Tag 5 / Die Pirulloetappe
Ich schreibe diesen Eintrag heute von einem Heuballen, den ich mir als improvisierten Stehtisch eingerichtet habe. Denn so richtig ist mir noch keine Idee gekommen, wie ich das aus dem Zelt heraus in der Sitzposition gut mit meinem iPad hinbekomme. Wie heißt das doch so schön: Not macht erfinderisch?
Heute war jedenfalls ein besonderer Tag: meine erste Bergetappe! Denn auch wenn man das Adlergebirge nun schwer als Hochgebirge bezeichnen kann: Die Höhenmeter haben es ganz schön in sich. Mein Navi sagt, dass es insgesamt 1.400 Höhenmeter auf 100 km waren.
Dabei sind fiese, langgezogene Hügel nicht gerade meine Spezialität. Sie ziehen sich und ziehen sich und zwingen einen dadurch, gut mit der eigenen Kraft hauszuhalten.
Dazu kommt ein schweres Reiserad mit vier voll beladenen Taschen und Wasser – nicht unbedingt ein Fliegengewicht des Radsports.
Muckis wirst Du brauchen
Um Energie zu tanken, setzte ich mich an einen Bahnhof, um Toms Ziegel aka den Feigenfladen zu verdrücken, der eine Billion Kalorien und ebenso viele Ballaststoffe enthält (und auch genauso schmeckt: wie ein Ziegel :-D).
Dabei wurde eine tschechische Familie auf mich aufmerksam, die aus drei Kindern, einer Oma und wahrscheinlich der Mutter bestand. Die Oma verteilte gerade die tschechische Variante von russischen Süßigkeiten an die Kleinen, da sprach mich die Älteste in perfektem Englisch mit amerikanischem Akzent an – sie war etwa 13 Jahre alt.
„Wow, das ist aber ein voll bepacktes Rad. Fährst Du noch weit?“
Ich nannte ihr mein heutiges Tagesziel.
„Wir fahren auch gerne Fahrrad, aber nur kleine Runden. Oder Roller. Aber die echten Roller, nicht die elektrischen. Die wurden gerade in Prag verboten.“
„Weil zu viele Menschen bei Unfällen gestorben sind. Boom!“, grinste der Jüngste, der dank seiner blonden Locken später bestimmt in einer Surfer- oder Boyband gute Chancen haben könnte.
Vorsichtig ging ich meinem Verdacht nach:
„Haben Eure Roller große Räder?“
„Ja!“, erwiderte der mittelgroße Junge mit Nirvana-Shirt in ebenfalls perfektem amerikanischem Englisch. „Vorne ein großes und hinten ein kleines. Die Dinger sind cool! Meine Schwester hat einen und meine Mutter auch!“
Ich wusste es! Diese Rollertrendsportart ist in Tschechien einfach nicht totzukriegen.
Die Mutter sprach kein Englisch, dafür fast akzentfreies Deutsch:
„Bei uns war es in den letzten Wochen auch sehr heiß. Auch bei uns brannten die Wälder wie bei Euch in Deutschland und es gab parallel auch eine Überflutung. Verrückt ist das! Wie viele Kilometer fährst Du pro Tag?“
Ich antwortete: täglich so etwa 100 bis 150 km.
Die Oma, die offensichtlich nur Tschechisch sprach, ließ sich unterdessen alles von den kleinen, smarten Kids übersetzen. Plötzlich zwickte sie mir mit einer geschickten Bewegung, die ich dieser hochbetagten Frau nicht zugetraut hätte in die Beine und lachte.
Auch die Mutter lachte: „Muckis hast Du jedenfalls, meint sie. Und die wirst Du hier auch brauchen!“
Die Pirullo-Skala
Nachdem ich die illustre Runde verlassen hatte, wurde mir schnell klar, was sie damit meinte.
Ich reise aktuell mit einem Garmin-Navi, das einem die Anstiege in verschiedenen Farben anzeigt: Grün bedeutet ebenerdig oder abschüssig, Gelb leichter Anstieg bis 5 %, Orange 5 bis 10 % und Rot alles über 10 %.
Da sich diese Zahlen hier eh keiner merken kann, nenne ich das einfach mal die Pirullo-Skala. Genau – wie das Wassereis, das Abstufungen in mehreren Geschmacksrichtungen enthält.
Pirullo Normal (grün, gelb, rot) bedeutet: Alles gut – den Anstieg kriegst Du schon halbwegs hin.
Pirullo Berries Edition (orange, rot, dunkelrot): Jetzt fühlst Du die Höhenmeter so richtig.
