Tag 28 / Türkei, Edirne / Der Tag, als ich zum Döner wurde
Neues Land, neues Glück
An Tagen, an denen wir eine Grenze überschreiten, bin ich immer ganz aufgeregt. Es fühlt sich so an, als würde ein Kapitel beendet werden und ein neues beginnen. Egal, was für Erfahrungen man im jeweiligen Land auch gemacht hat – mit jedem Grenzübergang heißt es: neues Land, neues Glück!
Bulgarien hinter uns zu lassen, fiel mir ehrlich gesagt nicht so schwer.
Aus unserem Steinbruch kletternd, hatten wir in dieser Nacht Glück gehabt. Kein Jeep und keine erbosten Bauarbeiter schnauzten uns zusammen. Die Baustelle lag weiter bulgarisch-träge vor uns. Bis zur Grenze trennten uns gut vierzig Kilometer, die wir zielstrebig wegstrampelten.
Der Grund: Mit dem Grenzübertritt verließen wir auch die EU und mussten uns damit mit einem nicht ganz unwesentlichen Problem herumschlagen: der Mobilfunkkommunikation.
Seit meiner letzten Reise 2023 ist es für ausländische Reisende in der Türkei deutlich komplizierter geworden, an eine günstige Mobilfunklösung zu kommen. Besonders internationale E-SIM-Anbieter sind inzwischen von Einschränkungen betroffen. Zahlreiche bekannte Anbieter und deren Websites sind innerhalb der Türkei blockiert oder nur eingeschränkt erreichbar. Gleichzeitig existieren weiterhin türkische Touristen-E-SIMs und SIM-Karten – nur eben längst nicht mehr so unkompliziert wie noch vor einigen Jahren.
Für mich ist das Thema nicht nur eine Frage des Preises. Mobilfunk bedeutet schließlich auch digitale Nachverfolgbarkeit. Wo sich ein Telefon befindet, mit welchen Netzen es verbunden ist und welche digitalen Dienste genutzt werden, hinterlässt zwangsläufig Spuren.
Gerade weil ich auf dieser Reise Menschen treffe, die teilweise sehr unterschiedliche politische Ansichten haben, möchte ich deshalb vorsichtig damit sein, persönliche oder politisch sensible Aussagen mit Klarnamen zu veröffentlichen.
Ich werde entsprechende Geschichten daher gegebenenfalls unter geändertem Namen erzählen – oder mit der Veröffentlichung warten, bis ich die Türkei wieder verlassen habe.
Bitte habt dafür Verständnis. Ich möchte auf dieser Reise möglichst offen über meine Begegnungen schreiben können, ohne damit Menschen, die mir ihr Vertrauen schenken, unnötig in Schwierigkeiten zu bringen. Und auch wenn ich natürlich nicht behaupten kann, dass jede Kommunikation überwacht wird, halte ich es angesichts der politischen Situation in der Türkei für vernünftig, bei sensiblen Themen etwas vorsichtiger zu sein.
Die Türkei ist schließlich ein Land, in dem politische Äußerungen durchaus juristische Konsequenzen haben können. Erst 2026 wurde beispielsweise ein Journalist der Deutschen Welle wegen Social-Media-Äußerungen über Präsident Erdoğan festgenommen.
Für mich bedeutet das vor allem eines: Ich möchte meine Reise genießen, Menschen kennenlernen und trotzdem verantwortungsvoll darüber schreiben.
Das leidige Mobilfunkproblem
Vincent zerbrach sich schon seit einigen Tagen den Kopf darüber, wie er das Mobilfunkproblem lösen sollte. E-SIMs sind nicht unbedingt günstig. Sein Vodafone-Angebot für 90 Tage, das ungefähr 25 Euro kosten sollte, würde ich jedenfalls nicht unbedingt als Schnäppchen bezeichnen.
In meinem Falle stellte sich diese Frage überhaupt nicht, da mein Telefon nicht über eine E-SIM-Funktionalität verfügt.
Warum?
Ich hatte es als Schnäppchen beim chinesischen Alibaba-Anbieter gekauft – als drastisch reduziertes Angebot zum chinesischen Muttertag im letzten Jahr. China möchte seine Bewohner ebenfalls gerne lückenlos überwachen. Deshalb verfügen Samsung-Telefone, die für den chinesischen Markt hergestellt werden, über keine E-SIM-Funktionalität.
