Tag 9 / Kraków – Die Germanifizierung des Abenteuers

 


Ich sitze gerade im Meho Café in 
Kraków, einem Café im ehemaligen Wohnhaus des polnischen Malers Józef Mehoffer. Alles passt ins Bild: der schattige Garten, der nach Bohème und gedankenverlorenen Porträts im späten Nachmittagslicht anmutet; die internationalen Touristen, die über Dating-Apps und andere … zeitgenössische Themen sprechen.

Nur der Typ in den Outdoorlatschen und Sportklamotten fällt etwas aus dem Raster. Dabei hat er immerhin ein iPad dabei und ein überteuertes farbiges Getränk: Bohème-Faktor +0,1!

Plan E oder F

Aktuell besuche ich die Albanerin Laura (24) und den US-Amerikaner Carson (irgendwas Ende 40) in ihrem Krakauer Apartment, das sich direkt gegenüber der österreichischen Botschaft in der touristenüberlaufenen Innenstadt befindet.

Ach ja, und dann ist da auch noch Sisi, eine gut gealterte Chihuahua-Dame, die mich aus ihrem Körbchen auf dem spiegelnden Apartmentboden missbilligend mit beiden Augen und sehr großen Ohren verfolgt.

Ich lernte das ziemlich ungewöhnliche Pärchen 2023 auf einer Wandertour in der Türkei kennen. Dieser Geschichte werde ich allerdings unter dem Titel „Attacke der Minihunde!“ noch einen gesonderten Beitrag widmen.

Das Spannende an Wanderbekanntschaften ist vor allem, dass sie Jahre überdauern können. Wir sahen uns damals gerade einmal drei Tage – als ich Carson drei Jahre später anschrieb, sagte er mir sofort eine Unterkunft zu.

Als ich gestern nach meiner Krakau-Etappe die letzten Stufen zu ihrer Dachgeschosswohnung erklomm, fiel mir zuerst ein aufgeklappter Laptop inmitten zahlreicher Papiere auf. Carson war erst vor zwei Tagen aus San Diego, Kalifornien zurückgekehrt, wo er einige Angelegenheiten zu klären hatte. Er knabberte noch sichtlich an seinem Jetlag.

„Wir befinden uns gerade in der bürokratischen Hölle! Wenn man hier überhaupt noch von Plänen sprechen kann, sind wir mittlerweile bei Plan E oder F.“

Er beschrieb mir die Situation folgendermaßen: Laura, die in Krakau ein Studium der Internationalen Beziehungen begonnen hat, wartet auf die notwendigen Aufenthaltspapiere. Da sich das Verfahren erheblich länger hinzieht als erwartet, hängt sie in einem Behördenkarussell fest. Carson und Laura erleben die polnische Migrationsbürokratie dabei als zunehmend restriktiv und schwer durchschaubar.

„Und zwar mit Websites ausschließlich auf Polnisch, die nicht einmal polnische Experten, die wir zur Beratung hinzugezogen haben, verstehen. Es ist eine Katastrophe.“

Ihr Ursprünglicher Plan war es eigentlich, ihr Studium in den USA zu beginnen. Als Trump jedoch letzten September aus einer Laune heraus, oder in “his infinite wisdom” - wie Carson sarkastisch bemerkte - viele Länder auf die schwarze Liste gesetzt hatte, fiel darunter auch Albanien.


„Mein wunderschön gehegter Plan, ihr auf einem kalifornischem Gipfel einen Heiratsantrag zu machen, fiel damit genauso flach wie alle weiteren Pläne, die wir bis dahin gemeinsam gemacht hatten.“

Auch in Polen fühlen sich die beiden inzwischen festgefahren: Laura wartet auf die Entscheidung der Behörden, während auch Carson sich Gedanken darüber machen muss, wie lange und unter welchen Bedingungen er als US-Amerikaner im Land bleiben kann.

„Ich bin durch mit Polen“, beschreibt er seine Situation ganz direkt. „Wenn Du Dich in einem Land nicht willkommen fühlst, ist Dir die wunderschöne Architektur hier irgendwann egal.“

Laura pflichtet ihm bei, während sie nebenbei ein wunderbares Essen aus einer Kombination aus albanischem Salat und amerikanischer Farmerküche vorbereitet.

