Tag 20 / Belgrad, Rumänien / Von Tourengeln und Hungegangs
Wie sich herausstellte, war das Abenteuer an diesem Abend in Belgrad noch lange nicht vorbei.
Kaum hatte ich meinen letzten Blogeintrag fertiggeschrieben, stellte ich an meinem Fahrrad den zweiten Platten fest. Diesmal hatte es das Vorderrad erwischt.
Die beiläufige Bemerkung des Mechanikers am Nachmittag – „Der Vorderreifen hatte etwas wenig Luft, den hab ich Dir mal aufgepumpt“ – hätte bei mir eigentlich sämtliche Alarmglocken zum Leuchten bringen müssen.
Nun war es bereits 20 Uhr, und jede verfügbare Fahrradwerkstatt hatte geschlossen.
Kein Rad im Bus
Also hieß es irgendwie zurück zu meiner Unterkunft nach Neu-Belgrad zu kommen – zu Fuß etwa anderthalb Stunden entfernt.
Das sollte sich allerdings schwieriger gestalten als gedacht.
Belgrad besitzt bis heute keine U-Bahn. Zwar gibt es mit BG:VOZ eine Art Vorortbahn, für meinen Weg half mir die allerdings wenig. Im Wesentlichen war ich also auf Busse und Straßenbahnen angewiesen.
Und die hatten offenbar absolut kein Interesse daran, einen Radfahrer samt kaputtem Fahrrad mitzunehmen.
Es war wie in einem schlechten Film:
Bus um Bus fuhr an mir vorbei. Der Fahrer öffnete kurz die Tür, hörte sich mit einem halben Ohr meine Geschichte an, schüttelte gleichgültig den Kopf und fuhr weiter.
Nada schickte mir inzwischen immer neue Haltestellen, an denen längere Gelenkbusse hielten.
Vielleicht – so die Hoffnung – würde mich dort endlich jemand mitnehmen.
Also streifte ich erneut mit meinem platten Fahrrad durch Belgrad.
Diesmal nachts.
Und erstaunlicherweise war ich trotz dieser nächsten Panne ziemlich gut gelaunt.
Ich pfiff und schlenderte entspannt durch die Straßen, als wäre es die normalste Sache der Welt, nachts mit einem kaputten Fahrrad durch eine fremde Millionenstadt zu spazieren. Irgendwie hatte ich inzwischen das Vertrauen entwickelt, dass sich schon irgendeine Lösung finden würde.
Währenddessen beobachtete ich das Belgrader Nachtleben.
Die letzten Angestellten kamen in schicken Business-Outfits von ihren langen Bürotagen nach Hause. Aufgedrehte Teenagergruppen hätten sich kaum von Leipziger Jugendlichen unterschieden – außer vielleicht darin, dass hier erstaunlich viele noch enge Jeans trugen, während in meiner Heimat der Oversized-Look der Neunziger fröhlich weiterlebte.
Nach vielen weiteren Versuchen geschah schließlich das Wunder:
Ein Busfahrer nickte mir kurz zu.
Ich durfte rein.
Zwischen Kinderwagen, genervten Eltern und ganz normalen Menschen schob ich mein schweres Fahrrad in den Bus und machte mich endlich auf den Heimweg.
„Wow! Applaus!“, schrieb Nada. „Und du musst übrigens nichts bezahlen. Der Busverkehr ist hier kostenlos.“
Tatsächlich ist der gesamte öffentliche Nahverkehr Belgrads seit Anfang 2025 gratis.
Konnte es sein, dass ich langsam wirklich entspannter wurde?
Dass ich im Reiseleben angekommen war?
Der richtige Busfahrer
Ich verlief mich trotzdem noch ein paar Mal, bis ich schließlich die Bar erreichte, in der Nada und Vjelko auf mich warteten.
Vjelko begann sarkastisch übertrieben zu klatschen.
„Herzlichen Glückwunsch! Du hast es tatsächlich geschafft, einen Bus in Belgrad zu bekommen.“
Dann musterte er mich.
„Lass mich raten: Der Busfahrer hatte dunkle Haut?“
Und tatsächlich war es so gewesen.
