Tag 21 / Rumänien / Barsche und Touristenangeln
Die Entscheidung, dieses Mal von Belgrad aus entlang der Donau Richtung Eisernes Tor zu fahren, war goldrichtig. Auch wenn die Temperaturen wieder auf 37 Grad steigen würden, hüllte mich eine angenehme Kühle ein, solange ich mich in der Nähe des Wassers bewegte.
Die Donau wirkte dabei wie ein riesiger, lang gezogener, tiefblauer See, der alles an seinen steilen Ufern nährte, sodass die Vegetation trotz der glühenden Hitze in sattem Grün erstrahlte. Jeder Blick nach rechts zum Fluss schien auch meine eigene Vitalität wiederzubeleben.
Ich weiß nicht, warum – aber in der Nähe von Wasser fühle ich mich selbst kraftvoller, erholter und irgendwie fließender.
Diese Kraft würde ich auch brauchen, denn die gut asphaltierte Straße führte gut hundert Kilometer fast immer geradeaus.
Geleebananen im Schokoladensaft
Durch das sportliche Radeln ließ der Hunger nicht lange auf sich warten. Doch was war das?
Meine Vorräte hatten sich scheinbar in der Hitze verflüssigt. Da ich die Verpackungen oft nicht lesen konnte, hatte ich aus Versehen eine ganze Ladung überdimensionierter Geleebananen-Riegel gekauft, die inzwischen als Gelee-Matsch-Bananen in ihrem eigenen Schokoladensaft schwammen.
Egal!
Als Radler ist man nicht wählerisch.
Wie ein nimmersatter Ofen musste diese Dampflok fortwährend mit Kalorien gefüttert werden. Alles, was oben hineinkam, wurde gefühlt unmittelbar wieder in Bewegung umgewandelt.
Ich mag solche Etappen, auf denen ich meinen Kopf nicht besonders anstrengen muss.
Eine Straße.
Eine Richtung.
Brenner einschalten.
Bäm!
Doch als erfahrener Asphaltheizer behielt ich die Temperaturkurve genau im Blick. Oft erreicht die Hitze erst gegen 16 Uhr ihren Höhepunkt – dann, wenn sich die Felsen links und rechts der Donau aufgeheizt haben und man sich plötzlich in einem gigantischen Steinofen befindet.
Vorerst jedoch genoss ich die Aussicht.
Entlang der Donau hatten sich zahlreiche Fischer postiert und aus Eisdielenschirmen, Vans und ein paar Brettern improvisierte Hütten gebaut, um in der Mittagshitze nicht zu verglühen.
Ab und zu war ein Berg durch einen Tagebau angeknabbert. Ab und zu hatte sich irgendwo ein Lagerfeuer verselbstständigt und ein paar Bäume angekohlt.
Aber nichts Wildes.
Wild war höchstens der Typ auf dem Fahrrad.
Die anderen Menschen genossen indessen das tiefe Blau der Donau, schipperten auf kleinen Booten umher oder ließen sich am Ufer die Plauze kross braten.
Kühltruhe, Kalorien und ein Barsch
Nach etwa 50 Kilometern erreichte ich einen Supermarkt und hielt mein salzig verschwitztes Gesicht erst einmal direkt in die Ventilation des Eingangs.
Danach in die Tiefkühltruhe.
Das tat gut.
Mein Einkauf sah – wie eigentlich immer – nach der Eskalation eines dreizehnjährigen Vielfraßes aus: Fett, Zucker, Proteine, sehr viel Wasser, sehr viel Limonade, ein Liter Trinkjoghurt und diese osteuropäische Milchcreme, die es mir inzwischen irgendwie angetan hatte.
25 Euro für einen halben Einkaufswagen.
Da vermisste ich doch ein wenig die serbische Steueranarchie.
Ich saß gerade auf einer improvisierten Bretterbank vor dem Supermarkt und kippte mir ein halbes Liter Holunder-Minze-Zitrone-Radler-ähnliches Getränk in den Rachen, als mir neben mir eine sonderbare Art gepimpter E-Bikes auffiel.
Dazugehörig: ebenso sonderbare Charaktere.
Einer von ihnen war vielleicht fünfzig Jahre alt und trug ein hautenges Crop-Top mit einem beidseitig aufgedruckten Barsch. Darunter kam seine rot gebräunte Bauchmurmel besonders plastisch zur Geltung.
Er sprach mich in gebrochenem Deutsch an, während ich gedanklich noch ganz woanders war.
„Hallo Du! Bist Du Deutscher?“
Ich nickte geistesabwesend.