Das erfuhr ich übrigens im Flieger Richtung China, als ich mir gerade den Kopf über VPNs zerbrach.
Aber das ist eine andere Geschichte.
ChatGPT empfahl mir jedenfalls ein Vodafone-Mobilfunkangebot, das zu gut klang, um wahr zu sein: 100 GB Datenvolumen für eine Laufzeit von drei Monaten für fünf läppische Euro.
Die Alternative wären unverhältnismäßig teure Angebote von Turkcell oder Türk Telekom für umgerechnet etwa 45 Euro pro Monat gewesen.
Das Sparangebot sollte allerdings nur unter anderem in der Provinz Edirne verfügbar sein – also in einer Gegend, die direkt an der Außengrenze der Türkei liegt. Für mich bedeutete das nur einen minimalen Umweg.
Als Sparfuchs lag die Entscheidung für mich auf der Hand.
Der letzte bulgarische Imbiss
Noch ein letztes Mal machten wir einen kurzen Halt an einem bulgarischen Imbiss, an dem uns niemand grüßte. Ein etwas hagerer, graustoppeliger Mann kaufte allerdings bereits um zehn Uhr morgens seine erste Bierflasche und konsumierte sie an einem Plastiktisch, während er auf die zwei Deutschen blickte, die sich mal wieder Eiscreme und Getränke aller Couleur einverleibten und dazu feuchte Hygienetücher und Taschentücher kauften.
Vincent kam verwundert von einer Tankstelle wieder, wo er anscheinend eine andere Sorte von Geschäften verrichtet hatte.
„Ey, das ist voll Brain-AFK. Dort hat der Tankwart zusammen mit zwei weiteren Leuten gerade einen Zwanni angeschaut, der definitiv gefälscht war. Die Motive waren richtig, aber das Wasserzeichen fehlte komplett. Echt wild hier!“
Bulgarien halt.
Der Weg zur bulgarischen Grenze führte durch landwirtschaftliches, hügeliges Nichts mit kurzen Mundraubeinlagen. Als wir endlich die Grenze erreichten, staunten wir beide nicht schlecht.
Eine schätzungsweise fünf Kilometer lange Schlange aus LKWs schmorte in der gnadenlosen bulgarischen Sonne und bewegte sich augenscheinlich nur alle fünf Minuten ruckartig und langsam voran.
In der Lücke zwischen zwei Brummis machten wir kurz Halt und stellten uns und unsere Räder in deren Schatten.
Plötzlich kam ein lächelnder LKW-Fahrer auf uns zugelaufen – mit zwei eisgekühlten Zitronenbrausen in der Hand.
Vincent strahlte den Fahrer mit seinem herzlichsten Lächeln an.
„Danke Dir so sehr – das ist gerade unsere Erlösung!“
Wie aufmerksam von diesem Fahrer, dass er uns in der kurzen Zeit erblickt hatte und uns diese dringend nötige Erfrischung anbot.
Gastfreundschaft erwartet uns Reisende wirklich immer dort, wo wir sie am wenigsten erwarten.
Vor allem in Bulgarien.
Einmal an der LKW-Schlange vorbei
Als Radler genossen wir das Privileg, uns an der endlosen LKW-Schlange vorbeizumogeln. Nun trennte uns nur noch die Grenzkontrolle vom Eintritt in das anatolische Land.
„Hallo!“, begrüßte uns der stramme Polizist mittleren Alters mit kantigem Kinn, aufrechter Haltung und durchdringendem Blick aus zwei Augen, die für meinen Geschmack etwas zu eng aneinanderstanden.
„Wo soll’s hingehen?“, fragte er und erinnerte mich dabei an einen kampflustigen Wachhund in Menschenform.
„Er: Istanbul, ich: Japan“, erwiderte ich.
„Japan!“, lachte er, sichtlich beeindruckt. „Schau mal hier, mein Kollege macht auch Sport.“
Das war dank der eng ansitzenden Uniform auch gut zu erkennen.
