Tag 27 / Bulgarien, Yambol / Drei Möglichkeiten & der beste Kaffee Osteuropas


Drei Möglichkeiten

Noch bevor die Sonne über die steppenähnliche Landschaft kletterte und die Karpaten im Hintergrund, den weißen Schrottvan und den unerreichbaren Tümpel erleuchtete, saß ich verschlafen auf meinem Kissen im Vorzelt. Ich musste eine Entscheidung treffen – und die fiel mir nicht ganz leicht.

Sollte ich wie geplant bis nach Istanbul durchheizen, um Andrew einzuholen? Oder mir eine Pause im schönen bulgarischen Küstenort Burgas erlauben? Oder Vincent bis zum Mittelmeer begleiten?

Alle drei Möglichkeiten klangen verlockend. Allerdings hatte jede auch ihren Haken.


Mit Istanbul stand mir ein schwieriger Moment bevor, der mich zunehmend belastete und mir ein ungutes Grummeln im Bauch verursachte. Dort erwartete mich die Konfrontation mit meiner Vergangenheit und auch schmerzhafte Erinnerungen an Heesun. Und mir war nicht klar, wie ich damit umgehen würde, wenn es so weit war.

Ich verglich meine Reise mit dem Lauf eines Flusses. Wäre die Bewegung zu schnell, würde alles an mir vorbeigleiten und ich könnte die vielen Orte und Eindrücke nicht genießen. Wäre meine Bewegung hingegen zu langsam, drohte das Gegenteil: Versandung, Verschlammung, Sumpf.

Und ich hatte diese Reise nicht begonnen, um in Selbstmitleid oder meiner persönlichen Vergangenheit zu versinken.


Was sich verändert hat

Und noch etwas hatte sich seit 2023 verändert, als ich Istanbul das letzte Mal mit dem Rad besucht hatte.

Dank meiner dreijährigen Therapie war ich nicht mehr die Person, die von Panikattacken und Depressionen heimgesucht wurde. Ich musste mich nicht mehr komplett von allen Menschen abgrenzen, um bei mir selbst zu bleiben.

Mit anderen Worten: Ich konnte auch mit Menschen reisen, mit ihnen in Verbindung bleiben und gleichzeitig bei mir selbst sein.

Die Pause in Burgas klang also nur auf den ersten Blick verlockend. Ein einzelner Pausentag würde mir vermutlich nicht reichen. Ich würde dort ankommen, in den durch die Anstrengung der letzten Tage verdienten Hängematten-Entspannungsmodus umschalten – und es würde mir anschließend vermutlich ziemlich schwerfallen, mich für die letzten Kilometer wieder aufzuraffen.

Immerhin betrug die Distanz dieser Etappe von Belgrad nach Istanbul 1.200 Kilometer. Auch für mich keine Kleinigkeit.

Während ich meinen Instantkaffee mit dem letzten Rest Benzin für Vincent und mich kochte, kam mir schließlich eine dritte Idee:

Ich könnte mit Vincent wie geplant bis nach Edirne in der Türkei fahren und dort eine kurze Pause einlegen.

So könnten wir noch etwas Zeit gemeinsam verbringen, ich würde dank der Gesellschaft nicht in Gedankenspiralen versinken und gleichzeitig mein Momentum bis Istanbul bewahren.

So machen wir’s.

Vincent schälte sich später als sonst und sichtlich erschöpft aus seinem Zelt. Auch an ihm hatten die Anstrengungen und Aufregungen der letzten Tage ihre Spuren hinterlassen.

Nach einem kurzen Frühstück brachen wir in Richtung türkische Grenze auf – allerdings mit einem erheblichen Mangel an einer wichtigen Ressource: Wasser.


Wasser ist keine Selbstverständlichkeit

Die Rückseite der Karpaten war weitaus trockener als die saftig grünen Wälder, durch die wir bisher geradelt waren. Zwar gab es auch hier Landwirtschaft, doch die Landschaft wirkte deutlich weniger üppig.

Nach gut einer halben Stunde Radelei entdeckten wir einen Brunnen, der träge vor sich hin tropfte.

Wir beschlossen trotzdem, unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Und so beobachtete ich, wie sie sich Schluck für Schluck füllten.

Wie selbstverständlich bin ich es gewohnt, dass aus dem heimischen Wasserhahn ein Überfluss an Trinkwasser sprudelt. Menschen, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin, waren immer wieder überrascht, dass wir in Deutschland sogar mit Trinkwasser unsere Toiletten spülen.

