Tag 13 / Slowakei - Ungarn / Vom Lazy Camp ins Donauparadies

Ich schreibe Euch heute von einem Donauboot aus, das ich kurzerhand zu meinem improvisierten Schreibtisch umfunktioniert habe. In meinem Rücken sitzen friedlich Familien mit ihren leuchtenden Angeln und hoffen auf den großen Fang. Zu meiner Rechten, flussabwärts, leuchtet das Touristenparadies Budapest. Zu meiner Linken dröhnen noch die Bässe eines Sommerfestivals zu mir herüber – aktuell sind es schreckliche 90er-Banger.

Hinter mir liegt eine Etappe, die ich mit ganzem Herzen als Schei… ich meine ... schwierig bezeichnen würde.


Das gar nicht so faule Lazy Camp

Aber fangen wir von vorne an.

Heute Morgen musterte ich das Lazy Camp, das bei genauerem Hinsehen mit Recht als Kinderparadies bezeichnet werden kann: Neben einem Pool mit aufblasbarem Krokodil gibt es Ziegen, Trampoline, Trecker und eigentlich alles, was das Kinderherz begehrt. Mein Hippie-Eindruck vom Vorabend lag also ziemlich weit daneben.

Für lang gereiste Radfahrer gab es hingegen einen voll gefüllten Kühlschrank mit kühlen Getränken und einer Kasse des Vertrauens – dazu lokale Weine sowie einen Brötchen- und Kaffeeservice auf Anfrage.

Ich kam mit der Campingbesitzerin ins Gespräch, die ein schwarzes „Star Wars Jedi Knight – Feel the Force“-T-Shirt trug. Meine erste Frage war, wie schon beim Camp zuvor, ob sie sich denn auch ein bisschen erholen könne.

Sie lachte: „Haha, na klar – ab September, nach der Saison! Aber wir lieben ja auch unsere Gäste. Einmal hatte ich eine Sommergrippe und gönnte mir nicht mal eine Woche Auszeit, um die anderen nicht im Stich zu lassen. Die Pflanzen, die Tiere, Du weißt schon.“

Dann erzählte sie mir von ihren Erfahrungen mit Workaway. Sie hatten die Plattform eine Zeit lang genutzt, um Helfer*innen zu finden – es dann aber wieder sein lassen.

„Das mit den Workaway-Helfern ist folgendermaßen: Wenn Du gut mit ihnen zusammen lachen kannst: top. Wenn sie dazu auch noch arbeiten können, ist das eher ein Bonus. Du weißt nie wirklich, an wen Du da gerätst!“

Ihr Mann, den ich schon in der Nacht zuvor kennengelernt hatte, ergänzte:

„Wir hatten Franzosen, Engländer, Japaner, Australier. Viele, die einen Burn-out hatten, kamen zu uns. Das waren immer die Lieben, weil sie vor allem Gesellschaft suchten. Die Japaner allerdings waren ziemlich schwierig. Sie nickten und lächelten bei jeder Frage. Am Ende eines Aufenthalts saßen sie dann weinend vor Dir, fanden alles schrecklich – und Du hast es nicht mal mitbekommen.“

Seine Frau führte fort:

„Wir hatten Instagram-Influencer, die jeden Morgen einen Witz machten, aber keine Schaufel richtig herum halten konnten. Und dazu Menschen mit psychischen Problemen. Ganz ehrlich – wenn Du psychisch krank auf Reisen gehst und Besserung suchst, wird das nichts. Meistens wird es unterwegs sogar noch schlimmer. Es gab da diesen einen Griechen, der die Stimmen der Pferde flüstern hörte. Eines Morgens fand ich ihn auf der Koppel, und er war fest davon überzeugt, nun endlich seiner wahren Seinsbestimmung nachzugehen – nämlich als Pferd! Wir mussten ihn dann mit ein paar Heuballen weglocken.“

Sie lachte.

„Aber es gab auch problematische Geschichten. Sexuelle Übergriffe. Menschen, die so introvertiert waren, dass sie es nicht einmal schafften, Dir in einer Videokonferenz in die Augen zu blicken. Wie soll so eine Zusammenarbeit funktionieren?“

Wir standen im Gemeinschaftsküchenbereich, wo eine andere Frau spontan ihre eigenen Workaway-Geschichten beisteuerte, während sie langsam eine große Schüssel voller dreckigem Geschirr reinigte.