„Wenn Du durch Trabzon fährst, musst Du unbedingt unseren Fisch probieren! Fisch jeden Tag, verstehst Du?“
Ich nickte gehorsam.
„Fisch bis an das Ende der Türkei!“
Ich hoffe, er hatte meinen Sarkasmus überhört – was er, wie ein guter Wachhund, auch hatte.
Vincent, der mal wieder etwas schwitzte, weil ihm nicht ganz klar war, welche Substanzen sich in seinem Taschenchaos noch verbargen, war sehr dankbar, dass die beiden uns daraufhin feierlich an der Zollkontrolle mit dem bereits aufgestellten Gepäcksortiertisch vorbeimanövrierten.
Ich staunte, wie stattlich der Grenzübergang hier mitten im Nirgendwo errichtet worden war. Sogar künstlich bewässertes grünes Gras und eine LKW-große Röntgendurchleuchtungsvorrichtung für LKWs gab es hier.
Auch der Stacheldrahtzaun, der zu beiden Seiten durch hin- und herfahrende Geländewagen gesichert wurde, ließ keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Grenze.
Wir sind in der Türkei!
Vincent strahlte.
„Ich kann es gar nicht glauben – wir haben es endlich zusammen mit dem Rad bis in die Türkei geschafft. Mit dem Rad!“
Ich dachte innerlich, dass das menschliche Gehirn schon eine spannende Sache sei.
Beim ersten Mal Deutschland–Türkei fühlte ich genau so. Nächte vor dem Aufbruch starrte ich noch auf mein an der Wand hängendes Cube-Gravelbike und konnte selbst kaum glauben, dass ich damit die ca. 3.700 Kilometer bewältigen wollte.
Jetzt – drei Jahre später – zuckte ich nur kurz mit den Schultern.
Die Türkei war für mich aktuell nicht viel mehr als ein Warm-up für alles Kommende.
Dennoch – diese Aufregung und Freude steckte mich an.
Während Vincent mal wieder durch die Landschaft fuhr und sich mit ausgestrecktem Arm selfie-video-mäßig moderierte, à la:
„Hey Leute, schaut mal! Um uns herum nur Hügel! Wowww! Ist das nicht abgefahren!?“
…genoss ich es einfach, auf nicht löchrigem Asphalt die steilen Hügel herunterzusausen.
Willkommen in der Türkei
Auf den ersten Blick wurde deutlich, dass die Türkei sich weitaus mehr um Sauberkeit kümmerte, auch wenn natürlich immer noch einige leere Plastikflaschen die Straßenränder dekorierten.
„Hier keinen Müll hinwerfen!“, warnte ein übergroßes Schild alle Reisenden.
Mir schien: Es war explizit an die Bulgaren gerichtet.
Deutlich wurde aber auch sehr schnell, dass sich die Vegetation an die Trockenheit angepasst hatte: Es gab kaum Bäume. Das Gras – wenn man es denn so bezeichnen wollte – war struppig gelb.
Mit anderen Worten: Wir wurden weiterhin gnadenlos gegrillt.
Ich, der die Wegebaumentalität der Türken inzwischen kannte, wusste, was auf uns zukam. Brachiale Anstiege, auf denen Straßen unbegradigt über die Berge drapiert wurden, fuhren sich in der stehenden Glut natürlich viel anstrengender.
Wasserquellen gab es, wenn überhaupt, für Weidetiere.
Aber auch hier begegnete uns Gastfreundschaft.
An einem hutzeligen, freundlichen Gartenhaus pflückten wir eine Weinrebe nach der anderen. Als die ebenfalls hutzelige ältere Frau uns durch die Fenster beobachtete, gab sie uns mit freundlichen Gesten zu verstehen, dass wir uns doch bitte bedienen sollten!
In dieser einzigen Begegnung steckte in ihrem Lächeln eine herzliche Gastfreundschaft, die die vielen verschlossenen, muffeligen Begegnungen in Bulgarien mit einem Mal überstrahlte.
Vorbeifahrende Autofahrer hupten uns freundlich kurz an. Traktorfahrer winkten uns freundlich zu.
Ein Mopedfahrer trug seinen Helm modisch – aber nutzlos – wie eine Art Hut, damit seine coole Sonnenbrille besser zur Geltung kam.
