Tag 18 / Belgrad / Mein zwanzigjähriges Ich Teil 2


Zwei Generationen auf zwei Rädern

Verstaubt und verschwitzt wachten Vincent und ich in unserer bienenverwimmelten Notunterkunft auf. Das angekündigte, erlösende Gewitter war unverrichteter Dinge an uns vorbeigezogen. Die Nacht war kurz gewesen – im Dunkeln hatte ich Vincent noch verarztet, nachdem er heftiges Nasenbluten bekommen hatte und seine beiden Hände mit Blut überströmt gewesen waren.

„Kann ich mal deinen Kackspaten haben?“, fragte Vincent in einem selbstverständlichen Ton.

„Na klar“, antwortete ich verschlafen. Sollte er eben den Vargo – meinen 45 Euro überteuerten Titanspaten – im serbischen Unterholz einweihen.

„Und was gibt’s zum Frühstück?“, fragte ich den Abenteuerjungspund.

„Trockenes Brot mit Käse. Mehr ist in meinem Budget leider gerade nicht drin.“

Fürsorglich schmiss ich ihm eines meiner heiß geliebten Knoppers hin – und musste dabei meinen eigenen Futterneid sehr im Zaum halten.

Schnell waren unsere Sachen gepackt. In meinem Fall: ein akkurat zusammengerolltes Outdoor-Ultralight-Paket auf einem schweren Stahlrad. In seinem Fall: ein schweres Zweipersonenzelt mit sperriger Thermoskanne, XXL-Plane, nicht mehr funktionierender Stirnlampe, Kreatinshake mit Orangengeschmack und allem, was er sonst noch irgendwie auf sein Rad spannen konnte.

Black Eyed Peas und der Lauf der Zeit

Es sollte ein bewölkter und damit endlich deutlich kühlerer Tag werden. Etwas erholt und vor allem wesentlich besser gelaunt rollten wir die scheinbar endlose Piste Richtung Belgrad entlang. Vincent pfiff immer wieder fröhlich ein paar Lieder mit, bei denen meinem inneren Musiknazi die Nackenhaare zu Berge standen. Aber das ließ ich mir nicht anmerken, denn ich genoss seine Gesellschaft.

„Schau mal hier!“, rief er begeistert und drehte sein Handy auf volle Lautstärke. „Black Eyed Peas – richtig nices Zeug!“

Er kannte den Track auswendig. Dann kam der nächste. Ich erkannte die dunkle Raspelstimme von Marteria, einem Rapper meiner Generation.

„Lila Wolken!“, sang Vincent mit.

„Hab ich immer als Kind gehört – vor so zehn Jahren!“

Scheiße, bin ich alt, dachte ich und nickte nur leicht beschämt in den Wind.

Vincent erzählte mir, dass er irgendwas mit Pädagogik oder Sozialarbeit studieren wolle. Nach seiner Trennung habe er aber unbedingt aus seinem Kaff in der Nähe von Nürnberg wegmüssen, weil er dort sonst seiner Ex, alten Freunden und alten Problemen permanent über den Weg laufen würde.

„Ich versteh dich ein bisschen“, erwiderte ich.

Zu gut konnte ich mich an meine Nach-Hamburg-Nach-Halle-Zeit erinnern.

„Manchmal ist ein neues Kapitel einfach die beste Entscheidung. Sonst drehst du dich im Kopf immer nur um Sachen, die du sowieso nicht mehr ändern kannst.“

Inneres Nicken. Mein achtunddreißigjähriges Ich gab mir selbst einen großen Daumen nach oben.

„Ich werd jetzt zwar zwei Monate meines Studiums verpassen, aber diese Erfahrung möchte ich mir nicht nehmen lassen“, fuhr Vincent fort.

Ich sagte ihm, dass ich das richtig stark von ihm fand. Und dass es in meinem Alter viel schwieriger war, alles stehen und liegen zu lassen und einfach mal für ein Jahr abzuhauen.

