Tag 22 / Rumänien / Rückwind


Zu sanftem Plätschern wachte ich am folgenden Morgen auf meinem Privatsteg auf. Der Ort war gut gewählt! Schattig, aber nicht zugig, mit wunderbarem Blick auf die kleine Brücke über einen Nebenfluss der Donau, die inzwischen von zahlreichen Touristen belaufen wurde.

Ich wollte gerade etwas Wasser zum Ausspülen meiner Töpfe holen, da schaute ich nach rechts und erschrak kurz: Aus einigen Metern Entfernung starrte mich ein riesiger, in den Felsen gemeißelter Kopf an. Er musste der Grund sein, dass es hier von Touristenbuden wimmelte – und wahrscheinlich auch dafür, dass ich gestern Nacht von einem blauen Scheinwerfer geblendet worden war.

Lange Zeit blieb mir jedoch nicht, um diese Mount-Washington-Esque-Kunst zu bewundern, denn ich hörte bereits ein Tuckern, das sich meinem – oder eher seinem – Steg näherte: Ein Motorboot, darauf ein dickbäuchiger, weißhaariger Mann mit einem Shirt, auf dem „Game Over“ stand.

Nomen est schlechtes Omen.

Doch kaum hatte er sein Boot am Steg angebunden und seinen rostigen Roller auf diesen gewuchtet, reichte er mir eine kräftige Pranke und drückte fest zu.

„Hello! Don’t worry, relax.“

Damit war alles gesagt. Ich konnte also in Ruhe mein Frühstück, bestehend aus zwei Packungen Instantkaffeepulver, drei Scheiben Brot mit Milchmädchencreme, Bananen und Protein-Skyr, verdrücken.


Vom Privatsteg auf die Hauptstraße

Oben angekommen, wirkte der Ort wie verwandelt. Die Pissecke war von bunten Wägen verstellt, die Miniatur-Steinköpfe, kalte Getränke und so manchen Touristenkitsch verkauften. Ich gönnte mir ein kaltes 0,0-%-Radler – wobei hier in Osteuropa so ziemlich alles als Radler verkauft wird, was Kohlensäure besitzt und in einer Dose verkauft wird. Meines hatte den Geschmack Himbeer-Limette-Minze.

Die Verkäuferin bestand darauf, dass ich die 0,50 Lei Revolut-Zahlungsgebühr bezahlte, und schon saß ich an einem lackierten Holztisch, auf dem ein rotes „Reserviert! Nur für Kunden!“-Schild prangte.

Mein Eindruck stimmte: Hier ging es nur ums Geschäft.

Frisch aufgetankt ging es dann auf den nächsten Abschnitt. Heute sollte ich Glück haben – denn ich hatte Rückenwind. Den ganzen Tag.

Und diesen sollte ich auch brauchen. Denn die Straße entlang der Donau hatte es in sich. Als Radfahrer blieb mir nur ein etwa 50 Zentimeter breiter Seitenstreifen, der immer wieder von breiten Lkw-Reifen zerfahren war, mit fiesen Zementresten übersät wurde oder von aus dem Nichts auftauchenden Löchern durchbrochen war.

Dazu kamen die ganzen BMWs, Audis und anderen gangster-video-tauglichen SUVs mit schwarz getönten Scheiben, die in langen Kolonnen an mir vorbeirasten. Scheinbar war das Festival zu Ende.

Grob gesagt entsprach ihr Fahrstil dem Geldwert ihres Fahrzeugs. Je teurer die Karre, desto mehr hatten sie scheinbar auch die Straße für sich gekauft und forderten ihr Wegerecht unerbittlich mit aggressivem Auffahren und Hupen ein – unangenehm für einen Radfahrer, der sich mühsam die Donauhügel hochkämpfte.

Immerhin fuhr ich – ein anderer Radreisender schob bereits. Aber meine Beine hielten durch. Auf der anderen Seite flog ich die Donau hinab. 35 bis 40 km/h zeigte mein Garmin.

Immer wieder öffnete sich das Panorama und zeigte das tiefblaue Donautal, das immer breiter wurde und inzwischen fast einem Fjord ähnelte.

Zeit zum Anhalten blieb indes kaum. Zum einen gab es oft nur eine schmale Leitplanke, die die Straße vom Abgrund trennte, zum anderen geriet ich durch den Rückenwind in meinen Flow, den ich nur ungern unterbrechen wollte.

Mal liefen ein paar Rumänen auf der Leitplanke entlang, da die Straßenbauer Gehwege wohl einfach wegignoriert hatten, mal ging es durch kurze, dunkle Tunnelabschnitte, bei denen ich immer kurz vorher zu meinen Schutzengeln betete.

Bald erreichte ich einen riesigen Deich, der scheinbar auch als Gefällekraftwerk diente. Wusch – war er schon wieder weg. Kein wohlinszeniertes Foto, dafür immerhin eine kurze Erwähnung in diesem Text.

Mein Seglerinstinkt sagte mir, dass guter Wind genutzt werden möchte!


