Tag 14 / Ungarn / Meine persönliche Odyssee

 


Vom Reisen und vom Sehen

Als ich heute Morgen beim Frühstück von meinem kleinen Kahn aus den Fischer an der Donau beobachtete, stellte ich mir kurz die Frage, wer von uns beiden eigentlich mehr von der Welt sieht.

Er, der jeden Tag am gleichen Ort denselben Fluss beobachtet – oder ich, der jeden Morgen an einem neuen Ort aufwacht?

Wahrscheinlich ist er viel eher in der Lage, all die verschiedenen Nuancen des Lichts, der Jahreszeiten und des regen Kommens und Gehens zu unterscheiden als ich, der seinen Platz nur flüchtig besucht. Dafür werde ich wohl noch viele weitere Flüsse betrachten und die Donau auf meine ganz eigene Art wahrnehmen und auch zu schätzen wissen.

Vielleicht ist es genau das: Die Frage, wie viel und wie weit man reist, ist weniger wichtig als die Art, wie man seine Umgebung wahrnimmt. Und das erfordert an vertrauten Orten, an denen man Tag für Tag lebt, vermutlich noch viel mehr Aufmerksamkeit als auf einer Reise, auf der wirklich jeder Eindruck neu und fremd ist.


Die innere Reise

Mich haben in den letzten Tagen mehrere Nachrichten von Freund*innen und Bekannten erreicht, die mir schrieben, dass sie meine Artikel mögen – ich mich aber bitte nicht gezwungen fühlen sollte, jeden Tag etwas zu schreiben.

Langsam wird mir bewusst, dass das Schreiben – oder vielmehr der Prozess, den es innerlich bei mir auslöst – für mich mindestens genauso wichtig ist wie die äußeren Eindrücke.

Die innere Reise ist für mich genauso wichtig wie die äußere.

Aktuell schreibe ich also so viel und regelmäßig, weil ich gerade wirklich viel verarbeiten möchte und muss. Wenn sich das im Laufe der Reise ändert, werdet Ihr es vermutlich an der Frequenz meiner Beiträge erkennen. Jedenfalls fühle ich mich von niemandem dazu gezwungen. Dieser Drang kommt ausschließlich aus mir selbst.


Eine Odyssee in Krakau

Bewusst wurde mir das, als wir vor gut einer Woche zusammen die „Odyssee“ in Krakau sahen. Ich hatte Carson und Laura gebeten, dass wir uns diesen Film im IMAX anschauen – um die Bild- und Tonqualität im vollen Maße genießen zu können. Und schließlich geht es darin gewissermaßen ja auch um eine Reise.

Als wir ein Uber zum Cinema City nahmen, bemerkte Laura noch scherzhaft: „Schade, ich dachte schon, Du würdest mir den Gefallen tun und Sandalen mit Socken anziehen – wie ein richtiger Deutscher!“

Woraufhin mein letzter verbliebener Modestolz getriggert wurde und ich ihr entgegnete: „Niemals wirst Du oder irgendein anderer Mensch mich so sehen! Und wenn mir dabei die Füße abfrieren!“

Der Film, der hier in Polen offenbar genauso populär ist wie in Deutschland, war fast restlos ausverkauft, sodass wir die gut drei Stunden mit weit nach oben gereckten Hälsen verbringen mussten.

Während sich die Handlung vor uns abspielte, fragte ich mich immer wieder, ob ich einen der Reisepunkte des Protagonisten nachempfinden konnte. Und dann kam mir plötzlich der Gedanke, dass ich mich eigentlich schon seit gut zehn Jahren auf einer inneren, persönlichen Odyssee befinde.


Zehn Jahre aus Koffern

Seit dem Ende meines Studiums in Halle 2015 und dem anschließenden Masterstudium in Hamburg bis 2020 habe ich nach einem Ort gesucht, an dem ich Wurzeln schlagen konnte und der gewissermaßen „mein Platz“ sein würde.

Gefunden habe ich ihn in dieser Zeit nicht – weder in Halle noch in Hamburg.

Ich werde Euch an dieser Stelle eine ausführliche Biografie ersparen, aber um es abzukürzen: Ich lebte in dieser ganzen Zeit gefühlt nur aus Koffern.

Meine Mitbewohner Hormoz und Hans in Hamburg können sich sicherlich noch daran erinnern, wie ich das erste halbe Jahr nur auf einer Isomatte schlief und mich weigerte, ein richtiges Bett anzuschaffen, weil ich mein Atelier in Halle nicht aufgeben wollte. Oder genauer gesagt: weil ich den endgültigen Wechsel in die für mich neue Stadt und das damit verbundene Loslassen von der alten nicht zulassen wollte.

