Tag 7 / Die wahrscheinlich einzig lebende Jüdin in Oświęcim
Ich sitze gerade in einem wunderbaren polnischen Restaurant in Oświęcim, das mir von Einheimischen empfohlen wurde. Es sieht ein bisschen aus wie ein Hexenhaus. Schon beim Einlass wurde mir von einer der unglaublich emsigen Kellnerinnen gesagt, dass ich ca. anderthalb Stunden auf mein Essen warten müsse – also habe ich jetzt etwas Zeit zum Schreiben. :-)
Zurück in Polen
Polen – ich bin gerne hier. Die Veränderungen zu Tschechien sind schon beim Überqueren der Grenze zu spüren: Die Männer haben plötzlich keine Haare mehr auf dem Kopf, sind durchtrainiert und präsentieren stolz mindestens ein sichtbares Tattoo, das ihren ausgeformten Bizeps betont. Die Autos sind immer frisch poliert und kommen meistens von deutschen Autobauern wie Audi oder BMW. Und die Kirchen sehen aus wie riesige Raumschiffe aus den 60ern, die vergessen wurden und nun auf den Tag der christlichen Auferstehung warten.
2025 – also letztes Jahr – habe ich bereits eine ausgedehnte Radtour entlang der Weichsel unternommen und mich dort vor allem mit der jüdischen Geschichte – und der deutschen Verantwortung – befasst. Dem Besuch von Auschwitz im Besonderen werde ich noch einmal einen eigenen Beitrag widmen, da er mich letztes Jahr tief berührt hat. Meine diesjährige Wiederkehr stellt also so etwas wie einen zweiten Blick dar.
Morgen bin ich in Kraków mit zwei Freunden verabredet, die ich 2023 auf einer Wanderung in der Türkei kennengelernt habe. Carson (USA) und Laura (Albanien) sind ein spannendes Paar, und unsere wirklich kuriose Kennenlerngeschichte werde ich Euch in einem anderen Beitrag beschreiben – habt also bitte noch etwas Geduld.
Polen vom Fahrradsattel aus
Zunächst möchte ich Euch erst einmal den Eindruck beschreiben, wie es ist, mit dem Rad durch Polen zu fahren. Da ich mit einem schweren Reiserad unterwegs bin, muss ich auf konventionelle Radwege zurückgreifen und habe nur wenige Schotterpisten und Waldwege eingeplant. In Polen bedeutet das vorwiegend: Straße fahren. Denn Radwege im konventionell deutschen Sinne gibt es nur abschnittsweise – wie z. B. eine ehemalige Bahntrasse, die zu einem überschatteten und sehr komfortablen Radweg umgebaut wurde.
Dabei kommt mir immer wieder die Ähnlichkeit zu Nordamerika in den Sinn: der weite Himmel, an dem sich in großem Panorama die Wetterentwicklung abzeichnet, die oberirdischen Stromleitungen, die die Straßen in großen Bögen überspannen, und auch die zersiedelten Ortschaften. Vieles erinnert mich an meine Zeit in Rhode Island, USA, 2004–2005, als ich dort Austauschschüler war. Auch die unzähligen Werbeschilder für Burgerbuden und neue Produkte wie z.B. Rasenroboter erwecken den Eindruck, dass Amerikanismus bzw. Kapitalismus hier ausladend zelebriert wird.
Dazu kommt, dass viele der Gegenden eindeutig für das Auto gebaut und gedacht sind. Mir begegneten zwei Kids auf BMX und Scooter, die irgendwo verloren im Wald an einer Schnellstraße entlangdümpelten, weil es einfach keine Bürgersteige gab.
Hinter akkurat getrimmten Hecken
Besonders aufgefallen sind mir allerdings die vielen verschiedenen Einfamilienhäuser, die – zumindest in den Gegenden, durch die ich gefahren bin – einen aufstrebenden Wohlstand bzw. Mittelstand erkennen lassen. Hinter akkurat konstruierten Metallzäunen prangte der Millimeter genau getrimmte, spießige Rasen. Auch die Hecken wurden fachgerecht geometrisch frisiert. Anders als in Deutschland gleichen die Häuser einander nur selten in Stil, Farbe oder Form – sondern verkörpern vielmehr den individuellen Stolz ihrer Besitzer. Im Gesamtbild ergibt das ein Sammelsurium, das mich irgendwie auch an Sim-City erinnert.
