Tag 19 / Belgrad / Die wilden 90er auf dem Balkan


Ich habe für heute den perfekten Ort zum Verweilen gefunden: einen Liegestuhl vor dem Musem der 90er in Belgrad – einem Ort, der sich dem Zerfall Jugoslawiens, den Kriegen der 1990er-Jahre, der Propaganda dieser Zeit und dem wilden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Übergang vom sozialistischen Jugoslawien in eine neue Ordnung widmet.

Träge lasse ich die Beine baumeln. Mein Kopf summt aufgrund all der Eindrücke, Informationen und Gedanken – und ich verwandle mich langsam selbst in eine Zitrone, weil ich heute schon so viel Limonade getrunken habe.

Aber fangen wir von vorne an.


Belgrader Karussell

Wie schon bei meinem letzten Pausentag in Krakau gab ich mir heute zwei kleine Aufgaben mit auf den Weg:

  1. Ich wollte neue Campingseife kaufen. Die letzte war leider in meiner Waschtasche explodiert und quer durch die Radtasche gesuppt, sodass ich nun unter anderem einen nach Limette-Minze riechenden Benzinbrenner besitze.
  2. Brot für meine lieben Gastgeber*innen Nada und Vjelko kaufen.

Der Weg ins Belgrader Stadtzentrum gestaltete sich mit dem Rad allerdings schwieriger als gedacht. Vor allem deshalb, weil es kaum Radwege gibt. Bald fand ich mich auf einer mörderischen Schnellstraße Richtung Innenstadt wieder. Um den rußenden Lkw und hupenden SUVs zumindest ein bisschen auszuweichen, fuhr ich über schlecht gereinigte Seitenwege.

Und siehe da: Plötzlich kam Aufgabe Nummer drei hinzu:

Ein paar Dornen bohrten sich durch meinen Reifen.

Ich durfte den Rest des Weges also schieben.

Auch gut! Zeit also für einen unfreiwilligen Stadtrundgang durch Belgrad.

Die Stadt hat es mir wirklich angetan. Brutalistische Betonbauten stehen neben futuristischen Bürotürmen, aus deren Balkonen Bäume wachsen – zumindest der Optik wegen. Dazwischen stöckeln auffallend viele blondierte, schlanke Frauen auf High Heels mit schier endlos langen Beinen. Ich habe noch nie so viel aggressive Schönheit auf einmal gesehen – nicht einmal in Polen. Dazu ihre muskulösen, oft vollbärtigen, kraftstrotzenden Bärenmänner.

Parfumwolke inklusive.

Was mich an Belgrad aber besonders beeindruckt, sind die vielen Stilbrüche.

Alte Gebäude aus der sozialistischen Zeit wurden hier noch nicht vollständig durchsaniert und stehen Seite an Seite mit Casinos, aufpolierten Hipstercafés und auf urig getrimmten Touristenkneipen. Gestern Abend hatte ich Nada die Stadt so beschrieben: Belgrad wirkt auf mich wie ein Puzzle, bei dem keines der Teile so richtig zum anderen passt – aber irgendjemand versucht trotzdem mit aller Kraft, alles zusammenzupressen.

Besonders mag ich die kleinen Imbisse und Bäckereien.

Durch ein schießschartenartiges Fenster reicht ein junger Bäcker mit verträumten Augen einer braun gebrannten, lächelnden älteren Dame eine Tüte mit Gebäck. Niemand hat es eilig. Niemand drängelt, während sie in aller Ruhe nach ihren Geldscheinen kramt.

Ich bestelle mir gleich zwei Limonaden, denn inzwischen schiebe ich mein Fahrrad schon seit einer Stunde durch die Innenstadt.

Zunächst durch die Baustellen der neuen Belgrade Waterfront. In den dortigen Outdoorläden wird fließend Englisch gesprochen – allerdings hat niemand auch nur den blassesten Schimmer, wo man Campingseife kaufen könnte.

„Und wie macht ihr das dann mit dem Waschen … unterwegs?“, frage ich scherzhaft.

Die netten, aber ratlosen Verkäufer heben nur die Schultern.

Gestern hatte Vincent schon erfolglos versucht, im Decathlon Campingseife für mich aufzutreiben. Dafür meinte er, dass es dort massenhaft Fischereiequipment gebe.