„Ah! Hab ich’s doch gewusst.“
Er fackelte nicht lange herum.
„Hab auch mal in Deutschland gelebt. Als Sattelzugfahrer. Richtig groß! Brumm, brumm! Aber dann alles verloren, wegen irgendeiner Muschi.“
Durch meinen von der Hitze benebelten Verstand verwandelte sich mein Gegenüber langsam in einen Barsch mit grauem Schnauzer.
„Immer diese Muschis. Du verstehst, ne? Davor war ich Polizist in Rumänien – aber das hat nicht zum Leben gereicht. Ach, diese Politiker. Was hältst Du von Merz?“
Mir war nicht ganz klar, wie ich auf dieses politische Steilbrett reagieren sollte.
„Weiß nicht“, antwortete ich und machte eine wabbelige Handbewegung. „Ein bisschen wie ein Aal, finde ich.“
Er lachte.
„Ja! AfD ist besser. Diese Weidel ist auch eine Muschi – aber immerhin Patriotin! In Europa kommt jetzt die Zeit der Patrioten. Es geht eh alles den Bach runter. Industrie geht den Bach runter. Fremde kommen. Bleiben wir unter uns, ne?“
Vor meinem geistigen Auge steckte der Barsch eine kleine Nationalflagge in seinen milchig versifften Barschteich und blubberte vor sich hin.
Oder rülpste.
„Komm zu mir mit auf ein Bier, ne? Meine Frau kocht für uns. Sie spricht auch besser Deutsch. Ist nur vier Minuten entfernt!“
„Nein danke“, erwiderte ich lächelnd, aber schaute ihm dabei nachdrücklich in die Augen.
Der Barsch wollte mein Nein allerdings nicht akzeptieren.
Seine beiden Fischerkollegen beobachteten das Spiel skeptisch.
Musste er sich gerade vor ihnen als Alphabarsch beweisen? Oder ging es tatsächlich um Gastfreundschaft?
Und wenn ja: Was für eine Gastfreundschaft sollte das sein, die sich aufdrängte und keine Widerrede duldete?
Immer wieder lud er mich ein.
Immer wieder antwortete ich:
„Vielen Dank, aber ich möchte heute noch weit fahren.“
Da ich auf der Bank saß und mich gewissermaßen in eine Ecke gedrängt fühlte, erkannte ich keinen besonders eleganten Ausweg aus der Situation. Ich würde wohl einfach beharrlich Nein sagen müssen, bis es irgendwann bei meinem Gegenüber ankam.
Er pries weiter sein Bier an. Betonte gefühlt zehnmal, wie nah sein Haus am Weg läge und wie gut seine Frau Deutsch sprechen könne.
Doch mein Bauchgefühl hatte mir bereits in den ersten zehn Sekunden mitgeteilt, dass mich diese Begegnung nur anstrengen würde.
Und vielleicht bedeutete Freiheit eben auch, selektiv auswählen zu dürfen, mit wem ich meine Zeit verbringe.
Mein achtunddreißigjähriges Ich ist darin inzwischen etwas selbstbewusster.
Irgendwann gab er tatsächlich auf.
Zum Abschied schüttelte er mir fest die Hand und blickte mir nachdrücklich in die Augen – wie einem Kontrahenten, von dem man sich nach einem Duell verabschiedete.
Männergruppen
Warum waren es eigentlich so oft Männergruppen, bei denen ich solche Erlebnisse hatte?
Ich musste an die Hundegang vom Vortag denken.
Ein Hund ist entspannt. Sobald mehrere zusammenkommen, muss plötzlich irgendjemand irgendetwas beweisen.
Das nervt.
Während ich weiterradelte, schärfte sich mein Blick dafür.
Bärtige Männer, die rauchend in Cafés zusammensaßen.
Bärtige Männer in Hemden und schweren Parfums, die irgendwelche zierlichen, aufgedonnerten Frauen durch die Gegend kommandierten.
Männer mit Bierflaschen, die schon vormittags an ein Geländer gelehnt ein Fußballspiel verfolgten.
Sie saßen auf Plastikstühlen entlang der Straße und schauten mir hinterher.
Was macht dieser Typ in den engen Radklamotten mitten in der Mittagshitze?
Warum müht der sich so ab?
Und wie würde sich wohl eine Frau in meiner Situation fühlen?
Ich jedenfalls hatte keine große Lust, mich mit dieser Sorte von Männern zu umgeben.
Und musste es zum Glück auch nicht.
