Tag 4 / Elba, ti amo!


Entschlammung Deluxe

Auch ich liebe Bike-Videos, in denen Schlammfetzen in Slow Motion durch die Luft – und am besten auch in das Objektiv der Kamera – fliegen, während sich die Reifen, gleich einem Propeller, immer weiter durch das klebrig-feuchte Erdreich wühlen.

Was in diesen Videos allerdings nie gezeigt wird, ist das Putzen danach! Wie lange es dauert, diesen ganzen Schnodder wieder abzuwaschen! Denn leider hat Schlamm die unangenehme Eigenschaft, bei Kontakt mit Wasser fast unsichtbar zu werden und später wieder aufzutauchen. Unterwegs auf einer längeren Radtour ist das noch einmal etwas schwieriger, da der erlösende Gartenschlauch nicht immer zu finden ist und ich meine Finger von Hochdruckreinigern lasse.

Zwei Stunden stand ich mit meinem Minischwamm also heute Morgen an der Elbe und schrubbte, was die Finger hergaben. Und nicht nur mein Rad – sondern auch alle Taschen und die Kleidung gleich mit. Ganz ehrlich: Mountainbiker müssen doch im tiefsten Herzen Putzfanatiker sein, wenn sie nach einem Tag Schlammfest gefühlt einen zweiten benötigen, um nicht wie ein Klärwerkarbeiter auszusehen (nix gegen Klärwerkarbeiter!).

Natürlich kam im Moment meiner Entschlammung auch Herr Griesgram vorbei, aka Herr der traurigen Wellensittiche, aka Herr des Campingplatzes. Langsam, ganz langsam fuhr er in einem grauen Transporter und mit grauem Hemd an mir vorbei (wie könnte es anders sein), die Gesichtszüge verbissen, einen knochigen Zeigefinger tadelnd hin und her schwenkend. „Das ist ein Privatplatz hier. Hier herrscht Ordnung, bitte!“ Na, sieh mal einer an – da ist jemand deutscher als der deutsche schrubbende Schmutz … ich mein Putzfink :-D

Während ich so die klebrige braune Masse entfernte … oder verteilte, musste ich auch ein bisschen über den Fluss neben mir sinnieren – die liebe Elbe.

Amore mio, Elbe!

Inzwischen kenne ich sie schon von der Mündung bis zur Quelle. Man könnte sagen, mein Tourengeradel begann um 2019 in Hamburg mit täglichen „Ausfluchtfahrten“ aus der großen Stadt. Gerne erinnere ich mich an erste Tagesausflüge mit Charlotte nach Cuxhaven, an die riesigen Containerschiffe, die scheinbar durch das Dünengras schwebten, und die Möwen, die hoch im Himmel kreischten und mit dem Sturm tanzten. Dann die vielen Gespräche mit Ai Nuh in meinem Lieblingscafé Entenwerder direkt an der Norderelbe. Der durchdringende, strenge Blick ihrer großen, dunklen, fragenden Augen bei unseren Vor-Corona-Spaziergängen, der alle meine Flausen und Lebenspirouetten schon vorhersehen konnte.

Dann 2020 die Glampingtouren mit Sophie und Thomke, mit wunderbar leckeren Mandelmus-Cashew-Müslifrühstücken, den vielen schweren Glasflaschen auf unseren Gepäckträgern und Besuchen in Biomärkten quer durch das sachsen-anhaltische Hinterland (die es tatsächlich wirklich gab!).

Später dann die Radtour mit DER Sophie und unserem (?) Jagdhund Dora. Die flatternden Schlappohren aus dem Anhänger und ihre lange Schnauze, die sich wie ein Radarkopf um alle Achsen drehen – und in alle Richtungen schnuppern konnte. Die Minigolfmomente nahe Königstein und die viel zu kalten, viel zu feuchten Mainächte. Und letztendlich 2025 meine Reise zur Elbquelle, die ich – abgesehen von den Touristenscharen – fast schon übersehen hätte, wäre nicht ein großes Schild auf sie gerichtet gewesen.

Orte als Bewahrer der Zeit

All diese Momente, Begegnungen und Beziehungen sind mittlerweile vom Fluss der Zeit weggetragen worden, und dennoch bleiben mir die Erinnerungen, wenn ich die entsprechenden Stellen erneut abfahre. Es ist mir fast so, als ob Orte ihre eigene Form von Gedächtnis hätten – oder zumindest den Schlüssel dazu. Immer wieder ploppen konkrete Erinnerungen an bestimmten Stellen auf, als wäre es gerade erst gestern gewesen.

Dabei steht gerade das Wasser für Veränderung, Vergänglichkeit und das Unbegreifliche. Ich denke, ich habe inzwischen viele dieser Erinnerungen losgelassen. Dadurch konnten sie sich verändern. Sie begleiten mich nun auf eine stille Art wie alte Bekannte, denen ich gerne innerlich zuwinke.

Flüsse werden also nicht ohne Grund als Lebensadern bezeichnet, und es stimmt mich sehr traurig zu sehen, wie sich die Veränderungen des Klimawandels auch in der Elbe abzeichnen: durch brüchig trockene Flussbetten, algiges Wasser und einen Geruch, der eher Stillstand als fließende Bewegung andeutet. Durch die verschiedenen Staustufen wird der Wassermangel zwar etwas kaschiert, aber spürbar ist er dennoch für mich, der nun einige Jahre des Vergleichs heranziehen kann.

Am Pegel Dresden wurden Mitte August nur noch 51 cm gemessen; der dort angegebene durchschnittliche Pegel liegt bei ungefähr 1,60 m. Und das ist auch kein kurzfristiges Phänomen: 2025 war ebenfalls bereits ein extremes Niedrigwasserjahr. In Torgau wurde am 8. Juli 2025 der niedrigste Tagesdurchfluss seit mehr als 50 Jahren registriert; eine Messstation musste wegen Wassermangels wochenlang abgeschaltet werden. (Quelle: Wasser.sachsen.de)

Ich bin mir sicher, dass mir das Thema Wasser – beziehungsweise Wasserknappheit – entlang meiner Reise noch öfter begegnen wird, und ich werde gerne darüber schreiben.

Fürs Erste werde ich nun den Lauf der Elbe verlassen und mich in Richtung Weichsel nach Krakau bewegen. Für mich steht jedenfalls fest:

Elba, ti amo!













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