Tag 8 / Als ich über Auschwitz-Birkenau stolperte


Der Sturm kam dann tatsächlich doch noch. Heftig zerrte er an meiner Zeltkonstruktion, die dem Wind zum Glück standhielt. Als ich am nächsten Morgen etwas zerknautscht meine übliche Morgenroutine begann – bestehend aus Porridgekochen, Klamottenentstauben und Putzen, was auch immer ich finden konnte – leistete mir die gesprächige Campbesitzerin Gesellschaft und putzte ebenfalls die einzige Dusche des Camps.


„Ich nehme meine Kinder bestimmt jedes zweite Jahr einmal mit nach Auschwitz-Birkenau. Es ist mir sehr wichtig, dass sie diesen Ort mit eigenen Augen sehen – auch wenn das vielleicht unangenehm für sie sein sollte. Aber vor allem die Jugend braucht diese Eindrücke, denn sonst verblasst die Erinnerung.“

Sie berichtete mir, dass sie eigentlich als Kindergärtnerin arbeitete und sich mit dem Campingplatz einen Ort nur für sich geschaffen habe, an dem sie neue, nette Leute kennenlernen und ihnen gute Energie geben könne.

„Wenn man’s ehrlich nimmt, verhalten sich viele Gäste ja auch ein bisschen wie die Kinder. Obwohl – 99 Prozent der Menschen, die hier auftauchen, sind wirklich sehr nett. Na ja, und das restliche Prozent gibt es wohl überall.“

Ich machte ihr ein Kompliment zur Einrichtung dieses Ortes, der ganz unverkennbar ihre liebevolle und übelst kitschige Handschrift zeigte, während sie aus ein bis zwei Metern Abstand gezielt den kleinen Topf einer Zimmerpflanze mit dem Gartenschlauch anvisierte – und auch traf. Da hatte sie wohl etwas von ihrem Mann gelernt!

„Manchmal kommen auch Überlebende des Camps zurück nach Auschwitz. Ich bin immer wieder überrascht, wie freundlich sie trotz ihrer schrecklichen Erfahrungen sind. Der Wunsch, den sie wirklich alle wiederholen, ist, dass sich so ein Ereignis nie wiederholen möge. Das berührt mich immer wieder, das aus ihrem Mund zu hören.“

Inzwischen putzte sie gewissenhaft den Spiegel der kleinen Abwaschnische mit pinken Einweghandschuhen. Darüber war natürlich eine Vielzahl geflochtener Stroh- und Palmenblätter gewickelt.

„Einmal kamen ein paar polnische Jugendliche hierher. Sie waren der festen Überzeugung, dass alles rund um die NS-Konzentrationslager nur Fake sei. Sie waren der Meinung, dass sie sich als Polen nicht mit diesem Thema beschäftigen müssten. Das haben sie natürlich von ihrer Familie gehört. Hier gibt es immer noch viele Menschen, die versuchen, so weit wie möglich über die Kriegszeit zu schweigen. Sie erzählen Märchengeschichten, die ihre Kinder dann auch glauben. Das hat mich wirklich erschüttert.“

Ich versuchte mir vorzustellen, wie eine Gruppe polnischer Schulkinder über das weite Gelände von Birkenau lief und dabei auf ihre Smartphones starrte. Wieso mir gerade dieses Bild in den Kopf kam, wusste ich allerdings nicht.

Dabei erinnerte ich mich plötzlich an meinen eigenen Besuch in Auschwitz-Birkenau im August 2025 – den Tag, an dem ich fast selbst über das KZ gestolpert bin.


Als ich fast über das KZ Auschwitz-Birkenau stolperte

Als Radfahrer ist man schon gern einmal in einer Art Trance unterwegs. Vor allem wenn Regen, Hunger und Kälte die Wahrnehmung auf einen engen, nach vorn gerichteten Korridor verengen. Außerdem sind die meisten Orte in meiner Navi-App in ihrer Landessprache angegeben, sodass ich den Ortsnamen Oświęcim zunächst nicht mit Auschwitz in Verbindung brachte.

Im August letzten Jahres gab es, ähnlich wie dieses Jahr, heftige kalte Regenschauer, die meine Aufmerksamkeit vollkommen vereinnahmten. Blind folgte ich meiner Route über Feldwege und durch enge Waldalleen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich einmal zitternd bei prasselndem Regen neben einer Sportanlage auf das Ende eines Schauers wartete. Ein polnischer Mann spazierte derweil in aller Seelenruhe mit einem Regenschirm an mir vorbei, ohne mich auch nur einmal zu grüßen oder anzuschauen.