„Ich bin aktuell nirgendwo zu Hause. Wenn ich zum Beispiel auf einen Flohmarkt gehe und dort eine schöne Vase entdecke, möchte ich sie gerne kaufen. Aber wenn Du in den nächsten Wochen vielleicht Deinen Koffer wieder packen musst – welchen Zweck hat das dann?“


Nirgendwo zu Hause

Laura erzählt mir, dass sie vor allem erst einmal aus Albanien wegmöchte.

„Our government is fucked“, gibt sie sehr direkt zu verstehen. „Und die Leute sind komplett demotiviert. Wenn ich zum Beispiel als Frau sportlich trainieren möchte, schauen Dich alle an und fragen: Wozu der ganze Stress? Außerdem finden sie immer noch, dass es sich für eine Frau nicht gehört, sich körperlich anzustrengen. Das haben sie vielleicht noch aus der osmanischen Zeit übernommen.“

Eine Sache, die ich an vielen Amerikanern schätze, ist, dass sie selten lange um den heißen Brei herumreden. Egal, ob es um persönliche Themen, Politik oder Religion geht: Sie kommen oft ziemlich schnell zum Punkt.

Wir hatten noch nicht einmal das erste Hühnchen im Mund, da ging es bereits los.

„Ich bin ehrlich mit Dir“, sagt Carson. „Ich bin islamophob. Und nachdem ich über zehn Jahre in Osteuropa, Südostasien und auch im Nahen Osten verbracht habe, werde ich mich dafür vor niemandem mehr rechtfertigen.“

Und danach, fast in einem Atemzug:

„Und ihr Deutschen seid echt am Arsch. Eure Regierung – vor allem die SPD mit Schröder und später auch Merkel – hat Euch echt beschissen. Alles Feiglinge. Hättet ihr Euch nicht so von russischen und amerikanischen Ressourcen abhängig gemacht und Euer Militär vernachlässigt, würdet ihr jetzt nicht bettelnd durch die Welt ziehen. Hätten deutsche Politiker wenigstens die Eier, sich bei ihrer Bevölkerung für ihr Versagen zu entschuldigen – vor allem die CDU –, würde sich die AfD innerhalb von ein, zwei Legislaturperioden auflösen, das garantiere ich Dir. Und dieser Schröder – oh – den würde ich an den Pranger stellen und öffentlich auspeitschen lassen, wenn ich ihr wäret. So ein Mistkerl!“

Da blieb mir doch glatt die Gabel im Rachen stecken.

Er fuhr fort – scheinbar musste er das gerade unbedingt loswerden:

„Aber mit den Polen komme ich ehrlich gesagt auch nicht so gut klar. Gehst Du zum Beispiel mit einem Polen saufen, betrinken sie sich maßlos den ganzen Abend lang. Du hältst die Unterhaltung am Laufen – aber dann kommt nichts zurück. Irgendwann fangen sie an, sich über alles zu beschweren, als ob sie hier im letzten Loch leben. Aber schau Dich doch mal um – hier hat sich mächtig was entwickelt! Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich 2004 mit dem Auto um Schlaglöcher herumfahren musste, die so groß wie die ganze Straße waren. Das ist doch längst nicht mehr der Fall! Ein trauriges, weinerliches Volk ist das.“

Da bin ich wohl wieder mal an einen Mann klarer Worte geraten.


Generation Ang-Z-t?

Aber auch Laura nimmt kein Blatt vor den Mund.

„Mit den Studierenden hier ist es nicht besser. Ach – diese Gen Z!“ Sie zählt sich übrigens selbst dazu. „Sie haben zuerst Angst vor sich selbst und dann Angst vor der Welt. Und vor allem: Sie wissen einfach nicht, wie man so richtig Spaß hat! Ich engagiere mich hier in mehreren Uniklubs. Alle versuchen, irgendwas zu organisieren, aber dann klappt nichts. Dann geht’s um die Frage, wer Verantwortung übernehmen möchte, und alle ducken sich weg. Aktuell verstehe ich mich am besten mit einer Inderin in einem Bauchtanzkurs für Ausländer – das sagt wohl alles!“


Während wir noch am selben Abend durch die Krakauer Fußgängermeile schlenderten, die aktuell komplett aufgerissen und wieder zusammengeflickt wird, verlieren die beiden dann tatsächlich auch noch ein paar positive Worte über ihr derzeitiges Gastgeberland.

