Tag 29 / Türkei, Edirne / Zwei Tourenengel & ein fluffiger Hund
Die Patina des Meeres
Ich sitze hier gerade im Gemeinschaftshaus eines kleinen Strandcafés. Rechts fällt mein Blick auf Blau. Alle Schattierungen von Blau. Ultramarin, Türkis, Cyan, Azur, Pastellblau, Himmelblau … dazwischen die unendlich vielen Abstufungen des Meeres und des sich darin spiegelnden Himmels.
Im Türkischen gibt es dafür die Bezeichnung mavi – ein Wort, das so poetisch klingt, wie es aussieht.
Die Farben der Sonnenschirme sind dank der Sommersonne bereits verblasst. Wie kleine Dekohüte einer riesigen Torte stehen sie dort unten am Strand verteilt. Alles rostet, verbleicht und veralgt – ohne dass es dadurch seine Schönheit einbüßen würde.
Das ist die Patina des Meeres.
Birol, der hier im Café arbeitet, hatte mir gerade angeboten, dass ich hier kostenlos übernachten könne. Er drückte mir seine Telefonnummer in die Hand und sagte, wenn es ein Problem geben sollte, könne ich ihn einfach anrufen – oder auch gleich mit zu ihm nach Hause kommen. Dann schenkte er mir drei Kugeln Eis und eine große Wasserflasche.
Gastfreundschaft.
Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sie sich anfühlt, aber ich möchte es versuchen.
Es ist so, als ob Du kein Fremder bist, auch wenn Du die Person gerade erst seit drei Minuten kennst. Du bist willkommen, so wie Du bist. Ein Mensch unter Menschen.
Es ist ein warmes, herzliches Gefühl.
Gastfreundschaft basiert auf Geben und Nehmen, aber auch auf Vertrauen. Ich finde, sie sollte selbstverständlich sein.
Vielleicht ist sie mir deshalb gerade so wichtig – weil das alles Dinge sind, die sich nicht in Geld, Nutzen und Kosten messen lassen. Vielleicht ist sie eine Art Klebstoff, die der westlichen, kapitalistisch geprägten Gesellschaft gerade fehlt.
Ich sehe aktuell oft nur noch: Wir gegen die. Die gegen uns. Spaltung, Vermessung, Einteilung.
Das beschreibt viele meiner zwischenmenschlichen Erfahrungen der letzten Jahre. Vom Sportausflug über den Kinotreff bis zum Date – immer steckt eine konkrete Absicht dahinter. Ich habe schon Freunde erlebt, die ihren Tag damit verbringen, von einem sozialen Termin zum nächsten zu hetzen, weil ja alles irgendwie abgearbeitet werden muss.
Miteinander sein.
Das ist zunächst einmal: sein.
Aufmerksamkeit. Präsenz.
Der Zweck ist eher das Mittel zur Begegnung.
Mir geht es häufig eher so, dass die Begegnung das Mittel zum Zweck ist – und im Zentrum immer das Ich steht.
Zumindest fällt es mir in Deutschland sehr schwer, Menschen um etwas zu bitten, ihnen zur Last zu fallen. Immer habe ich das Gefühl, dass irgendjemand gegenrechnet.
Heute habe ich Dich eingeladen, morgen Du.
Dabei ist menschliche Verbindung für mich nicht messbar – weder Freundschaft noch Liebe.
„Wie sehr magst Du mich?“ – auf einer Skala von eins bis zehn.
Diese Frage sollte direkt in die Mülltonne wandern. Tut sie aber nicht. Sie begegnet mir auf „sozialen“ Netzwerken jeden Tag.
Aber gut – zurück zum Geschehen.
Gerade sitzt Birol mir gegenüber am Tisch und spielt Backgammon – oder Tavla, wie es auf Türkisch heißt. Ab und zu rollen ein paar Ausreißerwürfel über den spiegelnden Marmorboden.
Für einen kurzen Moment ist Ruhe eingekehrt.
Es ist die Ruhe vor dem Sturm.
Frühstück mit zwei Radfahr-Fressraupen
Gestern in Edirne begann unser Tag mit einem üppigen türkischen Frühstück, Kahvaltı, in der Blacktree Pension.