„Als Freiberufler weiß ich zum Beispiel nicht, ob meine Kunden mich in der Zwischenzeit vergessen. Außerdem hab ich viel mehr Angst vorm Wiederkommen als vorm Losfahren.“

„Wieso?“, fragte Vincent.

„Weil meine Freunde wahrscheinlich einfach nur ihrem Trott nachgegangen sind. Na ja, mit ein paar neuen Beziehungen und Trennungen vielleicht. Und dann kommst du zurück und passt plötzlich nicht mehr ins Bild. So geht es mir schon ein Leben lang. Und dann hab ich keinen Bock, mich den anderen anzupassen, und bin gezwungen, meinen Weg alleine zu gehen.“

Vincent hörte verständnisvoll zu.

„Aber nicht zu fahren“, fuhr ich fort, „ist auch keine Option. Das ist mein Leben hier. Ich werde meine Zeit nicht damit verschwenden, nur in irgendein Bild zu passen. Vielleicht finde ich irgendwann mal Leute, die genauso viel Power haben wie ich. Es ist echt ätzend, immer nur das Zugpferd zu sein und eine Baggage von Schlurfis hinter sich herzuziehen. Das zieht richtig viel Energie und macht mich so müde.“

Ich sah zu ihm herüber.

„Na, bei dir bin ich mir ziemlich sicher, dass du kein Schlurfi bist!“

Vincent und ich lachten, während die grauen Plattenbauten von Novi Sad immer näher rückten.

Willkommen in Novi Sad

Bald erreichten wir einen Supermarkt. Ich kaufte zwei Wasser und zwei Kaffeemilch. Fast schon wie aus Gewohnheit.

Der Verkehr verdichtete sich und immer mehr kuriose Gestalten tauchten neben uns auf. Frauen, die sich stilvoll kleideten, dabei aber scheinbar seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr die Instagram-Pinnwände der westlichen Welt verfolgt hatten, hoben sich farbenfroh vom bröckelnden Putz der Fassaden ab. Die Architektur ergab ein heruntergekommenes, aber sympathisches Medley aus sozialistischen Protzbauten, im Licht golden schimmernden orthodoxen Kirchenkuppeln und dm-Drogerien. Dazu politische Graffiti, die sich in grellem Rot und Blau von den Hauswänden abhoben.

Plötzlich hörte ich eine schräge elektrische Klingel hinter mir. Ihr nicht minder schräger Besitzer fuhr lässig auf einem orangefarbenen E-Bike neben uns her – das meinem farben- und geschmacksblinden jugendlichen Ich sehr gefallen hätte – und gab Vincent und mir im Vorbeifahren ein High Five.

„Novi Sad ist besser als Belgrad – oder?“, begann er auf gebrochenem Deutsch die Unterhaltung.

„Nach Belgrad fließt all das Geld. Aber hier gibt’s die cooleren Leute.“

Mühelos schlängelte er sich über den engen Fahrradweg und klingelte munter alles aus dem Weg, was uns vor die Räder fuhr oder lief.

„Ich mag Deutschland! Mein Vater arbeitete dort. Mercedes!“, sagte der vielleicht zwanzigjährige Klingelrowdy. „Bleibt ihr in Novi Sad – oder fahrt ihr weiter?“

Ohne unsere Antwort abzuwarten, ergänzte er:

„Ich mach euch ein gutes Angebot – fünfzig Euro für ein Zimmer für eine Nacht. Wo fahrt ihr eigentlich hin?“

Als wir ihm sagten, dass wir von Deutschland nach Istanbul radelten, fiel er aus allen Wolken. Begeistert rief er, während er seinen rechten Arm zum Hitlergruß ausstreckte und mit einem Höllentempo durch die Innenstadt von Novi Sad heizte:

„Mein Kampf! – Mit dem Fahrrad.“

Er grinste zufrieden.