Und Pirullo Dark Berries (rot, dunkelrot, fast schwarz): Die Oberschenkel brennen!
Drei Gipfel gab es zu erklimmen. Und während der erste noch „Pirullo Normal“ war, wurden die darauffolgenden deutlich anspruchsvoller.
Das Wagnis
Zwischendurch kam ich dann noch auf eine weitere smarte Idee. Ich dachte: Hey, Dr. ChatGPT empfiehlt eine alte Steinbrücke im Adlergebirge. Das sind doch nur zehn Kilometer Umweg – die schaust Du Dir jetzt mal an!
Einen Umweg während einer laufenden Route in das Navi einzugeben, stellte sich allerdings als das wahre Abenteuer heraus.
Dazu muss ich kurz erwähnen, dass ich Komoot, eine App vor allem fürs Handy und den PC, mit Garmin kombiniere und so eine möglichst lange Akkulaufzeit meines Smartphones bei gleichzeitigem Komfort der Routenplanung am PC genießen möchte.
Findet Ihr den Fehler?
Unterwegs habe ich natürlich keinen PC dabei – außer mein iPad, das ich eigentlich nur zum Schreiben dieser Blogeinträge verwende.
Wie sich herausstellte, stellte mein kleiner Umweg das ganze System auf eine harte Probe: Komoot kann zwar offline Routen speichern, verweigert allerdings jegliche Routenplanung ohne Internetverbindung. Und die gibt’s im Riesengebirge natürlich nicht immer.
Garmin hingegen – oh, wo fange ich da an!?
Wer auch immer die Menüführung programmiert hat, muss einen Abschluss in „Ich mache es so kompliziert wie irgend möglich“ mit Prädikat Überzeugungstäter absolviert haben.
ALLES, angefangen von der Tastatur auf dem Display bis zur komplett kontraintuitiven Menüführung, die an den verrümpelten Dachstuhl eines Messihauses erinnert, ist aufgeblasen.
Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis ich – parallel an zwei Geräten hantierend – meinen kleinen Umweg eingegeben hatte.
Und siehe da: Es war natürlich eine Pirullo-Berries-Route!
Murphy’s Law is catching you!
Ich habe eine merkwürdige Beobachtung gemacht: Immer wenn es richtig anstrengend wird, kommt von irgendwoher jemand den Hang hinuntergeschwebt und winkt Dir zu, als ob Deine schweißtreibende Mühe ja nun wirklich gar nicht so ein Ding wäre!
Dieses Mal kamen mir bei den Gipfeln – ungelogen! – die unterschiedlichsten Gestalten entgegen:
Bei Gipfel eins ein frisch geduschtes Gravelbike-Pärchen im Crème-brûlée-Partneroutfit, das mir sehr instagrammable entgegenlächelte.
Bei Gipfel zwei ein Rentner in einer Art elektrischem Dreirad, der MITTEN AUS DEM NIRGENDWO angecruist kam.
Und bei Gipfel Nummer drei gleich eine ganze Gang von too-cool-to-be-true-Harley-Davidson-Motorradlern, die mich in einer Wolke voller Midlife-Crisis-Abgase hinter sich ließen.
Murphy, gib’s zu – das ist doch Dein Werk gewesen!
Bei Gipfel vier – dem Zusatzgipfel dank Umweg – stand jedoch unten am Hang eine Familie mit zwei kleinen Mädchen, die mich von der Seite anfeuerten und mir High Fives gaben.
Murphy, hattest Du da etwa ein schlechtes Gewissen? :-D
Die Wilde Adler
Der zehn Kilometer lange und gefühlt 400 Höhenmeter schwere Abstecher hatte sich übrigens gelohnt.
Die Wilde Adler ist ein wunderbar verwunschenes Wandergebiet, das mit grün bemoosten Wegen und klarem Wasser besticht.
Und auch sonst erinnert mich die Landschaft an eine Mischung aus Alpenvorland – samt der Holzhütten, die mit ihren Eisschildern und nettem Personal zum Pausieren einladen – und saftig grünen, frisch gemähten Wiesen, die diesen unvergleichlich frischen Geruch durch die rollenden Hügel tragen.
Auch das scheint ein unausgesprochenes Gesetz zu sein: Je anstrengender eine Etappe ist, desto schöner ist sie meistens auch.
Während die Ohrenkneifer und Nachtfalter hier an meinem Heuballen über mein iPad krabbeln, blicke ich jedenfalls auf eine anspruchsvolle Pirullo-Etappe zurück.
Und ja – ich werde zukünftig mehr Abweichungen zulassen.
Denn die lohnen sich meistens.





















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