Inzwischen hatte ich begriffen, dass es sich um ein Familienunternehmen handelte. Der große Bruder servierte uns eine Vielzahl von Käsesorten, Eier, Marmelade, türkischen Kaffee, Nescafé und natürlich Çay.
Vincent und ich aßen und tranken – alles.
Immer wenn er uns fragte, ob wir mehr wollten, nickten wir hungrig mit dem Kopf.
So ist das, wenn man zwei Radfahr-Fressraupen im Hause hat.
Am Rande bekam ich mit, dass der große Bruder vorher noch den kleineren Bruder – der eigentlich einen Kopf größer ist – anschnauzte, weil dieser uns angeboten hatte, die Wäsche auf dem Balkon zu trocknen.
Der Balkon hatte allerdings kein Geländer.
Ein Sicherheitsrisiko – für mich inzwischen eher eine Gewohnheit als ein Problem.
Und es gab noch eine ungewöhnliche Sache an diesem Tag:
Es regnete.
Unser erster Regentag in Osteuropa beziehungsweise in der Türkei.
Selimiye
Ich nutzte die kühle Frische des Vormittags, um die Innenstadt zu erkunden – allem voran die Selimiye-Moschee.
Sie wurde zwischen 1568 und 1575 im Auftrag von Sultan Selim II. erbaut. Verantwortlich war Mimar Sinan, der wohl bedeutendste Architekt des Osmanischen Reiches. Er war zu dieser Zeit bereits um die 80 Jahre alt und bezeichnete die Selimiye selbst als sein „Meisterwerk“.
Besonders beeindruckend ist die riesige zentrale Kuppel. Sie hat einen Durchmesser von etwa 31 Metern, ist 43 Meter hoch und wird von lediglich acht gewaltigen Pfeilern getragen. Dadurch entsteht im Inneren ein erstaunlich großer, fast ungeteilter Raum.
Die vielen Fenster lassen die Kuppel beinahe über dem Gebetsraum schweben.
Um es anders zu sagen: Obwohl die Moschee riesig ist, fühlte ich mich als Einzelperson nicht verloren in diesem prachtvollen Gebäude.
Das lag auch an den vielfältigen, in hellen Pastellfarben gestalteten Wänden.
Da im Islam bildliche Darstellungen von Gott und religiösen Figuren traditionell eine besondere Rolle spielen beziehungsweise in religiösen Räumen weitgehend vermieden werden, konzentriert sich die Gestaltung der Moschee auf kalligrafische Verse des Korans und eine Vielzahl von Ornamenten, die sich über nahezu jedes Detail erstrecken.
Vom Treppengeländer bis zur Balustrade war alles durchdacht und handwerklich ausgearbeitet.
Diese Moschee war ein Ort, der es mir erlaubte, mich in etwas Höherem aufzulösen und gleichzeitig bei – und mit – mir selbst zu sein.
Ein Ort, an dem man sich aufhalten und wohlfühlen konnte.
Das lag sicherlich auch an dem flauschigen roten Teppich. Moscheen dürfen generell nur ohne Schuhe betreten werden.
Der Architekt hat hier etwas geschaffen, das christliche Kirchen bei mir so nicht auslösen. Dort fühle ich mich – gerade bei gotischen Gebäuden wie etwa dem Kölner Dom – oft bedrückt und unbedeutend. Wie ein kleines Sandkorn, das nur durch das göttliche Licht überhaupt etwas wert ist.
Vielleicht sollte ich noch kurz erwähnen, dass ich während meiner Zeit in Istanbul 2012–2013 an der Mimar-Sinan-Universität studiert hatte und deshalb ein architektonisches Grundverständnis und eine große Wertschätzung für sein Werk entwickelt habe.
Als ich die Moschee verließ, regnete es immer noch.
Das hatte auch etwas Gutes. Der touristische Trubel beschränkte sich auf wenige Familien, die unter den ausgestreckten Schirmen und Balustraden der engen Gassen Schutz suchten.
Ich saß im warmen, engen Raum einer Bäckerei. Der Meister stolzierte ab und zu vorbei und erkundigte sich nach meiner Zufriedenheit, während ich meinen letzten Blogeintrag schrieb.