Für einen Moment war ich sprachlos. Mir fiel leider keine schlagfertige Reaktion auf diese … aus serbischem Mund kommende Kompliment-Nazi-Ansage ein.

Genauso schnell, wie er aufgetaucht war und uns den Weg freigeklingelt hatte, verschwand der fröhliche, möglicherweise faschistische Bursche auch wieder.

„Ich bieg jetzt rechts ab. Macht’s gut. Ich arbeite hier!“

Serbien – was hatte ich erwartet?

Inzwischen grüßte uns gefühlt fast jedes zweite Kind. Sogar Menschen an Bushaltestellen und Traktorfahrer hoben freundlich ihre – zum Glück nicht immer rechte, steil nach oben gerichtete – Hand.

Nach Ungarn war das eine willkommene Abwechslung.

Zwischen Kirche und Ethikunterricht

Nach gut vierzig Kilometern hielt Vincent abrupt vor einer serbisch-orthodoxen Kirche.

„Ich hab Musik da drinnen gehört. Komm – lass uns da mal reinschauen.“

Vor uns bot sich ein eindrucksvolles Bild. Akkurat frisierte Männer in maßgeschneiderten braunen Anzügen standen andächtig vor einem mit goldverzierten Malereien überbordenden Altar. Alle sangen. Die ernste, feierliche Stimmung vertrug sich nicht so recht mit unserer touristischen Vagabundenmode. Die Kirche war bis zur letzten Reihe gefüllt – an einem Dienstagnachmittag.

Später, auf einer Bank sitzend und unseren Proviant teilend, eröffnete mir Vincent:

„Ich habe einen guten Freund, der in einer Freikirche ist. Nach einer Krise ist er vollkommen in die Gemeinde abgetaucht. Jetzt glaubt er richtig hart an alles. Sogar an ‚keinen Sex vor der Ehe‘.“

Die eben erlebte andächtige Stimmung noch im Kopf und meine eigenen Erfahrungen berücksichtigend, erwiderte ich:

„Ich bin auch nicht religiös. Aber vielleicht gibt das vielen Menschen einen Halt, die ihn sonst nirgendwo finden.“

Vincent erzählte, wie er den Pfarrer in seinem Schulunterricht in Nürnberg eher als Zumutung empfunden hatte, sich dafür aber für Ethik begeistern konnte.

„Fast immer lag das auch a den netten Lehrern. Das hat mich bestimmt ein bisschen dazu motiviert, so etwas wie Pädagogik studieren zu wollen.“

Ich berichtete ihm aus meiner eigenen Erfahrung, dass dieses Engagement in der deutschen Gesellschaft leider nur selten finanziell gewürdigt wird. Von meiner eigenen Lehrtätigkeit konnte ich selbst mehr schlecht als recht leben – die Begeisterung dafür, Menschen etwas zu vermitteln, hatte ich trotzdem nie verloren.

Rückenwind nach Belgrad

Wir fuhren die hundert Kilometer mit Rückenwind Richtung Belgrad weiter, als würden wir uns schon lange kennen. Vincent, gemütlich in meinem Windschatten trashige Popsongs trällernd, und ich mit meinem eisernen Durchhaltevermögen und den Augen auf den Horizont gerichtet.

Trotz einiger kurzer Pflaumenbaum- und Wasserstopps waren wir am Nachmittag bereits in Belgrad.

Meine beiden Freunde Nada, die ich 2019 auf einem Kunstfestival in Licata kennengelernt hatte, und ihr Mann Veljko warteten bereits auf uns und bereiteten uns einen Empfang, der herzlicher kaum hätte sein können.

Ohne Einwände ließen sie uns unsere vollkommen verstaubten Räder in ihre blank geputzte, geflieste Küche stellen. Nada bot mir einen Kaffee mit Kokosmilch an, während Vincent endlich seine wohlverdiente kalte Dusche genießen durfte.

