Tag 2 / Ahoj Česko!
Klimawandel is’ nich’ für alle was
Als ich a Tag zwei meiner Tour in der Nähe von Pirna hinter einer Imbissbude aufwachte, wo der Dixiklogeruch je nach Windrichtung ab und zu zu mir herüberschwappte, grüßte mich der Besitzer winkend. Während er die Metallstühle wischte, die vom nächtlichen Regenschauer einmal gründlich abgespült worden waren.
„Na, gut geschlafen?“
Ich blickte blinzelnd auf meine Casio-Uhr. Hatte ich tatsächlich bis 12 Uhr durchgeschlafen? Da hatte die Hitze wohl doch Spuren körperlicher Erschöpfung hinterlassen.
„Kaffee?“
Ich willigte ein. Der Imbissbudenbesitzer freute sich wohl über meine Gesellschaft und plapperte fröhlich los – offensichtlich hatte er noch nicht erkannt, dass ich ein Morgenmuffel bin.
„Weißt Du, die Elbe war früher viel, viel dreckiger! Zu DDR-Zeiten gab es da einen Witz:
Sprechen zwei Arbeiter miteinander. Sagt der eine zum anderen: Willst du lieber klare Suppe oder trübe Brühe? Sagt der andere: Weiß nicht. Erwidert der eine: Wenn du klare Suppe möchtest, musst du oberhalb des Papierwerks Heidenau fahren. Flussabwärts gibt’s nur dreckige Brühe.“
Er lachte begeistert über seinen eigenen Witz.
Verschlafen nippte ich an meinem Kaffee und versuchte, Enthusiasmus vorzutäuschen, was mir dank halb geschlossener Augen nur mäßig gelang. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, munter weiterzuplappern:
„Was die Leute immer mit dem Klimawandel haben! 1904 gab’s auch eine Dürre, da ist meine Oma noch barfuß durch die Elbe gewatet. Die war nur so tief!“
Er zeigte mit seinen zwei wurstigen Fingern ein Maß, das bestimmt Ebbe darstellen sollte.
„Überhaupt, das ganze Klimaschutzgerede – damit machen doch nur bestimmte Leute einen riesigen Reibach!“
Innerlich blinkten meine Schwurbelalarmglocken. Ich stand abrupt auf, täuschte einen drängenden Termin bei einem entfernten Bekannten vor und hinterließ ihm als Dankeschön eine halb aufgeweichte, halb zerfledderte, längst verfallene Hallorenkugelpackung (Geschmacksrichtung: Oreo), die ich eigentlich meinen Freunden beim Abschied unterjubeln wollte, weil ich Hallorenkugeln über alles verabscheue.
Er bedankte sich gerührt – und schon war ich nix wie weg!
Der Elberadweg zwischen Dresden und Königstein gehört zu meinen Lieblingsabschnitten. Ein Caspar-David-Friedrich-Panorama jagte das nächste, und wenn man geschickt an den E-Bike-Rentner-Bojen vorbeinavigiert, kann man dank perfekt planiertem Asphalt sogar richtig schön heizen.
Der kleine Mann mit der Peitsche
Plötzlich tauchten neben mir ein Rennradpapa und sein Rennradsöhnchen in farblich perfekt abgestimmten Vater-Sohn-Sportoutfits auf. Der Papa war wohl etwas unzufrieden mit der Performanz seines Spiegelbildes in jung und pflaumte seinen Sohn ungeduldig an, während sich der blonde Future-Pogačar lustlos an den Pedalen abstrampelte.
„Wenn du mal aufhören würdest zu quatschen und besser schalten würdest, dann wär das heute wenigstens ein effizientes Training!“
Was auch immer der Kontext dieses Gesprächs sein mochte – es wirkte nicht gerade sympathisch und rief unvermittelt eigene Erinnerungen an meine Kindheit hervor.
Meine Eltern steckten uns damals in einen Segelverein, der sich darauf spezialisiert hatte, die kleinen Sprösslinge für Olympiakader zu kleinen Performancemaschinchen zu backen. Wie oft schrie mich mein Steuermann Lars von hinten an, weil er bei irgendeiner Regatta mal wieder nicht den Platz auf dem Siegertreppchen erreichte, den sein Kumpel Claudius ihm wegschnappte. Dazu kamen die „Ferienlager“ in Tschechien, bei denen es selten schneite, wir aber trotzdem jeden Morgen um sieben zum Liegestützkommando antreten mussten und anschließend den ganzen „Urlaub“ durch tschechischen Matsch marschieren durften.
Sehr genau erinnere ich mich auch daran, wie wir bei irgendeiner Qualifikation für irgendeine Meisterschaft vor Rotterdam unendlich viele Stunden auf dem Wasser hin und her schaukelten und ich mir irgendwann in meinen Trockenanzug pisste, sodass die warme Brühe mein vor Kälte zitterndes Bein hinunterlief. Mein Steuermann rief irgendwas wie: „Mach dir nichts draus, das hält wenigstens warm!“
Da drängte sich mir dann doch sehr plötzlich die Frage auf, warum ich mir diesen Mist überhaupt antat, zumal es mir noch nie so richtig wichtig gewesen war, irgendwas zu gewinnen.