Die Türkei ist ein ganz anderes Pflaster für uns Radreisende.
Wasser, Edirne und ein Döner
Auch das Wasserthema begegnete uns sofort. Gewissermaßen konnten wir den kleinen Fluss Tundscha schon anhand der grünen Lebensader aus Gras und hohen Bäumen inmitten des welken, gelben Ackerlandes aus der Ferne erkennen.
Aus ihm führten starke Pumpen in regelmäßigen Abständen Flusswasser auf das umliegende Ackerland.
Edirne selbst schlug uns mitten ins Gesicht wie eine Fliegenklatsche voller Leben.
Vincent bemerkte, wie ich plötzlich ebenfalls aufblühte. Für mich bedeutete die Rückkehr in die Türkei gewissermaßen auch eine Rückkehr in meine Zweitheimat.
Dieses wuselige Straßenleben hier war nicht zu vergleichen mit den Ortschaften Bulgariens.
Gemüsehändler saßen verträumt auf den offenen Ladeflächen ihrer LKWs und ließen die Beine baumeln zwischen Kisten voller praller, saftiger Tomaten.
Kinder spielten vergnügt Fußball in den Gassen – auch nachts.
Touristen schlängelten sich durch enge Gassen, wo Händler sie geschickt umgarnten, während die verschiedensten Düfte und Eindrücke aus den kleinen Geschäften auf die Straße sickerten.
Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und genoss diese Eindrücke.
Dieses quirlige Leben ist es, was ich an der Türkei so liebe.
Anders als in Bulgarien leben die Menschen hier für den Moment.
Der Nationalstolz, der sicherlich auch viele problematische Seiten hat, zeigt sich in einer aufrechten Haltung gegenüber der eigenen Kultur und auch im Stolz und in der Freude, mit der diese Kultur den Reisenden präsentiert wird.
Mit einem Mal durchfluteten mich auch Erinnerungen an meine Zeit in Istanbul, als wäre es erst gestern gewesen.
Das erste Mal einen Çay trinken, während sich Katzen und Möwen um die Beine schleichen.
Das erste Mal von einem freundlichen, schlauen Verkäufer übers Ohr gehauen werden.
Das erste Mal im Verkehrschaos seinen Weg suchen.
All diese Momente lassen mich so lebendig fühlen, weil sie so aufregend sind und so viel Neugier in mir erwecken.
Die andere Seite der Türkei
Mir ist inzwischen klar, dass hinter diesen ersten Eindrücken auch viele komplizierte Gegebenheiten stecken.
Die Türkei ist kein einfaches, glückliches Land. Viele Jahre schon unterdrückt die Regierung Oppositionelle, schaltet Medien und Gedanken gleich, zwingt Kritikerinnen ins Exil und leidet aktuell unter immenser Inflation und damit kaum tragbaren Preissteigerungen für die Bewohnerinnen.
Gleichzeitig haben die Türken den Deutschen meiner Meinung nach eine wesentliche Sache voraus: Sie haben sich noch nicht einem grenzenlosen digitalen Egoismus ergeben.
Das Leben findet hier immer noch auf der Straße statt.
Menschen begegnen sich im Alltag und genießen diese Begegnungen.
Die Lebenskultur der Türken findet zwischen kurzen Scherzen im kleinen Lädchen „Bakkal“ um die Ecke statt, zwischen Pläuschchen der Hausfrauen von Balkon zu Balkon oder beim Scheinarbeiten auf der Baustelle.
Drei Telefon-Mädels und ein Stempel
Da ich selbst grundlegende türkische Sprachkenntnisse hatte, konnte ich auch endlich mal wieder ein bisschen flirten.
Mit drei humorvollen Frauen in einem Türk-Telekom-Laden.
Der freundliche Vodafone-Verkäufer, der übrigens edel parfümiert und akkurat frisiert war, hatte mir bereits mit bedauernder Miene erklärt, dass er mir in diesem Shop mit meinem Ausweis keinen regulären Mobilfunkvertrag anbieten könne. Er verwies mich auf spezielle Angebote für Touristen und hatte mich schließlich kopfschüttelnd weggeschickt.