Hm.

Das bringt mich leider nicht weiter.


Drei Outdoorläden und ein platter Reifen

In Outdoorladen Nummer zwei sieht es nicht besser aus.

Fast schon zum Scherz frage ich die Verkäuferin zusätzlich nach Zeltreparaturkleber. Als ich bereits mutlos den Laden verlasse, rennt sie mir plötzlich mit zwei Sprühflaschen fast einen halben Häuserblock hinterher.

„Warte, warte! Wie wär’s mit denen hier?“

In ihren Händen hält sie zwei Flaschen Imprägnierspray.

Für Regenjacken.

Ich bedanke mich höflich und schiebe mein plattes Rad weiter durch ein schattiges, hügeliges Viertel, in dem sich kleine Cafés und Bücherläden an einer ruhigen Seitengasse aneinanderreihen.

Müsste ich mich gerade nicht um vollkommen andere Dinge kümmern, wäre das ein idealer Ort zum Schreiben.

Sternchen bei Google Maps gesetzt.

Noch eine Limonade getrunken.

Weiter geht’s.

Fahrradladen Nummer eins verleiht zwar Fahrräder, scheint vom Reparieren derselben allerdings nicht allzu viel zu verstehen.

„Sorry! Wir schicken unsere Räder immer ein! Ich habe noch nie selbst ein Rad repariert!“

Ahnungslos und beinahe mitleiderregend hebt der Verkäufer die Hände.

Langsam verfluche ich mich selbst dafür, dass ich mein Reparaturset natürlich nicht auf diesen kleinen Stadtausflug mitgenommen habe.

Radladen Nummer zwei befindet sich in einem etwas heruntergekommenen Viertel in der Nähe der Donau. In großen Buchstaben verspricht die Fassade, dass hier alle Arten von Fahrrädern repariert werden können.

Der bärtige, etwa fünfzigjährige Mann an der Eingangstür „begrüßt“ mich barsch:

„Lass dein Rad bloß draußen! Keine Fahrräder hier drinnen!“

Per Übersetzer-App frage ich nach einem passenden Schlauch.

Er hört nur mit halbem Ohr zu, schrubbt mit seinem öligen Mechanikerfinger über meinen Reifen und antwortet:

„Haben wir nicht!“

„Ein Flickenset vielleicht? Mit Pumpe und Werkzeug? Dann repariere ich es eben selbst.“

Inzwischen bin auch ich leicht genervt.

„Pumpe kriegst du. Flicken auch. Aber Werkzeug nicht.“

Na toll.

Ich bin offenbar einem echten Ladenmuffel begegnet.

„Thanks for nothing“, murmele ich beim Umdrehen und schiebe mein Fahrrad zur Werkstatt hinüber, wo gerade ein anderer Mechaniker genüsslich sein Mittagssandwich verspeist.

„Könntest du mir vielleicht mit dem Platten hier helfen?“, frage ich etwas resigniert.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich solche Banalitäten in Belgrad einmal dermaßen beschäftigen würden.

„Na klar“, antwortet er vollkommen gelassen. „Wir haben diese Woche schon 300 Platten repariert. Allein in dieser Gegend. Die Straßen sind wirklich schlecht.“

Ich erzähle ihm von seinem Kollegen im Laden.

Der Mechaniker schlägt die Hände vors Gesicht.

„Ach, dieser Kauz! Das macht er ständig. Komm – lass uns noch mal zusammen schauen.“

Also geht es mit Geleitschutz zurück zum Radladen.

Der große Mechaniker greift zielstrebig hinter die Theke – und zieht einen brandneuen Schlauch hervor.

Dann schnauzt er seinen Kollegen zusammen, der sich plötzlich, als hätte er Kreide gefressen, geradezu beschwichtigend bei mir entschuldigt.

Zehn Minuten später ist der Reifen gewechselt.

Kostenpunkt: nicht einmal zehn Euro.


Selbstbewusstsein auf zwei Rädern

Die Radfahrer*innen unter Euch kennen das vielleicht: Nach einem Platten ist erst einmal das Selbstbewusstsein dahin.

Das ist in Belgrad eher ungünstig.

