Tag 23 / Bulgarien / Warten auf irgendetwas
Hinzu kommt noch ein weiteres Problem: Als ich die Kellnerin frage, warum denn die Toilette abgeschlossen sei, antwortet sie: „Ach das! Das liegt daran, dass heute in der ganzen Stadt das Wasser abgestellt wurde. Heute ist Service-Tag.“
Herzlich willkommen in Bulgarien.
Ein Land, das langsam verschwindet
Schon vorgestern, als ich am Donaustrand aufwachte, musste ich mich kurz akklimatisieren. In einem vollkommen neuen Land aufzuwachen, kommt als Radreisender schließlich öfter vor – und jedes Land hat ja bekanntlich seine Eigenheiten, die es erst einmal zu erkunden gilt.
Was mir zuallererst auffiel, war die Leere der Orte. Ich fuhr durch kleine Örtchen, in denen die einzigen Bewohner Efeuranken und alte, staubige Katzen waren, die mir bettelnd um die Beine schlichen. Eingestürzte Dächer, verwahrloste Balustraden, über die sich fast vertrocknete Weinranken schlängelten. Viele der roten Ziegeldächer erinnerten mich an mediterrane Dörfer, die ihre Bewohner mit ihren kleinen Häusern und schattigen Innenhöfen vor der starken Sonne schützen wollten.
Nur auf den Werbetafeln leuchteten verblasst die Träume der Menschen: Wettbüroreklame nach Wettbüroreklame. Ein bekannter Fußballspieler wirbt im Lidl-Trikot für ein Wettbüro. Ein junger, strahlender Mann im schwarzen Hemd hat gleich drei heiße Mädels in knappen, goldenen Dessous im Arm.
Wenn die Hoffnung auf schnelles Geld die Menschen hier antreibt, ist dieser Traum zumindest äußerlich nicht in Erfüllung gegangen.
„Es bringt doch eh nichts“
Diese Verlassenheit und Heruntergekommenheit der Orte machte auch etwas mit mir. Sie flüsterte mir zu:
„Warum strengst Du Dich so an? Schau Dich um. Es bringt doch eh nichts. Am Ende zerfallen wir sowieso wieder zu Staub. Menschen, Tiere, Städte. Alles Staub.“
Besonders melancholische Gefühle überkamen mich, als ich vor einer verfallenen Grundschule stand. Der Fußballplatz verfügte über rostige Tore, vom Eingangsbereich blätterte der Putz.
Eine Gegend ohne Kinder verfügt über keine Zukunft und ist zum Aussterben verdammt.
Die einzigen Gesichter, die mir in einigen Ortschaften begegneten, waren die von Verstorbenenanzeigen, die auf DIN-A4-großen Ausdrucken a den Bushaltestellen hingen.
60 Kilometer grünes Nichts
Neben mir schob sich träge wie ein blauer Lindwurm die Donau entlang. Ich würde an dieser Stelle gern malerische Worte für diese Landschaft finden. Aber tatsächlich empfand ich sie vor allem als grünes, monotones Nichts.
60 Kilometer immer dieselbe Straße. Kaum eine Aussicht durch das dichte Gestrüpp. Monotonie ist für Radfahrer eine besondere Herausforderung, weil Dein Kopf irgendwann keinen inneren Bezug mehr zur Distanz herstellen kann. Mir kam es – ähnlich wie bei den sich endlos ziehenden Anstiegen – vor, als trampelte ich auf der Stelle.
Eine sonderbare Erscheinung
Doch plötzlich – da – bot sich mir eine merkwürdige Ansicht:
In einer Landstraßenausfahrt, mitten im grünen Nirgendwo, schminkte sich eine Frau. Sie trug schwarze Lederschuhe und ein braunes, sehr knappes Kleid und kämmte ihre schwarzen, fließenden Haare. Ihre mit Pailletten bestickte Ledertasche hatte sie über einen vom Sperrmüll aufgesammelten Lederstuhl gehängt, der hier an der Ausfahrt zusammen mit dem üblichen Plastikmüll herumstand.