Auch Leipzig fühlte sich nach meinem Masterabschluss zu meiner Ankunft 2020, mitten in der Coronazeit, zunächst wie ein Provisorium an. Eine toxische Beziehung, von der ich mich erst mithilfe einer dreijährigen Therapie wirklich lösen konnte, band fast all meine Energie – ebenso wie der finanzielle Existenzkampf als Selbstständiger in einer wieder komplett neuen Stadt.


Wenn Beziehungen ihre Form verändern

Besonders hart war es für mich in dieser Zeit zu erleben, wie Freundschaften, die ich als feste Säulen meines Beziehungslebens angesehen hatte, begannen zu bröckeln und schließlich auch in einigen Fällen zerbrachen. Manchmal langsam und schleichend, in anderen Fällen abrupt und für mich ohne erkennbare Vorwarnung.

Im Rückblick kann ich nun erkennen, dass es ausgerechnet die Therapie war, die diesen Prozess mit vorantrieb.

Indem ich mich zunehmend weigerte, alte und für mich ungesunde Rollen einzunehmen, veränderte sich die Dynamik vieler meiner Beziehungen. Und ich musste einsehen, dass es wohl Freundschaften gab, die diesen Test nicht überstehen würden. Und das war auch, mit etwas Abstand betrachtet, gut so.


Der lächelnde Buddha

In dieser Zeit begann ich mit Acroyoga, dem ich ebenfalls ein ganzes Kapitel widmen möchte – aber nicht jetzt.

Im Umkleideraum, der natürlich nach Dufthölzern roch, hing ein großes Plakat mit einer lächelnden Buddha-Statue. Ohne selbst einen religiösen Hintergrund zu haben, dachte ich mir:

„Wie schafft es diese Figur, durch all dieses Leid der Welt hindurchzulächeln?“

Dabei war es kein nach außen gerichtetes Selfie-Lächeln, sondern etwas anderes: eine nach innen gerichtete Zufriedenheit.

Ich weiß nicht, warum es ausgerechnet dieses Poster war, aber besonders im November, wenn es besonders hart wegen meiner Depression für mich war, schenkte mir sein Anblick für einen Moment etwas Gelassenheit.

Ich stellte mir vor, dass die Menschen in Indien – oder woher auch immer dieses Foto stammen mochte – ebenfalls ziemlich harte Zeiten durchlebt haben mussten. Zufriedenheit, innerer Halt und „Glück“ konnten also nicht bloß weitere konsumierbare Produkte einer westlichen Wohlstands- und Leistungsgesellschaft sein.


Eine Bank für die unangenehmen Gefühle

Trost fand ich auch in der Literatur. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich gerade selbst so gerne schreibe.

Ein Buch, das mir besonders geholfen hat, handelte von radikaler Akzeptanz. Die Autorin Tara Brach ist selbst Psychotherapeutin und Buddhistin – und auch wenn ich eine natürliche Skepsis gegenüber Religionen hege, kann ich mich mit vielen ihrer Gedankengänge identifizieren.

Das Bild aus ihrem Buch, das mir zu dieser Zeit am meisten gegeben hat, war das einer Bank.

Auf diese Bank lädt man all seine negativen, quälenden, dringenden und nörgelnden Gefühle ein. Man setzt sich zu ihnen, schafft eine angenehme Atmosphäre und hört ihnen zu – ohne deshalb jedem ihrer Wünsche und Forderungen nachzugehen.

Dieses Sinnbild passte erstaunlich gut zu meinen letzten zehn Jahren.

Ein großer Teil meiner inneren Arbeit bestand nämlich nicht darin, meine äußeren Lebensumstände grundlegend zu verändern. Ich konnte weder beruflichen Erfolg herbeizaubern noch die unendlichen Weiten des Onlinedatings begreifen oder meine problematischen familiären Verhältnisse entwirren. Meine Wohnung ist noch genauso klein wie vor fünf Jahren, als ich nach Leipzig gezogen bin.


Was sich trotzdem verändert hat

Was sich allerdings dramatisch verändert hat, ist meine Haltung dazu.

Statt mein Singledasein als aufgezwungenes Gefängnis und persönliches Scheitern wahrzunehmen, habe ich versucht, die Freiräume darin zu erkennen.

