Tag 15 / Ungarn / Der ganz private Sonnenuntergänge

Ungarn und ich – wir werden irgendwie nicht so richtig warm miteinander. Dabei klettert das Thermometer draußen wieder über 30 Grad, während ich hier eine Schreibsiesta in einem kleinen, abgelegenen Restaurant in einem Plattenbaugebiet kurz vor der serbischen Grenze einlege.

Woran liegt es eigentlich, dass man sich in manchen Gegenden wie ein willkommener Gast fühlt – und in anderen wie ein austauschbarer oder, schlimmer noch, auszunehmender Tourist?

 

Kulturschock Budapest

Gestern führte mich meine Strecke einmal längs durch Budapest. Schon bei meiner ersten Radtour nach Istanbul erlebte ich dort eine böse Überraschung, weil ich mitten in einem der größten Musikfestivals Europas – dem Sziget Festival – mit meinem Rad strandete und mich sprichwörtlich durch die Menschenmassen arbeiten musste.

Dieses Mal wollte ich in der Stadt lediglich ein kleines Café zum Schreiben finden. Davon gab es laut Google Maps unzählige – nur stellte ich schnell fest, dass eine „Spazierfahrt“ zur touristischen Hochsaison durch Budapest keine besonders gute Idee ist.

Hinzu kommt, dass sich der Tourismus auf wenige zentrale Viertel konzentriert und sich viele der Cafés – ähnlich wie in Barcelona oder anderen Touristenhochburgen – dem allgemeinen internationalen Ungeschmack angepasst haben. Third-Wave-Coffeeshops, die für mich kein bisschen Gemütlichkeit ausstrahlten, luden mich zum Schreiben genauso wenig ein wie edle Kaffeehäuser, in denen britische Touristen lautstark durch den Raum posaunten.

Für mich gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Gästen und Touristen: Gäste passen sich ihrem Gastgeberland an und versuchen, dessen Gepflogenheiten zumindest zu begreifen und sich vielleicht sogar ein bisschen anzueignen. Touristen hingegen konsumieren und betrachten sich selbst als Zentrum ihres Reiseerlebnisses.

Ich kann mich zum Beispiel noch sehr gut an deutsche Rentnertouristen erinnern, die sich in Malaysia über das wässrige Bier beschwerten – in einem muslimisch geprägten Land, in dem ein großer Teil der Bevölkerung überhaupt keinen Alkohol trinkt.

Vielleicht könnte man auch sagen, dass Gäste immer ein bisschen demütig und zur Dankbarkeit verpflichtet sind.

Ich jedenfalls bin lieber Gast als Tourist.

 

Nicht-Orte

In meiner Masterarbeit habe ich mich viel mit sogenannten Nicht-Orten auseinandergesetzt. Und tatsächlich produziert gerade die Tourismusindustrie solche Nicht-Orte: Orte also, die austauschbar sind und nahezu vollständig aus ihrem lokalen Kontext herausgelöst werden können.

Genau deshalb fühlte ich mich in Budapest nicht wie ein Gast, sondern wie ein Konsument. Ich hätte mich genauso gut in ein Café in Berlin, Wien oder Bratislava setzen können – es hätte kaum einen Unterschied gemacht.

Inmitten der Touristenströme entdeckte ich einen vielleicht 55-jährigen Motorradfahrer, der ähnlich verloren in die Menschenmenge blickte wie ich.

Nein, Großstädte mit dem Rad zu erkunden macht keinen Spaß, wenn man am selben Morgen noch allein in seinem Zelt am Donauufer aufgewacht ist. Das ist ein sprichwörtlicher Kulturschock.

Meine einzige Ausgabe in Budapest blieb also vorerst ein Deoroller für drei Euro – und ich war sehr froh, als mich der Radweg rumpelnd entlang der Donau wieder aus der Stadt hinausführte.

 

Schlumpfeis und Gastfreundschaft

Gastfreundschaft fand ich etwas später in einem kleinen, abgelegenen Eisladen.

Ein dicker, vielleicht vierzehnjähriger Junge grinste mich schon aus der Entfernung freundlich, aber irgendwie hintersinnig an. Am Handgelenk trug er eine protzige goldene Armbanduhr. Seine Mutter, braungebrannt, mit verlängerten Wimpern und mit vielen Tattoos, wippte leichtfüßig zu übertrieben lauten Balkan-Bangern hin und her.

Ich bestellte ein paar Kugeln Eis und einen Espresso. Mit strahlenden Augen präsentierte sie mir nacheinander alle nur erdenklichen Süßungs- und Kaffeekombinationen, während ihr Sohn darauf bestand, mir die Espressotasse die exakt drei Meter bis zu meinem Tisch zu tragen.

Ich wusste nicht, woher die beiden ihre gute Laune irgendwo in einem ungarischen Kaff nahmen – aber sie steckte mich an.

Vielleicht habe ich deshalb auch eine Schlumpfeis-Karamell-Kinder-Maxiking-Kombination bestellt? :-D

Wieso finde ich Gastfreundschaft eigentlich immer dort, wo ich sie am wenigsten erwarte?

 

Supermarktstudien

Wenn ich in einem neuen Land ankomme, gehe ich oft in einen Supermarkt und beobachte die Menschen. Sind sie geschäftig? Plaudern sie gerne? Wer kauft hier eigentlich ein?

In Ungarn ist das eine wilde Mischung.

Deutsche Expat-Rentner treffen auf braungebrannte, schlanke südosteuropäische Frauen mit feurigen Augen. Dazu gedrungene, kugelrunde Pärchen in den Vierzigern oder Fünfzigern, die – glaube ich – sehr viel Zeit in ihren Autos verbringen, und rot gedünstete Proll-Pumper mit dicken, glänzenden Ketten, die in ihrem vorherigen Leben bestimmt Wachhunde waren.