Denn hier scheint jedes Taxi, jeder Bus und jedes Auto um sein persönliches Hoheitsrecht auf der Straße zu kämpfen. Nicht nur gibt es kaum Radwege – selbst die Gehwege sind an vielen Stellen durch lange Gitter von der Fahrbahn abgetrennt.

Zur Abwechslung werde ich also von Taxifahrern angehupt, weil ich mich natürlich dreist auf der Busspur am Stau vorbeischummle.

Einen kleinen Scherz-Zwischenstopp lege ich noch bei Outdoorladen Nummer drei ein.

Der hat weder Campingseife noch Zeltkleber, dafür aber ganz besondere Silikon-Klebepads – die natürlich nur für eine ganz bestimmte Sorte Zelt funktionieren.

„Thanks again.“

„For nothing“, füge ich im Geiste hinzu.

Es wird langsam Zeit für Limonade Nummer vier.

Vollkommen überlimonadisiert bewege ich mich schließlich zum Museum und habe – natürlich – mal wieder überhaupt keine Ahnung, was mich dort erwartet.

Das Labyrinth der Neunziger

„Herzlich willkommen“, begrüßt mich die nette Mitarbeiterin am Eingang.

„Unser Museum ist ein bisschen wie ein Labyrinth aufgebaut – so wie das Labyrinth, durch das wir uns von der Vergangenheit in die Gegenwart bewegen.“

Und genau so fühlt es sich an.

Langsam bewege ich mich durch das liebevoll kuratierte kleine Museum, das in erstaunlich direkten Worten die Propaganda der Vergangenheit und Gegenwart sowie die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche im ehemaligen Jugoslawien sichtbar macht.

Ich sehe Straßenschilder, die nach den politischen Veränderungen rund um den Sturz Slobodan Miloševićs im Jahr 2000 umbenannt wurden. Daneben liegen Geldscheine aus der Zeit der jugoslawischen Hyperinflation Anfang der 1990er-Jahre, auf denen sich die Nullen ins Absurde vervielfachen.

Zeitungsausschnitte verschiedener Länder des ehemaligen Jugoslawiens zeigen denselben Tag – und erzählen dabei teilweise vollkommen gegensätzliche Geschichten.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie unterschiedlich dieselben Ereignisse dargestellt werden können, je nachdem, wer sie erzählt.

Auch die sexualisierte Gewalt während der Jugoslawienkriege wird nicht ausgespart. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, der ICTY in Den Haag, spielte später eine wegweisende Rolle bei ihrer juristischen Aufarbeitung. In seinen Urteilen wurde unter anderem Vergewaltigung als Form der Folter anerkannt und sexuelle Versklavung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgt.

Mich bewegen aber besonders die Karikaturen und Fotografien der Fotojournalist*innen.

Kinder spielen zwischen den Überresten zerstörter Infrastruktur. Auf einem anderen Foto läuft ein Hochzeitspaar freudestrahlend durch eine schmale Straße, über der große braune Laken hängen – notdürftiger Sichtschutz gegen Scharfschützen.

Das Leben geht weiter.

Irgendwie.

Besonders beeindruckt mich die Gegenüberstellung der historischen Ereignisse mit der Art und Weise, wie die Menschen in Serbien mit den NATO-Luftangriffen von 1999 umgingen.

Sie feierten auf Raves.

Sie lenkten sich mit Folk-Shows im Fernsehen ab.

Oder sie suchten Zuflucht bei Wahrsager*innen und Prophezeiungen, die in dieser Zeit offenbar Hochkonjunktur hatten.

Innerlich ziehe ich mehrere Parallelen.

Einerseits zu unserer Gegenwart.

Andererseits zu meiner eigenen Kindheit in den Neunzigern. Als Berliner kann ich mich noch gut daran erinnern, wie wir als Teenager in die Love Parade hineinstolperten und einfach mitfeierten – ohne alle politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Hintergründe auch nur ansatzweise zu verstehen.


Wie schnell vergessen Menschen?

Mit summendem Kopf finde ich mich am Ende des Rundgangs wieder in der Eingangshalle.