Mähroboter gingen still ihren Diensten nach, aufgeladen von modernen Solarpanels, die stolz im Vorgarten errichtet wurden. Nur: Menschen trifft man kaum. Und wenn, dann muss man sie schon zwischen all den Zaunlatten und Mauern suchen.
Es ist ein sonderbarer Eindruck, der bei mir dabei entsteht.
Auf der einen Seite gönne ich all diesen Menschen ihren Wohlstand und ihren Stolz. Auf der anderen Seite befällt mich auch eine Art Klaustrophobie – als würde ich durch die goldenen Stäbe eines Käfigs auf eine domestizierte Version des Lebens schauen, die einfach nicht zu mir passt.
Ich jedenfalls bleibe gerne weiter auf der wilden, schrubbeligen Seite des Daseins.
Ein Zwischenstopp in Oświęcim
Die 100 Kilometer bis Auschwitz waren schnell bewältigt. Ich musste meine Pferde heute etwas im Zaum halten, damit ich nicht zu schnell in Kraków bin, da meine Gastgeber erst am Samstag Zeit haben würde.
Also machte ich einen Abstecher ins Café Bergson. Das Café befindet sich im Kluger Family House, dem ehemaligen Wohnhaus einer jüdischen Familie, und liegt unmittelbar neben der Chevra-Lomdei-Mishnayot-Synagoge, der einzigen erhaltenen Synagoge von Oświęcim bzw. Auschwitz.
Als ich den schattigen Garten des Cafés durchstreifte, klingelte mein Smartphone plötzlich mit einer dringlichen Nachricht:
„WARNUNG! Starke Stürme, Wind und schwerer Regen angesagt für heute und morgen. Stromausfälle möglich! Vermeiden Sie es, sich in offenem Gelände aufzuhalten!“
Die Nachricht wurde vom polnischen Wetterdienst auf Englisch verschickt und glich einer apokalyptischen Verlautbarung. Besorgt wandte ich mich an eine der Personen im Café. Sie antwortete mit einer abfälligen Handbewegung:
„Ach, das sind nur automatische Nachrichten. Schau mal hier.“
Sie scrollte durch eine lange Liste.
„Diese Meldungen habe ich allein in der letzten Woche bekommen.“
Ein Gespräch über jüdisches Leben in Polen
Das Café war mit einem jüdischen Museum verbunden, und so nutzte ich die Gelegenheit, mein lückenhaftes Wissen etwas aufzufrischen.
„Entschuldige bitte die direkte Frage, aber könntest Du mir etwas über das heutige jüdische Leben in Polen erzählen?“
Hila antwortete:
„Kein Problem! Ich betreibe zusammen mit meinem Mann diesen Ort hier. Google mal meinen Namen, dann findest Du eine lange Liste über mich: Hila Weisz-Gut. Ein deutscher Name, was natürlich ironisch ist im Kontext meiner Erfahrungen. Was möchtest Du denn wissen?“
„Mich interessiert vor allem, wie die jüdische Gemeinschaft mit dem Erbe der Verfolgung in Polen umgeht. Ich habe auf meiner letzten Tour viele Museen und Gedenkorte gesehen, aber kaum Zeichen gegenwärtigen jüdischen Lebens“, fragte ich sie, verschwitzt und verstaubt in meinen Radklamotten.