„Schön ist es ja schon hier. Vor allem die Innenstadt.“

Laura trägt ein enganliegendes Kleid mit schwarzen Lackschuhen. Daneben: der amerikanische Bär und der deutsche Weltenbummler mit Helmfrisur in abgrundtief hässlichen Outdoorlatschen.

Ob sie uns diese modischen Fehlgriffe verzeihen würde?

„Ach, schau Dir doch diesen Ammi an! Der rennt auch noch mit Flip-Flops im Oktober durch den Matsch!“

Sie lacht herzlich, und die beiden umarmen sich liebevoll.

Dann hakt sie nach:

„Obwohl – er könnte mir schon manchmal ein bisschen besser die polnischen Männer vom Hals halten. Die baggern mich hier ziemlich offensiv an.“

Carson steigt sofort wieder ein – er redet scheinbar auch sehr gerne sehr viel:

„Siehst Du, wenn Du in Albanien mit Deinem besten Kumpel wegen irgendeines belanglosen Mists in eine Schlägerei gerätst – was in Albanien ziemlich oft passiert, weil die Leute sehr heißblütig sind –, dann ist das für Deinen und seinen besten Freund ein richtiges Problem. Er muss sich entscheiden, wem er dann die Fresse poliert, und meistens stellt er sich auf die Seite seines verwandten Cousins, auch wenn er Dich eigentlich mehr mag. Sorry, Bro! Ein ziemliches Dilemma.“

Carson lacht und schüttelt sich und lässt dabei seinen nicht ganz unbeachtlichen Bizeps spielen.


Und was ist jetzt mit Indien?

In der Bar angekommen, trinken wir ein polnisches Schwarzbier, das eher wie ein leichtes zitronen-Radler schmeckt, und ich stelle den beiden eine Frage, die mir schon lange auf dem Herzen liegt:

„Sagt mal, ihr beiden – ihr habt doch vor Kurzem erst Indien besucht. Würdet ihr dort mit einem Rad durchfahren? Und wenn ja: wo?“

Laura überlegt einen Moment.

„Als wir dort mit dem Flugzeug in Nordindien ankamen, konnten wir das Terminal vom Flugzeug aus nicht sehen – obwohl wir direkt davor standen, weil der Smog dermaßen schlimm war. Quasi eine Wand aus Smog! Wenn wir irgendwelche Treppen hochgelaufen sind, haben wir danach gekeucht wie ein altes Ehepaar. Das würde ich meinen Lungen nicht antun.“

Carson setzt fort:

„Wenn ich Du wäre, würde ich in eine südlichen Bereich fliegen – zum Beispiel nach Goa – und dann ostwärts durch das Land fahren, solange Du das durchhältst. Und falls es zu schlimm wird, kürzt Du den Weg zur Küste ab. Aber buche auf keinen Fall die billigsten Plätze im Zug! Dort werden Menschen wie Vieh reingestopft, auch wenn der Zug längst schon voll ist.“

Dann erzählt er von seinen eigenen Erfahrungen im Land:

„Ich hatte immer einen Bestechungs-Jack-Daniels dabei – weil die Polizei mich irgendwann so oft unter irgendwelchen Vorwänden vorgeladen hatte, dass ich mir dachte: Hey, wenn wir schon ein paar Nächte in der Zelle gemeinsam verbringen, können wir es uns wenigstens etwas gemütlich machen!“

Er hebt nachdenklich sein Glas.

„Indien wird Deine Grundlinie von dem, was menschlich vertretbar ist, komplett neu ausrichten. Ich erinnere mich noch, wie ich Bettler gesehen habe, die mutwillig verstümmelt worden waren, damit sie noch bemitleidenswerter aussehen. Auch wurden zwei meiner Kollegen in der Zeit dort überfahren. Diese Sachen bringen Dein Gehirn zum Explodieren. Irgendwann wirst Du gezwungen, das zu akzeptieren, weil Du es mit einem westlichen Mindset nicht mehr verstehen kannst. Nimm Dich in Acht vor Scammern – die sind innerhalb der letzten zehn Jahre in den Städten noch schlimmer geworden!“

All das stimmt mich nachdenklich. Denn mit Ende dreißig bin ich kein Draufgänger mehr, der unbedingt jeden Scheiß einmal gemacht haben muss, nur um ihn irgendwie überstanden zu haben.