Der Abschied
Danach ging es der Gewohnheit nach in eine türkische Lokanta. Das ist eine Art Kantine, in der zu relativ kleinem Preis eine Vielzahl frisch zubereiteter Gerichte serviert wird: gefüllte Auberginen, Reis, Fisch, Bohnengerichte und eine Vielzahl türkischer Süßspeisen.
Und das in einem Höllentempo.
Die Kellner wuselten nur so um mich herum.
Ich merkte, dass ich den ganzen Vormittag den Regen genossen hatte, um den Abschied von Vincent hinauszuzögern.
Ich hasse Abschiede.
Also wechselte ich noch einmal meine Reifen.
Putze noch einmal meine Taschen.
Dann plauderte ich mit dem großen Bruder, der sich mir bald als Kadir vorstellte und mir auch gleich einen Kaffee und eine Zigarette anbot.
Und dieses Gespräch hatte es wirklich in sich.
Als ich ihn fragte, wie es ihm gerade ging, antwortete er auf Englisch, ohne Umschweife:
„Richtig beschissen. Ich habe mich über beide Ohren verschuldet. Das Hotel wirft genug Geld ab. Aber da ist ein Freund – zumindest war er mal mein Freund –, der innerhalb der nächsten zwei Wochen 5.000 Euro von mir möchte. Aktuell verdiene ich gerade mal 1.000 Euro, wenn es hochkommt.“
Ich bekundete mein Beileid und fragte, ob der schwankende Lira-Kurs diese Schuldenlast irgendwie erträglicher machen würde.
„Nein. Das ist ein Deutscher. Der will sein Geld in Euro – Cent für Cent. Keinen Tag später als vereinbart. Ich weiß echt nicht, was ich tun soll.“
Ich betrachtete den bärtigen Kerl vor mir. Mit seinem kugelrunden Bauch und seinem andauerndem Lächeln wirkte er nicht unbedingt verzweifelt auf mich.
Als hätte er meine Gedanken gelesen, erwiderte er:
„Gerade sieht es vielleicht so aus, als ob ich lache. Aber glaube mir – dahinter steckt pure Verzweiflung. Wenn Du mit Deiner KI – für mich ist sie eine Frau – sprichst und sie Dir bei jedem Gespräch die Suizid-Hotline empfiehlt, weißt Du, dass Du tief in der Scheiße steckst. Und meiner Frau und den Kindern möchte ich das nicht erzählen – ich möchte sie nicht unnötig belasten.“
Jetzt erkannte ich es auch.
Sein Gesicht war eine Maske, die kurz davor stand, zu zerbrechen.
Zwei Fremde
Er fuhr fort:
„Und ich bin Muslim! Für Selbstmord würde ich direkt in der Hölle landen! Ich kann meinen Schmerz auch nicht mit Alkohol, Kokain oder dem Casino betäuben. Die ganze Zeit sitze ich herum und verfluche meinen Gott. Warum behandelt er mich so – obwohl ich ein rechtschaffenes Leben führe, während andere, die sich in allem scheinbar gehen lassen, unbescholten davonkommen?“
Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Mit Religionen, insbesondere mit dem Islam, kannte ich mich nicht gut aus.
Ich versuchte eine leichte Ablenkung:
„Für uns Abenteurer geht’s auch auf und ab. Heute Morgen haben wir noch illegal im Steinbruch gezeltet – aber irgendwie beißen wir uns halt durch und dann wird es auch wieder besser.“
Er fiel mir fast ins Wort:
„Das ist doch ganz etwas anderes! Ihr macht das doch für Euch – und vielleicht auch für die Erzählung. Am Ende könnt ihr mit Euren Abenteuern vor Euren Freunden angeben. Aber mal unter uns: Ihr könntet jede Nacht auch einfach ein Hostel für zehn oder fünfzehn Euro buchen, oder?“
Da hatte er schon einen Punkt.
Ich beschloss, ihm die Geschichte mit meiner verstorbenen Exfreundin Heesun zu erzählen, da wir ohnehin schon mit schweren Themen beschäftigt waren.