So schnell fuhr ich an dieser sonderbaren Erscheinung vorbei, dass ich erst wenig später registrierte: Das musste eine Prostituierte gewesen sein.
Wahrscheinlich kam sie ihren Kunden, den Truckern, entgegen, indem sie sich an der Landstraße postierte.
Wenige Kilometer weiter sah ich die nächste Prostituierte im Nirgendwo. Sie war komplett in Weiß gekleidet, hatte lange, schöne Beine und trug so viel Schminke, dass sie mich auch beim Vorbeifahren wie ein Stoppschild anleuchtete.
Lidl in der Grenzstadt
Anhalten wollte ich allerdings erst bei der nächsten größeren Ortschaft, um meine stark geschrumpften Lebensmittelvorräte aufzustocken.
Der Lidl in der Grenzstadt zu Rumänien erinnerte mich an die Supermärkte meiner Kindheit: knarrende Einkaufswagen, ein ramschiges Sortiment und jede Menge Abklatschprodukte, die viel bunter und viel chemischer als ihre Vorlagen schmeckten.
Die Menschen kamen mir ebenfalls vor wie die Kunden von Netto in Marzahn-Hellersdorf in den 2000ern: zerschlissene Baumwollshirts mit übergroßen Aufdrucken. Plastiksandalen in grellen Farbtönen. Und viele alte Leute, denen der neugierige Glanz in den Augen schon vor vielen Jahren abhandengekommen war.
Kollektive Trostlosigkeit
Instinktiv schloss ich mein Rad an die einzig verfügbare Metallstange und dachte über kollektive Gefühle nach.
Ich finde es spannend, wie ansteckend geteilte Erfahrungen von Schäbigkeit und Trostlosigkeit sein können. Der einzige Unterschied zur Plattenbautristesse der Rudower Internetcafés meiner Jugend war – neben fehlender Aggro-Berlin-Mucke – die bulgarische Sonne, die selbst den kleinsten Farbfleck zum Leuchten brachte.
Mehrmals begegneten mir verblasste EU-Werbeschilder.
„Diese Straße wurde von der EU finanziert“, stand da groß und stolz.
Nur endete die glatte Asphaltstraße drei Kilometer hinter dem Schild und brach augenblicklich in eine mörderische Schlaglochroute um.
Warum verstecken sich Schlaglöcher eigentlich ausgerechnet immer im Schatten der Bäume?
Fies ist das.
Platter Nummer eins widerfuhr mir an diesem Tag auf einer dieser asphaltierten Straßen – und ich konnte seine Ursache nicht einmal ausmachen. Geduldig setzte ich mich auf eine Bank, während ein kleiner Köter mich, die Schnauze durch die rostigen Zaunstäbe gestreckt, heiser und kraftlos anbellte.
Ich sehe alle Probleme, Widrigkeiten und Herausforderungen prinzipiell als Training.
Nur während im Gym der Widerstand in Form klar definierter Wiederholungen steuerbar ist – das heißt, Du entscheidest jeden Tag selbst, wie viel Dein Körper und Deine mentale Verfassung gerade zulassen –, zwingt Dir die Straße ihre Widrigkeiten einfach auf.
Komoot gegen Bulgarien
Und so überraschte es mich schon gar nicht mehr, dass Komoot mich in holprige Sackgassen führte und freundliche Bulgaren mich mit großen Handgesten zurück auf die Landstraße lotsten.
Es sind diese Momente, in denen Du wirklich glücklich über Asphalt bist.
Da geht es wenigstens vorwärts.
Warten auf irgendetwas
In diesem fortwährenden, fortrollenden Nichts gab es selten Abwechslung.
Verlassenes Dorf nach verlassenem Dorf.