Stillstand und Bewegung
Gegen siebzehn Uhr legte ich mich an einer Baustelle in den Schatten.
Ich sprang nackt in die lauwarme Donau, ließ für einen Moment alles los und wusch meine Sachen.
Dann schickte ich eine lange Sprachnachricht an Lina, eine Frau, die ich im Frühling beim Acroyoga kennengelernt hatte. Sie erzählte mir von ihren Erfahrungen als Mutter. Ich erzählte ihr von meinen Erfahrungen mit Einsamkeit und dem Mit-Sich-Sein.
Ich genieße diesen geistigen Austausch, auch wenn unsere Erfahrungswelten so gegensätzlich sind. Immerhin habe ich auf meiner Tour sehr, sehr viel Zeit zum Nachdenken.
Und ich mag es, ihre Stimme zu hören.
Es sind diese Nachmittagsstunden in der Glut, in denen ich körperlich dazu gezwungen werde, mein feuriges Temperament zu zügeln.
Den Baumwipfeln beim Wiegen zuzusehen.
Die Donauwellen plätschern zu hören.
Innezuhalten.
In diesen Momenten verlangsamt sich das Tempo der Welt. Alles, was gestern geschehen war oder morgen geschehen würde, fühlte sich plötzlich endlos weit entfernt an.
Die Welt verdichtete sich zu einem Atemzug.
Zu einem einzigen sommerlichen Moment, der in der Hitze flirrte und mich an die scheinbar endlosen Sommerferien meiner Kindheit erinnerte.
Bewegung und Stillstand.
Stillstand und Bewegung.
Einatmen. Ausatmen.
Die ewigen Pole des Lebens, zwischen denen ich – wie die Wellen der Donau – hin und her oszilliere.
Freiheit.
In der Spätnachmittagssonne nahm ich wieder Fahrt auf und wurde nur gelegentlich von Motorradfahrer*innen und schwarzen Audis und BMWs mit getönten Scheiben überholt.
Mein Tagesziel: eine Pizzeria, die in meiner Vorstellung bereits hell und verlockend am Horizont leuchtete.
Manchmal hielt ich an und lauschte.
Stille.
Die majestätische Donau in ihren lang gestreckten Tälern. Der Dunst der herannahenden Dämmerung. Dazu mein Fahrradross, malerisch vor einer Leitplanke posierend.
Genau so hatte ich mir diese Reise vorgestellt.
Ich lächelte in mich hinein.
Die Pizza-Falle
Der Pizzastopp sollte sich allerdings als Falle herausstellen.
Kaum hatte ich einen kurzen, mäßig steilen Hang überquert, geriet ich in eine Art Donau-Ballermann.
Trotz der dörflichen Kulisse protzte unter beinahe jeder überdachten Einfahrt ein schwarzer Porsche, Mercedes oder BMW.
Und zwar keine alten Retro-Modelle.
Brandneue, blank polierte Lackkarren.
War ich hier in ein rumänisches Mafiosi-Get-together geraten?
Auch die Pizzeria fiel vollkommen aus dem Bild.
LED-Streifen beleuchteten geschmacklos die Terrasse. Eine wilde Musikmischung aus Beach House, 90er-Ibiza-Eurotechno und Balkanhits erstickte jeden aufkeimenden Funken Gemütlichkeit.
Im Hintergrund: LED-beleuchtete Palmen.
In Rumänien?
Mein Magen knurrte.
Für ästhetische Grundsatzfragen blieb keine Zeit.
„Welcome, welcome!“, begrüßte mich ein gerade den Teenagerjahren entschlüpfter Kellner mit stolz gezupftem Goatee-Bart.
„Gib uns ruhig Deine Elektronikgeräte zum Aufladen. Keine Angst – wir sind hier schließlich keine Zigeuner!“
Ich antwortete, dass ich auch vor Roma keine Angst hätte.
Den Seitenhieb verstand er allerdings nicht ganz.
Ich bestellte eine Pizza mit möglichst viel Fleisch und saß wenig später auf der Terrasse – mit einem gekühlten Beck’s in der Hand und der hauseigenen Pizza Philadelphia vor mir.
Und die schmeckte hervorragend.
Als Reisender musst Du manchmal einfach das genießen, was sich Dir bietet.
Das schreiende Baby neben Dir, das gelangweilte Pärchen hinter Dir, das während des gesamten Essens lustlos auf seine Smartphones starrt, und die lautstarken Urlauber um Dich herum mit Goldketten und Alkoholgelagen – all das blendest Du einfach aus.