Die drei Telefon-Mädels hingen jedoch gut gelaunt in ihrem gut klimatisierten Geschäft ab und plauschten mit einer weiteren Frau, die aus dem Konkurrenztelefonshop Turkcell für einen türkischen Kaffee vorbeikam.
Alle trugen offenes Haar.
Mit langem, schwarzem Lidschatten betonten sie ihre fein geschnittenen südländischen Gesichtszüge. Glatt gekämmt fielen die langen, gut duftenden, ebenholzschwarzen Haare über die mokkafarbenen Nacken.
Das ist eine andere, vollere, wärmere und reifere Form von Weiblichkeit, die ich aus meiner Heimat nicht unbedingt kenne.
Als ich ihnen scherzhaft gestand, dass ich den aktuellen Lira-Euro-Umrechnungskurs nicht mehr verstehe, da er gerade eine Achterbahnfahrt mache, lachten alle drei.
„Stell Dir mal vor, wie das hier für uns gerade ist! Einen Tag kaufen wir Brot für 40 Lira und am nächsten Tag für 85 – aktuell rund 1,50 Euro. Für uns ist das Leben hier leider auch nicht billiger geworden.“
Sie fragten mich alle drei neugierig über unsere Radreise aus – während Vincent vor dem Shop eifrig in sein goldenes Tagebuch schrieb.
„Vor ein paar Tagen kam hier ein Chinese vorbei, der genau in die andere Richtung radelte. Habt ihr den vielleicht gerade getroffen?“, fragte eine Verkäuferin mit zwei volltätowierten Armen und kurzem, boshaftem Haarschnitt.
„Nein“, antwortete ich überrascht.
Sind wir hier etwa an einem Drehkreuz der Radreisenden gelandet?
Mir schwante noch nicht, dass ich kurze Zeit später selbst zum Döner werden würde – wobei „döner“ das Wort für „sich im Kreis drehen“ bedeutet.
Die Erde ist zum Beispiel ein riesiger Döner, wenn man es so betrachtet.
„Sorry“, gab mir die dritte Verkäuferin auf Englisch zu verstehen, die mit ihren langen, schmalen Fingern vergeblich im Computer Formulare bearbeitete.
„Mit Deinem Ausweis kannst Du hier leider keinen Mobilfunkvertrag bekommen. Du brauchst einen Eingangsstempel in Deinem Reisepass.“
Verwundert ließ ich das kurz sacken.
Über diesen Sachverhalt hatte mich der Grenzbeamte natürlich nicht informiert.
„Gibt’s da gar keinen anderen Weg?“, fragte ich hilflos.
„Yok. Gibt’s nicht“, antwortete die Verkäuferin mit dem langen, schönen schwarzen Haar mitleidsvoll.
Da haben wir’s mal wieder: Sinnloser Bürokratie können auch Reisende nicht entkommen.
Der Stempel-Marathon
Ich schaute kurz auf meine Uhr.
17 Uhr.
Bis zum Schließen des Ladens blieben mir exakt drei Stunden. Der Grenzübergang zu Griechenland lag ca. sieben Kilometer entfernt.
Zwar merkte ich die ca. 100 heruntergeradelten Kilometer deutlich, aber egal.
Das kriege ich hin.
Flink verabschiedete ich mich von den drei gesprächigen, sympathischen Verkäuferinnen und erzählte Vincent von meinem Vorhaben, zur griechischen Grenze zu radeln und mir dort noch einmal einen Grenzstempel verpassen zu lassen.
Diesmal in meinen Reisepass.
Er wünschte mir Glück, nahm meine schweren Radtaschen an sich und schrieb mir seine Telefonnummer mit schöner Handschrift auf einen kleinen Zettel.
„Nur für alle Fälle.“
Über eine Schnellstraße verließ ich Edirne und radelte entlang eines deutlich breiteren Seitenstreifens, während mir die Sonne und die Zeit im Nacken saßen.
Am Grenzübergang erzählte ich dem etwas älteren türkischen Beamten meine Situation.
Er lächelte verständnisvoll und deutete mit einer großen Handbewegung einmal im Kreis.
„Na, dann fährst Du jetzt über die Grenze, machst eine große Abbiegung nach links und fährst dort wieder herein.“
Die nächste Grenzbeamtin staunte nicht schlecht, als sie das wilde Stempelsammelsurium in meinem Reisepass sah: Ein- und Ausreise und erneute Einreise an einem Tag.