Die Campingbesitzerin fuhr fort:

„Natürlich gab es auch Liebesgeschichten. Zwei Franzosen, die ich fälschlicherweise für ein Paar hielt, wurden dann tatsächlich eins, als sie einen Monat zusammen in einem Caravan verbrachten.“

Ihr Mann lachte herzlich: „Kein Wunder – der ist ja auch sehr eng!“

Dann legte mir die Besitzerin scherzhaft einen Arm um den Hals:

„Aber keine Angst – mit Euch Deutschen hatte ich nie Probleme. Ihr arbeitet so, als ob es nichts anderes auf der Welt für Euch gäbe.“

Etwas verlegen antwortete ich: „Kann schon sein. Vielleicht mache ich deshalb eine Weltreise mit dem Rad – und nicht mit einem Camper? Irgendwie brauche wohl auch ich immer etwas zu tun.“

Als ich sie nach dem Grund für ihren Workaway-Ausstieg fragte, antwortete sie pragmatisch:

„Wie schon gesagt: Du weißt nie, an wen Du gerätst. Am Ende ist es für mich leichter, die Sache einfach selbst zu erledigen oder Fachkräfte zu bezahlen, als jedes Mal eine unbekannte Person einzuarbeiten.“

 

Flauschige Killer

Über mir im Waschbereich entdeckte ich Schwalben. Der Besitzer bemerkte meinen Blick:

„Wir mussten die Konstruktion für ihre Nester etwas umbauen. Die Katzen sind an den Balken hochgeklettert – das war für sie ein leicht zu erreichender Snack.“

Wusste ich’s doch: Diese drei flauschigen Miezen sind Killer!

Ich verließ das Lazy Camp, das mir inzwischen gar nicht mehr so „lazy“ vorkam, und stoppte noch einmal kurz an der Koppel, hinter der gemütlich die Pferde grasten.

Vorsichtig fragte ich sie: „Hallo, ihr. Bin ich einer von Euch in Menschenform oder einfach nur ein wiehernder Radfahrer?“

Eine braune Stute wieherte verächtlich, was sich wohl am ehesten mit „Jetzt hau endlich ab, es ist schon 14 Uhr!“ übersetzen ließ.

 

Der falsche Galopp

Meine Etappe startete langsam und schwerfällig. Das Thermometer war inzwischen auf 28 Grad geklettert, und in meinen Beinen steckten immer noch die letzten Anstiege. Ich musste also den Reiter-Pferd-Gedanken aus meinem letzten Beitrag selbst beherzigen und einen gelassenen Galopp finden, der mich nicht noch weiter erschöpfen würde.

Leider machte es mir die Route nicht leicht.

Über weite Strecken führte die Asphaltstraße in großen Wellen schnurgerade durch die Landschaft. Innerlich kam ich also nicht so recht vom Fleck. Und es sollte noch schlimmer werden: Bald mündete meine Nebenstraße in eine Bundesstraße, die ebenfalls schnurstracks geradeaus führte, keinen Pannenstreifen bot und über so gut wie keine Rastmöglichkeiten verfügte.

Um es noch herausfordernder zu machen, schoben sich minütlich Lkw-Kolonnen so eng an mir vorbei, dass ich mich bei jedem Fahrer mit einem Luftkuss bedankte, der mir zumindest ein paar Zentimeter Sicherheitsabstand einräumte.

Natürlich wehte auch noch ein warmer Wind entgegen meiner Fahrtrichtung.

Ich musste viele Pausen in diesem trockenen Niemandsland einlegen. Und während ich langsam die Grenze nach Ungarn überquerte, blickte ich nach links und rechts.

Mein erster Gedanke war, dass hier jemand die Landschaft getötet hatte.

Die weiten, inzwischen abgeernteten Felder wirkten staubig und trostlos. Die Hügel unterschieden sich kaum voneinander, Dörfer gab es selten. Und wenn doch, waren es die klassischen Durchfahrtsorte, an denen ich trotz der strapaziösen Anstiege keinen Halt machen wollte.


Moment mal – was macht mein Vorderrad da?

Als mein Weg plötzlich scharf rechts über eine ungepflegte Sand- und Dornenpiste steil bergab führte, kam ein weiteres Problem hinzu: Ich merkte, wie schlecht sich mein Rad aufgrund seines hohen Gewichts durch weichen Untergrund wie Sand navigieren ließ. Immer wieder brach das Hinterrad aus, und auch meine Lenkung griff nicht richtig.

Moment. Meine Lenkung – was ist denn da los?

Von einem Instinkt geleitet hielt ich an, klemmte das Vorderrad zwischen die Beine und drehte den Lenker hin und her.