Also fuhr ich fort:
„Einer der Gründe meiner Reise ist das Gedenken an meine verstorbene Freundin. Wir lebten damals zusammen in einer Wohnung in Istanbul. Obwohl das jetzt schon zehn Jahre her ist, lässt es mich nicht los. Es ist, als ob die Zeit an diesem Punkt stehen geblieben sei und mein Leben sich nicht weiterbewegte. Als ob ich feststecke.
Und mir hilft kein Geld.
Du hast wenigstens Deine Familie und Deine Liebsten um Dich. Ich wache oft in meiner kleinen Wohnung auf und frage mich, warum ich mich überhaupt täglich abmühe …“
Er setzte meinen Satz fort:
„… und warum Du Dich so alleine fühlst, obwohl Menschen um Dich herum sind.
Ja, das kann ich nachvollziehen. Obwohl ich meine Familie um mich herum habe, fühle ich mich mit dieser Situation trotzdem komplett alleine.
Und schlimmer ist es noch bei meinen Freunden. Als es mir schlechter ging, haben sie sich von mir distanziert – einer nach dem anderen.
Irgendwann habe ich ihnen wütende Textnachrichten geschrieben, so etwas wie: ‚Wenn Du jetzt nicht zu mir hältst, dann war’s das mit unserer Freundschaft. Dann bedeutet sie nicht viel!‘
Oft gab es danach nur noch Stille.
Und dann wusste ich Bescheid.“
Ich nickte verständnisvoll.
Auch ich hatte in den letzten Jahren kräftig und schmerzlich in meinem Freundeskreis aufgeräumt. Und manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass es immer so weitergehen wird, bis ich vollkommen alleine dastehe.
Das ist die Stimme des Misstrauens.
Der Eiseskälte.
Meiner Depression.
Tief in mir.
Wir beide zündeten uns eine weitere Zigarette an.
Dies war eines der offensten und ehrlichsten Gespräche, die ich seit Langem geführt hatte – obwohl ich diesen Mann erst seit wenigen Minuten kannte.
„Du hast ein Problem mit Gott.“
Er überlegte einen Moment, dann fuhr er fort:
„Ich sage Dir jetzt, warum es Dir so schwerfällt, mit dieser Situation abzuschließen. Warum Du festhängst.“
Ich wartete gespannt auf die Fortführung seiner Gedanken.
„Wäre das eine normale Beziehung gewesen, hätte sie einen normalen Verlauf genommen. Ihr hättet Euch gestritten, vielleicht wärt Ihr zusammengeblieben, vielleicht nicht. Aber es hätte sich immer wie Eure Beziehung angefühlt.
Eine Kausalkette, die für Dich nachvollziehbar wäre.
Aber mit ihrem Tod hast Du höhere Gewalt erlebt.
Keiner von Euch beiden hat etwas verkehrt gemacht und trotzdem sind die Konsequenzen für Euch beide fatal.
Um es mit den Worten eines Muslims zu sagen: Du hast ein Problem mit Gott.
Du bist wütend auf Ihn und kannst Ihm nicht verzeihen, dass Er sie aus Deinem Leben gerissen hat.
Das ist etwas ganz anderes, weil kein Mensch Dir bei dieser Angelegenheit wirklich helfen kann.“
Er tippte kurz seine Zigarette gegen den Aschenbecher und sah mir dabei tief in die Augen.
„Und da Du wütend auf Gott warst, hast Du auch Deinen Glauben an das Leben verloren. Du hast zehn Jahre in Dunkelheit gelebt und die Hoffnung verloren, überhaupt je wieder eine Morgendämmerung zu erleben.
Ist es nicht so?“
Ich nickte.
Er fuhr fort:
„Ich kann sehen, dass Du kurz davor bist zu weinen. Lass das ruhig zu. An diesem Tisch haben schon viele Menschen geweint.
Ich habe irgendwie das nutzlose Talent, tief in die Seele der Menschen zu blicken. Nur hilft mir das in meiner Situation leider wenig.
Egal.
Was ich sagen möchte, ist: Du bist auf einem guten Weg.
Wahrscheinlich bist Du schon durch das Tal der Verleugnung gegangen und befindest Dich gerade im Stadium der Verhandlung. Das ist bei traumatischen Erfahrungen oft so. Am Ende kommt die Akzeptanz – aber bis dahin ist es meist ein langer Weg.