Nicht schlecht für einen Radreisenden.
Sie verstand aber mein Anliegen und stempelte mir den erhofften Telefonstempel in den Pass.
Die nächste Zollbeamtin scherzte freundlich mit mir:
„Bitte keinen Fisch mehr, ich hab heute schon genug Fisch bekommen.“
„Keine Angst“, erwiderte ich scherzhaft. „Ich hab dem letzten Zollbeamten schon versprochen, dass ich den Fisch von hier bis Trabzon ganz alleine aufesse.“
Ein kurzer Blick in ihre mandelförmigen, braunen Augen.
Natürlich trug auch sie offene Haare im Westen der Türkei.
Huh.
Frauen in Uniform machen mich ganz schwach in den Beinen – dazu noch welche mit Humor.
Ich kann’s kaum glauben.
Mit 30 km/h zurück nach Edirne
Mit ca. 30 km/h flog ich zurück nach Edirne.
Die drei Verkäuferinnen staunten nicht schlecht über meinen ergatterten Stempel.
„Ein richtiger Sportler ist das hier! Nicht schlecht!“
Geschwind erledigten sie ihre Rechnerarbeit und nicht einmal zehn Minuten später verfügte ich endlich über eine türkische SIM-Karte, die mit 45 Euro deutlich teurer war als alles, was ich je für Handykommunikation ausgegeben hatte.
Inzwischen war ich so erschöpft, dass ich Vincent davon überzeugen konnte, uns für diese Nacht ein günstiges Hotelzimmer im Herzen Edirnes zu buchen.
Für 22,50 Euro pro Person teilten wir uns ein sauberes Zimmer.
Mit Frühstück!
Ein Hotel wie ein Schiff
Der Rezeptionist saß in der Lobby des wie ein Schiff geschnittenen Gebäudes. Lässig rauchte er dabei eine Zigarette – in Deutschland undenkbar.
„Hoş geldiniz – wie kann ich Euch helfen?“
Ich bat ihn, mir ebenfalls eine Zigarette zu reichen.
Nach einem Tag wilder Radelei brauchte ich dringend eine Belohnung.
„Natürlich, hier – nimm! Heute Abend kannst Du gerne noch eine weitere haben. Ich bin die ganze Nacht hier.“
Herzlich und höflich trug er uns die schweren Radtaschen in unser Zimmer, reichte uns alles, was zwei Langzeitradelnde brauchten, gab uns Tipps und schenkte uns Wasserflaschen.
Durch meine Erfahrungen in Bulgarien musste ich mich erst einmal an diese herzliche Höflichkeit gewöhnen.
Vor lauter Glück über diese Wendung des Tages sagte ich zu Vincent:
„Komm – ich lad Dich heute zum Abschied auf ein richtig gutes Essen ein!“
Das Festmahl
Wir radelten, nachdem ich ihm die Grundlagen der Handwäsche erklärt hatte – danke an dieser Stelle an meine Oma, die mir das beigebracht hat! – durch die Innenstadt von Edirne.
Das Fahrverhalten erinnerte mich sehr an das der Süditaliener:
Schau um 360 Grad um Dich herum – Ampeln sind optional – wer bremst, verliert.
Durch meine Vespa-Roller-Erfahrung in Italien diesen Sommer konnte mich nichts mehr schocken. Und so passten wir mit unserer dreisten Fahrweise perfekt in die türkische Fahrmentalität.
Unser Restaurant war für türkische Verhältnisse traditionell und nobel.
Wir beiden Radtouristen mit unseren Latschen, zusammengewürfelter Kleidung und unseren staubigen Rädern, die wir am Geländer anschlossen, fielen völlig aus dem Bild.
Die Kellner waren in blütenreine weiße Hemden gekleidet und verstanden sich in allen Künsten der Gastgeberkunst.
Die Teller waren bereits angewärmt und wurden vor unseren Augen umgedreht. Geschickt wurden uns die Gerichte serviert und benutzte Teller abserviert, ohne dass wir es bemerkten.
Mit einem Mal stand ein wahres Festmahl vor uns.