Eigentlich möchte ich der netten Mitarbeiterin nur eine einzige Frage stellen:

Wie kann es sein, dass diese Kriege kaum drei Jahrzehnte zurückliegen – und heute schon wieder mutmaßliche oder verurteilte Kriegsverbrecher auf großen Wandbildern als Helden gefeiert werden? Wie kann es sein, dass ich in Belgrad Graffiti sehe, die unverhohlen von einem neuen Krieg um Kosovo träumen?

Vergessen Menschen wirklich so schnell?

„Nein“, antwortet mir die Historikerin, deren Namen ich leider nicht erfragt habe.

„Mein Vater zum Beispiel hat in diesem Krieg gekämpft, obwohl er das gar nicht wollte.“

Einmal, erzählt sie, habe er ihr zitternd davon berichtet, wie ein Freund einen Zivilisten zwang, sein eigenes Grab zu schaufeln – und ihn anschließend erschoss.

„Ich glaube, mein Vater hat das damals überhaupt zum ersten Mal jemandem erzählt. Schweigen ist für viele Menschen die erste Schutzreaktion.“

Dann berichtet sie mir davon, wie wenig Raum die Kriege der 1990er-Jahre ihrer Erfahrung nach im serbischen Schulunterricht einnehmen würden. Wenn sie überhaupt behandelt würden, dann häufig ganz am Ende des Schuljahres, kurz vor den Ferien.

Niemand wolle den Kindern unmittelbar vor den Sommerferien noch diese bittere Pille verabreichen, sagt sie halb ironisch.

Den Rest erledigen inzwischen TikTok und andere soziale Medien.

Sie erzählt von einem Jugendlichen, der einmal zu weinen begonnen habe, als er erfuhr, dass einer seiner vermeintlichen Volkshelden während des Zweiten Weltkriegs mit den Besatzern kollaboriert hatte.

Er wollte die historischen Fakten zunächst überhaupt nicht akzeptieren.

Sie passten nicht zu den heroischen Videos, die er kannte.

Für den Jungen sei eine ganze Welt zusammengebrochen.

Gleichzeitig, erzählt sie, habe er kaum etwas über Tito oder das sozialistische Jugoslawien gewusst.

„Es geht noch weiter. Manche Jugendliche hier verehren sogar Hitler – ohne überhaupt verstanden zu haben, dass Nazi-Deutschland Jugoslawien 1941 überfallen, besetzt und zerschlagen hat. So verdreht kann Geschichtswahrnehmung werden.“

Ich muss unwillkürlich an unsere eigene Gegenwart denken.

Geschichte als Waffe

Für sie, erzählt die Historikerin weiter, gehe es vor allem um die Kontrolle von Gefühlen.

„Solange die Menschen schweigen und diese Geschichte nicht richtig aufgearbeitet wird, bleibt sie bestehen. Und die Regierung hat kein großes Interesse an einer vollständigen Aufarbeitung – schließlich reichen personelle und politische Kontinuitäten bis in diese Zeit zurück.“

Jetzt redet sie sich regelrecht in Fahrt.

Wir springen plötzlich zurück in den Zweiten Weltkrieg: zur Besetzung des Königreichs Jugoslawien durch die Achsenmächte 1941, zu Titos Partisanen, den royalistisch-nationalistischen Tschetniks, zu Widerstand und Kollaboration und zu all den politischen und ethnischen Konfliktlinien, die sich durch die Geschichte der Region ziehen.

Dann wieder nach vorne.

„Die Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen gab es natürlich schon zu Titos Zeiten“, erklärt sie. „Nur hielt das politische System Jugoslawiens sie lange zusammen.“

Nach Titos Tod 1980 zerfiel Jugoslawien nicht sofort. Aber die wirtschaftliche Krise verschärfte sich, das politische System wurde zunehmend instabil und nationalistische Bewegungen gewannen im Laufe der 1980er-Jahre an Einfluss. Als Anfang der 1990er-Jahre schließlich die ersten Kriege ausbrachen, waren ihnen bereits Jahre politischer und medialer Eskalation vorausgegangen.

Kein Krieg entsteht aus dem luftleeren Raum.

Vielleicht ist genau das eine der erschreckendsten Erkenntnisse dieses Museums.


Die Toten, die verschwinden sollten

Dann sprechen wir über Massengräber.

