebüsch. Ich kann sie nur anhand ihrer rot reflektierenden Augen erkennen, die das Licht meiner Stirnlampe zurückwerfen.

Mit meinem großen, scharfen Opinel schneide ich ein paar Wurstscheiben ab und halte kurz inne: Nein, Katzen, so gern ich Euch auch habe – heute kriegt ihr nichts! Ich habe mir heute alles bis auf die letzte Wurstscheibe selbst verdient.

Während ich auf mein blubberndes und vor allem warmes Abendessen warte, schaue ich mir noch einmal die Statistik meines Radcomputers an: 115 Kilometer, davon 1.800 Höhenmeter. Höchstgeschwindigkeit: gut 65 km/h.

Wollte ich nicht einen Gang runterschalten?

Doch bei den Bergen hier reicht nicht einmal der niedrigste Gang aus, um meinen Draht… ich meine Stahlesel, das üppige Gepäck und mich den Berg hinaufzubefördern.

Wie immer begann alles mit dem Wunsch nach einer warmen Dusche.



Die Talfalle

Gestern noch staunte ich nicht schlecht, als irgendwann entlang eines Flusses tatsächlich gut ausgebaute Radwege auftauchten. Die Slowaken, die in gewohnten Neonfarben auf günstigen Mountainbikes unterwegs waren oder in Strandstühlen das eine oder andere Bier genossen, grüßten mich sogar freundlich zurück!

Jetzt habe ich also wirklich Polen hinter mir gelassen.

Bis zur Abenddämmerung cruisete ich dermaßen im Flow dahin, dass ich in eine Falle tappte – die Talfalle.

Als Wildcamper bin ich auf freie Flächen angewiesen, möglichst in Wassernähe. Im Tal konzentriert sich jedoch oft alles: Straßen, Eisenbahn, Gebäude. Das wenige ebene Gelände ist umkämpft und abgezäunt. So gab es schon viele Situationen, in denen ich verzweifelt nach einem geeigneten Platz für mein Zelt suchte. Die Lösung war oft, möglichst weit den Hang hinaufzufahren, weil sich die Situation dort merklich entspannte.

Mit einem voll beladenen Reiserad ist das allerdings ziemlich beschwerlich.

Ich stand also vor einem abgezäunten Grundstück mit einem fetten roten „Privat – Betreten verboten!“-Schild, während in meinem Kopf blitzschnell die Abwägungen vor sich hin ratterten. Weiterzufahren und weiterzusuchen würde bedeuten, das letzte Tageslicht einzubüßen, das ich für den Aufbau meines Zeltes und Lagers brauchte. Außerdem sah die Wiese ungenutzt aus. Ein Haus oder Ähnliches war nicht zu erkennen.

Ich schlich mich also lautlos auf das Grundstück und von nun an hieß es: möglichst unbemerkt bleiben.

Keine Taschenlampe. Reflektoren im Gebüsch verstecken. Keine übermäßigen Geräusche!

Mit inzwischen gut eingespielten Bewegungen verrichtete ich alles Nötige und streifte schließlich lautlos zum Bach hinunter, der verlockend vor sich hinplätscherte.

Plötzlich hörte ich lautes Krächzen und Flügelwirbeln über mir.

„Kraaah! Kraaah!“

Im schummrigen Licht der Dämmerung erkannte ich einen großen schwarzen Raben, der schimpfend über mir seine Kreise zog und damit vermutlich die gesamte Umgebung vor dem Eindringling warnte.

Na toll. So viel zu meiner Undercover-Mission!

Ich ließ mich trotzdem nicht von meinem Ziel abbringen und tauchte in das eiskalte Flüsschen. Seife an mir, blubberndes Nass unter mir, Krächzen über mir – aber immerhin war ich die dicke Salzkruste endlich los.

Natürlich schläft man anders, wenn man in einer Hinterkammer des Kopfes trotzdem ständig damit rechnet, ertappt zu werden. Außerdem rauschten die Autos weiterhin laut an mir vorbei, denn im Tal geht es, wie schon gesagt, dicht gedrängt zu.

