Tag 6 - Das Brandenburg Feeling

 

Es gibt Tage, da startest Du mit voller Begeisterung und Tatendrang ins Geschehen. Und dann gibt es Tage, mit denen weißt Du so gar nichts richtig anzufangen. Ich nenne Letztere: das Brandenburg-Feeling.


Wenn die Nacktschnecke der Wespe hallo sagt

Heute zum Beispiel, da grüßte mich gleich am Morgen eine Nacktschnecke aus meinem Radschuh. Tachchen auch. Sie hatte es sich dort über Nacht bequem gemacht und gleich noch hinein gekackt – na fein.

Ein Blick auf das Regenradar verhieß auch nichts Gutes: Zwar schien eben noch die Sonne, allerdings ballte sich über großen Teilen Westeuropas eine massive Regenfront zusammen, die mich ganz sicher, ganz bald einholen würde.

Also fahre ich los – und plötzlich taucht aus dem Nichts eine Wespe auf und sticht mir mitten ins Gesicht. Wofür war das, bitte!?

Dann überlege ich, was ich über das Grenzgebiet zwischen Tschechien und Polen erzählen könnte, aber mein Hirn wird konsequent von den holprigen Straßen durchgeschüttelt und ich kann keinen klaren Gedanken fassen.

Später möchte ich gern den Dönermann der Liebe besuchen, dem ich letztes Jahr auf der Route begegnet bin und der extra für seine holde Maid das warme Istanbul gegen das kühle tschechisch-polnosche Bergenland eingetauscht hat. Auf türkisch erzählte er mir letztes Jahr seine bewegende Geschichte. Wäre es da nicht an der Zeit für eine Fortsetzung? 

Aber kaum nähere ich mich seinem Geschäft, veranstalten Presslufthämmer eine Meistersymphonie des akustischen Grauens vor seiner Eingangstür und ein Besuch käme eher einer Geißel gleich als einem wohltönenden Abstecher.


Von außen und von innen

Und dann ist da noch eine banale Angelegenheit, die jede*r Langzeitreisende wohl kennt: Kaum schrubbst Du Dir den Schweiß einmal von der Pelle, triefst Du nach dem nächsten Anstieg schon wieder.

Fängt es dann auch noch an zu regnen, kommt das Wasser von überall – also von außen und von innen – und Du weißt gar nicht mehr, was Du anziehen, ausziehen oder umziehen sollst.

Jedenfalls schwamm ich schon den gesamten Tag über gefühlt in diversen Zuständen von Schweiß und ergab mich dem Flow … der Dinge.

Das Brandenburg-Feeling.


Derbe lost in Brandenburg

Als Jugendliche wollten uns unsere Eltern etwas Gutes tun und zerrten uns in die sogenannte Natur. Also vor die Tore Berlins – da, wo Eichhörnchen, Wildschweine und Nazi sich gute Nacht sagen: Brandenburg.

Dein Märkischer Sand riesele. Dein Kiefernzapfen rolle. Deine Randboulette komme. Amen.

Doch wir als pubertierende Jugendliche sahen in diesen Ausflügen vor allem eine schmerzliche Abwesenheit von unserem PC – dem eigentlichen Mittelpunkt unserer Existenz.

Heute würde man wohl sagen: Zwei Teens waren derbe lost in Brandenburg.

Besonders schlimm war es in unserem Müggelheimer Garten, den wir dank anhaltender Autolosigkeit nur per ÖPNV erreichen konnten. Das war Tarifbereich C! Also übersetzt: Warst Du einmal da, saßt Du so richtig in der Falle.

Oft stocherte ich lustlos im trockenen Nadelboden herum oder nervte meinen Bruder aus Langeweile.

Der war ebenfalls gelangweilt, sodass er mir immer wieder die Knöpfe meiner No-Name-Bobkit-Knopfhose aufriss. Einmal – daran erinnere ich mich noch deutlich – bolzte er lustlos einen Fußball am Gartentor entlang und erwischte statt des Balls einen Hundekothaufen, der sich neckisch unter den braunen Blättern versteckt hatte.

Ich prustete laut los, um ihn auszulachen – wir waren zu dieser Zeit beide eher gehässig unterwegs – da schmeckte ich plötzlich eine leicht klebrige, bittere, der Konsistenz nach schokoladenähnliche Substanz in meinem Mund.

Karma? 

Nein.

Das Brandenburg-Feeling.

Auch schon vor Rainald Grebe ein Hit.

Sowas prägt.


Chemie hilft, oder?

Und während ich in der Jetztzeit an den leicht heruntergekommenen Betonbauten des Grenzgebiets vorbeiradele, über das Wikipedia sicherlich viele spannende historische Begebenheiten verlautbaren würde, überlege ich, was mir damals wirklich geholfen hatte:

Chemie natürlich!

Also stoppte ich am erstbesten Eisshop und stopfte tschechische Eis- und Süßwarenerzeugnisse aller Couleur in mich hinein. Eis, Slush, Frappochino, let's go! Die meisten natürlich mit langer E-Farbstoff-Inhaltsliste.

Und während sich die Regenfront immer weiter über mir zusammenbraute und mein Zuckerhigh die ganze Welt in leuchtende Plastikfarben hüllte, bemerkte ich plötzlich eine kuriose Darbietung auf dem Marktplatz von Ostravice vor mir:

Da veranstalteten Sportler*innen mitten unter den düsteren Wolken mit großen Gesten und imposantem Lautsprecherwagen einen Stabhochsprungwettbewerb mitten auf dem Marktplatz.

Als der Regen dann mit voller Kraft herunterdonnerte und sich die Zuschauer in ihre Höhlen zurückzogen, war das Spektakel allerdings längst noch nicht vorbei. Alle Sportler*innen hockten weiterhin geduldig unter dem Minizelt des Technikers – die 90er-Trancemucke verbreitete leicht psychotischen und après-ski-mäßigen Optimismus.

Kaum platschten die letzten Tropfen auf den Asphalt, holten die Athlet*innen ihre langen Hüpfstäbchen hervor, dehnten und streckten sich in ihren sehr tighten Anzügchen und setzten erneut zum Wettkampf an.

Wie machen die das? Sind sie vielleicht immun gegen das B-Feeling?


Einfach weitermachen

Auch bei meiner weiteren vierstündigen Fahrt durch den Regen sah ich immer wieder Jogger*innen, die – als gäbe es den Regen überhaupt nicht – munter über die tschechischen Felder hüpften, als wären sie vergnügte Antilopen.

Hatten sie vielleicht ein Gegenmittel gefunden?

Ich war derbe beeindruckt.

 

Also radelte ich und radelte ich. Und dann wurde es mir plötzlich klar:

Im Zweifelsfall hilft einfach nur: weitermachen und lieb mit sich sein.

Und so habe ich es heute zwar nicht mehr zu einer warmen Dusche geschafft und mein Zelt irgendwo im Dunkeln an einer Hochwasserschutzanlage aufgebaut.

Aber das Brandenburg-Feeling ist immerhin weg. Und meine Haare sind endlich wieder fresh!

Zumindest für heute.

 














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