„Na, das liegt daran, dass es in Polen nur zerstreute Gemeinschaften gibt! Du hast hier die wahrscheinlich einzige hier lebende Jüdin von Auschwitz getroffen. Meine Großeltern haben das Konzentrationslager gerade so überlebt. Für viele Israelis ist Polen zum Beispiel verfluchtes Land. In ihren Augen haben die Polen mit den Deutschen kollaboriert.“
Bei solch direkten Aussagen traute ich mich nachzufragen:
„Und warum bist Du dann hier geblieben?“
Sie antwortete:
„Na, warum wohl? Wegen der Liebe natürlich! Abgesehen davon würde es mein Mann in Israel nicht aushalten. Weißt Du, die Polen sind … flach. Wenn wir Israelis zum Beispiel Auto fahren, schreien und verfluchen wir uns gegenseitig hinter geschlossener Windschutzscheibe. Das ist bei uns völlig normal. Hast Du die Polen mal beobachtet?“
Habe ich tatsächlich. Sie bremsen meist vorbildlich an jedem Zebrastreifen und blinken sogar vor dem Überholen – in Osteuropa eigentlich eine Unart.
„DIE jüdische Kultur gibt es hier allerdings auch nicht. Und es gibt auch nicht DIE Juden. Wir identifizieren uns zuallererst mit unserer Nation und dann mit unserer kulturellen Zugehörigkeit. Deshalb bleiben wir leider weiterhin zersplittert. Die Gläubigen aus unserer jüdischen Gemeinde gehen zum Beispiel in die Synagoge und bleiben dann unter sich. Meine Großeltern werden von Polen immer noch aus dem Auto heraus beschimpft, dass sie das Blut ihrer Kinder trinken würden. Das ist echt unheimlich.“
Dann kam sie auf die aktuelle politische Situation zu sprechen. Sie erzählte von ihrem Eindruck, dass pro-palästinensische Proteste in Polen stärker geduldet würden als pro-israelische Positionen und dass es zuletzt Konflikte bei Feierlichkeiten gegeben habe.
Dann wurde das Gespräch deutlich politischer. Hila sprach über Migration und den Nahostkonflikt – und vertrat dabei Positionen, bei denen ich merkte, dass ich ihnen nicht ohne Weiteres folgen konnte.
„In gewisser Weise bin ich froh darüber, was in Spanien gerade passiert ist. Da seht ihr wenigstens, was ihr von Eurer offenen europäischen Immigrationskultur habt. In England flüchten einige Jüd*innen teilweise schon, weil sie dort seitens immigrierter Palestinenser*innen nur noch Konfrontation begegnen. Die Polen haben zumindest im Punkt Migration alles richtig gemacht - dass sie von Anfang an sehr restriktiv mit Kriegsflüchtlingen umgegangen sind.“
Auf dieses Statement fielen mir viele Nachfragen gleichzeitig ein, und ich witterte akutes politisches Glatteis. Einige ihrer Aussagen hätte ich gerne hinterfragt oder zumindest genauer eingeordnet. Da ich allerdings keinen Notizblock dabeihatte und unser Gespräch nicht aufzeichnete, wollte ich die Angelegenheit an dieser Stelle nicht weiter vertiefen. Gerade bei einem so sensiblen Thema erschien mir die genaue Ausdrucksweise wichtiger als eine später aus dem Gedächtnis rekonstruierte Diskussion.
Zudem duldete ihr strenger, durchdringender Blick auch nicht unbedingt viel Widerrede. Was sollte ich ihr als durchreisende Kartoffel auf die Schnelle auch entgegnen? Für eine Debatte über Antisemitismus, Migration und den Nahostkonflikt zwischen zwei Schlucken Kaffee und 100 Kilometern in den Beinen fühlte ich mich jedenfalls nur mäßig qualifiziert.
Das jüdische Leben in Polen scheint mir jedenfalls weiterhin ein komplexes und polarisiertes Thema zu sein – historisch wie gegenwärtig. Und dieses kurze Gespräch hatte mir vor allem gezeigt, wie wenig davon sich von außen erkennen lässt.
Ich verabschiedete mich und bat abschließend noch um eine Camping- und eine Restaurantempfehlung, da ich ganz dringend eine Dusche und viele, viele Kalorien benötigte.
Sie antwortete: „Oświęcim ist ein Rentnerkaff. Hier kannst Du schon mal für Deine Pensionierung üben! Gegen 18:30 Uhr werden hier die Bürgersteige hochgeklappt! Aber hier sind ein paar Adressen für Dich.“
Ich bedankte mich und verließ mit schwirrendem Kopf das Café.
