Was uns bleibt – von Istanbul nach Incheon

 
 
Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich ihr das erste Mal begegnet bin. Heesun war neu in unserem Türkischkurs der Dilmer-Schule in Istanbul und trug einen blauen Pullover mit einem aufgestickten Tiger. Zwischen ihren schwarzen, glatten Haaren blitzten zwei neugierige, schelmische Augen. Schon vom ersten Moment an hatte ich das Gefühl, dass sie mich durchschaute und meine etwas klopsige Art, sie übereifrig anzubaggern, auf ihre geduldige, hintersinnige Art genoss.
Das alles ereignete sich 2013 


 

In gebrochenem Türkisch scherzte ich in Istanbuler Teestuben mit den Kellnern, als ob Türkisch meine Muttersprache wäre – was sie ganz offensichtlich nicht war. Das gefiel Heesun genauso wie die halb betrunkenen, halb gekonnten nächtlichen Graffitiaktionen mit den teuersten und schlecht deckendsten Sprühdosen rund um den Bosporus.

 

High Heels und Sub Culture

Sie trug jedes Mal eines ihrer unzähligen High Heels, dazu teure Schals und wehende Kleider mit Leopardenmustern bei unseren improvisierten Erasmus-Kollektiv-Kunst-Performances und unseren oft auch unterirdisch klingenden Underground-Konzerten. Ich spielte damals meinen MicroKorg-Synthie, während Clement, ein sehr von sich überzeugter Belgier, der immer gerne seine E-Gitarre, bekleidet nur in einer weißen Unterhose, selbstverliebt im Takt zur Musik (und wahrscheinlich auch seines durch den Erasmusaufenthalt dauererregierten Gliedes) auf seinem Bett hin und her schwenkte. 

Dazu noch Ago, ein herzensguter italienischer DJ, der sehr, sehr, sehr viele Pläne hatte und für den es auch niemals Probleme gab, diese bis auf Weiteres zu verschieben. Ich konnte zu dieser Zeit ehrlich gesagt nur drei Noten auf meinem Synthie spielen – was auch wirklich niemanden störte, am wenigsten Heesun. 

Meine damals noch lockigen, langen Haare wehten im Wind der Klimaanlage, während Heesun den Muff des subkulturellen Etablissements in ihrem teuren Parfum erstickte.

Es dauerte keine drei Wochen, da wohnten wir bereits zusammen. Aus meinem Koffer, einer alten Türplatte und ein paar Brettern, an denen sich wahrscheinlich schon viele Hunde und Katzen Istanbuls olfaktorisch verewigt hatten, baute ich mir einen Behelfstisch, auf dem ich wenige Tage später bereits meine ersten Kurzgeschichten schrieb. Dazu hörte ich Fever Ray und Floex in Dauerschleife. Wir adoptierten eine Straßenkatze und tauften sie Flea Cat. Alles war gut.

Unsere Wohnung war geschnitten wie ein Hufeisen. Und so konnte ich sie heimlich beobachten, wie sie hinter fast zugezogenen Gardinen tagsüber mit blau scheinender Tageslichtlampe stundenlang Türkisch, Deutsch und Englisch parallel lernte, als gäbe es nichts anderes. Wegen der gnadenlosen anatolischen Hitze war sie oft nur in knapper Seidenunterwäsche bekleidet und spielte mit einer Hand gedankenverloren in ihren Haaren, was meinem dreiundzwanzigjährigen lüsternen Ich wirklich sehr gefiel.

Fliegende Gabeln und Telefone

Immer wieder hörte ich jedoch laute, boshafte Flüche aus dem Wohnzimmer, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Heesun stritt oft und hektisch mit ihrer Mutter, die es scheinbar noch nicht aufgegeben hatte, sie zur Rückkehr bewegen zu wollen. Immer wenn sie telefonierten, bekam ich Angst um ihr teures iPhone, das sie wild gestikulierend zwischen rosé lackierten Fingernägeln hin und her schwenkte. Und wenn sie launisch war, schmiss sie schon einmal ein paar Geschirrstücke, Gabeln oder was auch immer sie gerade finden konnte durch die Luft. Eine temperamentvolle Frau.