Turm Severin

In Drobeta-Turnu Severin gönnte ich mir eine Schreib- und Rasierpause im Café Queen. In einem Goldrahmen eingelassen lief im Fernsehen Fußball in Dauerschleife. Das Interieur erinnerte an eine Mischung aus Hookah-Bar und Fake-Marmor-Schick, powered by Coca-Cola.

Mir egal. Ich genoss die Kühle des Wasserzerstäubers, die von der Bar nebenan zu mir herüberwehte.

Dort saß eine College-Meute. Alle mit schwarzen Haaren und alternativen Outfits. Gerne hätte ich mich zu ihnen hinübergesetzt und sie nach dem kulturellen Leben hier gefragt, nur war ich an diesem Tag irgendwie in mich gekehrt und nicht so kontaktfreudig.

Aber solche Tage gibt es eben auch. Etwas Raum für Eigenbrötlertum muss schon ab und zu sein. Dann plötzlich ein Anruf von Vincent über WhatsApp: “Boah, hast Du auch den Rückenwind gecheckt! Ich fliege hier förmlich über den Asphalt!” Wir redeten noch kurz über dies und das und ich freute mich sehr, dass der Kontakt zwischen uns weiterhin bestand. Innerlich überlegte ich, ob wir den letzten Abschnitt nach Istanbul vielleicht zusammenfahren könnten – und wie das zu organisieren sei.

Nach meinem Aufbruch stand der Wind immer noch günstig – ich hatte Glück! Dafür war die Straße nicht weniger herausfordernd.

Über einen Abstecher ins Landesinnere Rumäniens ging es weiter im großen Bogen an der Donau entlang, und ich musste a das denken, was Vincent mir über den Plastikmüll gesagt hatte: Überall lag Müll in den Straßengräben.

Besonders stark war die Vermüllung an Rastplätzen. Ich hielt kurz bei einem sich über einige Kilometer ziehenden Aufstieg und beobachtete, wie der Müll im weiten Bogen um die Mülleimer herum drapiert lag.

Nun können das auch Wildtiere gewesen sein – aber sicherlich nicht ausschließlich.

Mein Hunderadar erkannte zunächst keinen aggressiven Vierbeiner. Doch dann sah ich einen Corgi-ähnlichen Hund um eine Ecke davonhumpeln. Als ich meinen Blick schärfte, erkannte ich zwei weitere, größere Hunde, die sich träge und kraftlos ins Gras gelegt hatten. Zwischen all dem Müll waren sie kaum zu erkennen.

Mir taten diese struppigen Tiere sehr leid. Was konnten sie dafür, dass sie hier zwischen den Abfällen um ihr Überleben kämpfen mussten?

Das größte Schwein ist und bleibt der Mensch.


Roadkill

Entlang des folgenden Abschnitts musste ich regelmäßig um überfahrene Hunde, Füchse und andere Wildtiere herumfahren. In anderen Fällen wurden die Tierleichen einfach lieblos in den Straßengraben geworfen oder klebten plattgepresst auf dem Asphalt.

So viele getötete Tiere hatte ich bisher noch nicht gesehen.

Oft roch es so stark nach Verwesung, wenn der Wind einmal ungünstig drehte. Sind für die Menschen hier getötete Tiere auch nur eine Sorte organischen Mülls?

Daheim wird für jeden Wuffi ein eigenes Schloss mit tausenden von Spielzeugen errichtet und werden teure Operationen finanziert. Hier reichte es nicht einmal für eine würdige Beerdigung.

Das stimmte mich traurig und machte mich auch irgendwie wütend. Diese hässliche Doppelmoral.

In der Ferne sah ich plötzlich mehrere hohe Rauchfahnen. Wahrscheinlich Waldbrände – oder kontrollierte Feldabbrennungen, wie ich sie bei meiner letzten Tour oft in Serbien gesehen hatte.

Meine Route führte schnurstracks geradeaus. Auf meinem Garmin stand:

In 68 Kilometern rechts abbiegen.

Eine Sache, die auf Fotografien nur schwer darzustellen ist, ist die Weite dieser Landschaft. Die Abstände zwischen den Ortschaften erhöhten sich immer weiter. Oft konnte ich das Ende der inzwischen abgeernteten Felder nicht erkennen, die sich fast bis zum Horizont erstreckten.

Diese Weite der Landschaft eröffnete auch eine Weite in mir.

Weiterhin vom Rückenwind getragen, raste ich selbst mühelos wie der Wind über die lange, gerade Hauptstraße. Nur die eng überholenden Lkw rissen mich mit ihrem Sog für einen kurzen Moment aus der Trance.


Die Durchfahrtdörfer

Ich fuhr durch Dörfer, die ich nicht anders als Durchfahrtsdörfer beschreiben kann. Die Straße teilte die Dorfhälften wie ein langes gerades Asphaltschwert.

Scheinbar unbehelligt vom permanenten Lärm und den Abgasen saßen kleine Grüppchen älterer Menschen, oft in traditionell gemusterter Kleidung, und winkten mir zu.

Waren wir vielleicht so etwas wie eine vorbeilaufende Roadshow für sie?