„Bestimmt ein Inder, Pakistaner oder so“, sagte er. „Die können Deine Situation nachvollziehen. Serbier interessiert das einen Scheiß.“
Er hatte inzwischen schon das eine oder andere Bier getrunken und quasselte wie ein Wasserfall.
Die weißhäutigen Fahrer zuvor hatten tatsächlich eher dem Bild jener griesgrämigen Busfahrer in ihren Fünfzigern entsprochen, die ich aus Berlin kannte.
Vjelko erzählte mir weiter allerlei Geschichten über den Belgrader Nahverkehr: über Privatisierungsversuche, politische Fehlentscheidungen und Straßenbahnen, die aus verschiedensten Ländern zusammengekauft worden seien.
„Einmal haben sie sogar Straßenbahnen mit der falschen Spurweite bestellt und mussten dafür die Schienen anpassen“, behauptete er.
Ich hob skeptisch meine Augenbrauen.
„Am zuverlässigsten funktionieren sowieso die alten tschechischen Straßenbahnen!“
Mein Bild von diesem Belgrader Puzzle, dessen Teile irgendwie nie ganz zusammenpassen wollten, verdichtete sich immer weiter.
Je mehr Bier wir tranken, desto gesprächiger wurden wir. Nada hingegen interessierte sich zunehmend mehr für die Funkmusik aus den Lautsprechern als für unsere endlosen Gespräche über Geschichte, Politik und marode Infrastruktur und wippte mit dem Takt.
Ich hörte irgendwann nur noch mit einem halben Ohr zu und betrachtete stattdessen den liebevoll gepflegten Garten im Innenhof der Bar.
Für einen kurzen Moment war ich einfach sehr glücklich. Und dankbar dafür, meine Reise bisher in so guter Gesellschaft verbracht zu haben.
Auf unserem Heimweg kamen wir an unzähligen Casinos vorbei, die wie bunt leuchtende Venusfliegenfallen ihre Opfer mit dem Versprechen schnellen Geldes in ihre Höhlen lockten.
Es war bereits Mitternacht, als ich – leicht angetrunken – routiniert mein Vorderrad reparierte und anschließend, begleitet vom monotonen Rauschen der Klimaanlage, meine inzwischen getrocknete Wäsche zusammenpackte.
Jetzt würde ich mit voller Energie in den nächsten Abschnitt Richtung Istanbul starten.
Dachte ich.
Planet Bike und das große Schulterzucken
Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns herzlich voneinander.
Kaum saß ich wieder auf meinem Fahrrad, wartete jedoch bereits die nächste böse Überraschung auf mich:
Meine Fahrradlichter funktionierten nicht.
Offenbar hatte ich beim Verstellen der Lampe irgendeine Kabelverbindung gelöst.
Mit etwas Bauchschmerzen fuhr ich zurück zu „Planet Bike“ und hoffte auf den sympathischen englischsprachigen Mechaniker vom Vortag.
Um neun sollte die Werkstatt öffnen.
Ich blickte auf meine Uhr.
9:30 Uhr.
Nichts.
Hilflos saß ich auf den staubigen Stufen vor dem Laden.
Elektronik war eine der wenigen Sachen an meinem Fahrrad, bei denen ich mich wirklich aufgeschmissen fühlte – vor allem, weil mir das nötige Werkzeug und Know-How fehlte.
Ohne funktionierende Beleuchtung wollte ich mich aber auf keinen Fall auf serbische Schnellstraßen begeben. Allein das Durchqueren der nach Abgasen stinkenden Belgrader Innenstadt kostete mich genug Nerven.
Gegen 9:45 Uhr schlurfte schließlich ein verschlafen wirkender Mechaniker in den Laden.
Ich erklärte ihm mein Problem.
„Keine Ahnung, was ich da machen kann“, antwortete er müde. „Wir sind ein Fahrradladen. Elektronik machen wir nicht.“
Ich war kurz davor, ihn auf das große Schild vor seiner eigenen Werkstatt hinzuweisen, auf dem ausdrücklich mit der Reparatur von E-Bikes und Bosch-Technik geworben wurde.
