Tag 16/ Ungarn / Der Katalane in der Aldi-Oase
Reisebekanntschaften gehören für mich zu den wertvollsten Momenten auf langen Reisen. Sie entstehen meist in Situationen, die weder vorhersehbar noch planbar sind. So wie mit dem Fischer, der mich vor zwei Tagen nach einem strapaziösen Tag am Donauufer abgefangen hatte, erging es mir auch gestern bei Aldi, kurz vor der serbischen Grenze.
Sonntags durch die ungarische Steppe
Ich stand früh auf, da die Temperaturen hier in Ungarn wieder auf über 35 Grad klettern sollten und ich die rumpelige Strecke auf einem Donaudamm bereits kannte. Ich fuhr mehrere Stunden, komplett exponiert in der Sonne und dementsprechend knusprig durchgebraten. Dabei wurde mir das Ausmaß der Trockenheit, die hier im Hochsommer herrschen musste, deutlich vor Augen geführt. Das stoppelige Gras war gelb und strohig. Ein Funken hätte wahrscheinlich genügt, um es zu entzünden.
Von Dorf zu Dorf fuhr ich an geschlossenen Lebensmittelläden vorbei. Ich hatte die Wochentage inzwischen komplett vergessen und musste erst einmal nachschauen, welchen Tag wir heute überhaupt hatten. Auf meiner Casio blinkte warnend das „SU“-Zeichen – für Sunday, Sonntag.
Das erklärte die Servicewüste.
Viele Geschäfte würden heute geschlossen bleiben und der Wasser- und Essensnachschub entsprechend schwieriger werden. Für Tourenradler ist Sonntag wirklich ein schwieriger Tag.
Dann – gegen 12:30 Uhr – tauchte wie eine Fata Morgana eine Raststätte am Ende des Asphalts auf. „Tanjas Bistro“ schien ungarische Spezialitäten zu servieren, vor allem deftige Gulaschgerichte, die für meinen Protein- und Energiehunger natürlich Gold wert waren.
Das halb volle Restaurant schien von einem einzigen schlacksigenKellner bedient zu werden, der hektisch zwischen den Tischen hin und her huschte. Ich fragte ihn nach einem Sitzplatz, woraufhin er – mir den Rücken zugewandt und weiter herumrennend – antwortete:
„Sorry, no, no. You’ve got reservation? Then it’s not possible.“
Ich schaute mich um. Das Bistro war halb leer. Nur an einigen Tischen saßen leicht ergraute, träge Auto- und Motorradfahrer in ihren Vierzigern und Fünfzigern und schlürften ihre Suppen.
Verschwitzt und leicht angenervt erwiderte ich:
„But look at me, I’m just one person and I’m skinny too – and won’t stay long. I don’t take up much space. Can’t you just place me somewhere?“
Der Kellner wuselte weiter an mir vorbei, ohne mich auch nur einen Moment anzusehen oder stehen zu bleiben.
„No reservation – not possible.“
Na toll.
In puncto Reservieren und Handtücher-auf-Dinge-Werfen kann ich von den Ungarn offenbar noch einiges lernen. Wir redeten hier immerhin nicht von einem Fünf-Sterne-Restaurant mit Michelin-Sternen, sondern von Tanjas Bistro mitten im Nirgendwo um 12:30 Uhr.
Leicht gehässig schauten die ergrauten Tourenwalrosse zu mir herüber und dachten wahrscheinlich: „Puh – zum Glück hab ich diesmal reserviert!“
Ich verließ das Etablissement durch einen Walk of Shame voller Reservierungsschilder und hätte fast eines mitgehen lassen.
Kuttelsuppe und die Steppe im Mund
Die Temperaturen hatten inzwischen Eier-auf-Asphalt-Bratniveau erreicht, und so sah ich mich gezwungen, in einem weiteren Lokal zwischen Plattenbauten einzukehren. Dort schrieb ich gestern auch meinen letzten Beitrag.
Es war komplett gästefrei und vor allem kühl und ruhig – ein perfekter Ort zum Schreiben.
Da ich die auf Ungarisch verfasste Speisekarte nicht lesen konnte, bat ich die Kellnerin, mir einfach eine lokale Spezialität zu servieren.
Ein Fehler!
Nach gut fünf Minuten stand eine Kuttelsuppe vor mir – eine Suppe mit Tiermagen, der schwammähnlich in einer kräftig gewürzten Brühe schwamm. Meine letzte Suppe dieser Art hatte ich mir vor vielen Jahren in Rumänien heruntergewürgt, weil ich bei herzlichen Gastgebern untergebracht war und einfach nicht ablehnen konnte. Damals hatte immerhin der Țuică-Pflaumenschnaps beim Herunterkippen geholfen.
Aber nein. Nicht noch einmal!
Protestierend gab ich die Suppe zurück, was mir einen missbilligenden Blick der Kellnerin einbrachte. War ja schließlich auch meine Schuld – ich hätte mir die Karte besser anschauen sollen!
Danach servierte sie mir ein Zigeunersteak: speckiges Fleisch mit Pommes – ohne Soße.