Genervt von dieser Gleichgültigkeit fuhr ich schnurstracks die Allee weiter, bis plötzlich vor mir die Wachtürme und der Zaun des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz II-Birkenau auftauchten.

Durch den Starkregen und die späte Uhrzeit war das weite Gelände nahezu menschenleer, sodass ich die historische Bedeutung dieses Ortes zunächst gar nicht richtig registrierte. Was ich allerdings sofort registrierte, war dieses unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden. Die Wachtürme standen in großem Abstand voneinander, wirkten aber wie stille Wächter, deren spitz bedachte Silhouetten über das Gelände blickten.

Und das Gelände ist riesig. Baracken, Zäune und Wachtürme ziehen sich weit in die Landschaft hinein. Ich fuhr an den dunklen, leblosen Augen der Gebäude vorbei, deren Umrisse sich im Dämmerlicht und im spiegelnden Regen vom dunklen Wald abhoben.

Erst als ich bis zum Torhaus von Birkenau geradelt war und an den langen Gleisen stand, über die während des Zweiten Weltkriegs Deportationszüge in das Lager fuhren, registrierte ich plötzlich wirklich, wo ich mich befand.

Dieser Eindruck des im Dämmerlicht und kühlen Schauer lauernden Lagers ließ mich nicht mehr los. Ich spürte, dass ich hier nicht einfach weiterfahren konnte, ohne mich genauer mit diesem Ort zu beschäftigen.

Also unterbrach ich meine Tour und suchte nach einem Hotel, während es weiter wie aus Strömen schüttete.

Mein Hotel lag etwas abgelegen und sah äußerlich wie ein verwinkeltes, überdimensionales Hexenhaus mit Spitzdach aus. Das Interieur war üppig im viktorianischen Stil eingerichtet: opulente Kronleuchter, gemusterte Tapeten, grüne Samtbezüge und restaurierte Möbel aus dunklem, reich verziertem Holz.

Die wunderschöne Rezeptionistin – zu diesem Zeitpunkt war ich noch ziemlich geflasht davon, wie attraktiv polnische Frauen sind – starrte gelangweilt auf einen riesigen, gold eingerahmten Flachbildschirm, auf dem in hoher Lautstärke polnische Nachrichten in Dauerschleife liefen.

Ich bekam ein Zimmer im obersten Stockwerk des verwinkelten Hauses und war zunächst, wie so oft, damit beschäftigt, mein Gepäck und mich komplett auseinanderzunehmen, abzuduschen und alles irgendwie wieder trocken zu bekommen.

Als ich jedoch das Fenster meines kleinen Dachstübchens öffnete, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich von meinem Hotelzimmer direkt auf das ehemalige Lagergelände blicken konnte.

Da es immer noch stürmte und regnete, wiegten sich die nun fast schwarzen Baumwipfel wie stille Teilnehmer eines Trauerzuges im Wind. Und mir war für einen Moment, als wären die Geister der gequälten und verlorenen Menschen dieser schrecklichen Vergangenheit noch immer an diesem Ort präsent.


Eine dreieinhalbstündige Führung

Es ist nicht leicht, kurzfristig einen Platz für eine etwa dreieinhalbstündige Führung durch die Gedenkstätte zu bekommen – besonders nicht in der touristischen Hochsaison. Ich bekam von der Rezeptionistin den Tipp, auf der Website nach kurzfristig frei gewordenen Plätzen Ausschau zu halten oder notfalls frühmorgens zum Museumseingang zu fahren.

Letzteres tat ich am nächsten Tag.

Die Führung führte durch Auschwitz I, das sogenannte Stammlager, und anschließend durch Auschwitz II-Birkenau. Sie wurde von einer Guide geleitet, deren Familie bereits vor der deutschen Besatzung in Oświęcim gelebt hatte und im Zuge der Errichtung und Erweiterung des Lagerkomplexes aus ihrem Zuhause vertrieben worden war.

Sie erzählte auch von den Erfahrungen ihrer eigenen Familie. Durch diese familiär überlieferten Geschichten bekamen viele der historischen Ereignisse einen persönlicheren und eindringlicheren Charakter.

Was mich allerdings am meisten bewegte, waren die Dimensionen und die bis ins Detail organisierte, perfide Struktur des Lagerkomplexes.