Was uns beide verband, war wohl unser Dickkopf. Wir beide wollten uns den Gegebenheiten, in die uns das Leben stecken wollte, nicht so recht anpassen. Sie hatte sich nach einem Leistungssportstudium und einem Heiratsantrag ihres damaligen Partners aus dem Staub gemacht, um in Istanbul ein neues Leben zu beginnen und sich als Fremdenführerin durchzuschlagen. Ich wurde dem Erasmus-Orgasmus-Leben immer mehr überdrüssig, das mir auf seine Art und Weise wie eine hedonistische Blase vorkam, die mich von der „echten“ Türkei abschirmte. Was uns beide verband, war, dass wir keine halben Sachen mochten und im Zweifelsfalle lieber mal einen Fehler mehr begingen als einen zu wenig. Dass wir uns ausgerechnet in einer Sprachschule begegneten, schien schicksalhaft, genauso wie die weitere Entwicklung dieser Geschichte.

Ein fataler Befund

Nicht einmal ein halbes Jahr, nachdem wir uns kennenlernten, musste sie aufgrund von Nierenschmerzen zurück in ihre Heimat Incheon, Südkorea, die sie zu diesem Zeitpunkt hasste wie die Pest und in die sie unter keinen Umständen zurückkehren wollte. Da sie jedoch über keine Krankenversicherung in der Türkei verfügte, war die mögliche Behandlung vor Ort dementsprechend notdürftig. Und auch das, obwohl mein damaliger Mitbewohner, der selbst in einem Krankenhaus arbeitete, alles Erdenkliche in seiner Macht tat, um uns zu helfen.

Als Heesun zurück in ihre Heimat kehrte, stellte sich jedoch schnell heraus, dass es sich bei ihrer Krankheit nicht um eine gewöhnliche Entzündung oder Ähnliches handelte – sondern um Krebs. Und dieser hatte bereits gestreut, sodass es keine Aussicht auf Genesung gab. Sie war nicht mal dreißig Jahre alt, als sie in einem Krankenhaus in Seoul verstarb.

Dies wusste ich jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht. Immer noch wartete ich in unserer gemeinsamen Wohnung auf ihre Rückkehr. Sie hatte mich gebeten, diese um jeden Preis zu behalten, da sie ihren Lebensmittelpunkt, aber auch das Leben verkörperte, das sie sich selbst gewählt hatte.

Vielleicht, um mich vor dieser grausamen Realität zu schützen, dünnte Heesun den Kontakt zu mir immer weiter aus und antwortete nur noch in großen Abständen und mit vagen Angaben. Es machte mich wahnsinnig, dass ich sie nicht besuchen konnte – etwas, das sie ausdrücklich nicht wollte und das ich respektierte. Nach einem ganzen Jahr Funkstille zwischen uns erhielt ich die Gewissheit durch ihre Mutter, die mir ihren Tod mitteilte und sich für all die Liebe und Anteilnahme bedankte, von der Heesun ihr immer wieder erzählt hatte.

Auch wenn inzwischen viel Zeit vergangen ist und ich mit vielen Menschen über diese Tragödie gesprochen habe, muss ich mir dennoch eingestehen, dass all das noch so lebendig in mir ist wie zu dieser Zeit. Ich habe während der Ereignisse den fundamentalen Glauben an das Gute und eine allgemeingültige Gerechtigkeit verloren.

Heesun war nicht einmal dreißig Jahre alt und hatte so viel vor – warum musste es ausgerechnet sie treffen?

Durch die große Distanz zwischen uns und die abgerissene Kommunikation befand ich mich ungefähr zwei Jahre in einem Limbo, in dem es mir weder möglich war, mit der Situation abzuschließen, noch mich auf mein eigenes gegenwärtiges Leben einzulassen.