Ich möchte Dir gerne einen Rat mit auf den Weg geben.
Glaubst Du an etwas?“
Ich antwortete ihm, dass ich mich als nicht religiös betrachte, aber mich in letzter Zeit öfter mit buddhistischen Lektüren identifizieren konnte.
Er lachte.
„Ach, der Buddhismus! Bei uns Muslimen – und wahrscheinlich auch bei den Christen – wird der eher als Lifestyle-Produkt angesehen. Aber ich kann verstehen, warum er Dich anspricht.
Der Weg zu Gott ist dort nicht mit so vielen Barrieren und Regeln zugepflastert.
Ich kenne hier in der Türkei so viele Muslime, die ihren Glauben mechanisch abarbeiten – fast wie Roboter.
Fünfmal am Tag beten, okay. Den Koran befolgen – super.
Aber am Ende begreifen sie selten den Sinn all dieser Rituale.
Das ist beim Buddhismus anders. Da steht die Verbindung von Dir und dem Übernatürlichen von Anfang an im Zentrum.
Wie dem auch sei.
Was ich Dir sagen möchte, ist, dass Du auf Deiner Reise die gesamte Kraft Deines Glaubens brauchen wirst.
Du wirst bei Deinem Streit mit Gott an alle Abgründe Deiner selbst und auch Deiner Zweifel geführt.
Und am Ende – wenn Du all das aushältst und zulässt – garantiere ich Dir:
Du wirst den Morgen erreichen.“
Für einen kurzen Moment starrte ich ihn sprachlos an.
Als hätte ich es mit einem Wahrsager zu tun.
„Ich sage Dir das, weil mir Deine Seele gerade diese Energie gibt. Diese Worte sind für Dich bestimmt. Nimm daraus mit, was immer Du möchtest.
Was ich Dir noch sagen möchte, ist, dass Gott gnädig ist.
Er sendet Dir ständig Zeichen seiner Liebe.
Gott kann hart und gerecht sein – ja. Aber wenn Du es zulässt, gibt es da auch Barmherzigkeit.“
Ich sagte ihm aufrichtig, dass ich in meinem bisherigen Leben selten Barmherzigkeit erlebt hatte.
Zumindest konnte ich sie selten zulassen.
Kadir fuhr fort:
„Das ist ein bisschen wie bei Eltern und ihren Kindern. Kinder trauen sich, um etwas zu bitten, weil sie davon ausgehen, dass sie es auch erhalten werden.
Du musstest wahrscheinlich lernen, um nichts zu bitten, um zu überleben.
Die Härte, die Du erlebt hast, ist wie eine Prüfung.
Es ist eine Prüfung, die ich auch mit meiner Schuldensituation gerade ertragen muss.
Aber mein Glaube sagt mir, dass Gott vor allem diejenigen besonders hart prüft, die Er besonders liebt.
Es fällt mir oft schwer, das zu akzeptieren – aber diese Prüfungen sind eine Vorbereitung auf das nächste Leben.
So zumindest sagt es mir mein Glaube.“
Ich konnte ihm an diesem Punkt nicht recht folgen.
Härte und Liebe schließen sich nach meinem Verständnis gegenseitig aus.
Aber trotzdem bewegten mich seine Worte.
Vor allem war ich etwas neidisch darauf, dass er seine Erfahrung in einem höheren Licht betrachten konnte, während ich mich ehrlich gesagt meistens einfach nur ziemlich mies, kalt und alleine fühle.
Ist Glaube vielleicht, so wie Marx es behauptete, Opium für das Volk, um das Unerträgliche zu ertragen?
Er fuhr fort:
„Mein Glaube hilft mir, nach Lösungen zu suchen und mich nicht dazu verleiten zu lassen, schnelles Geld machen zu wollen – zum Beispiel meine Niere zu verkaufen.“
Er lachte bitter.
„Schwarzer Humor ist leider gerade alles, was mir geblieben ist, außer meinem Glauben.
Aber ich wollte Dir noch etwas sagen.“
Geduldig wartete ich darauf, dass er fortfuhr.
„Allah schenkt uns Zeichen seiner Barmherzigkeit – jeden Tag.