Dann ließ ich es bleiben.
Was sollte dieser Werkstattschluffi mir schon helfen?
Also weiter.
Nächster Versuch:
„Pro Bike“.
Das „Pro“ stand dort allerdings zunächst ebenfalls eher für professionelles Unwissen.
„Keine Ahnung. Wir machen Mechanik, keine Elektronik.“
Kurze Pause.
„Aber warte mal. Ich ruf meinen Kumpel im Handyreparaturladen an.“
Oh je, dachte ich.
Das kann ja was werden.
Doch siehe da:
Ich hatte Glück.
Der Tourenengel von Belgrad
Wenig später stand ich in einem verlassenen Winkel einer Einkaufspassage.
Vor mir ein großer, schlaksiger Mann in einem T-Shirt mit japanischer Druckgrafik. In einer Ecke seiner kleinen Werkstatt, ausgeleuchtet von rauchgelbem Neonlicht, stand ein nagelneues Gravelbike.
Er deutete stolz darauf.
„Damit fahre ich am Wochenende. Alurahmen, mit einer neuen Technik durch Wasserdruck geformt. Carbongabel. Hat mir ein Kumpel verkauft.“
Okay.
Hier war ich offenbar doch nicht völlig falsch.
Mit einem Multimeter ging er fachmännisch Leitung für Leitung ab und suchte nach der Unterbrechung.
Währenddessen plauderten wir.
Er fragte mich, was ich von meiner Pinion-Schaltung hielt und ob sich so etwas lohne.
Ich erklärte ihm, dass sie mir bisher sehr gute Dienste geleistet hatte – besonders bei den steilen Anstiegen mit meinem schwer beladenen Reiserad.
Dann deutete ich auf sein Shirt.
„Warst du gerade in Japan?“
„Ja! Und in China.“
Er lachte.
„Aber Japan mag ich lieber. In China behandeln sie dich manchmal wie Luft, wenn du kein Chinesisch sprichst. Meine Frau kann Chinesisch – und plötzlich wurden wir hin und wieder auch wie Menschen behandelt.“
Dann grinste er.
„Japan mag ich vor allem, weil dort Ordnung herrscht und die Dinge funktionieren. Nicht wie hier in Serbien.“
Er fragte, in welcher Werkstatt ich zuvor gewesen war.
„Planet Bike.“
Er wedelte abwertend mit der Hand.
„Ach, Planet Bike. Diese Pfuscher.“
Inzwischen hatte er das Problem gefunden.
Bei meiner nächtlichen – und zugegeben leicht alkoholisierten – Reparaturaktion hatte ich eine kleine Verbindungsbrücke gelöst.
Nichts Dramatisches.
„Warte“, sagte er. „Ich verbessere Dir die Verbindung gleich. Dann ist sie besser gegen Feuchtigkeit geschützt und hält länger.“
Mit Lötkolben und Schrumpfschlauch machte er sich geschickt daran, die Kabelverbindung zu verstärken und sauber zu isolieren. Immer wieder betrachtete er sein Werk durch eine Lupe.
Plötzlich fragte er:
„Kennst Du Stranger Things?“
Ich nickte.
„Ein Kumpel von mir spielt da einen Russen im Gefängnis. Dritte oder vierte Staffel. Er ist auch begeisterter Langstreckenreisender. Hier, ich habe noch Karten von ihm.“
Und tatsächlich lag plötzlich vor mir eine komplette deutschsprachige Kartensammlung des Donauradwegs.
Ich zeigte auf meinen Garmin.
„Danke – aber ich navigiere inzwischen lieber damit.“
Er lachte.
„Ach ja. Wie schnell sich die Technik verändert.“
Dann zeigte er auf ein vergilbtes Werbeplakat an der Wand.
Darauf ein uraltes Sony-Ericsson-Handy.
„Als ich mit meinem Job angefangen habe, sahen Telefone noch so aus.“
Er blickte kurz auf seine Werkbank.
„Aber manche Dinge werden mit der Zeit auch nicht besser.“
Pause.