 

Eine Paprika für den Nacktschneckengott

Zum Glück wachte ich am Morgen ohne böse Überraschung auf – abgesehen vielleicht von den Nacktschnecken, die mal wieder über alles und jeden schlurften und sich die einzige Paprika in meinem Essensbeutel ergattert hatten.

Nun gut. Eine Paprika für den Nacktschneckengott muss schon mal sein!

Nach der angespannten Nacht kamen mir die Geräusche des Verkehrs noch intensiver vor. Der lange, zähe vor mir liegende Aufstieg zog sich quälend in die Länge und der Schotter unter mir schien nicht nur mein Rad, sondern auch mein Gehirn durchzurütteln.

Hinzu kommt, dass die Radwege in der Slowakei vor allem dem Prinzip zu folgen scheinen, den Autofahrern die Radfahrer vom Hals zu halten. Das bedeutet: Jeder noch so eklige Umweg wird zum Radweg erklärt, während die Vierrädler auf neu asphaltierten Straßen geradeaus durchrauschen dürfen.

Wie unfair!

Ich hatte schnell die Schnauze voll und fuhr militant auf der Bundesstraße. Nur bot diese im Tal kaum Ausweichmöglichkeiten und die Lkw-Fahrer überholten wie gewohnt osteuropäisch-eng, sodass man schnell in ihren Sog gerissen wurde.

Wie geht man mit so einer belastenden Situation innerlich um?

 

Pferd und Reiter

Ich habe mir dafür ein inneres Bild geschaffen: das von einem Pferd und von einem Reiter.

Radfahrer sind im Grunde genommen beides.

Hast Du die Kraft und das Durchhaltevermögen, bist Du vom Charakter her vielleicht ein gutes Pferd. Gleichzeitig brauchst Du aber auch die Disziplin und Erfahrung eines Reiters, der weiß, an welchem Punkt er „all in“ gehen kann – und wann er lieber eine Pause macht oder die Route wechselt.

Dieses Sinnbild erklärt vielleicht auch, warum man beim Radfahren manchmal regelrecht mit sich selbst in Streit gerät.

Hast Du Dir zum Beispiel einen zu großen Hang vorgenommen und kräpelst wie eine schlaffe Nudel im salzigen Dampfbad (Schweiß) am Seitenstreifen herum, dann kommt Mr. Peitsche – aber der Gaul will einfach nicht.

Es ist mir in meinen Zwanzigern allerdings auch schon passiert, dass die Pferde mit mir durchgegangen sind: Ich hatte keinen Bock auf den Flixbus und bin die Strecke von Berlin nach Halle – rund 200 Kilometer – einfach mal so zum Spaß an einem Tag durchgeradelt.

Mit der Konsequenz einer ledrigen Achillessehne.

Kommen wir zurück zum zähen, langen Anstieg heute.

Der Kraft-Ausdauer-Teil von mir – das Pferd – schwitzt und strampelt vor sich hin. Der Reiter – der kontrollierende Teil von mir – erkennt aber keinen Fortschritt. Daraus entsteht innere Frustration, obwohl es eigentlich die ganze Zeit voran- bzw. aufwärts geht.

Ganz anders fühlt sich für mich ein ähnlich anstrengender Serpentinenanstieg an, bei dem ich jede Windung nachzählen kann. Dort fällt es mir leichter, mich über Hunderte schweißtreibende Höhenmeter hinweg zu motivieren.

Oh, ich werde gerade von der schwarzen Katze angeschmust.

Kurze Schreibpause.

Wie dem auch sei: Bei langen, sich ewig ziehenden Anstiegen hilft es mir aktuell nur, meinen Bordcomputer anzustarren und ab und zu eine Motivationspause mit einem osteuropäischen Süßigkeitenriegel einzulegen – die komischerweise erstaunlich oft Alkohol enthalten.