Also saß ich mit Noise-Cancelling-Kopfhörern im Restaurant und hörte meine eigene Abendessenmusik.
Ein bisschen dreist.
Aber why not?
Und plötzlich gab es auch noch Feuerwerk am Hang.
60 Euro für den Keller
Da es inzwischen vollkommen dunkel geworden war und ich dank des Restaurantkomforts die Zeit vergessen hatte, erkundigte ich mich beim burschikosen Rezeptionisten nach einem Zimmer.
„Wir haben da eins im Keller und zwei irgendwo anders. Das eine mach ich Dir zum guten Preis: 60 Euro. Die anderen 65.“
Ziemlich viel für einen Neonschuppen in einem rumänischen Hinterlandferienort, dachte ich.
Also lehnte ich dankend ab.
Damit begann allerdings wieder eine Schlafplatzodyssee.
Im Dunkeln.
Im Feriengebiet.
Im Tal.
Als wäre das noch nicht genug, schoss plötzlich ein mittelgroßer Hund aus der Dunkelheit und umkreiste mein Rad.
Nicht gut.
Am Ende des Ortes entdeckte ich einen kleinen Fischerboothafen und war schon kurz davor, mein Zelt aufzustellen. Dann besann ich mich eines Besseren und sprach eine kleine Gruppe älterer Leute an, die offenbar ihren Tag mit Tratsch und Klatsch ausklingen ließen.
Ein Paar sprach sogar Deutsch.
Was für ein Glück!
„Hallo, Reisender! Wir haben Deine Geschichte gerade dieser alten Frau erzählt. Sie ist Fischerin. Du kannst heute Nacht auf ihrem Grundstück schlafen. Sie hat ein paar freie Wohnwagen, vielleicht lässt sie Dich sogar dort rein.“
Wow, dachte ich.
Da hatte ich doch den Jackpot getroffen.
Endlich wurde ich einmal als Gast behandelt und nicht bloß als Tourist.
Ich folgte ihnen auf ein grünes, gemütliches Grundstück, auf dem zwei Wohnwagen standen. Dazu ein kleiner, drolliger weißer Hund.
„Sie ist lieb“, beteuerte der Deutschrumäne. „Sie will einfach nur helfen. Vielleicht gibst Du ihr morgen früh ein paar Euro als Dankeschön.“
Er erzählte mir, dass sie aus der Gegend kämen und dass es hier früher sehr viel wilder und untouristischer zugegangen sei. Die Menschen auf beiden Seiten der Donau würden sich gut verstehen, und in der Grenzregion lebten seit Langem serbische und rumänische Gemeinschaften nah beieinander.
Außerdem empfahl er mir noch zahlreiche Wanderwege in der Umgebung.
Bären gäbe es hier keine – wenn überhaupt, dann sehr weit entfernt in den Bergen.
„Aktuell sind so viele Menschen hier, weil vor Kurzem ein Musikfestival stattgefunden hat. Außerdem sind morgen die rumänischen Ferien zu Ende!“, erklärte er mir den ungewöhnlich großen Andrang in diesem kleinen, entlegenen Ferienort.
Das Paar verabschiedete sich.
Die alte Frau wollte nur kurz die Schlüssel für die Wohnwagen und Toiletten holen, übersetzte der Mann.
Als sie zurückkam, nahm unser Gespräch allerdings sehr schnell eine andere Richtung.
„Lei oder Euro?“, fragte die hutzelige, kugelrunde Fischerin im Blumenkleid ohne Umschweife.
Ich, der bis dahin dachte, diese Frau wolle mich aus Gastfreundschaft unterbringen, war einen Moment lang verwirrt.
Etwas verträumt antwortete ich, dass ich aktuell kaum Bargeld dabeihätte.
„Das ist blöd! Wie willst Du denn dann bezahlen? Hast Du Euro?“
Ich fragte sie, wie viel sie denn haben wolle.
„30 Euro sollten passen.“
Innerlich begann ich abzuwägen – und wurde mit jeder Sekunde ärgerlicher darüber, wie sich die hilfsbereite Gastgeberin plötzlich in eine Geschäftsfrau verwandelt hatte.
„Nein danke. Thanks for nothing.“
Ich drehte mich um und ging zu meinem Fahrrad.
Offenbar bemerkte sie, dass ihr Verhandlungsspiel nicht ganz das gewünschte Ergebnis gebracht hatte.
„Nein, warte! Wir machen einen besseren Deal! Warte!“
Sie stellte sich vor mich und wollte verhindern, dass ich ihr Grundstück verließ, das von einem hohen Gitterzaun umgeben war.