Auschwitz war dabei nicht von Anfang an das Vernichtungszentrum, als das wir es heute vor allem kennen. Auschwitz I wurde 1940 zunächst als Konzentrationslager eingerichtet, vor allem für polnische politische Gefangene. Ab 1942 entwickelte sich Auschwitz-Birkenau im Zuge der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegen die europäischen Jüdinnen und Juden zu einem der zentralen Orte des Holocaust.

Um es ganz hart zu formulieren: Der Massenmord wurde zunehmend systematisiert und technisch organisiert.

Besonders erschütternd fand ich die Geschichte von Zyklon B. Das Mittel war ursprünglich ein Schädlingsbekämpfungsmittel und wurde im Lager auch zur Entlausung eingesetzt. Im September 1941 setzte die SS es in Auschwitz I erstmals versuchsweise zur Ermordung von Menschen ein: Etwa 600 sowjetische Kriegsgefangene und rund 250 kranke polnische Häftlinge wurden im Keller von Block 11 mit dem Giftgas ermordet. Später wurde Zyklon B zum zentralen Mordmittel in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau.

Die nüchterne Suche nach Möglichkeiten, immer größere Zahlen von Menschen in immer kürzerer Zeit zu ermorden, ließ mir die Haare zu Berge stehen.

Wenn man an den Orten steht, an denen Menschen systematisch ihrer Persönlichkeit, ihrer Würde und schließlich ihres Lebens beraubt wurden, wird das Menschenbild sichtbar, das hinter diesem System stand: Menschen wurden zu Nummern, zu Arbeitskraft oder zu Körpern degradiert, die vernichtet werden sollten.


Medizin ohne Menschlichkeit

Auch die medizinischen Experimente an Häftlingen waren barbarisch.

In Auschwitz führten verschiedene SS-Ärzte Versuche an Menschen durch. Dazu gehörten unter anderem Sterilisationsversuche von Carl Clauberg und Horst Schumann. Clauberg experimentierte vor allem an Frauen mit chemischen Methoden zur massenhaften Sterilisation; Schumann setzte Frauen und Männer hoher Röntgenstrahlung aus, um ihre Fortpflanzungsorgane zu schädigen.

Daneben wurden Häftlinge für Medikamententests missbraucht. Ärzte erprobten unter anderem Präparate im Auftrag der I.G. Farbenindustrie und insbesondere der zu I.G. Farben gehörenden Bayer-Sparte. Die Versuchspersonen litten teilweise unter schweren Nebenwirkungen, und einige starben infolge der Versuche.

Dabei ist allerdings wichtig: Es wäre irreführend zu behaupten, heutige Pharmaunternehmen würden unmittelbar von medizinischen Erkenntnissen aus diesen Versuchen profitieren. Einen solchen direkten Nutzen kann man nicht seriös behaupten. Bayer war damals Teil der I.G. Farben und ist historisch unmittelbar mit Medikamentenversuchen an KZ-Häftlingen verbunden. BASF gehörte ebenfalls zum I.G.-Farben-Konzern, ist für die Medikamentenversuche in Auschwitz aber nicht in derselben Weise als verantwortliche Pharmasparte belegt.

Was von diesen Verbrechen bis heute nachwirkt, ist vielmehr eine fundamentale Frage der medizinischen Ethik: Was darf Forschung am Menschen? Welche Grenzen darf ein Arzt niemals überschreiten? Und was geschieht, wenn Medizin den einzelnen Menschen nicht mehr als Menschen betrachtet?

Gerade die Sterilisationsversuche an Frauen zeigten auf erschreckende Weise, wie Ärzte ihre „Patientinnen“ entmenschlichten – und wie eine menschenverachtende Ideologie ihnen offenbar die Rechtfertigung dafür lieferte, ihre medizinischen Fähigkeiten nicht zum Heilen, sondern zum Verstümmeln und Vernichten einzusetzen.


Räume über Räume

Wir hasteten über das Gelände, weil es so weitläufig ist.

Es gab Räume, in denen Koffer und Habseligkeiten der Deportierten aufgetürmt waren. Auch von beeinträchtigten Menschen, die natürlich auch in das Visier der NS-“Säuberungspolik” gelangten. Jeder einzelne Gegenstand steht dabei für eine zerstörte Lebensgeschichte, die durch Verfolgung, Deportation und in sehr vielen Fällen durch Mord gewaltsam zerstört wurde.