„Unsere Regierung zum Beispiel. Im Kommunismus haben die Dinge viel besser funktioniert. Damals hat der Staat wenigstens Sachen aufgebaut. Heute lassen sie vieles verfallen oder bauen Mist.“
Während wir redeten, hatte er die Reparatur abgeschlossen.
Ich hatte ihm aufmerksam über die Schulter geschaut – und dabei endlich verstanden, wie die Verkabelung meines eigenen Fahrrads eigentlich aufgebaut war.
„Elektronik wie diese ist nicht besonders kompliziert“, erklärte er. „Du musst nur die Grundlagen verstehen. Außerdem hast Du gute Komponenten.“
Ich fragte ihn, was ich ihm für die Reparatur geben könne.
Er lachte.
„Nichts! Ich bin schließlich selbst Radfahrer.“
Wir verabschiedeten uns herzlich. Ich empfahl ihm noch ein paar schöne Tourenabschnitte entlang der Donau.
Als ich wieder auf meinem Fahrrad saß, musste ich grinsen.
Da war ich wohl an einen echten Tourenengel geraten.
Raus aus Belgrad
Endlich verließ ich die graue, stinkende Stadt.
Und plötzlich erkannte auch ich die aufgerissenen Straßenbahnschienen wieder, von denen Vjelko am Abend zuvor gesprochen hatte. Ob sie tatsächlich die Narben irgendeiner legendären Belgrader „Spurweitenoperation“ trugen, sei dahingestellt.
Quietschend bog eine uralte tschechische Straßenbahn an mir vorbei, die gefühlt noch zu Zeiten von Anno Domini vom Band gelaufen sein musste.
Dann kamen wieder die vertrauten rumpeligen Feldwege.
Sie führten entlang riesiger goldener Äcker.
Der Horizont öffnete sich.
Tiefblauer Himmel.
Weite.
Ich war wieder allein.
Allein sein. Einsam sein.
Allein sein.
Einsam sein.
Für mich sind das zwei verschiedene Zustände.
Zunächst genoss ich es.
Mein eigenes Tempo fahren.
Meine Spotify-Playlists laut hören.
Mit Rückenwind und angenehm milden Temperaturen über den Asphalt jagen.
Vor einem Supermarkt lud mich ein älterer Herr in perfektem Deutsch auf einen Kaffee ein.
Ich lehnte höflich ab.
In diesem Moment wollte ich einfach nur mit mir selbst sein.
Er verabschiedete sich abrupt und wirkte ein wenig gekränkt.
Aber weitere Gespräche, weitere Geschichten, weitere Begegnungen – das wäre mir an diesem Tag einfach zu viel gewesen.
Und dann war da plötzlich trotzdem dieses andere Gefühl.
Einsamkeit.
Es ist etwas völlig anderes, eine Reise mit jemandem teilen zu können.
Die zwei Tage mit Vincent hatten mir für einen kurzen Moment eine andere Form des Reisens gezeigt.
Immer wieder ertappte ich mich bei Gedanken wie:
Was würde Vincent wohl gerade von diesem Apfelbaum am Straßenrand halten?
Würde er anhalten?
Auch Vjelkos Worte vom Vortag gingen mir nicht aus dem Kopf. Beim Fahrradwaschen vor ihrem Apartment hatte er zu mir gesagt:
„Ich glaube an Stabilität und finanzielle Sicherheit. Erst diese Ruhe gibt uns die Möglichkeit, über Dinge nachzudenken, zu entspannen und Kraft für die Herausforderungen des Lebens zu sammeln. Respekt an alle, die durch ihr Leben rennen – aber ich bin nicht so.“
Sehnte ich mich im Grunde meines Herzens nicht ebenfalls nach Stabilität?
Nach Menschen in meinem Leben, die bleiben?
Warum machte ich mich dann immer wieder auf?
Auf eine einsame Straße.
Ins Ungewisse.
Das verlassene Freibad
Kurz vor der rumänischen Grenze hielt ich an einem Freibad.
Abgesehen von ein paar Rentnern war es fast verlassen.
Vor mir standen Reihen leerer weißer Plastikliegen.
Die Bar war geschlossen.
Kein ausgelassenes Kindergeschrei.
