Tag 24 / Bulgarien / Acker und BMWs


Acker und BMW-Land

Mein Aufwachen vor dem Kernkraftwerk unterschied sich nicht vom Start eines anderen Tourentages – außer, dass mich die Nachrichten aus Sachsen-Anhalt natürlich auch hier nicht kaltließen. Die AfD hatte wie erwartet den Sieg bei der Landtagswahl eingefahren, auch wenn Ulli die gewünschte absolute Mehrheit nicht erhalten hatte.


Dieser Lackaffe hätte bestimmt auch gut in die speckige Wettbürowerbung hier in Bulgarien gepasst: „Wählt mich, dann beschere ich Euch neue blaue, blühende Wiesen!“

Nein – das Ergebnis hatte mich nicht überrascht. Gleichzeitig musste ich an all die Sozialarbeiter*innen und Kulturschaffenden in Sachsen-Anhalt denken, die sich wahrscheinlich alle die gleiche Frage stellten:

Should I stay, or should I go?

Mir ging es am zweiten Tag im Acker- und BMW-Land schon deutlich besser. Meine Beine hatten sich vom 150-Kilometer-Ritt in Rumänien erholt, und ich startete mit neuem Elan auf der gefühlt immer gleichen Strecke am blauen, trägen Donauaal entlang.

Durch ein paar Plateau-Passagen konnte ich nun etwas besser die Landschaft überblicken. Diese Weite war ich als deutsche Quadratkartoffel nicht gewohnt: Bis zum Horizont erstreckten sich Äcker auf der rumänischen und der bulgarischen Seite. Zu meiner Rechten zeichnete sich ein leicht hügeliges Bergland ab. Da musste ich wohl bald hinüber – aber noch nicht heute.

Heute hieß es: weiter Kilometer schrubben.

Und das ging trotz der grünen Monotonie erstaunlich gut. A die wechselnden Abschnitte aus Asphalt und Schlaglöchern hatte ich mich inzwischen gewöhnt – nur a die plötzlich heranrasenden und mich überholenden Audis noch nicht. Manchmal hupten sie mich zum Gruß mehrmals an. Das versetzte mir, ehrlich gesagt, eher einen kurzen Schock – ungefähr so, wie eine Aubergine überraschend neben eine Katze zu legen.


Bossmutti und die Dorfladies

In einem kleinen Dorf machte ich Rast an einem kleinen Shop, der zum Glück meine Visa-Karte akzeptierte. Einen Geldautomaten hatte ich leider immer noch nicht gefunden.

Die Dame hinter dem Tresen erklärte ich kurzerhand zur Bossmutti.

Mit drei protzigen, scheinbar schweren Goldketten behangen, hielt sie in der einen Hand einen rauchenden Zigarettenstummel und in der anderen einen Besen, mit dem sie lässig den Staub von der einen Seite des Geschäfts auf die andere schob.

Ob das etwas brachte? Wer wusste das schon genau.

Draußen setzte ich mich auf die Bank zu einer weiteren betagten Dorflady. Sie hatte tiefe Lachfalten in ihrem gebräunten Gesicht. Spannend, wie das Alter manche Menschen interessanter und sympathischer macht und andere eher ihrer Vitalität beraubt.

Vielleicht ist das Alter eine gnadenlose Abrechnung mit den bisherigen Lebensgewohnheiten.

Sie steckte sich jedenfalls ebenfalls eine Zigarette an, während ein weiterer Herr – der bestimmt auch schon 1940 mit Schiebermütze und beigen Leinenhosen eine gute Figur gemacht hätte – am kleinen Dorftreff vorbeiflanierte und zum Gruß freundlich seinen Hut hob.

Die Bossmama erhob sich nicht, sondern schwenkte lediglich billigend ihre Zigarette.

You may pass.


Vergangenheit trifft Gegenwart

Dann stand plötzlich neben mir eine elegante jüngere Frau in einem modischen schwarzen Top, das asymmetrisch geschnitten war und fast schon mit der italienischen Mode mithalten konnte. Sie stieg aus einem nagelneuen SUV und kaufte dies und das.

Als hätte dieses Panoptikum bulgarischen Allerleis noch nicht gereicht, klapperten plötzlich Hufe auf dem Asphalt. Ein Bauer trieb fröhlich zwei magere Pferde an der illustrierten Gruppe vorbei. Auf seinem Holzwagen wippten mehrere hölzerne Gerätschaften, die in Deutschland vermutlich eher in einem Agrarmuseum Verwendung gefunden hätten als auf einem Acker.

Aber niemandem schien es auch nur in irgendeiner Weise sonderbar zu erscheinen, wie an diesem Ort Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertrafen.

Nur die Zukunft traf ich hier nicht.

Der Geldautomat ist Deiner!

Endlich verließ meine immer gleiche Landstraße den Lauf der Donau. Gegen Nachmittag traf ich auf die ersten Hügel – und auf weitere Läden, die leider keine Kartenzahlung akzeptierten.

Mentale Notiz: Der nächste Geldautomat ist Deiner!

Auf einer Nebenstraße ging es steil bergauf. Lachend und mit bloßem Oberkörper rollten mir dickbäuchige Bulgaren entgegen. Sie hoben lachend und fragend die Schultern, als wollten sie mir sagen:

„Warum fährst Du denn bitte diesen Weg hier hoch?“

Jetzt erst recht, dachte der trotzige Teil von mir – und fand sich wenig später auf einer steilen, staubigen Ackerpiste wieder, wie ich sie so noch nicht erlebt hatte.