Oben angekommen, bot sich mir ein sonderbares Bild.

 

Die Alternativsaison

Um auch während der Sommersaison Touristen anzulocken, haben sich viele Skihütten auf Downhill-Mountainbiker spezialisiert.

Das bedeutet: Gut beleibte, gut betuchte Städter fahren in ihren schicken SUVs der Marke BMW, Range Rover oder was auch immer bis hoch zur Ski- oder Bike-Hütte, um sich dann das letzte Stück mitsamt ihren Rädern vom Skilift auf den Gipfel ziehen zu lassen.

Während ich endlich den Gipfel erklommen hatte und mal wieder in meinem eigenen Schweiß badete, bestellte ich mir einen Belohnungscappuccino nebst Apfelstrudel und staunte nicht schlecht darüber, dass die Herberge nebenbei auch noch zum Downhill-Bike-Verkaufsladen umfunktioniert worden war.

Da gab’s sogar ein Rad im Angebot:

„Nur 2.600 Euro statt 3.400 Euro!“

Ein richtiger Schnapper!

Auf dem asphaltierten Parkplatz vor der Baude probierten moppelige Teenager neben ihren moppeligen Eltern Stunts auf ihren hochpreisigen Rädern aus. Schaute ich in ihre Gesichter, konnte ich allerdings wenig Freude oder Zufriedenheit erkennen. Leicht genervt schoben sie ihre zweirädrigen, vollgefederten Panzer zum Sessellift und ich fragte mich für einen kurzen Moment, ob Sport ohne Anstrengung überhaupt noch Sport genannt werden kann.

 

Wanderweg? Radweg!

Mit großem Übermut begab ich mich zum nächsten Teil der Etappe – der natürlich ein extrem anstrengender, kieseliger Wanderweg war.

Merke: Siehst Du um Dich herum mehr Wanderstöcke als Fahrradreifen, bist Du wahrscheinlich auf einem slowakischen Radweg gelandet!

Auch die Downhillbiker saßen erschöpft am Rand des Weges und staunten nicht schlecht, als sich ein verrückter Deutscher mit vier schweren Radtaschen die wurzelige Schotterpiste hocharbeitete.

Absteigen tue ich aus Prinzip … und Sturheit … nicht.

Aber auch mit dem Abwärtsweg war nicht zu spaßen. Ohne Federgabel übernehmen eben die Arme die Funktion der Knautschzone. Und bei hoher Geschwindigkeit plus steiler Piste musst Du einfach voll bei der Sache bleiben.

Die 64 km/h sprechen wohl für sich.

 

Wenn Pferd und Reiter eins werden

Die slowakische Landschaft veränderte sich unterdessen mit jedem Kilometer. Die engen Täler öffneten sich langsam und gaben den Blick auf einen hohen, klaren Himmel und weite Felder frei.

Es sind solche Momente, in denen ich plötzlich das Gefühl bekomme, zu fliegen.

Meine Beine, die das Gewicht des Rades inzwischen gewohnt sind, tragen mich scheinbar mühelos. Ich haue mir eine House-Playlist auf die Kopfhörer und dann fühlt es sich wirklich an, als würde man als Pferd über die Steppe galoppieren.

Dieses Gefühl bekomme ich oft in Osteuropa, weil die Landschaft hier nicht alle paar Meter durch Zäune und quadratische Äcker zerschnitten wird. Rennradfahrer und Autos kommen mir entgegen oder überholen mich in weit ausholenden, schlingernden Bögen. Sie wirken ebenfalls entspannt ... oder angetrunken ... oder beides.

In diesen Momenten fühle ich mich wirklich frei.

So kommt es, dass ich Gipfel Nummer zwei gar nicht mehr als anstrengend empfinde.

Pferd und Reiter sind eins.

Kraftvoll schiebe ich mich die Serpentinen empor, während mein Kopf noch den Wolken nachhängt. Unterdessen taucht neben mir auch noch eine Pferderanch auf.

Schöne Tiere sind das.