Statt meinen bis dato gescheiterten Familienplänen weiter hinterherzutrauern, versuche ich, Begegnung und Nähe überall dort zuzulassen, wo sie entstehen können.

Statt mich ständig mit Kolleg*innen zu vergleichen, die gefühlt alle schon dreißig Schritte weiter sind als ich, begrüße ich meine kreative Beweglichkeit, die mir immer wieder neue Perspektiven auf festgefahrene Probleme ermöglicht.

Und statt meinen fragwürdigen Status als selbstständiger, oft prekär arbeitender Freiberufler zu verfluchen, versuche ich, die Gestaltungsmöglichkeiten und Wachstumsperspektiven darin zu erkennen.


Die Reise ist die Heimkehr

Die Radreise ist also keine Odyssee für mich.

Ganz im Gegenteil: Sie ist meine Heimkehr.

Ein Jahr durch das Nirgendwo zu gurken, zu beobachten und zu schreiben, zu zeichnen oder was auch immer mir noch einfallen wird, ist eine wertvolle und besondere Möglichkeit, weiter zu mir selbst zu kommen.

Es ist eine Belohnung für zehn Jahre Verwirrung, Einsamkeit, Durchhaltevermögen und harte innere und äußere Arbeit – und auch für einen Kampf. Vor allem mit und gegen meine eigenen, oft sehr eng gesteckten Vorstellungen. Mit Erwartungen von außen. Und natürlich mit all den Vorstellungen davon, wie ein Leben auszusehen hat, die mir durch meine westliche Sozialisation tief eingepflanzt wurden.


Odysseus und mein zwanzigjähriges Ich

Um noch einmal zum Film zurückzukommen:

Ich habe Homers „Odyssee“ bereits mit Anfang zwanzig gelesen und dachte damals, der Protagonist sei ein ziemlicher Waschlappen, der nichts auf die Reihe bekommt und sich an jeder Ecke belügen, verführen und ablenken lässt.

An dieser Stelle ein großes Shout-out an mein zwanzigjähriges Ich! :-D

Heute sehe ich darin vor allem einen traumatisierten, verwirrten und entkräfteten Charakter, der seinen eigenen Glauben in einem großen Akt der Gewalt verloren hat. Er ist dazu verdammt, verschiedene Stadien der Orientierungslosigkeit, des Verlusts und der Verzweiflung zu durchlaufen – und verliert dabei beinahe sich selbst.

Mein heutiges Ich kann mit diesem Charakter sehr viel stärker mitfühlen, weil mir viele dieser Stadien vertraut vorkommen.

Deshalb empfinde ich die Charaktere auch nicht als zu oberflächlich dargestellt oder den Film als zu lang. Ich erkenne darin Sinnbilder, die durch ihren Anspruch auf mythologische Allgemeingültigkeit offen genug bleiben, um auf ganz unterschiedliche Weise interpretiert werden zu können.

Laura antwortete auf meine Gedanken dazu:

„Aber schau Dir mal an, wie platt diese Allegorien und Charaktere dargestellt sind! Was soll ich denn da noch groß reininterpretieren?“


Der Nebel

Für mich ist es vor allem das Gefühl des Harrens, Hoffens, Aushaltens und wiederholten, kräftezehrenden Scheiterns, das mich bewegt.

Wenn dieser Vergleich überhaupt angemessen ist, dann habe ich mich in den vergangenen zehn Jahren oft ein bisschen wie Odysseus gefühlt: gestrandet, erschöpft und umgeben von einem Nebel, der es mir irgendwann nicht mehr erlaubte zu sagen, woher ich eigentlich kam und wohin ich wollte.

Nur leider ziemlich oft ohne Nymphe. :-D

Vielleicht ermöglicht mir diese Radreise – und auch das Schreiben –, dass sich dieser innere Nebel langsam etwas lichtet. Vielleicht wird dadurch meine persönliche Richtung für die kommenden zehn Jahre ein wenig klarer.

Zumindest so klar, dass ich wieder aus Überzeugung „Ja“ zu etwas sagen kann – und nicht permanent das Gefühl haben muss, um mein finanzielles und inneres Überleben kämpfen zu müssen. Den Kopf einziehen zu müssen, damit einem das selbst gezimmerte Kartenhaus nicht im nächsten Moment kollabiert.

Ich denke und hoffe, dass das möglich ist und werde mein bestes dafür tun, dass meine persönliche Odyssee endet. 

Zehn Jahre ist eine lange Zeit.


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