Ich verspeiste schweigend die Steppe in meinem Mund und traute mich nicht mehr, nach etwas anderem zu fragen.
Kaum hatte ich aufgegessen – es war nun kurz vor 15 Uhr –, kam die Kellnerin erneut an meinen Platz und deutete mir höflich, aber nachdrücklich:
„Entschuldigung – Sie müssen jetzt gehen. Wir schließen.“
Da stand ich also bei 35 Grad mit staubigem Mund in irgendeinem ungarischen Dorf und dachte nur noch:
Du musst raus aus Ungarn. Das wird hier nix mehr!
Die Aldi-Oase
Und ich fuhr und fuhr über den langen, bröckeligen, ruckeligen Asphalt bis kurz vor die serbische Grenze, wo ich endlich in meine klimatisierte Aldi-Oase abtauchen konnte.
Oh Lidl, oh Aldi. Ihr seid mir so hold!
Euer kostenloses WLAN ist der Segen jedes Reisenden. Und Eure immer gleiche Produktpalette mit Graubrot, Milbona-Käse und reduzierten Angeboten gibt mir für einen kurzen Moment wieder das Gefühl von Heimat: aus meinem Atelier heraus, in meinen vollgepinselten Malerklamotten und Crocs , kurz vor 20 Uhr noch schnell irgendeinen Salat oder Smoothie kaufen.
Vor den Aldi-Kassierern sind alle gleich. Egal, ob Du im Anzug oder in verschwitzten Radklamotten kommst.
Sie haben alles schon gesehen. Alles.
Voll beladen schleppte ich meine Beute zum Rad.
Und da stand er plötzlich: Guillermo.
Guillermo
„Hallo, Reisender. Was treibt Dich in diesen abgelegenen Winkel der Welt?“, fragte er schnippisch.
Guillermo kommt aus Valencia und ist Katalane, nicht Spanier – wichtig!
Er ist gut einen Kopf größer als ich, sein Oberkörper war frei, und auf seinem nicht ganz unbeachtlichem kugeligen Bauch hatte sich bereits eine glänzende Schweißschicht gebildet. Seine Wangen leuchteten sonnenrot – er schien also ebenfalls längst über das Sonnencremestadium hinweg zu sein.
Ich erzählte ihm in groben Zügen, wo ich herkam und wo ich hinwollte, während er sich genüsslich eine Zigarette drehte.
„Ah – über den serbischen Grenzübergang also. Na ja, da wirst du nicht weit kommen. Die schließen heute um 19 Uhr.“
Ich schaute auf meine Uhr.
18:35 Uhr.
Ich berichtete ihm freimütig, dass ich nicht gerade die beste Zeit in Ungarn hatte, und er antwortete gelassen:
„Ach ja, die Ungarn – ich weiß. Das ist schon das zweite Mal, dass ich hier bin. Beim ersten Mal ging es mir ähnlich wie Dir. Heute hat mich allerdings eine 85-jährige Oma zum Essen eingeladen. Sie radelt selbst mit ihrem Sohn quer durch Europa – eine spannende Frau war das!“
Guillermo schien überhaupt überall eingeladen zu werden.
„Die Serben mag ich. Die sind im Grunde wie wir Katalanen. Gestern bot mir ein Mann Zigaretten an, davor wurde ich zum Essen nach Hause eingeladen. Das passiert mir dort ziemlich oft. Herzliche Menschen sind das!“
Er berichtete mir, dass er bereits seit fünf Monaten unterwegs war. Ursprünglich hatte er nach Australien radeln wollen, war dann aber irgendwie nach Lappland abgedriftet. Anschließend fuhr er wieder Richtung Süden.
„Und jetzt fahr ich wieder zurück nach Lappland! Wegen eines Jobs. Ich arbeite eigentlich als Touristenführer für Schneeexpeditionen. Schneemobile und so.“
Ich musterte Guillermo.
In seinen Outdoorlatschen, die langsam mit seinen krustigen Füßen zusammenzuwachsen schienen, mit seiner Tribal-Kette aus billigem Metall um den kräftigen verschwitzten Hals, den langen, verfilzten Haaren und dem ebenso beachtlichen Bart sowie dem Blermann-Sonnenbrand im Gesicht, der deutlich die Ränder seiner Brille nachzeichnete, kam er mir nicht unbedingt wie ein nordischer Touristenguide vor.
Er schien meinem Blick gefolgt zu sein.
„Ich weiß, ich weiß. Das klingt vielleicht etwas ungewöhnlich. Aber ich arbeite mal hier, mal da. Aktuell bin ich unterwegs zu Freunden nach Rumänien und möchte dort im Zirkus arbeiten. Keine Ahnung, als was – aber das wird sich schon noch zeigen!“
Vielleicht zwei Jahre. Vielleicht zehn.
Ich fragte Guillermo, wie lange er denn noch unterwegs sein wolle. Er wirbelte lässig mit der Zigarette in der Hand herum.