„Es ist so schön, dass ihr uns besucht!“, strahlte die Serbin.

Sie hatte die Wohnung erst vor Kurzem gekauft. Das Haus wirkte von außen ziemlich heruntergekommen, doch innen war alles farbenfroh und bis ins kleinste Detail liebevoll gestaltet. Natürlich durften auch die vielen Katzensticker, Katzenstempel und die Katzendeko nicht fehlen.

Nada war wie ich „etwas“ katzenvernarrt.

„Schau mal, die Katze da unten im Hof“, sagte sie und deutete aus dem Fenster. „Die kommt immer zur gleichen Zeit und holt ihr Futter. Ein richtiger Gentleman!“

Begeistert zeigte sie auf den vertrockneten Innenhof, in dem eine Betonbank ohne Sitzbretter und eine steinerne Tischtennisplatte standen, in die gleichzeitig zwei Schachfelder eingelassen waren.

„Dieses Gebäude hier ist aus Ziegelsteinen gebaut. Dadurch ist es im Sommer kühl und im Winter warm. Anders als in Betonbauten geht es uns hier in dem extremen Sommer einigermaßen gut. Die letzten Monate hat es vielleicht ein- oder zweimal geregnet.“

Als auch ich endlich, endlich die erlösende Dusche genießen durfte und übereifrig Schweiß, Staub und die Anstrengung der vergangenen Tage von meiner inzwischen stark gebräunten Haut schrubbte, empfing Veljko uns anschließend mit einem herzlichen, breiten Grinsen und offenen Armen.

„Tut mir leid, dass ich euch vorhin nicht selbst empfangen konnte. Ich arbeite gerade im Homeoffice für eine amerikanische IT-Firma.“

Er rollte mit den Augen.

„Die lieben es, sich selbst reden zu hören – aber am Ende der Woche kriegen wir kaum was auf die Reihe und fangen in der nächsten Woche vollkommen willkürlich mit dem nächsten Projekt an. Aber egal – endlich hab ich Feierabend! Kommt, lasst uns eine Runde drehen.“

Belgrad hinter den Fassaden

Ich kannte Nada inzwischen schon einige Jahre. Oft telefonierten wir miteinander, und sie berichtete mir von den politischen und sozialen Verhältnissen in Serbien, die für Außenstehende nur schwer zu durchschauen waren. Auch Veljko, der Elektronik studiert hatte, aber im Herzen ein Hobby-Politikwissenschaftler oder Hobby-Historiker ist, wurde nicht müde, mir von den politischen Verhältnissen zu erzählen. Es war eines seiner Lieblingsthemen.

„Hier gibt’s so etwas wie eine Schattengesellschaft. Auch wenn sich Serbien offiziell putinfreundlich darstellt, geht’s am Ende vor allem um Machtspiele, private Interessen und Deals.“

Er erzählte von den Waldbränden der vergangenen Tage und davon, wie politische Entscheidungen seiner Wahrnehmung nach vor allem danach getroffen würden, wie sie sich öffentlich verkaufen ließen. Auch ausländische Hilfe werde entsprechend politisch inszeniert.

Dann sprach er weiter über wirtschaftliche Verflechtungen, die auf mich mal mehr, mal weniger offen mafiös wirkten.

„Die Politiker bezahlen zum Beispiel auch Schlägertrupps und Graffitisprüher, die ‚alte Heldengeschichten‘ an die Wände sprühen und Leute einschüchtern. So soll der Eindruck entstehen, dass die Politik vom Volk gewollt ist. Dabei ist das eine riesige Show.“

Diese Graffiti hatte ich selbst schon auf meiner letzten Radreise nach Istanbul 2023 „bewundern“ dürfen. Da gab es zum Beispiel ein riesiges durchgestrichenes NATO-Symbol an einer prominenten Hauptstraße. In Seitenstraßen blickten mir hingegen grimmige Militärs mit patriotischen Botschaften von riesigen Hausfassaden entgegen.