Auch hier muss man zwischen verschiedenen Verbrechen der Jugoslawienkriege unterscheiden.

Nach dem Genozid von Srebrenica 1995 versuchten bosnisch-serbische Kräfte, die Spuren der Massenerschießungen zu verwischen. Bereits verscharrte Leichen wurden aus primären Massengräbern ausgegraben und in sekundäre, teilweise sogar weitere Gräber umgebettet. Dadurch wurden die Körper vieler Opfer auseinandergerissen – noch Jahrzehnte später konnten Überreste ein und derselben Person an unterschiedlichen Orten auftauchen.

Und auch während des Kosovokrieges 1999 versuchte der serbische Staatsapparat, Spuren von Verbrechen zu beseitigen.

Leichen ermordeter Kosovo-Albaner*innen wurden aus Kosovo nach Serbien gebracht und dort heimlich verscharrt – unter anderem in Massengräbern auf einem Polizeigelände in Batajnica bei Belgrad.

Ich muss an ein Foto denken, das ich gerade im Museum gesehen habe: einen Kühlwagen, der in der Donau bei Tekija entdeckt wurde.

Darin befanden sich 83 Leichen sowie Körperteile weiterer Opfer – Männer, Frauen, Kinder und ältere Menschen aus Kosovo. Der Lastwagen wurde geborgen, die Leichen fortgebracht und später heimlich in Batajnica begraben.

Das war keine Ratlosigkeit darüber, wohin mit den Toten.

Es war der Versuch, ein Verbrechen verschwinden zu lassen.

Wenn Nachbarn zu Tätern werden

Dann spricht die Historikerin über sexualisierte Gewalt.

Über Frauen und Mädchen, die während der Kriege gefangen gehalten, vergewaltigt und teilweise über längere Zeit sexuell versklavt wurden. Über Häuser, Haftorte und andere Gebäude, die zu Orten systematischer Gewalt wurden.

Der Jugoslawien-Tribunal beschäftigte sich später intensiv mit diesen Verbrechen. Einige seiner Urteile wurden zu Meilensteinen des internationalen Strafrechts.

Was mich an ihren Erzählungen aber besonders erschüttert, ist etwas anderes:

Dass Täter und Opfer teilweise jahrelang Nachbarn gewesen waren.

Menschen, die nebeneinander gewohnt, miteinander gesprochen, eingekauft und gelebt hatten.

Und plötzlich wurden aus Nachbarn Feinde.

„Viele Frauen konnten später überhaupt nicht begreifen, wie Menschen, mit denen sie jahrelang Tür an Tür gelebt hatten, ihnen so etwas antun konnten.“

Sie gestikuliert heftig, aber fein mit ihren schlanken Händen.

Für sie als Historikerin ist es schwer zu begreifen, wie wenig Raum diese jüngste Geschichte noch immer in Teilen der serbischen Öffentlichkeit einnimmt.

Dabei sind enorme Mengen an Material vorhanden.

Die Akten und Urteile des Jugoslawien-Tribunals sind öffentlich zugänglich. Zeugenaussagen, Dokumente, Fotos, forensische Untersuchungen – vieles davon kann heute online eingesehen werden.

Und trotzdem scheinen gerichtlich festgestellte Tatsachen und öffentliche Erinnerung manchmal in zwei vollkommen unterschiedlichen Welten zu existieren.

Eine Parallelrealität.

Plötzlich stolziert ein älterer Herr mit Hut herein.

„Ah! Erzählt sie dir schon wieder unsere ganze Geschichte?“

Er lacht.

„Sie kann das gut. Hör gut zu! Sie weiß viel!“

Das tue ich.

Und gleichzeitig kann ich noch gar nicht begreifen, was ich hier in den vergangenen Stunden alles gehört und gelernt habe.

Vielleicht ist Serbien – oder überhaupt die Geschichte des Balkans – tatsächlich ein bisschen wie dieses Museum.

Ein Labyrinth.

Man läuft durch einen Gang und glaubt, etwas verstanden zu haben. Dann biegt man um die nächste Ecke – und plötzlich öffnet sich wieder eine völlig neue Geschichte.

Alles führt irgendwie in die Gegenwart.

Aber geradeaus führt hier fast kein Weg.
























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