Hier wurde uns sprichwörtlich vor Augen geführt, dass Wasser keine Selbstverständlichkeit ist.

Und trotzdem warteten wir gemeinsam geduldig mindestens eine Viertelstunde, bis wir wieder gut mit dem klaren, kühlen Nass versorgt waren.

Wie gewohnt brutzelte uns die Sonne. Die Hügel rollten langsam an uns vorbei und boten einen weiten Blick über Landschaften, die bald von Weinreben und landwirtschaftlichen Flächen durchzogen wurden.

Drei bulgarische Männer standen im Schatten eines Hauses und reichten uns eine große Wasserflasche. Auch sie hatten Verständnis für unsere sportliche Anstrengung.


Der beste Kaffee Osteuropas

Unsere kleine Straße verwandelte sich schließlich in eine große Bundesstraße, die ich bereits von meiner letzten Tour kannte und als sehr herausfordernd in Erinnerung hatte. Sie führte mit stetigem Gegenwind und leichtem Anstieg Richtung Schwarzes Meer.

In regelmäßigen Abständen standen nun – neben überfahrenen Tieren und Müll – auch Grabsteine verunglückter Reisender am Straßenrand.

Zum Glück blieb uns dieses Schicksal und auch diese Straße erspart.

Stattdessen tauchte plötzlich aus dem Nichts ein kleiner Lavazza-Kaffeeautomat auf.

Eine willkommene Pause!

Ich sage es nicht gern, aber meine bisherige Kaffeeerfahrung war in Osteuropa nicht gerade von atemberaubenden Überraschungen geprägt. Nicht einmal der überteuerte Fünf-Euro-Cappuccino aus dem Café Rosé war der Rede wert, leider.

Dass der Espresso aus dem Lavazza-Automaten bisher mein bester Kaffee war, spricht wohl für sich.

Vincent gönnte sich eine zitronenartige Brause. Langsam kehrte wieder Leben in ihn zurück und wir fingen an, herumzualbern, zu scherzen und zu plappern.


Weinrebenklettern

Mein neuestes Hobby: Weinrebenklettern.

Oft hingen die schönsten Reben hoch oben an den Holzgerüsten der vielen kleinen Gärten. Dank unseres geschickten Teamworks nahmen wir immer wieder an kleinen Bänken entlang der Straße Platz und fraßen uns wie zwei Raupen durch die Ortschaften.

Vincent hatte einen ausgesprochen guten Blick und ein gutes Händchen für Leckereien aller Art.

Wir naschten uns durch Feigen, Trauben, Äpfel und Pflaumen. Alle sonnengereift, süß und saftig.

Die Fahrt über die langen Landstraßen war hingegen alles andere als entspannt. Wie gehabt schoben wir uns am Seitenstreifen durch die Landschaft. Später berichtete mir Vincent, dass er mir sehr dankbar dafür gewesen sei, dass ich mich durch den Gegenwind arbeitete und er in meinem Windschatten mitfahren konnte.

Als Dank kaufte er eine große Packung Vanilleeis, die wir an Ort und Stelle verspeisten.


Fatigue

Auch ich merkte die Anstrengung der letzten Tage inzwischen in Form einer tiefen Erschöpfung – Fatigue.

Diese Erschöpfung ist tückisch, weil sie nicht plötzlich, sondern schleichend auftritt. Während meiner Radreisen ist sie mir immer wieder begegnet, allerdings aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Manchmal sind es die körperlichen Strapazen, manchmal mangelnder Schlaf, andauernder Stress oder auch zu wenig Sonnenlicht, die diese Müdigkeit verursachen.

Meine Erfahrung ist, dass Erschöpfung zeitversetzt einsetzt und ein höheres Maß an Regeneration und Achtsamkeit erfordert als normale Müdigkeit.

Mit anderen Worten: Zuerst muss man die Ursache der Erschöpfung finden. Und anschließend braucht es Geduld und Nachsicht mit sich selbst.

Erschöpfung löst sich nicht innerhalb eines Tages wieder auf.

An diesem Tag merkte ich besonders meinen Schlafmangel und es fiel mir zunehmend schwer, mich zu konzentrieren. Deshalb bat ich Vincent in Jambol, die Navigation und die Suche nach einem Schlafplatz zu übernehmen.