Und siehe da: Er bewegte sich und hatte Spiel.

Das ist überhaupt nicht gut!

Erst dachte ich, es sei ein loser Lenkervorbau, der sich durch die Rüttelpartien der letzten Tage gelöst hatte. Dann blickte ich weiter nach unten und konnte meinen Augen kaum trauen: Die Steckachse, die mein Vorderrad mit der Gabel verband, hatte sich fast vollständig herausgedreht, sodass das Rad nur noch auf einer Seite verankert war.

Wäre ich so weitergefahren, hätte – salopp ausgedrückt – mein Vorderrad irgendwann beschlossen, ohne mich weiterzureisen.

Ich arretierte das Rad wieder und malte mir kurz die Konsequenzen dieses Fehlers auf der steilen Piste aus.

Da hatte ich noch einmal verdammt viel Glück gehabt.

 

Willkommen im Männerparadies

Unten angekommen, ging es quälend langsam auf ähnlich welligem Asphalt weiter. Der Strom aus Lkw und schnellen Autos nahm kein Ende. Inzwischen hatte sich in mir so etwas wie stoische Gelassenheit gebildet, aber auch meine Erschöpfung nahm zu.

Also beschloss ich, an einem Truckerstop zu halten, bevor ich aus Unachtsamkeit auf der Bundesstraße einen folgenschweren Fehler machte.

Und was das für ein Truckerstop war!

Schon vor dem einstöckigen, etwas abgeranzten Gebäude drängten sich um die acht kugelrunde Männer und rauchten. Als ich das „Etablissement“ betrat, beschränkte sich das Verkaufsangebot auf das Wesentliche:

Links: Tabak und Kippen.

Rechts: harter Alkohol.

Na, da bin ich wohl in einem Männerparadies gelandet!

Inzwischen war mir jedoch alles egal, und so kippte ich 1,5 Liter kalten Guavensaft – oder was auch immer das war – in kürzester Zeit hinter.

Die Sandwiches gebe es um die Ecke in einer anderen Baracke, erklärte mir die Verkäuferin gestikulierend auf Ungarisch, was ich natürlich nicht verstand.

Der Sandwichladen war noch schräger. Alle Plastiktische waren mit klebrig-weichen Plastikdecken überzogen, auf denen traditionelle Muster prangten. Neben der hochbetagten Verkäuferin saß ein einziger dickbäuchiger Mann schweigend über seiner Flasche Bier.

Wir nickten uns kurz zu.

Damit war eigentlich schon alles gesagt.

Ich bestellte zwei Sandwiches und zwei Espressi. Ich staunte nicht schlecht, als ich die Espressi in zwei Plastikbechern bekam. Aber Hand aufs Herz: Diese Espressi hier, an diesem Truckerstop im Nirgendwo, waren zehnmal geschmackvoller als alle, die ich zuvor in Polen und der Slowakei getrunken hatte.

Ich kippte mir also mein braunes Gold in den Rachen, während der Mann neben mir zeitgleich stumm einen weiteren braunen Kurzen hinter seinem beachtlichen Schnauzer versenkte.

Der Espresso hatte seinen Dienst getan und mich wiederbelebt.

Und er stärkte auch meinen Drang, das Kronjuwel eines jeden Truckerstops zu besuchen:

die Männertoilette.


Donut der Dominanz

Hier – ungesehen vom kritischen weiblichen Blick – dürfen Männer noch richtige Männer sein.

Das Mannesstück wird stolz ausgepackt und mit voller Inbrunst ein Donut der Dominanz auf die Klobrille gezeichnet. Wichtig: niemals ins Pissoir zielen!

Deshalb waren wohl leider auch viele der Toiletten defekt.

Ein anerkennender Gruß mit maskulinem „Harr, harr!“ wird auf dem Weg zum Waschbecken ausgetauscht, das natürlich angesichts all dieser Herrlichkeit unbenutzt links liegen gelassen wird.

Rauchend und schwerfällig schleppte sich die kugelrunde Männermeute anschließend zurück zu ihren männlichen Fortbewegungsapparaten – immerhin heißt es ja auch DER Wagen –, während ich, immer noch schweißgebadet, mit meinem pinken Melonen-Smoothie, den luftgetrockneten Mangosnacks und meinem Fahrrad nicht so ganz dem hier vorherrschenden Männerbild entsprach.

Immerhin hatte ich jetzt innerlich vollgetankt und arbeitete mich mit frischem Mut weiter bis zur Donau vor.

Und da – ich konnte es kaum glauben – endlich!