„Erst dachte ich: zwei Jahre. Aber gerade denke ich mir: vielleicht lieber zehn Jahre! Wer weiß! Mir gefällt dieses Leben gerade ziemlich gut! Ich war auch in Deutschland, als der Heatdome üner Euch brannte. 45 Grad im Schatten. Nicht übel!“
Ich betrachtete sein Reiserad, das dem Äquivalent eines äußerst clever gestapelten Tetrisblocks glich. Wirklich überall, wo es irgendwie möglich war, hatte er etwas angeschraubt, draufgestapelt oder festgespannt.
Es durfte nichts fehlen: der Selfie-Stick genauso wenig wie die farbenfrohe JBL-Boombox, die an seinem Lenker baumelte.
„Ohne Musik geht gar nichts! Anders komme ich mit meinem Sechzig-Kilo-Rad die Hänge nicht hinauf. Und das hier …“
Er zeigte stolz auf eine ziemlich massive Thermoskanne, die im Rahmendreieck befestigt war.
„Das hier ist mein Ein-Liter-Olivenölvorrat. Ich bin schließlich Katalane, eh?“
Dann schaute er fachmännisch auf mein Rad und machte mir Komplimente zu meiner Wahl:
„Oh wow – ist das ein Tout Terrain mit Pinion-Schaltung? Allein Deine Schaltung kostet mehr als mein Rad! Meins ist hundert Prozent Aluminium – Decathlon.“
Ich bemerkte, dass er ebenfalls mit einem Brooks-Sattel unterwegs war.
„Meiner ist aus Leder, den muss ich ständig pflegen. Dein Cambium ist, glaube ich, die bessere Wahl.“
Der Cambium-Sattel besteht aus Kautschuk und ist daher deutlich unempfindlicher gegenüber Regen und der Witter im Allgemeinen.
Sogar meine Reifen musterte er.
„Ah, Schwalbe Mondial. Ich hab die Schwalbe Marathon Plus. Die sind auch gut – 7.000 Kilometer ohne Panne. Die sind jeden Cent wert!“
Ich merkte, wie ich Guillermo immer mehr mochte. Im Langreise-Game war er mir schon zwanzig Schritte voraus. Oder anders gesagt: Für ihn bedeuteten Wochen und Tage nicht mehr besonders viel, und das Durchschnorren oder Durchcharmieren beherrschte er inzwischen wohl ebenfalls ziemlich gut.
Wie offen bist Du für die Welt?
„Das Wichtigste ist, dass Du offen und freundlich auf deiner Reise bleibst“, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen. „An einem Tag, an dem ich mich scheiße fühle, kommt niemand auf mich zu. Alle laufen an mir vorbei. Aber an einem Tag wie heute, an dem ich denke: Ey – was kostet die Welt! Da ist alles möglich. Alles!“
Wie offen war ich selbst der Welt gegenüber?
Auf einer Skala von eins bis zehn – wobei eins der Stock-im-Arsch-All-inclusive-Tourist und zehn der Hippie mit Pluderhose, verfilzten Dreadlocks bedeutete – tingelte ich aktuell vielleicht irgendwo bei einer 3,5 herum.
Dazu sollte man ehrlicherweise sagen, dass Deutsche wohl generell eher zwischen eins und fünf rangieren. Alles, was ich jenseits der fünf getroffen habe, bewegte sich oft schon eher auf der verstrahlten „Komm, lass uns gemeinsam zu den Sternen reisen“-MDMA-oder-Shrooms-Skala.
Zeigt mir einen weltoffenen, tiefenentspannten Deutschen, der sich nicht hochgedrogt hat, und ich geb euch einen aus – ganz ehrlich! :-D
Guillermo jedenfalls war mir sympathisch.
Und gleichzeitig erlaubte mein deutscher Stock im Arsch mir nicht, von meinem ohnehin kaum noch erreichbaren Plan abzuweichen, die serbische Grenze heute noch zu erreichen.
Er schien meine Unruhe zu bemerken und bot mir an, meinen Einkaufswagen zurückzubringen, damit ich möglichst schnell aufbrechen konnte.
Beim Losradeln rief ich ihm schelmisch über die Schulter zu:
„Ey, schick mir dein Selfie, wenn du im Zirkus arbeitest!“
Und er erwiderte ebenso scherzhaft:
„Und Du – schick mir Dein Selfie aus der kasachischen Steppe!"
Und so verabschiedeten wir uns voneinander. Zwei Radreisenden, die entgegengesetzte Richtungen unterwegs waren.
Dem Horizont hinterher
Ich genoss es, in den Abendstunden – endlich nicht mehr komplett in Schweiß triefend – nach Herzenslust über den gut asphaltierten Radweg zu rollen. Dazu eine meiner Playlists im Ohr: der perfekte Groove zum Durchpowern.
Vielleicht ist es nicht nur meine deutsche Mentalität, sondern auch der Tiger in meinem Blut, der es genießt, einem scheinbar endlos weiten Horizont hinterherzujagen, während die Sonne blutrot über den blassgelben Getreidestoppeln versank und auf der anderen Seite der beachtlich große Mond langsam das Himmelsreich erklomm.
Schon von Weitem sah ich ein anderes großes rotes Leuchten:
den Grenzübergang nach Serbien.
Guillermo sollte recht behalten.
Natürlich war der Grenzübergang zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen.






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