Feinfühlig und kraftvoll zugleich.

Eigentlich sind das zwei ziemlich widersprüchliche Eigenschaften.

 

Plötzlich Steppe

Die Landschaft der Südslowakei wird mit einem Schlag selbst fast zur Steppe. Trocken liegen die Felder vor mir und der Boden ist so ausgehärtet, dass sich jede Unebenheit mit einem Schlag direkt in meinen Handgelenken bemerkbar macht.

Auch touristische Einrichtungen gibt es kaum noch. Binnen weniger Kilometer kommt es mir vor, als hätte ich das Land komplett gewechselt.

An einem Coop-Supermarkt, an dem ich endlich mal wieder meine Radtaschen füllen konnte, traf ich schließlich die Entscheidung, diese Nacht auf einem zivilisierten Campingplatz zu schlafen.

„Lazy Camp“ hieß der Ort. Eine Mischung aus Tierhof und Campingplatz. Die Beschreibung las sich herzlich und einladend.

Nur trennten mich ein weiterer garstiger Anstieg und rund 40 Kilometer vom Camp.

Ich ging in mich und horchte in meinen Körper hinein: Da steckte noch viel Kraft. Trotz der langen Etappe fühlte ich mich deutlich erholter als noch am Morgen.

Also schwang ich mich erneut aufs Rad.

 

Zwischen Sonne und Vollmond

Die Sonne ging inzwischen langsam unter und tauchte die Landschaft in einen entrückten, grapefruitfarbenen Ton. Immer wieder entdeckte ich Campervans, die frei auf dem hügeligen Gelände standen.

Sie mussten sich keine Gedanken um eine Dusche machen.

Die Szenerie glich immer mehr einem Traum.

Da zur gleichen Zeit der Vollmond aufging, wurde das warme Licht der Sonne allmählich vom kühlen, sehnsuchtsvollen Licht des Mondes abgelöst.

Ich fuhr vorbei an Sinti- und Roma-Siedlungen und krummen, allein stehenden Häusern, aus denen schwaches oranges Licht drang. Diese Gegend erinnerte mich an Märchen.

Nur nicht an die der Gebrüder Grimm.

Sondern an slawische Märchen, in denen Hexen und verwunschene Orte zu jenen Mythen gehören, die jeder kennt.

Ach Katze, komm, jetzt weg von meinem Essensbeutel hier – ich bin gleich fertig!

 

Willkommen im Lazy Camp

Jedenfalls leiteten mich mein Navi – und mein Telefon, das ich parallel benutzte – zunächst an einen völlig falschen Ort, sodass ich noch eine ganze Weile im Dunkeln durch die Gegend gurkte, bis ich endlich das Lazy Camp entdeckte.

Schon von Weitem hörte ich Lagerfeuergitarren und Panflöten. Dazu das vergnügte Schreien von Kindern.

Gleich am Eingang empfing mich die Tochter des Campbesitzers mit einem Pferd an der Hand und ich dachte:

Holla, mit Dir würden mir wahrscheinlich auch die ein oder anderen Dinge durchbrennen.

Zum Glück sage ich nicht immer das, was ich denke.

Zumindest meistens.

 

Vom Eindringling zum Campajahmylord-Hippie

Und während die Kinder gerade um mich herum mit ihren leuchtenden Armreifen tanzen wie aufgedrehte Glühwürmchen, das einzige deutsche Paar am Lagerfeuer wild rumknutscht – direkt neben meinem Zelt – und ich noch ein kaltes Bier aus dem Gemeinschaftskühlschrank trinke, denke ich mir:

Was für ein Kulturschock.

Heute Morgen noch der stille Eindringling.

Heute Abend schon fast der Campajahmylord-Hippie.

 

Und ja, Katze, ich kann Deine leuchtend roten Augen trotzdem erkennen.

Wir sind uns doch im Grunde ähnlich:

Süß schauen, dann schnell mit der Tatze zulangen – und weiter geht’s!


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