Er gab uns die Sterne.
Er gab uns die Wiese.
Er gab uns das Wasser und das weite Land.
Wenn Menschen auf immer weitere Zeichen warten, sind sie vielleicht nur blind für all das, was ihnen bereits geschenkt wurde.
Dein Streit mit Gott – er ist berechtigt.
Aber sieh bitte auch, wie diese Zeit Dich stärker gemacht hat. Wie Du in all Deinem Schmerz auch den Samen für den neuen Morgen bereits in Dir trägst, auch wenn Du das vielleicht gerade nicht sehen kannst.
Du wirst weinen auf Deiner Reise.
Du wirst leiden.
Du hast bereits zehn Jahre in der Dunkelheit verbracht und es trotzdem irgendwie überstanden.
Vor mir sehe ich gerade keinen gebrochenen Mann.
Ich sehe einen starken Mann.
Du rennst nicht weg. Du bist hier, um Deinem Schicksal zu begegnen – so wie ich gerade dazu gezwungen bin, mein Schicksal auszuhalten.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Du Dein Trauma durchleben kannst. Dass Du all das, was Du Dir wünschst, auch schaffen kannst.
Bitte hab die Güte, Gott zu verzeihen für all das, was Er Dir angetan hat.“
Damit setzte er seine Sonnenbrille auf und stand abrupt auf.
„Scheiße, ich sollte Prediger werden. Dafür habe ich scheinbar ein Talent!“
Dann lachte er.
„Aber ich muss jetzt gehen – ich muss da noch ein paar Angelegenheiten erledigen, wie Du ja jetzt weißt.
Danke Dir jedenfalls für dieses Gespräch und vor allem für Deine Offenheit. Das ist nicht selbstverständlich.“
Er reichte mir einen kleinen Zettel.
„Hier ist meine Telefonnummer. Bitte schreib mir, wenn Du etwas brauchst – und vor allem, wenn Du Deinen Sonnenaufgang endlich erlebst.
Es wird passieren.
Da bin ich mir ganz sicher.“
Zwei Tourenengel
Sein kleiner großer Bruder, der an einem der vielen Tische nebenan saß und die Unterhaltung ebenfalls mitverfolgt hatte, fügte anerkennend hinzu:
„Ich habe nicht alles verstanden, weil ich nicht so gut Englisch spreche wie mein Bruder. Aber ich sehe, dass Euch dieses Gespräch tief bewegt hat. Ihr habt beide schwer geatmet.
Außerdem glaube ich, dass Du einen starken Geist hast. So etwas habe ich hier noch nicht so oft erlebt.“
Es war bereits 16 Uhr.
Meine hundert Kilometer, die ich mir Richtung Istanbul vorgenommen hatte, konnte ich jetzt wohl vergessen.
Inzwischen war Vincent zurückgekehrt. Auch er trank einen Çay mit uns und wir bewegten uns unweigerlich auf unseren Abschied zu.
Der kleine große Bruder fuhr fort:
„ Im Türkischen gibt es ein Sprichwort: İnsan insanı seyahatte tanır. Auf Reisen lernt man einen Menschen wirklich kennen. Ich würde noch die Heirat als zweiten Weg hinzufügen wollen.“
Vincent und ich mussten beide lachen.
In der kurzen Zeit, die wir zusammen verbracht hatten, hatten wir uns beide, glaube ich, sehr intensiv kennengelernt.
Vincent sagte mir:
„Du, ich muss Dir ehrlich sagen – für mich warst Du fast schon so was wie ein Tourenengel. Ohne Dich und Deinen Windschatten hätte ich diese anstrengenden Passagen in Serbien und Bulgarien bestimmt nicht geschafft.“
Mir fiel darauf nicht so recht eine passende Antwort ein.
Mit Komplimenten kann ich leider echt schlecht umgehen.
Aber an dieser Stelle möchte ich Dir, Vincent, noch einmal sagen, dass Du ebenfalls ein Tourenengel für mich warst.
Durch Deine Herzlichkeit habe ich eine Seite von mir wiedererleben können, die ich in letzter Zeit ehrlich gesagt recht selten gespürt habe.
