Tag 3 / Den Schlamm der Tage reiten / km 380
Reisender vs. Urlauber
Es gibt einen wesentlichen Unterschied, der Reisende und Urlauber voneinander trennt:
Urlauber stibitzen sich oft die Kirschen von der Sahnetorte des Reiseerlebnisses – denn jeder kostbare Tag zählt! –, während Reisende das volle Spektrum ihrer Umwelt und deren Widrigkeiten zu spüren bekommen.
Und so kann es sein, dass Du an einem Tag im Garten Eden übernachtest und am darauffolgenden unter der B90. Man weiß also nie so richtig, was einen erwartet, selbst wenn man denkt, man wüsste es besser.
Gestern ging der bittere Kelch der bösen Überraschung gerade noch einmal an mir vorbei: Als ich mich auf den Weg zum auf Google hoch angepriesenen „Beach Resort Camping“ machte und dabei an zwei Zementwerken vorbeifuhr, wurde ich langsam stutzig. Angekommen erinnerte die plattgetretene, versandete Wiese eher an eine Hommage an die Savanne als an einen Erholungsort. Wie Elefanten waren Wohnwagenkolonnen aneinandergereiht. Diesem Ort fehlte jede Spur von Freude. Einzelne dickbäuchige Touristen mit Dosenbier an schrubbeligen Plastiktischen schmachteten trostlos in Richtung der untergehenden Sonne, die zwischen Jauchesilos und rostendem Baggerpanorama verglimmte. Dieser Anblick konnte bei mir nicht so recht das Beach-Feeling erwecken.
Noch war allerdings genügend Tageslicht vorhanden, also machte ich mich sprichwörtlich aus dem Staub – und hatte Glück: Ich landete auf einem wirklich netten Campingplatz.
Herzlich willkommen im Matsch
Heute hingegen sah die Sache anders aus. Eine massive Regenfront rollte über Tschechien hinweg und verwandelte den eh schon anspruchsvollen Single-Trail nebst ausufernden Wurzeltentakeln in ein Schlammparadies erster Güte. Dazu kamen diverse Abstecher über Ackerland, die den Boden in die mir so verhasste klebrige Tonerde verwandelten. Ein kleines Mädchen in pinken Regenstiefeln tapste freudig von Pfütze zu Pfütze und winkte mir lächelnd zu – aber heute winkte ich nicht zurück.
Ich sah nach kurzer Zeit aus, als hätte ich bei Takeshi’s Castle ALLE Herausforderungen bis zum bitteren Ende durchgefochten. Matsch an den Füßen, an allen Radtaschen und sogar am Helm. Um den Grad meiner Verschlammung fachmännisch begutachten zu lassen, besuchte ich scherzweise ein anständiges Restaurant.
Empfangen mich die Kellner mit einem Lächeln, ist alles okay. Heute jedoch drehten sich alle Köpfe nach mir um, die Musik setzte für einen Moment aus und die Rezeptionistin kam meiner Frage zuvor: „Sorry, no camping here, please leave.“
Urlauber würden an diesem Punkt wohl eine wütende 0,5-Sterne-Review auf dem Portal ihrer Wahl in die Tasten hämmern. Als Reisender hingegen begriff ich schnell: Dat wird heute nix mehr mit der feinen Manier. Zeit für Plan XYZ.
Plan X: Das geliebte Zelt irgendwo zwischen stacheliges Wurzelwerk stellen (nicht so gut). Plan Y: Mit Fahrrad und Klamotten in die Elbe springen, um den Schlamm loszuwerden (naja). Plan Z: Von Ort zu Ort gurken, solange es noch hell war.
Also zog ich verschlammt von Etablissement zu Etablissement, bis mir ein netter Chinese in einem Minimarkt immerhin freundlich meinen Einkauf bis zum Rad hinterhertrug. Ob nun aus Höflichkeit oder Mitleid, sei dahingestellt.
Als das Tageslicht sich dann doch endgültig verabschiedete, stand ich vor meiner letzten Wahl des Tages: einem verlassenen, dunklen Campingplatz, vor dem ein Käfig mit Wellensittichen stand, die traurig hin und her flatterten. Das war das einzige unheimliche Lebenszeichen dieses Unortes.
Aus Erschöpfung, aber auch als Protest gegen diesen Tag stellte ich mein Zelt direkt vor dem Campingplatz am Fluss auf und kochte pappige Nudeln auf den Bänken des geschlossenen Campingrestaurants, während ein paar prollige Tschechen auf ihrem Miniboot lautstarke Gespräche führten (bestimmt über die Autofahrerpartei?).
Gestern noch wurde ich von einer süßen Kellnerin mit noch süßerem Palatschinken umgarnt. Heute verkoste ich mein angebranntes Wurstersatzprodukt im roten Schein meiner inzwischen immerhin funktionierenden Stirnlampe.
Der Urlauber in mir schüttelt den Kopf und der Reisende weiß: Morgen kommt ein neuer Tag.

















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