Rückkehr nach Istanbul und zwei Erkenntnisse

Als ich Istanbul 2017 zusammen mit drei guten Freunden aus Deutschland besuchte, hinterließen mir meine damaligen Mitbewohner einen Koffer mit all ihren persönlichen Gegenständen, die sie aus der nun inzwischen aufgelösten Wohnung bergen mussten. Der Geruch ihrer Kleidung brachte mir ihr lebensfrohes Wesen schlagartig zurück und er löste sich langsam und unaufhaltsam auf – genau wie ihr Platz in dieser Welt. Dies war einer der traurigsten Momente meines Lebens und ich war vollkommen überfordert mit der Situation.

Ich habe in diesem Augenblick zwei Dinge für mich beschlossen:

  1. Dass ich ihr Andenken bewahren werde und sie nie vergessen werde. Und

  2. Dass ihr frühes Ableben auch eine Lektion für mich selbst darstellt. Unser Leben ist kostbar. Es ist nicht garantiert, dass wir einen weiteren Tag auf dieser Erde genießen dürfen. Was auch immer wir uns vornehmen – wir sollten nicht zu lange damit warten.

Es braucht eine Menge Mut für eine einfache Nachricht

Jetzt – zehn Jahre später – habe ich endlich den Mut gefasst, in den alten E-Mail-Archiven erneut unsere Nachrichten zu lesen, die Heesuns Mutter und ich damals ausgetauscht haben. Ihre herzlichen, aber auch verzweifelten Worte berühren mich genauso, wie sie es damals taten.

Ich habe den Mut gefasst, ihr eine Nachricht zu schreiben und ihr mitzuteilen, dass ich sie gern auf meiner bevorstehenden Radreise besuchen möchte. Und auch, dass ich – so denn sie es zulassen möchte – Heesuns Grab besuchen möchte. Aktuell warte ich auf ihre Antwort und bin natürlich auch etwas verunsichert, da wir seit nunmehr zehn Jahren keinen Kontakt mehr miteinander hatten.

Um diese für mich sehr wichtige Begegnung etwas zu würdigen, habe ich mir ein kleines Ritual überlegt. Da meine Reise auch über Istanbul führt, möchte ich ein kleines Andenken aus der Stadt mit dem Rad bis nach Südkorea tragen. Da ich weiß, dass Heesun Istanbul über alles geliebt hat, denke ich, dass dies auch in ihrem Interesse ist.

Sollte ich es tatsächlich bis nach Südkorea schaffen, wird die Begegnung mit Heesuns Mutter nicht einfach werden. Wir beide teilen einen tiefen Schmerz, dass uns ein Mensch, den wir über alles liebten, abrupt aus dem Leben gerissen wurde. Aber ich möchte es versuchen und weiß, dass es mir guttut.

Ein Teil von mir hatte nie die Möglichkeit, mit dieser Tragödie abzuschließen und Frieden mit unserer gemeinsamen Vergangenheit zu finden. Da wir keine gemeinsamen Freunde oder Angehörigen haben, kann ich zudem auch mit keiner Person wirklich darüber reden – zumindest auf die Art und Weise, sodass ich mich von meinem Gegenüber verstanden fühle. Ein Teil von mir selbst irrt immer noch in den Räumen dieser Vergangenheit herum und sucht vergeblich nach Antworten und Erklärungen. Erklärungen, die es wohl nie geben wird. Gefühle, lange Zeit in mir konserviert, so wie in einer gläsernen Flasche, gären in mir herum. Sehen kann ich sie, doch bleibt mir ein auflösender Zugang verschlossen.

Es wird Zeit, diese tiefe Liebe und diesen tiefen Schmerz zu teilen.

Und es ist auch an der Zeit für mich, sie endlich gehen zu lassen.

 





 


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