Doch ich hatte mich bereits entschieden.
Gast oder Tourist – diese Frau erschien mir plötzlich nicht mehr ganz ehrlich.
Und wer wusste schon, was ihr als Nächstes einfallen würde?
Gefangen im Tal
Wenig später fuhr ich also unverrichteter Dinge durch ein steiles Tal, das bei Tageslicht bestimmt wunderschön ausgesehen hätte.
Es war stockfinster.
Die Berggipfel konnte ich nur als schwarze Silhouetten vor dem klar leuchtenden Sternenhimmel erkennen – der mich in diesem Moment allerdings überhaupt nicht interessierte.
Immer wieder kamen mir schwarze BMWs in den engen Kurven entgegen.
Zum Glück langsam.
Sie hatten wahrscheinlich ebenfalls Angst um ihren teuren Lack.
Genervt und zunehmend verzweifelt studierte ich die Satellitenbilder auf meinem Smartphone.
Keine Erlösung in Sicht.
Nur steile Höhenlinien, wenige Pfade und Privatgrundstücke für die nächsten Kilometer.
Wie konnte es sein, dass ich schon wieder in einem Tal gefangen war?
Dann endlich:
eine Brücke.
Ich bog auf eine staubige Nebenstraße ab und war kurz davor, mein Zelt zwischen zwei uralten Wohnwagen aufzustellen, als mich meine feine Nase warnte.
Es roch streng nach Urin.
Meine Stirnlampe bestätigte den Verdacht.
Überall lag Klopapier verteilt.
Und zwar nicht bloß an einer einzelnen Parkbucht, sondern gewissermaßen als konsequente Wegumsäumung links und rechts der Straße.
War es inzwischen wirklich so weit gekommen, dass ich in einer Pissecke zelten musste?
Auf einem überdachten Parkplatz scherzten währenddessen Eltern laut mit ihren Kindern. Offenbar wollten sie sich als Fischer die Nacht um die Ohren schlagen.
Plötzlich musste ich wieder daran denken, wie sehr Gäste ihren Gastgebern manchmal ausgeliefert sein konnten.
Für einen Radreisenden, der nachts in fremdem Terrain unterwegs war und keine Ahnung hatte, was sich hinter der nächsten Kurve befand, galt das umso mehr.
Wie mussten sich dann erst Menschen fühlen, die überhaupt kein Zuhause hatten?
Ein Steg für die Nacht
Entkräftet setzte ich meine Stirnlampe auf und erkundete ein letztes Mal die nähere Umgebung.
Und siehe da:
Ich fand einen Steg, der steil zu einem kleinen Holzplateau direkt am Wasser hinunterführte.
Darauf standen eine Holzbank und eine kleine Treppe, die direkt in die Donau führte.
Bingo!
Mit letzter Kraft schleppte ich meine schweren Radtaschen und mein bereits in der Pissecke aufgebautes Zelt hinunter auf die Plattform.
Dann streifte ich in einem kühlen Nachtbad all die Frustration des Abends von mir ab.
Auf der vor mir liegenden Brücke plapperten die Fischer angeregt und warfen ihre blinkenden Leuchtkörper ins dunkle Wasser.
Vielleicht war ich für meine vermeintlichen Gastgeber heute genau das gewesen:
ein kleiner Fang, den sie versucht hatten, an Land zu ziehen.
Erschöpft ließ ich mich auf meine Matratze im Zelt fallen und schrieb Guillermo, der mir am selben Tag ein kurzes Video von jonglierenden Feuerakrobaten geschickt hatte:
„Viele liebe Grüße aus Budapest!“
Ich antwortete:
„Geht es Dir manchmal auch so, dass Du von den Menschen als wandelnder Geldautomat behandelt wirst?“
Er schrieb zurück:
„Haha, nein! Uns Südländern sieht man an, dass es bei uns nichts zu holen gibt. Sie haben eher Mitleid mit mir und laden mich deshalb so oft ein.“
Ist das also das große Geheimnis der Schnorrerkunst?
Bedürftig aussehen?
Plötzlich hörte ich kleine Kieselsteine auf mein Zeltdach prasseln.
„Krähhhh! Kraaaahzzz!“
Offenbar war ich auch hier kein besonders willkommener Gast.
Eine Krähe verteidigte ihren Lieblingsplatz so gut sie konnte.
Aber nach diesem Tag war mir wirklich alles egal.
Ich schloss die Augen und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.



























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