In dieser Zeit wurde bereits das massive Betonfundament für einen standhaften und erbitterten Widerstand gegen die mannigfaltigen Formen der Leistungsgesellschaft und ihre vielfältigen Bullshitausprägungen gelegt. Leider hat diese Zeit aber auch tiefe Spuren in mir hinterlassen:
Ehrlich gesagt trage ich innerlich einen kleinen fiesen Kerl mit einer Peitsche mit mir herum. Wo andere mit dem Schweinehund kämpfen, kämpfe ich eher dagegen, mal wieder weit über meine persönlichen Grenzen zu gehen. Vielleicht ist das auch der eigentliche Grund meiner Reise: dieses permanente „Höher, besser, weiter!“ zu überlisten. Denn wen interessiert es wirklich, ob ich an Tag zwei von 350 nun 100 km, 150 km oder 200 km gefahren bin?
Innerlich schoss ich dem Vater des Kindes – und damit auch allem, was ich mit ihm in Verbindung brachte – Blitze entgegen. Währenddessen änderte sich die Landschaft und auch der Geruch. Saftiger Piniengeruch wechselte sich mit dem Duft von frisch lasiertem Holz und dem wohlig vertrauten Geruch von Kohleöfen ab. Ich hatte wohl unbemerkt die Grenze nach Tschechien überquert!
Ahoj Česko!
Mit Tschechien verbinde ich abseits unserer Segel-Bootcamps wirklich nur gute Erinnerungen. Zuallererst muss ich an meinen Opa denken, einen ehemaligen Förster, der uns zusammen mit meiner Oma öfter in seinem grauen Opel Vectra über die Grenze zu einer riesengroßen Portion Knödel und Gulasch kutschierte. Dazu gab es den einen oder anderen Pullover mit zwei Streifen und Videokassetten, die Disneyfilme in schlechter Schwarz-Weiß-Kopie enthielten und oft willkürlich einfach abbrachen, wenn es gerade so richtig spannend wurde.
Dann muss ich auch an Skiferienlager in meiner Jugend denken. An Kümmelbrötchen, superdünnes Klopapier, das am Arsch kratzte, meinen Bruder, der wieder eine riesige Süßigkeitenpackung aus der Metro mitgeschmuggelt hatte, die daraus resultierenden Verstopfungen (oder Übelkeit … oder beides zusammen), Diskokekse und später – bei unseren Klassenfahrten voller pickliger, pubertierender Berliner Rüpel – an scheußliche Himbeervodka-Alkopops, diverse Skihüttenromanzen, die exakt zwei Wochen lang hielten, und diesen unbeschreiblichen Genuss elternfreier Freiheit!
Und natürlich auch an die tschechischen Busfahrer, die mit ihren tiefen, verrauchten Stimmen sicherlich bereits den einen oder anderen Actionhelden synchronisiert hatten.
Zurück zur Gegenwart
Nun ist es nicht mehr 2007, sondern 2026, aber äußerlich hat sich zumindest auf den ersten Blick in Tschechien gar nicht so viel verändert. Und das meine ich nicht herablassend. Es ist eher so, als ob ein Ort aus Kindheitserinnerungen, den man inzwischen längst verloren glaubte, immer noch genauso existiert wie zum Beispiel … 90er-TV-Werbeclips. Für mich ist die Tschechei ein bisschen so etwas wie Osteuropa-light. Oder wie die verträumte Landschaft einer Modelleisenbahn:
Dort steht ein Plattenbäuchen neben einem rostenden Krähnchen, dicht gedrängt an einem Bergbaugebietchen, während sich ein Hexenhäuschen an einen tiefgrünen Nadelbaum schmiegt. Auch die Musik, die aus den vielen gemütlich-touristischen Kaschemmen dröhnt, ist irgendwann in den 80ern oder 90ern hängen geblieben. Jetzt gerade, während ich diese Zeilen hier schreibe, erklingt im Hintergrund der Best-of-Soundtrack meiner … Eltern. :-D
Fitte, braungebrannte Girls radeln zusammen mit ihren – dem Äußeren nach auch etwas mit Bären verwandten – urigen Typen in Radklamotten ausschließlich in Grellpink (Ladies) und Neongelb (Gents).
Dazu kommt eine Vielzahl anderer rollender Untersätze, wie diese Erwachsenenroller und Inliner mit Skistöcken. Trendsportarten, die es wohl nie so richtig über die tschechische Grenze hinausgeschafft haben. Schade eigentlich – ich mag sie jedenfalls viel lieber als diese gottverdammten E-Scooter.
Dann: ein lang ersehnter Zwischenstopp bei einem Imbiss samt tüchtig gerötetem Betreiber mit breitem Grinsen. Nein, hier findet der Radreisende keine neumodischen, zehnfach alkoholreduzierten, isotopgeboosteten Brauexperimente. Hier gibt es nur Bier! Aber dafür richtig gutes Bier! Und zwar zu jeder Uhrzeit. Frühstück? Bier! Mittag? Bier! Abends … Ihr versteht schon.
Als ich den Betreiber nach einer wohltuenden Faulenzpause, bei der sich auch mein inneres Peitschenmännchen einmal zur Ruhe gesetzt hatte, darum bat, meine Trinkflaschen neu zu befüllen, lachte er mich an:
„Soll ich da wirklich Leitungswasser reinfüllen? Oder wie wäre es stattdessen einfach … mit etwas kühlem Bier?“





















Klingt spannend, Deine Unterhaltung mit Hila. Die polnischen Glatzen sind nicht weniger nationalistisch als die deutschen, nur polnisch.
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