Keine herumalbernden Pärchen.
Keine Gruppen von Freunden.
Ist das dieses Leben, das ich für mich gewählt habe?
Einsamkeit?
Ich kühlte mich kurz im Wasser ab und legte mich anschließend auf eine der vielen freien Liegen.
Und hing meinen Gedanken nach.
Im psychologischen Sinne würde man mein Bindungsverhalten vermutlich als ambivalent-unsicher beschreiben.
Vereinfacht gesagt bedeutet das für mich ein permanentes inneres Spannungsfeld: Einerseits kann mich zu viel Nähe überfordern. Andererseits habe ich Angst vor dem Alleinsein.
Inzwischen habe ich dafür ein anderes Bild gefunden.
Ich stelle mir ein kleines Kind vor, das bei seinen wichtigsten Bezugspersonen keinen verlässlichen Halt gefunden hat.
Bei seinen Eltern.
Ein Kind, das deshalb gelernt hat, Beziehungen immer wieder auf ihre Belastbarkeit zu prüfen.
Weil ein Teil von ihm jederzeit damit rechnet, fallen gelassen oder verletzt zu werden.
Und das im äußersten Fall davon ausgeht:
Am Ende kann ich mich sowieso nur auf mich selbst verlassen.
Für einen Moment stellte ich mir vor, dieses Kind läge neben mir auf einer der weißen Plastikliegen.
Und ich würde ihm immer wieder sagen:
„Es ist okay. Ich passe auf Dich auf. Egal, was passiert. Und egal, welcher Pisser – oder welche Pisserin – unseren Weg wieder kreuzt und versucht, uns das Leben zur Hölle zu machen.“
Wenn ich es nüchtern betrachte, hatten wir in letzter Zeit schließlich ziemlich viel Glück.
Meine Freunde in Leipzig.
Die Menschen unterwegs.
Nada und Vjelko.
Vincent.
Der Elektroniker von Belgrad.
Neunzig Prozent davon waren feine Leute.
Das weiß mein erwachsenes Ich.
Nur meinem inneren Kind muss ich es leider immer wieder erklären.
Ein Teil von ihm hängt noch immer in dieser dunkleren Welt meiner Vergangenheit fest.
Langsam und ganz bewusst verabschiedete ich mich von diesem fast verlassenen Freibad.
Und ein Stück weit auch von diesem inneren Ort der Einsamkeit.
Ich versuchte, darin wieder etwas anderes zu entdecken:
Nicht das Alleinsein.
Sondern das Mit-mir-Sein.
Mein Schatten fährt voraus
Weiter ging es durch Waldabschnitte, in denen ein verheerender Brand schwarze Baumstämme wie abgebrannte Streichhölzer zurückgelassen hatte.
Es roch noch immer nach erloschenem Lagerfeuer.
An einem kleinen Bistro gönnten sich einige Feuerwehrleute in der flirrenden Nachmittagsglut eine wohlverdiente Pause.
Die Sonne stand inzwischen tief hinter mir.
Mein Schatten fuhr die ganze Zeit vor mir her.
Und plötzlich erkannte ich darin meine Vergangenheit.
Sie wird mich immer begleiten.
Aber vielleicht muss ich nicht mehr ständig vor ihr davonfahren.
Meine eigene Dunkelheit ist und bleibt ein Teil von mir.
Sie klebt an mir.
Und gleichzeitig spüre ich, dass sich irgendetwas in mir längst auf neue Episoden freut.
Auf neue Menschen.
Neue Erfahrungen.
Vielleicht sogar auf ein neues Leben.
Willkommen in Rumänien
Schneller als gedacht stand ich schließlich an der serbisch-rumänischen Grenze.
Diesmal empfing mich eine Grenzpolizistin.
Sie verlangte meine Papiere, während ich mich erstaunlich konzentrieren musste, ihr nicht allzu auffällig in die haselnussbraunen Augen, auf die langen Wimpern oder die enganliegende Uniform zu starren.
Ich weiß nicht, warum.
Aber Frauen in Uniformen turnen mich ziemlich an.