Vor mir lag tatsächlich ein Fahrradweg.

 

Willkommen an der Donau

Der letzte Abschnitt des Tages lässt sich wohl nur als Paradeweg bezeichnen.

Oberkörperfreie Kerle joggten raumgreifend über den Radweg. Rennradfahrer*innen in frischem Weiß präsentierten die neueste Rennradbrillen-Fashion, und zu meiner Rechten lag weit und blau die Donau.

Immer stärker lockte mich der Strand zu sich. Nur hatte ich innerlich das Thema der Übernachtung noch nicht ganz gelöst.

Option 1: Campingplatz. Fiel leider flach, weil es unweit von Budapest auf meiner Donauseite fast nur „Glamping“ und überteuerte Unterkünfte gab. August ist schließlich Hochsaison.

Option 2: Wildcampen. Klang deutlich verlockender. Einfach irgendwo am Donaustrand das Zelt aufschlagen. Nur wusste ich aus Erfahrung, dass solche Gelegenheiten umso rarer wurden, je näher ich dem Ballungsgebiet Budapest kam.

Option 3: Die Notlösung. Eine Unterkunft im Hostel mit Mehrbettzimmer wollte ich als freiheitsliebendes Wesen gern vermeiden. Deshalb: wirklich nur im Notfall.


Strandplatzsuche mit Fahrrad

Ich fuhr also wie ein Parkplatzsuchender am Freitagabend um 19 Uhr von Bucht zu Bucht, während sich das Tageslicht mal wieder zu einem höchst ungünstigigem Zeitpunkt verabschiedete.

Immer stärker fielen mir die hohen Zäune und schicken Häuser mit ihren akkurat gemähten Rasenflächen, schwarzen, teuren Automobilen und feindselig grinsenden Gartenzwergen auf.

Mehr als einmal verirrte ich mich in einer Sackgasse, die statt zum Donaustrand zu steilen Treppen führte, die obendrein übel nach Urin rochen.

Dann passierte genau das, was ich ganz dringend vermeiden wollte:

Ich hatte mich selbst eingesperrt.

Während ich einen der Privatwege mit dem Rad hinunter zur Donau fuhr, schloss sich hinter mir das Rolltor.

Ich saß in der Falle.

Da ich hinter den hohen Hecken außer ein paar neumodischen Heinzelmännchen und selbstfahrenden Mährobotern auch niemanden erkennen konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als über das Rolltor zu klettern und die Gegensprechanlage zu betätigen.

„Hallo, wer ist da?“, sprach eine knarzige, schlecht gelaunte Stimme.

„Heyyyy! Ich bin’s. Ein netter deutscher Tourist.“

„Aha.“

„Sagen Sie mal – könnten Sie vielleicht Ihr Rolltor noch einmal kurz aufmachen?“

„Warum?“, antwortete die dunkle Stimme verwundert.

„Na ja, also, das ist so: Mein Fahrrad steht leider noch dahinter.“

Etwas ärgerlich antwortete die Männerstimme:

„Und wie ist das bitteschön passiert? Der Weg ist doch privat. Dein Fahrrad sollte da gar nicht sein!“

Ich antwortete verlegen:

„Na ja – was tut ein Tourist nicht alles, um einmal die Donau zu sehen. Sie ist einfach viel zu schön. Das verstehen Sie doch, oder?“

Die Stimme wurde immer misstrauischer:

„Die Donau kannst Du Dir doch überall anschauen. Wieso denn bitte ausgerechnet hier auf meinem Privatweg!?“

Langsam ging mir der Charme aus.

„Na – weil Ihr Weg besonders gepflegt, besonders die Hecke! Mensch, das ist ja mal ein grüner Balken! Da hat mich die Donau umso mehr angelacht. Das müssen Sie doch verstehen!“

Der Mann stöhnte laut.

„Immer diese Touristen.“

Dann legte er auf.

Und das Rolltor öffnete sich knarzend.


Mein kleines Donauparadies

Nun habe ich mein Donauparadies trotzdem noch gefunden.

Wie so oft: im Dunkeln.

Auf weißem Sand steht mein Zelt weich gebettet und gut beschattet unter den Bäumen. Hinter mir sitzen die Angler*innen mit ihren leuchtenden Ruten, vor mir fließt ruhig die Donau und irgendwo flussabwärts leuchtet Budapest.

Jetzt muss eigentlich nur noch diese Beachparty aufhören.

Immerhin spielt der DJ inzwischen Drum and Bass.

Das ist schon ein bisschen besser.

 

Komoot Tour Link

 








 


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