Bestehend aus türkischen Mezes – für Vincent natürlich vegetarisch – und für mich ein Joghurt-Kebab.
Meine Leibspeise!
Das ist das Verrückte am Radlerleben.
Du wachst nach einer illegalen Wildcamping-Nacht im Steinbruch auf und isst am Abend in einem traditionellen Edelrestaurant.
Unser Dreigängemenü war wirklich eines der besten, das ich je in der Türkei gegessen hatte.
Die türkische Küche zeichnet sich dadurch aus, dass wenige frische Zutaten immer wieder auf neue und überraschende Weise kombiniert und dabei farbenfroh und gekonnt inszeniert werden.
Wie heißt es so schön?
Das Auge isst mit.
Das wissen die Türken mehr als wir Deutschen – ist meine Meinung.
Unsere Träume
Vincent und ich redeten währenddessen ununterbrochen und ich war erneut sehr glücklich über meine Entscheidung, dass wir einen weiteren Abschnitt zusammen verbrachten.
Es ging um die großen Themen: unsere Träume und das, was wir uns für unsere weitere Radreise vorstellten.
Ich erzählte ihm, dass Vjelko mir in Belgrad eine Frage gestellt hatte, die ich noch nicht abschließend beantworten konnte:
„Stell Dir vor, Du müsstest Deine Reise plötzlich abbrechen. Was sind die Dinge, die Du bis dahin unbedingt erledigt haben möchtest?“
Ich erzählte Vincent, dass ich unbedingt die ehemalige Wohnung von Heesun und mir besuchen wollte, darüber hinaus aber keine feste Vorstellung von meinen „Must-Sees“ hatte.
Vielmehr war es das Erlebnis der Reise selbst, das ich mir wünschte.
Einmal aus meiner „Rüstung“ als Selbstständiger hinauskommen. Einmal wieder mit Neugier für den Moment leben.
Das ist es im Grunde, was ich mir erhoffte.
Dabei war es mir persönlich egal, ob dies nun in Kasachstan, Indien oder Südostasien passierte.
Hauptsache, ich versuchte es und genoss es!
Er erzählte mir wiederum von seinem Traum, irgendwann einmal ein Hostel zu eröffnen.
„Dort begegnen sich Menschen, die offen für einen Erfahrungsaustausch sind. Solche Orte braucht es meiner Meinung nach mehr in dieser Welt – vor allem jetzt, wo nationalistische Mentalität den Blick immer weiter verengt. Und Kochkurse für Pasta möchte ich darin anbieten.“
Er lachte herzlich.
Ich ging einen Moment in mich und dachte noch einmal über meine persönlichen Vorstellungen nach.
„Wenn ich ehrlich bin, möchte ich vor allem eine Partnerin finden, die zu mir passt, und eine Familie gründen“, sagte ich.
„Das klingt vielleicht ziemlich basic – aber mit meiner Biografie und der Gewalterfahrung seitens meines Vaters ist das nichts, was ich bisher selbst erleben durfte. Ich hab diesen Traum noch nicht aufgegeben.“
„Na dann.“
Vincent hob sein Glas Ayran feierlich an.
„Auf unsere Träume – mögen sie wahr werden. Auf die ein oder andere Weise!“
Ich prostete ihm mit meinem Glas Pfirsicheistee zu.
Alkohol ist und bleibt in der Türkei einfach unverhältnismäßig teuer.
Abschied von Vincent
Mit übervollen Bäuchen kugelten wir zurück zu unserer Unterkunft.
Das Festgelage war nicht günstig – aber wenn ich eine Sache als Reisender gelernt hatte, dann diese:
Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.
Denn keiner kann wissen, was der Morgen bringt.
İnşallah.
Und da dies auch den Abschied von Vincent und damit von einer kurzen, aber dadurch nicht weniger bedeutenden Reisegemeinschaft darstellte, war ich mehr als glücklich, dass wir diesen Moment miteinander teilen konnten.
Und ich kann Euch kaum in Worte fassen, wie bodenlos bequem sich ein Bett mit frisch gewaschener Bettwäsche für uns frisch gewaschene Radler anfühlte!

































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