Interessanterweise bereitete mir diese Herausforderung mehr Freude als die immer gleiche gerade Piste. Hier musste ich balancieren, manövrieren und schwitzen.

Bald schon überholte ich die Traktoren, die zu meinem Unglück immer wieder dorniges Gestrüpp mitten auf den Fahrweg schmissen. Obwohl ich mir größte Mühe gab, den Hindernissen auszuweichen, entdeckte ich bald überall kleine weiße, unheilverkündende Punkte auf meinem Reifen.

Dornen.

Sie hafteten wie kleine Minen am Reifen und würden ihn vermutlich bald durchstoßen. Also tastete ich etwa alle hundert Meter meine Reifen ab und entfernte die Dornen – vielleicht so, wie andere das Fell ihres Haustieres nach Zecken absuchen würden.


Die Mondpiste

Der Acker hatte eine Konsistenz, die ich so noch nicht erlebt hatte. Durch die lange Dürre war der Boden betonhart gefahren. Die tiefen Rillen der Landmaschinen verwandelten ihn in eine Rüttelpiste, die meine Handgelenke und meine Nerven gleichermaßen strapazierte.

Dazu lag eine feine Staubschicht auf dem Weg, die sich auf meine komplette Ausrüstung legte und dort auch kleben blieb.

Die Sonne stand außerdem derartig ungünstig hinter mir, dass ich Vertiefungen im Boden kaum erkennen konnte. Mehrmals wurde ich von Schlaglöchern auf dieser sonderbaren Mondpiste überrascht und konnte mich nur dadurch vor einem Sturz bewahren, dass ich mein Bein im letzten Moment abstützte.

Dabei wirbelte ich jedes Mal eine große Staubwolke auf, die sich über mein voll beladenes Rad legte.

Leider nutzte meine Vorsicht nichts.

Wenig später fand ich mich mit Platten Nummer zwei an einer Bushaltestelle wieder.

Direkt neben mir lachten und plauderten die Einwohner*innen des kleinen Ortes in einem kleinen Lebensmittelgeschäft, das natürlich ebenfalls keine Kartenzahlung akzeptierte.


Platten Nummer zwei

Müde, aber inzwischen routiniert, nahm ich erneut mein Rad auseinander. Es sah mittlerweile fast wie ein trauriger Traktor aus.

Die Männer in den überdachten Lädchen wurden derweil immer betrunkener. Einer schnauzte lautstark seine Frau an. Zwei weitere, rot gebrannte junge Bulgaren kamen wenig später aus dem Lädchen und trugen in ihren weißen Plastiktüten ausschließlich Dosenbier nach Hause.

Es passte irgendwie voll ins Bild, dass eine bildschöne, aber schätzungsweise gerade erst volljährige junge Frau bereits einen Kinderwagen vor sich herschob, während ihr Mann die Beine auf einen der Plastikstühle hochlegte und sie von dort aus durch die Gegend kommandierte.

Inzwischen hatte ich meinen Reifen geflickt und mich dem Staub ergeben.

Auf mir Staub, um mich herum Staub.

Ein Vater spendierte seinen zwei Söhnen eine Spritztour auf einer Pferdekutsche. Pferde grasten am Rand der löchrigen Straße, während eines der vielen leerstehenden, noch aus Sowjetzeiten stammenden Betonhäuser mit eingeschlagenen Fensterscheiben am Straßenrand vor sich hin moderte.

Im Dämmerlicht fuhr ich durch diese Szenerie, die mich innerlich ein paar Jahrhunderte zurückversetzte.

Den Leuten hier schien das alles nichts auszumachen. Sie saßen unter Plastikschirmen, rauchten und spielten Karten.

Vor allem die Männer.


Postapokalyptisches Sachsen-Anhalt

Plötzlich dachte ich an ein postapokalyptisches Sachsen-Anhalt.

Jeder, der einen IQ über hundert hatte, hatte das ländliche Bundesland bereits verlassen. Jeder, der nicht die Möglichkeit gehabt hatte zu gehen, gab sich einer hirntoten Fremdenfeindlichkeit hin und begann letztendlich, sich gegenseitig zu dezimieren.

Ullis versprochene blauen, blühenden Wiesen kamen mir in den Sinn.

Stattdessen: staubige Äcker und rostige Kutschen.

Nur, dass die Bulgaren dagegen augenscheinlich herzlicher wirkten.


Schlafplatz an der Landstraße

An diesem Abend schlug ich mein Zelt am Rand einer Landstraße auf. Ich beobachtete die schwarzen Autos, die nach Einbruch der Dunkelheit noch schneller über den Asphalt rasten.

Kein guter Ort für einen erschöpften Radfahrer.

Inzwischen hatte ich Vincent bis auf 50 Kilometer eingeholt. Er schrieb mir an diesem Abend auf WhatsApp:

„Schade, dass mit den Platten! Ich weiß aber nicht, wovon Du redest. Bei mir nur glatte, chillige Landstraßen ohne Menschen. Schlafe am See – alles super!“

Spannend, wie unterschiedlich die Reiseerfahrungen an ein und demselben Ort – entlang einer ähnlichen Route – sein konnten.

Ich träumte in dieser Nacht von blauen AfD-Zyklopen-Zombies.

„Gib mir Dein Hirn! Wer braucht schon Zukunft! Komm mit uns in die Vergangenheit, die es nie gab! Braiiinnnnnns!“

Komoot-Tour Link


































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