Ungarn ist für mich ein wildes Mosaik, und ich habe überhaupt noch kein Gefühl für die Mentalität dieses Landes. Alles, was ich zu diesem Zeitpunkt weiß, ist, dass ich viele Ungarn bisher als stolz und eher zurückgezogen erlebe – und dass sie offenbar wirklich gerne Auto fahren und alles reservieren, was auch nur irgendwie reservierbar ist.

Sie erinnern mich ein bisschen an nationalistische Mainzelmännchen.

 

Das Reich der Privatstege

Während ich den Radweg entlang einer schätzungsweise zwanzig Kilometer langen Gartenhaussiedlung direkt an der Donau entlangfuhr, staunte ich nicht schlecht.

Zu meiner Linken, direkt am Fluss, befanden sich unzählige Privatstege, die jeweils einem Haus auf der gegenüberliegenden Seite zugeordnet waren – natürlich mit jeweils einem Nummernschild.

Auf jedem dieser Stege spielten sich kleine Szenen sommerlichen Privatlebens ab: Kinder fischten zusammen mit ihren Großeltern. Kross gebrannte Männer prosteten sich zu einem weiteren Männertag zu. Familien genossen gemeinsam ihren ganz privaten Sonnenuntergang.

Manche Stege waren mit Verbotsschildern und Vorhängeschlössern abgesperrt, andere inzwischen von Enten bewohnt – und vollgekackt. Einige waren von Schilf umsäumt, andere mit Parade-Rollrasen ausgestattet. Wieder andere verfügten über ein extra überdachtes Dock für die kleinen Motorboote, die hier überall herumcruisten.

Dazu vor jedem Haus ein Mittelklassewagen – mindestens ein weißer Kombi, besser noch ein SUV.

Auch interessant: SUP-Yoga.

Was es nicht alles gibt?

 

Spießertum Deluxe

Nun – ich bin Schrebergärten aus Deutschland mit ihrer eigenbrötlerischen und eingezäunten Vorstellung von Privatglück gewöhnt. Aber das hier war Spießertum Deluxe.

Gut zwei Stunden fuhr ich an Privatstegen vorbei. Natürlich standen überall große „Zelten verboten“-Schilder, und kein einziges Mal wurde ich von irgendjemandem gegrüßt oder herzlich angelächelt.

Scheinbar war auch die Freundlichkeit in dieser Siedlung Privatsache.

Nur fragte ich mich: Warum baut man dann ausgerechnet einen internationalen Donau-Radweg quer durch diese Endlossiedlung, wenn man eigentlich unter sich bleiben möchte?

Vielleicht, damit ich ihr Glück bestaunen kann?

Ich musste ein bisschen an Lauras Worte in Krakau denken:

"Es ist egal, wie schön ein Ort ist – wenn Du Dich als Gast nicht willkommen fühlst, wird Dir all das nichts geben."

Und genau so war es bei mir.

Anfangs ging ich innerlich noch auf Steg-Shoppingtour und fragte mich, welchen davon ich wohl gerne einmal besitzen würde. Irgendwann wurde ich regelrecht sauer auf diese territoriale Reservierungspolitik. Denn dadurch, dass die Siedlung einfach kein Ende zu nehmen schien und wirklich alles verbaut war, konnte ich weder mal schnell ins Wasser springen noch einen Platz zum Wildcampen für die Nacht finden.

Die Krönung der Absurdität zeigte sich mir, als links neben mir eine Reihe leerer Campinghäuschen auftauchte, die mich bildlich an Schlumpfhäuser erinnerten – mit den dazugehörigen, perfekt durch Hecken und Zäune voneinander abgegrenzten Ministegen auf der anderen Seite.

Natürlich alle leer stehend.

Die Sonne senkte sich immer weiter. Ich musste bald eine Entscheidung treffen:

Sollte ich mich einfach illegalerweise auf einem der Stege niederlassen?

Aber was würden die Mainzelmännchen dazu sagen?

Nein. Ich wollte einfach nur noch raus aus diesem Gefängnis.

Und dann – kurz vor der Dämmerung – war es endlich geschafft.

 

Raus aus dem Gefängnis

Mein Weg führte über einen staubigen, ruckeligen Damm, der mir die Trockenheit und Sommerglut Osteuropas sehr deutlich vor Augen führte. Ich nahm die erstmögliche Abzweigung zur Donau – und siehe da:

Eine Öffnung.

Ein zugewachsener Pfad führte hinunter zum Ufer.

Dort erwarteten mich Fischer mit ihren im Dunkeln leuchtenden Angelruten. Auch sie mussten mit ihren Autos der Siedlung ausgewichen sein, um hier in Ruhe ihrer Beschäftigung nachzugehen.

Einer von ihnen kam schnurstracks auf mich zu und redete energisch auf mich ein. Erschöpft und genervt von den Erlebnissen des Tages öffnete ich Google Translate, um möglichen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen.

Doch was ich auf meinem Übersetzer las, gab mir zum ersten Mal in Ungarn das Gefühl, tatsächlich ein Gast zu sein – und nicht nur ein Tourist:

„Wie geht’s Dir? Brauchst Du etwas? Komm, ich zeige Dir einen Ort, an dem Du Dein Zelt am besten aufstellen kannst. Bleib am besten bei uns Fischern – da ist es sicher.“

 

Gast sein

An diesem Abend stand ich lange bis zur Hüfte im lauwarmen Wasser der Donau und musste über Eigentum und Privatisierung nachdenken.

Als Gast ist man eben – anders als zu Hause – immer auch ein Stück weit der Mentalität seines Gastgebers ausgesetzt. 


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