Dort testete ich auch meine Stirnlampe, deren Ladesignallampen leider immer noch wie ein durchgedrehter R2-D2 in allen Farben blinkten – nur leuchtete die Lampe selbst nicht.

Mit anderen Worten: Der Akku, die Lampe oder beides waren kaputt.


Der Steinbruch

Gegen Einbruch der Dämmerung fanden wir uns an einem Steinbruch wieder.

Unser bellendes Hunde-Empfangskomitee, bestehend aus zwei mittelgroßen, flinken Vierbeinern, hatten wir auf der holprigen Ackerpiste bereits hinter uns gelassen. Unser ersehnter See war allerdings alles andere als verlassen.

Wir wurden von einem „Stopp! Durchgang verboten!“-Schild begrüßt.

Dahinter standen schwere Bagger, Jeeps und andere Maschinen – aber keine Menschenseele weit und breit.

Inzwischen war ein heftiger Wind aufgezogen und wir sehnten uns nach Schutz hinter den hohen Bäumen eines verlassenen Tagebausees.

Vincent und ich diskutierten über die Risiken dieses schroffen Geländes, entschieden uns letztendlich aber zu bleiben. Nach der letzten Nacht hatten wir beide kein Interesse daran, weiter durch die karge Ackerlandschaft im starken Wind zu irren.


Zeltaufbau ohne Licht

Da es inzwischen dunkel war, stellte sich die nächste Herausforderung:

Wie baue ich ein Zelt einhändig und ohne Stirnlampe im Sturm auf?

Eifrig probierte ich verschiedene Dinge aus. Zunächst versuchte ich, die Lampe meines Smartphones an meinem Fahrrad zu befestigen. Das klappte natürlich nicht.

Dann benutzte ich mein Selfie-Stativ, um mir daraus ein Lichtstativ zu basteln.

Das funktionierte.

Die Zeltplanen musste ich mit Steinen fixieren und manchmal wedelte mein Zelt so stark am Gestänge, dass es mir vorkam, als hielte ich eine Flagge in der Hand.

Leider stellte sich die Vegetation als ausgesprochen dornig heraus, sodass mein Zelt auf keinen Fall im Gebüsch landen durfte. Auch der Boden musste in mühevoller Handarbeit von dornigem Geäst und spitzen Steinen befreit werden.

Langsam wurde mir bewusst, dass der Steinbruch als Lagerort wirklich eine ziemlich dämliche Idee gewesen war.

Vincent ging es ähnlich.

Immer wieder rief er zu mir herüber:

„Mist! Schon wieder einen Hering verbogen!“

Ich versuchte es gar nicht erst mit Heringen, sondern nutzte meinen Titanklappspaten als Anker und fixierte ihn mit Ziegelsteinen.

Irgendwann war es dann geschafft.

Ich war sehr dankbar, dass Vincent mir als Begleiter diese strapaziöse Erfahrung mit seinem Kochen etwas erleichterte.

Essen ist halt immer eine gute Motivation.

Nachdem der Wind etwas abgeebbt war und wir unsere schnelle Küche – bestehend aus Couscous, Gurken, Tomaten und sehr leckerem Fetakäse – genossen hatten, unterhielten wir uns noch lange über das Abenteuerleben an sich.

Ich gab zu, dass ich nicht wusste, wie lange es mir gelingen würde, jeden Tag im Zelt zu schlafen und mich jeden Tag aufs Neue mit den Basics herumzuschlagen – so wie wir es gerade taten.

Er erzählte, dass Radfahren gerade deshalb seine Lieblingsreiseart sei. Mit dem Wissen um Gefahr und Unvorhersehbarkeit gehe auch eine gewisse Wachheit einher, die man von der bequemen Couch aus wohl nicht erfahren könne.

Und dass dadurch auch neue Fähigkeiten entstünden.

Wir beide waren uns einig, dass auch das Kämpfen mit oder vielleicht sogar das Scheitern an diesen Naturgewalten nicht schlimm sei. Jede Erfahrung sei für sich genommen schon wertvoll.


Die richtige Entscheidung

In jedem Fall merkte ich an diesem Abend, dass meine Entscheidung, in Begleitung zu reisen, die richtige gewesen war.

Ich war sehr viel entspannter.

Und irgendwann hörte ich nur noch in meinem Traum, wie ein paar Vögel über den kleinen Teich flatterten und Hunde in sicherer Entfernung im Chor den Mond anheulten.

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