Dann gab es einen Raum, in dem uns unsere Guide mehrfach ausdrücklich darum bat, nicht zu fotografieren.

Dort liegen noch heute große Mengen menschlichen Haars. Den ermordeten Frauen wurde nach der Vergasung das Haar abgeschnitten. Es wurde anschließend industriell verwertet und unter anderem zur Herstellung von Textilien verwendet.

Wie schon gesagt: Es ist besonders diese Effizienz des Grauens, die mir in Erinnerung geblieben ist.

Bei der Ankunft der Deportationszüge in Birkenau wurden Menschen während der sogenannten Selektion häufig innerhalb weniger Augenblicke danach eingeteilt, ob die SS sie vorerst zur Zwangsarbeit einsetzen wollte oder ob sie unmittelbar ermordet werden sollten. Vor allem Kinder, ältere Menschen, viele Frauen mit kleinen Kindern sowie Kranke und Menschen, die als nicht arbeitsfähig eingestuft wurden, wurden häufig direkt in die Gaskammern geschickt.

Das Lager war eine Maschinerie der Ausbeutung und Vernichtung, deren Abläufe immer weiter organisiert und rationalisiert wurden.

All das liest sich vielleicht wie ein Text aus einem Geschichtsbuch. Aber wenn man wirklich a den Gleisen von Birkenau steht, bekommt dieses abstrakte Wissen plötzlich eine physische Dimension.


Ein Ende mit Schrecken, aber nicht mit Schweigen

Als die Rote Armee Anfang 1945 näher rückte, begann die SS, Spuren ihrer Verbrechen systematisch zu beseitigen.

Krematorien II und III mit ihren Gaskammern wurden teilweise demontiert und im Januar 1945 gesprengt. Krematorium IV war bereits nach dem Aufstand des Sonderkommandos im Oktober 1944 schwer beschädigt und anschließend abgetragen worden. Krematorium V wurde am 26. Januar 1945 gesprengt – nur einen Tag bevor Soldaten der Roten Armee Auschwitz erreichten und die noch dort befindlichen Häftlinge befreiten.

Ich saß jedenfalls vor diesen Trümmern und sagte mir immer wieder:

All dies ist weniger als 100 Jahre her.

Nicht einmal 100 fucking Jahre!

Was sind 100 Jahre schon im Kontext der menschlichen Geschichte? Wohl nicht mehr als ein Wimpernschlag.

In unserer Reisegruppe entstand bald eine Diskussion darüber, welche Bezüge man zwischen Auschwitz und gegenwärtiger Politik überhaupt ziehen darf: Es ging um die Abschiebungs- und Internierungspolitik der USA und um den Umgang Israels mit den Palästinenser*innen, insbesondere im Gazastreifen. Dabei fiel auch die Frage: Haben wir aus dieser Vergangenheit überhaupt etwas gelernt?

Ich enthielt mich der Diskussion.

Nicht, weil ich diese Fragen unwichtig fand, sondern weil mir an diesem Ort jeder schnelle historische Vergleich unangemessen erschien. Auschwitz steht in seinem historischen Kontext für die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik und insbesondere für den systematischen Massenmord a den europäischen Jüdinnen und Juden. Gegenwärtige politische Ereignisse können und müssen diskutiert werden – aber ihre Einordnung braucht ihre eigenen Begriffe, Fakten und historischen Zusammenhänge.


Ich weiß noch, dass ich nach diesem Besuch zwei Tage lang schwieg.

Aus dem Bedürfnis heraus, der Erinnerung Raum zu geben. Aus einer Trauer, die nicht meine persönliche Trauer war und die ich mir auch nicht aneignen wollte – die mich aber dennoch tief berührte.

Und aus Entsetzen darüber, wie anschaulich ein Ort wie Auschwitz zeigt, wozu Menschen, Institutionen und Staaten fähig werden können, wenn eine menschenverachtende Ideologie mit Entmenschlichung, Bürokratie, Opportunismus, Gehorsam und Gewalt zusammenkommt.

Dann kamen mir plötzlich wieder die Worte der Campbesitzerin in den Sinn:

Wichtig ist vor allem, dass wir diese Dinge nicht vergessen. Dass wir darüber reden und begreifen, wozu Menschen in der Lage sind.

Denn menschenverachtende Ideologien gab es, gibt es – und wird es wohl auch weiterhin geben.

Bitte besucht diesen Ort selbst, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt.

 











 


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