Interessanterweise blieben einige der künstlich angelegten Parks menschenleer, während nahezu jede der Bänke besetzt war.

Aufgrund der oft fehlenden Gehwege schoben auch Mütter ihre Kinderwagen auf der Straße entlang. Ein ziemlich groteskes Bild – wenn dazu der fortwährende Lkw-Strom an ihnen vorbeidonnerte.

Mein Einkaufstinstinkt erkannte zwischen all den Häusern schnell den einzigen Supermarkt im Umkreis von gefühlt 50 Kilometern.

Vor ihm saß ein ziemlich heruntergekommener, tief gebräunter Mann, den ich als Bettler identifizierte.

Es war nicht die Leipziger Form des alkoholisierten, zerzausten Mannes mit zotteligem Haar, üblem Geruch und einer zerschlissenen Einkaufstüte. Im Gegenteil: Er trug ordentliche Kleidung, war schlank und hatte einen festen Händedruck.

Als ich jedoch in sein etwa 45 Jahre altes Gesicht schaute, erkannte ich dort viele Prellwunden. Auch hustete er immer wieder.

Durch meine vielen Gedanken und Erfahrungen mit Gast- und Unfreundschaft auf dieser Reise beschloss ich, ihm eine volle Hucke Gemüse, Obst und ein paar Getränke zu kaufen.

Der eine einzige Lei – etwa 20 Cent – war leider alles, was ich an Bargeld besaß, aber ich gab ihn ihm trotzdem.

Er bedankte sich herzlich, half mir, mein nun wieder übervoll beladenes Rad auf Kurs zu schieben, und entfernte sich sogar in einem respektvollen Abstand von mir, damit er mich nicht vollhustete.

In meinen Zwanzigern hatte ich länger in einer Obdachlosenhilfe gearbeitet und mir viele Geschichten unserer Klienten dort angehört.

Es war für mich damals sehr erschreckend zu hören, wie abrupt Schicksalsschläge Menschen aus den verschiedensten Gründen zu dieser Art von Leben verdammen können – und wie fragil insgesamt die Illusion von sozialer Absicherung ist.

Zu dieser Zeit hatte ich auch begriffen, dass ehrenamtliches Engagement allein dieses Leid nicht beenden kann. Allerdings kann es einem beibringen, alle Menschen zuallererst als Menschen zu sehen und sich die grundlegenden Fragen zu stellen:

Welche meiner Privilegien habe ich eigentlich verdient?

Welche sehe ich als selbstverständlich an?

Und welche Menschen haben mir auf meinem Weg bereits geholfen, um da zu sein, wo ich gerade bin?

Die Begegnung mit dem Obdachlosen an diesem Shop zeigte mir still, wie gut es mir im Grunde geht.

Mit voll beladenem Einkaufskorb und vollem Bauch machte ich mich auf meine weitere Reise, während er mir mit großen, dankbaren Handbewegungen mit seinem neuen 0,0-%-Himbeer-Zitrone-Minze-Radler hinterherprostete.


Über die Donau

Inzwischen brach die Dunkelheit herein, aber ich wollte die Etappe bis zur Donaubrücke unbedingt noch abschließen.

Die Grenze bestand eigentlich nur aus ein paar Polizist*innen, die mich kopfnickend passieren ließen – Schengen-Raum sei Dank.

Kaum hatte ich die kilometerlange Brücke überquert, suchte ich einen Wildcampingplatz unmittelbar an der Donau.

Ich wurde stutzig: Laut Navi sollte ich mich bereits mitten im breiten Fluss befinden.

Tatsächlich schob ich mein Rad schon gut einen Kilometer durch weißen Sandstrand.

Auch das bedeutet Klimawandel – dass Flüsse nicht dort sind, wo sie eigentlich sein sollten.

Als ich mein Zelt aufbaute und zurück zum windschiefen Wald leuchtete, sah ich plötzlich eine kleine, schwarze Silhouette majestätisch auf dem Sandweg posieren.

Hier, mitten im Nirgendwo, strahlten zwei Augen einer kleinen schwarzen Katze aus der Dunkelheit zu mir herüber.

Ich baute gewohnt mein Zelt im trockenen Gestrüpp auf, während diese beiden Augen mich neugierig umkreisten. Auch hier war ich von Plastikmüll umgeben, sodass ich meinen Abfallbeutel immer weiter mit menschlichen Hinterlassenschaften füllte.

Vincent wäre bestimmt stolz auf mich gewesen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich die Donau fand.

Über mir strahlte weit und hell der Sternenhimmel. Unter mir tasteten sich meine Füße vorsichtig durch den weichen Sand – nur ab und zu unterbrochen durch ein scharfes Muschel-Autsch.

Während ich im weiten Fluss im kompletten Dunkeln schwamm und der Himmel über mir mit der Reflexion des Wassers vollständig zu verschmelzen schien, kam ich mir für einen kurzen Moment vor, als würde ich diesen Planeten verlassen.

Dabei ist unser Planet wunderschön.

Wieso behandeln ihn so viele Menschen so achtlos, als wäre all das hier selbstverständlich?

Komoot-Tour-Link




































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