Auf einer Donaupromenade flog Plastikmüll durch die Gegend, während ein alter Mann die Müllkörbe durchsuchte. Taxifahrer standen beschäftigungslos vor einem nicht gerade guten Hotel. Ältere Leute saßen auf ihren Plastikstühlen und winkten mir zu.
Alle warteten auf irgendetwas.
Doch auf was genau?
Darauf, dass der wirtschaftliche Aufschwung plötzlich eintritt? Dass die Sonne endlich aus ihrem Zenit sinkt?
Vielleicht hätte diese Trägheit mich etwas gelassener stimmen können. Aber sie ermüdete mich hauptsächlich.
Als sich die Sonne langsam über die weiten Felder senkte, bot sich mir eine weitere merkwürdige Ansicht.
Rot gebratene, kugelrunde Männer standen mit ihren Wasserschläuchen vor ihren Gärten und gossen den Beton vor ihren Garagen.
Vielleicht, damit das neue Auto nicht gleich wieder staubig wurde?
Diese Ansicht bot sich mir immer wieder. Dazu Männer, die liebevoll ihre schwarzen Protzautos gossen.
Wohlgemerkt: Um sie herum vertrocknete der Garten und die bulgarische Natur. Aber Mann muss eben Prioritäten setzen.
Neue Nachrichten von der Seidenstraße
Als ich in einer urigen Gaststätte eine bulgarische Brause trank, die mich an radioaktives Wasser erinnerte, schrieb mir plötzlich Vincent:
„Hey! Ich hab nachgeschaut – scheinbar fahren wir die gleiche Route. Ist echt toll hier, oder? Aktuell bin ich noch in Rumänien, aber ich kreuze bei Nikopol. Oh – Du bist scheinbar 130 km hinter mir? Na, dann treffen wir uns vielleicht später!“
Das hatte mir gerade noch gefehlt.
Der Bursche war mir vorausgeeilt, und ich befand mich wohl in einem unfreiwilligen Aufholrennen.
Dann noch eine Nachricht von einem Franzosen.
Zur Erklärung: Ich bin seit einiger Zeit in einer WhatsApp-Seidenstraßen-Radelgruppe und versuche, einen Radpartner für die kasachische Steppe zu finden.
„Hi! Cooler Blog! Hast Du Insta? Sag mal, ich möchte im kommenden Februar eine ähnliche Route fahren wie Du. Muss ich beim Packen irgendwas beachten?“
Fachmännisch berichtete ich ihm von meinen Testtouren im letzten Jahr und auch von der Winterradreise dieses Jahr – als hätte ich das hier schon mein ganzes Leben lang gemacht.
Komisch, wie sich das Verhältnis zu einer Sache verändert, wenn man plötzlich anderen etwas darüber erklären kann.
Dann noch eine Nachricht von Cheng, der allerdings Andrew genannt werden möchte:
„Hi Gunther. Ich fahre auch Richtung Kasachstan. Bin ein bisschen spät dran, werde wohl von Georgien direkt dorthin fliegen, weil der Landweg über Aserbaidschan immer noch geschlossen ist. Du auch? Sind wohl etwas spät dran, oder? Ich kann mit meinen Klamotten leider nicht unter 10 Grad tagsüber radeln. Wie ist das bei Dir? Lass uns in Istanbul mal einen Çay trinken und uns kennenlernen.“
Nachrichten wie diese sind auf einer Durststrecke wie dieser genau das, was meine Motivation benötigt.
Neue Hoffnung. Neue Perspektiven in einem ziemlich perspektivlosen, trägen Land.
Als ich an diesem Abend vor einem Kernkraftwerk mein Zelt aufschlug, dachte ich bei mir:
Irgendwie mag ich das aber auch mit dem Training.
Vielleicht ist dieses Nichts genau die richtige Vorbereitung für das Steppen-Nichts in Kasachstan.
Das Schöne am Radfahren ist, dass Du aus eigener Kraft weiterkommst.
Ich muss auf nichts und niemanden warten.






























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