Das gechillte Chill Out Garden-Camp
Das Chill Out Garden-Camp überzeugte mich schon vom Namen her. Als ich es dann zwischen all den eingezäunten Konservendosen und einer UFO-Kirche sah, deren Kreuz gebieterisch leuchtete, musste ich fast laut loslachen.
Das Camp sah so aus, als hätte jemand einen Parkplatz mit Rollrasen ausgekleidet, einen Duschcontainer draufgestellt und ein nettes Schild drangemalt.
Die Gastgeberin – natürlich komplett in Pink gekleidet und mit blondierten Haaren – ließ sich jedoch sehr viel Zeit, um einer Gruppe von Touristen ganz Auschwitz bzw. Oświęcim zu beschreiben. Ihre Tochter harkte derweil gewissenhaft und auch ein bisschen angenervt den Rasen.
Ein Familienunternehmen also!
Ich saß komplett verschwitzt und am ganzen Körper mit einer Panade aus polnischem Sand garniert auf einer Aloha-Couch und betrachtete schmunzelnd das Geschehen.
Auf einmal bebte die Couch, als Maciej, ein natürlich glatzköpfiger, muskulöser Proppen, sich neben mich pflanzte.
„Zeig mal Deine Uhr her, die ist ja nett.“
Ohne richtig zu begreifen, was da gerade vor sich ging, händigte ich ihm meine Uhr aus. Er drehte sie fachmännisch um.
„Ah, wusste ich es doch! Thailändisches Produkt! Schau mal hier, das ist meine.“
Er reichte mir seine Uhr, die meiner Casio zum Verwechseln ähnlich sah.
„Die kommt aus Japan. Das siehst Du hinten am Siegel. Hat ein viel belastbareres Gummiband. Die kannst Du eigentlich zu allem gebrauchen. Ich nehme sie manchmal als Spielzeug vom Arm ab und schmeiß sie meinen Kindern zu wie einen Ball. Geht nicht kaputt! Ich mag die so sehr, da hab ich gleich zwei von gekauft!“
„Aha“, erwiderte ich.
Die Campbetreiberin, die einen sehr chilligen Kugelschreiber mit einer Bob-Marley-artig wippenden Figur am Radiergummiende in der Hand hielt, grüßte mich freundlich, eine Limonadenkaraffe in der anderen Hand.
„Ah! Da hast Du wohl meinen Ehemann kennengelernt. Er ist Feuerwehrmann!“
Ich wollte die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen und hakte nach:
„Wegen des Unwetters: Wird das heute Nacht schlimm?“
Maciej antwortete:
„Ach, das. Kann sein, kann nicht sein. Wenn es zu schlimm werden sollte, klingelst Du einfach bei uns zu Hause und kommst in unseren Caravan. Wir haben da immer noch einen frei.“
Na siehste – ich war also in besten Händen.
Auch wenn es mit der Bezahlung ein paar Probleme gab und ich mir nun die App Revolut installieren durfte
.. bzw. musste, fühlte ich mich auf Anhieb wohl im chilligen Chill-Out-Camp.
Schnell hatte ich mein Zelt aufgebaut, um vor dem drohenden Unwetter das Wichtigste noch zu erledigen: duschen und essen.
Um seinem Namen gerecht zu werden, trugen mir die beiden tatsächlich eine fest montierte Hängematte vor mein Zelt.
“Falls es mal ungemütlich da drinnen werden sollte!”
Zwischen Teigtaschen und Weltuntergang
Und damit schließt sich der Kreis.
Zwischen deftigen Teigtaschen und urig-kräftigem schwarzen Bier lasse ich diesen eindrucksvollen Tag ausklingen.
Für den Fall eines kräftigen Unwetters hätte ich schon fast meinen Super-Titan-Kackspatenhering in den Boden gerammt.
Aber nur fast.
Bis dahin genieße ich diese super leckeren Teigtaschen, die viel weniger als anderthalb Stunden zum Zubereiten gebraucht haben.






























"Super-Titan-Kackspatenhering" - Gear porn, please!
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