Gleichzeitig inspirieren mich seine Berichte über herzliche Gastfreundschaft, atemberaubende Architektur, kulturelle Vielfalt und das vielfältige Essen.

Nach Carsons Erzählungen und meinen bisherigen Recherchen ergeben sich in meinem Kopf zwei mögliche Routen: eine weiter südlich, die andere durch den mittleren Norden, vorbei am Taj Mahal – das ich natürlich unbedingt mit eigenen Augen sehen möchte. Auf jeden Fall werde ich versuchen, die besonders dicht besiedelten und stark belasteten Regionen der Gangesebene zu meiden und mich möglichst von den großen Megastädten fernzuhalten.

Aber bis dahin habe ich ja noch die eine oder andere Herausforderung zu meistern.


Wenn Freunde hängen bleiben

Abends, zurück in ihrem Apartment, werden unsere Gespräche etwas sentimentaler. Carson berichtet, wie er mit Ende 40 seine Freunde in Kalifornien besuchte und von deren Lebenseinstellung ziemlich entgeistert war.

„Als ich meine Freunde besuchte, hatte ich irgendwie das Gefühl, dass sie aufgehört haben, ihr Leben zu leben. Es wenigstens zu versuchen! Früher haben wir gemeinsam Bier getrunken, weil es uns Freude bereitet hat. Jetzt habe ich den Eindruck, sie trinken, um ihrem Leben zu entkommen. Ich habe selbst selten etwas getrunken, weil ich viel zu gerne trainiere – aber während meiner Heimatreise habe ich mich irgendwann bewusst dafür entschieden, mich von einigen meiner Freunden zu distanzieren. Und das macht mich schon sehr traurig. Meine Heimat ist wohl nun gezwungenermaßen trotz diesem Behördenhickhack bei meiner Verlobten und unserem Hund.“

Carson ist in den vergangenen Jahren viele lange Trails quer durch die USA gewandert. Sein Traum ist es, Höhenwege im Himalaya zu meistern. Was ihm dabei aktuell in die Quere kommt, sind zwei Verletzungen der Achillessehne, die ihm ausgerechnet nicht auf Tour, sondern im Alltag passiert sind. Seitdem trainiert er gezielt die umliegende Muskulatur und versucht, sich langsam wieder heranzuarbeiten.

„Mach körperlich anstrengende Touren, solange Du das noch kannst! Diese Zeit kann schlagartig vorbei sein.“


Die Germanifizierung des Abenteuers

Auch ich spüre an diesem Abend nach unseren Unterhaltungen über Indien viel Unsicherheit.

„Wie kann ich herausfinden, ob etwas zu krass ist, bevor es passiert? Wie kann ich meine Planung so gestalten, dass ich Katastrophen vermeide, bevor the shit hits the fan?“

Carson lacht, sodass seine Brustmuskeln auf der Couch beben.

„Ach, ihr Deutschen! Jetzt versuchst Du wohl, Dein verrücktes Abenteuer zu germanifizieren! Du kannst das Unvorhersehbare nicht planen, genauso wenig, wie Du höhere Gewalt kontrollieren kannst. Du musst wohl lernen, damit zu leben, dass Du der Welt immer ein Stück weit ausgeliefert sein wirst. Aber glaub mir – nach Indien werden sich Thailand und alles hier in Europa wie ein Spaziergang anfühlen. Das garantiere ich Dir!“

Und so liege ich schließlich auf der Schlafcouch und bekomme kein Auge zu.

Und das, obwohl Sisi extra für mich ihren Lieblingsplatz auf der Couch geräumt hat und über ihre eigens für sie gebaute Treppe zum Bett dieses reiselustigen Pärchens emporstolziert ist.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass Chihuahuas echt nicht mein Ding sind.









 







 


Kommentare

Beliebte Posts