Außerdem bist Du ein lebendes Beispiel dafür, wie einfach es sein kann, auf Menschen zuzugehen – und das bewundere ich an Dir wirklich sehr.
Ich würde gerne wieder wie Du sein.
Leichtfüßig, unbekümmert und gutgläubig.
Aber ich bin der, der ich bin.
Und ich bin da, wo ich gerade bin, genau richtig.
Der riesige, graue, manchmal erdrückend schwere Berg über meinem Kopf. Diese Regenwolke, die mir scheinbar überallhin zu folgen scheint, bekommt langsam blaue Ränder.
Und Begegnungen mit Menschen wie Dir zeigen mir, dass ich nicht immer reserviert, kalkulierend, misstrauisch und kalt sein muss.
Stück für Stück lege ich meine Rüstung ab.
Die Dunkelheit, die mir zum Schutz diente – und zur Last, zum Gefängnis wurde.
Auch ich kann und möchte lernen.
Interessanterweise lerne ich gerade von Menschen jeden Alters.
Von Kindern, von Jugendlichen, von Erwachsenen, von Hochbetagten.
Die blaue Stunde
Während ich gestern die Schnellstraße Richtung Istanbul fuhr, wirbelten die Gespräche und Eindrücke der letzten Tage in meinem Kopf umher wie in einem Wasserglas.
Auf welche Zeichen kann und sollte ich achten?
Wieso war ich der festen Überzeugung, dass ich weiterhin in dieser – wenn ich ehrlich bin – seit meiner Kindheit andauernden Dunkelheit stecken bleiben würde?
Als ich mich an einem Şok-Supermarkt für die kommende Etappe mit Lebensmitteln eindeckte, hörte ich auf einmal ein helles Bellen auf Knöchelhöhe.
Es war eines dieser kleinen Trethupen.
Ein kleiner weißer Hund, der mich mit großen, kugelrunden Augen freundlich anhechelte.
Es war einer dieser Hunde, die Heesun besonders liebte.
Sein Blick schien zu sagen:
„Lebe!
Schau, ich bin eine flauschige Kugel ohne viel Hirn und trotzdem glücklich wie ein Klops – das kriegst Du auch hin, Du großes, haariges, schwitzendes Mannwesen.
Außerdem – hast Du vielleicht eine Wurst für mich?“
Ich hatte keine.
An diesem Abend baute ich mein Zelt gedankenverloren auf einem stoppeligem Acker auf.
Es war einer dieser Äcker, auf denen ich vor drei Jahren noch im Lehmmatsch stecken geblieben war und beinahe von einem Blitz getroffen wurde.
Jetzt lag ein weiter Sternenhimmel über mir.
Ich blickte nach oben und atmete schwer aus.
Also gut.
Versuchen wir’s!
Versuchen wir, nicht nur eine Ansammlung heißer Gasklumpen in einem endlos toten Raum zu sehen.
Ein riesiges Nichts, das alles Leben früher oder später verschlingen wird.
Tadaa.
Hier bin ich.
Dunkel und hell zugleich.
Für die einen ein Engel, für die anderen ein Teufel.
Mit einem Verstand gesegnet, der Materie so gern zerschneidet – wie mit scharfen Messern.
Nein.
Ich werde bestimmt nicht an Allah, Gott oder das Spaghettimonster glauben.
Aber die Natur liebe ich.
Ihre Schönheit genauso wie ihre Grausamkeit.
Ihr ewiges Kommen und Gehen.
Und vielleicht ist da oben irgendwo auch Heesun.
Und ich weiß, dass sie mich in diesem Moment wahrscheinlich anstupsen würde, mir eine Schale Kimchi servieren würde – das ich wie die Pest hasse – und mit ihrem liebevollen Blick, mit dem sie ebenfalls alles durchschaute, vor allem Menschen, sagen würde:
„Hehe, Gunter.
Nun nimm das alles doch mal nicht so ernst.
Das Leben kommt und geht.
Du wärst ein Idiot, wenn Du denken könntest, dass Du all dieses Chaos hier irgendwie verstehen könntest.
Und jetzt iss endlich Dein Kimchi!“
Komoot-Tour-Link

























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