Danach folgte eine geradezu läppische Zollkontrolle.
„Zigaretten dabei?“
„Nein.“
„Sie fahren nach Istanbul?“
„Ja.“
„Wow. Na dann – viel Spaß!“
Viel Zeit zum Staunen blieb mir allerdings nicht.
Kaum hatte ich die Grenze überquert, rannte mir bereits ein mittelgroßer Jagdhund zähnefletschend und bellend hinterher.
Willkommen zum Romanian-Experience.
Hundegang Nummer eins
Inzwischen war es bereits 19 Uhr.
Einen letzten Anstieg wollte ich an diesem Tag noch schaffen.
Die Straße führte durch einen dichten, dunkelgrünen Wald, der mich an die Märchen meiner Kindheit erinnerte.
Ob das schon Bärengebiet war?
Doch statt eines braunen, furchteinflößenden Wildtiers erwartete mich zunächst etwas anderes:
Eine Hundegang.
Drei kleine Hunde.
Zwei große.
Mitten auf der Straße.
Hundestress bei einem Anstieg am Abend – na toll.
Genau das hatte mir noch gefehlt.
Aber statt hektisch auszuweichen oder panisch davonzuradeln, kanalisierte ich meine gesamte Erschöpfung und Frustration in ein einziges gewaltiges Brüllen.
Die kleinen Köter zuckten gleichzeitig zusammen.
Für einen Moment sah es aus, als wäre ihnen schlagartig bewusst geworden, dass dieser große Kater auf zwei Rädern durchaus Klauen besaß – und offenbar auch bereit war, sie einzusetzen.
Nur einer der größeren Hunde folgte mir noch ein Stück den Hügel hinauf.
Allerdings nicht aggressiv.
Er sprang mit hechelnder Zunge neben mir her.
Seine Körpersprache wirkte neugierig, beinahe verspielt.
Keine Bedrohung.
Hundegang Nummer zwei
Hundegang Nummer zwei wartete oben am Pass bei einem Rastplatz.
Doch als sie mich kommen sahen, verschwanden die Tiere überraschend schnell im Gebüsch.
Als hätte Gang Nummer eins bereits eine Warnung vorausgeschickt.
Im blutroten Dämmerlicht raste ich anschließend die Serpentinen hinunter.
Immer wieder überholten mich sportliche Autos.
Mein Navi zeigte inzwischen:
150 Kilometer.
Es wurde definitiv Zeit, diese Straße zu verlassen.
Giftschlangen und Dornen
In jedem neuen Land muss ich das Wildcampen neu lernen.
Ungarn hatte ich als hochgradig abgezäunt erlebt. Dort war es erstaunlich schwer gewesen, überhaupt ein Stück Land zu finden, auf dem man unbemerkt ein Zelt aufstellen konnte.
In den weiten Landschaften Serbiens war mir das deutlich leichter gefallen.
Rumänien hingegen schien eine wilde Mischung aus allem zu sein.
Ordentlich umzäunte Gärten lagen direkt neben verwilderten Feldern.
Dazwischen Brachen.
Waldstücke.
Schotterpisten.
Und dann auch noch ein Warnschild wegen Giftschlangen.
Nun gut.
Jetzt war ich wohl richtig im wilden Osten angekommen.
Zum Glück entdeckte ich wenig später einen Rastplatz direkt an der Donau.
Dreimal versetzte ich mein Zelt, um Dornenranken im Gras zu entgehen.
Dann suchte ich mir noch einen möglichst langen Stock und legte ihn neben den Eingang.
Nur für alle Fälle.
Irgendetwas in meiner Haltung hatte sich im Laufe des Tages verändert.
Am Morgen hatte ich noch auf einer weißen Plastikliege über Einsamkeit, Verletzlichkeit und mein inneres Kind nachgedacht.
Jetzt lag ich allein im Dunkeln irgendwo an der Donau und betrachtete meinen improvisierten Prügel.
Ich grummelte zufrieden vor mich hin:
„Wenn ihr fiesen Köter kommen wollt, dann kommt halt.
Ich bin bereit.“




























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