Für mich als Graffitikünstler war das eine vollkommen befremdliche, wenn nicht sogar erschreckende Erfahrung.

„Ja, die von der Regierung bezahlten Nazi-Hooligans sind gefährlich. Aber vor allem für uns Serben, nicht für euch Touristen.“

Veljko lachte bitter und zynisch.

Wir kamen an einem brandneuen, eierschalenweißen Gebäude vorbei.

„Hier, ein weiteres Beispiel für Deals. Jeder Firmenvertreter, der politischen Einfluss haben möchte, muss der Regierung etwas im Gegenzug leisten. Also zimmern sie neue Bürogebäude und Protzbauten hin, die eigentlich keiner braucht und auch keiner nutzt. Aber schön sind sie, oder?“

Nada wies uns ebenfalls auf Details wie Graffitisprüche und Inschriften in den Bodenfliesen hin. Offenbar waren wir da in eine ziemlich spannende alternativ-historische Stadtführung geraten.


Ein geheimer Ort an der Donau

Da unseren Gastgebern unser Hunger nicht entgangen war, führten sie uns zu einem traumhaften Restaurant, das hinter Weinreben versteckt nur wenige Plätze für Gäste bereithielt – dafür aber einen wunderbaren Blick auf die Donau bot, die im Dämmerlicht majestätisch glitzerte.

„Hey, schreibt die Adresse dieses Ortes nicht in eure Blogs oder Videos, sonst überrennen bald die Touristen diese Perle hier!“, lachte Nada.

Und das werde ich an dieser Stelle auch nicht tun.

Dafür möchte ich euch kurz das üppige, frische Essen beschreiben, das selbst uns ausgehungerte Radreisende mehr als satt machte.

Ich bestellte natürlich rosig gebratenes Steak. Dazu gab es eine Vorspeise aus frischen Tomaten mit Ziegenkäse, Kajmak – eine buttrig-sahnige Milchspezialität, die ich in ähnlicher Form auch schon aus der Türkei kannte –, frisch gebackene Brotröllchen und gebratenen Käse.

Vincent – der tapfere Veganer – ließ den Pescetarier raushängen und verspeiste drei knusprig gebratene lokale Fische. Das selbst gebraute Bier hatte kein Etikett, dafür aber einen runden, wohltuend würzigen Geschmack.

Für uns beide Radler, die sich in den vergangenen Tagen mit trockenem Brot und Ready-to-Eat-Salaten über Wasser gehalten hatten, bedeutete das: Wir waren im Essenshimmel gelandet.

Dazu erinnerte mich der große, braungebrannte Kellner mit seinem durchdringenden, wissenden Blick an einen Piraten, dem das Wohlergehen seiner Gäste wirklich am Herzen lag.

Was für ein Glück!


Wenn die Energie plötzlich weg ist

Vincent schwebte glücklich die Treppen zur nächsten Bar hinauf, die einen wundervollen Blick über das Belgrader Stadtpanorama bot, während sich in mir plötzlich eine immer stärkere Erschöpfung breitmachte.

Es war nicht nur die Erschöpfung vom Radeln der vergangenen zwei Wochen.

Es war eine tiefere Erschöpfung, aufgestaut im langen Kampf eines Selbstständigen, der sich keine Pause gönnen konnte oder durfte. Die Erschöpfung, Gesellschaft immer dann um mich herum zu haben, wenn ich eigentlich alleine sein wollte – und alleine zu sein, wenn ich dringend jemanden gebraucht hätte.

Die Erschöpfung reichte so tief, dass plötzlich alle Freude über diesen zauberhaften Empfang aus mir wich.

Während die illustre Gruppe sich einen Platz im Freien suchte, eine wohltuend kühle Abendbrise die Bäume leicht wiegte und die vielen Katzen über das hell angestrahlte Monument jagten, setzte ich mich ganz allein auf die Stufen. Ein scheinbar endloser Strom parfümierter Pärchen zog an mir vorbei.

Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich Ende dreißig und nicht mehr Anfang zwanzig war.

Und dass ich schon viel zu lange gekämpft hatte.

Und auch, dass ich einen Moment für mich brauchte und die quirlige, lebensfrohe Energie von Vincent nicht meine war.

Auch. Aber eben nicht nur.

Plötzlich erinnerte ich mich daran, wie ich schon während meiner Erasmuszeit in Istanbul – überfordert vom sozialen, energiegeladenen Gewusel meiner Meute – oft alleine durch die Megacity spaziert war, um mich von der Hektik zu erholen. Dabei beobachtete ich die Menschen, das Geschehen und all die kleinen Szenen von außen und begann später, darüber zu schreiben.

Mein Blog aus dieser Zeit existiert immer noch.

Ich brauchte das. Vor allem für meine persönliche Erholung.

Denn zusätzlich zum Abenteurer gibt es da noch eine andere Seite von mir: eine ruhesuchende, introvertierte, reflektierende Seite. Und diese sehnte sich gerade viel mehr nach einer Pause von all den Eindrücken, der Geschwindigkeit und den Überraschungen.


Mein zwanzigjähriges Ich

In diesem Moment wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich meinem zwanzigjährigen Ich nicht länger hinterherjagen konnte.

Das Ziel meiner Reise sollte es sein, einen neuen Modus zu finden, der zu meinem heutigen Ich passt.

Also: schnell fahren – und mir dafür mehr Zeit zum Verarbeiten, Betrachten und vielleicht auch zum Verweilen nehmen.

Mir wurde auch bewusst, dass sich Vincents und mein Weg wohl fürs Erste trennen mussten. Nicht, weil ich ihn nicht mochte. Sondern weil mein Versuch, mich seiner Energie und seinem Tempo anzupassen, mir genau das nehmen würde, was mir gerade am meisten fehlte: Raum.

Diese Reise hatte ich nicht ohne Grund alleine begonnen.

Wie ich im Beitrag „Meine persönliche Odyssee“ bereits angedeutet hatte, gab es gerade viel in mir, das diesen Raum benötigte. Vielleicht war die Landschaft im Moment vor allem eine Leinwand für meine Gedanken. Und vielleicht war es auch okay, wenn bestimmte Begegnungen – so schön sie auch sein mochten – nur den begrenzten Raum bekamen, den ich ihnen gerade geben konnte.

Obwohl es mich natürlich trotzdem etwas traurig machte, dass ich nicht so präsent, so offenherzig und so neugierig sein konnte wie Vincent.

Wahrscheinlich waren wir beide gerade auf unserer jeweils eigenen Reise unterwegs.

Als ich ihm von meiner Entscheidung erzählte, am nächsten Morgen alleine weiterzureisen, reagierte er verständnisvoll.

„Mir geht es ehrlich gesagt ähnlich. Auch ich brauche etwas Zeit für mich zum Schreiben. Dass wir zum Beispiel gerade hier in Belgrad gelandet sind, habe ich überhaupt nicht geplant. Das habe ich nur gemacht, weil du mir begegnet bist.“

Ich freute mich, dass er meine Entscheidung nachvollziehen konnte, denn Abgrenzung fiel mir nicht immer leicht. Vor allem bei Menschen, die mir schon nach so kurzer Zeit ans Herz gewachsen waren.

Also half ich ihm noch, seinen Fahrradständer zu montieren und den Sattel einzustellen.

„Das Frotteetuch benutze ich aber weiterhin!“, lachte er schelmisch, als hätte er meine Gedanken gelesen.

Dann ließ ich mein zwanzigjähriges Ich gehen – mit bestem Wissen und Gewissen, dass es seinen eigenen Weg bestreiten und seine eigenen Erfahrungen machen würde.


























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