Tag 31 / Türkei, Istanbul / Zwischen Heimat und Dunkelheit


Ich sitze gerade im Kitap Kafe in Üsküdar – einem Ort, der gleichzeitig stilvolles Café, Bibliothek und Buchladen ist. Der Kellner machte mir sogar ein paar Komplimente zu meinem Türkisch, obwohl ich otuz und dokuz immer noch regelmäßig verwechsele. Dazu Bob Marley also Hang-Trommel-Remix im Hintergrund – während ein paar Meter weiter irgendein anderer Türke mit der Flex ein paar Rohre durchsägt und sich die unendlich vielen Katzen auf den Autodächern in der Sonne aalen.

Wie wir ja alle wissen, gehört die Stadt eigentlich ihnen und wir Menschen werden nur übergangsweise toleriert.

Dazu kommt eine recht ungewöhnliche Ansicht: Menschen, die Bücher lesen. Frauen mit und ohne Kopftuch, Männer mit wuscheligen dunklen Haaren in traditioneller Kleidung, Karohemden, stilvollen Sonnenbrillen und modernen Sneakern.

Und dabei ist heute kein einfacher Tag für mich.


Zurück in die Vergangenheit

Schon am Morgen erklärte ich Cihan, meinem kurdischen Gastgeber und langjährigen Freund, dass ich zu Heesuns und meiner ehemaligen Wohnung gehen wolle. Da das hier keine Netflixserie ist, werde ich die gesamte Geschichte jetzt nicht noch einmal für Euch zusammenfassen. Bitte lest dazu die anderen Beiträge.

Um den Weg etwas langsamer und andächtiger zu gestalten, bin ich vorhin die gesamte Strecke mit der Fähre gefahren – von İstinye, hinter der zweiten Bosporusbrücke, bis nach Üsküdar auf der asiatischen Seite Istanbuls.

Dabei saß ich die ganze Zeit auf den Stufen, hörte eine meiner Playlists und ließ die Wolken träge über meinem Kopf hinwegziehen. Diese inspirierende Weite kenne ich in Istanbul eigentlich nur auf dem Wasser.

Und solltet Ihr einmal in dieser Stadt sein, kann ich Euch nur empfehlen, für ein oder zwei Euro kreuz und quer durch die Gegend zu fahren. Nehmt am besten noch die Prinzeninseln mit dazu. Irgendwann ist dann der ganze Lärm, die Dieselabgase und all der andere Stress wie weggepustet.

Innerlich beschäftigte mich auf dieser etwa einstündigen Fährfahrt jedoch vor allem eine Frage:

Was würde ich tun, wenn ich unsere ehemalige Heimat erreichen würde?

Würde mich Trauer überkommen? Sentimentalität? Wut? Oder innerer Friede? Würde ich wissen, wie ich diesen Gefühlen angemessen begegne?

Die Antwort erwies sich als banal: Eigentlich ist hier alles so wie immer.

Die Stadtreinigung fegt die Straßen, der Müllsammler schiebt seinen alten Holzkarren die steilen Straßen hinauf. Eine Vielzahl bunter Wäsche hängt kreuz und quer von den Balkonen über den gepflasterten Straßen.

Und die Katzen planen weiter, wie sie die Weltherrschaft übernehmen können.


Ein Ort, der geblieben ist

Als ich unsere ehemalige Wohnung erreichte, überlegte ich kurz, ob ich den ev sahib, den Hauseigentümer, und den Inhaber des kleinen Ladens, mit dem ich so oft geplaudert hatte, ansprechen sollte.

Aber ich entschied mich dafür, es sein zu lassen.

Ich bin nicht länger Teil dieser Welt. Ich bin Gast.

Und so schön und alltäglich das Geschehen oberflächlich auch anmuten mag – in mir weiß ich doch, dass es sich bei dieser Erfahrung um eine tiefe seelische Narbe handelt.

Heesun und ich hatten uns diese Wohnung gerade deshalb ausgesucht, weil das Leben hier so normal schien. Anders als in den touristischen Vierteln, die einem endlosen Partybasar gleichen, spielt sich das Leben hier gemächlicher ab.

Während ich durch die Straßen wandere, ist es fast so, als könnte sie jeden Moment lachend aus einem der unzähligen kleinen Geschäfte springen – mit ihrer Lieblingsnussmischung in der Hand: Pistazien, Erdnüsse, Makadamianüsse und irgendwelche anderen Nüsse, deren Namen ich leider nicht kenne.

Oder dort drüben ist der Massagesalon, in dem ihr der männliche Masseur permanent ein Happy End andrehen wollte – kostenlos natürlich.

Daneben der Aygaz-Shop, bei dem wir uns über die teuren Energiepreise ärgerten.

Das Besondere daran, in einer Stadt zu leben, ist, dass die Erfahrung von diesen vielen kleinen, scheinbar alltäglichen, aber irgendwie auch magischen Momenten geprägt wird – und eben nicht von den touristischen Highlights.

Wenn ich durch diese Straßen wandere, fühle ich mich noch genau so wohl wie vor zehn Jahren. Auch wenn sich natürlich ein paar Details verändert haben.

Zum Beispiel dieses Buchcafé hier.


Der Beginn des Schreibens

Warum habe ich in dieser Zeit überhaupt mit dem Schreiben angefangen?

Jeden Tag verbrachte ich mindestens fünf Stunden an meinem improvisierten Tür-Koffer-Tisch. Die anderen Stunden spazierte ich durch die Viertel, während Heesun mal wieder koreanische Touristen bespaßte.

Komischerweise faszinierten mich schon damals vorallem die unscheinbaren Orte der Stadt: Parkhäuser, hässliche Baustellen, Sicherheitswürfel, verlassene Ecken.

Ich kannte wirklich keine Scheu und kletterte auf alle möglichen Baustellen – auch auf die ehemalige Stadtmauer, die inzwischen einer gefährlichen Ruine gleicht.

Für mich stellte das Schreiben damals wie heute nur eine andere Art des Bezeichnens dar. Weil ich mit dem visuellen Zeichnen an einem bestimmten Punkt nicht weiterkam und mit dem Schreiben Gedanken und Zusammenhänge herstellen konnte, die sich oft unter der Oberfläche des Sichtbaren abspielten.

Gerade in einer turbulenten Stadt wie Istanbul benötigt es unglaublich viel Geduld und Aufmerksamkeit, um die Brüche im inszenierten Stadtgeschehen zu finden.

Wie oft kehrte ich immer wieder zum gleichen Ort zurück, nur um die unscheinbaren Veränderungen zu beobachten.

Diese Art der Betrachtung erfordert, dass man sich mehrere Monate an einem Ort aufhält. Erst durch unsere gemeinsame Wohnung und unseren festen Tagesablauf – der ehrlich gesagt eher dem eines verheirateten Paares als dem eines wilden Erasmuslebens glich – fand ich überhaupt die Möglichkeit, mich auf diese Seiten der Stadt einzulassen.

Und natürlich waren auch meine sprachlichen Fortschritte entscheidend.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich diese Stadt auch als meine Heimat bezeichne – und nicht einfach als irgendeinen Ort.

Vielleicht ist die für mich beste und im Sinne ihres Andenkens würdevollste Form des Erinnerns, das Geschenk, das mir dieser Abschnitt unseres gemeinsamen Lebens gemacht hat, fortzuführen.

Also ganz konkret: Istanbul regelmäßig zu besuchen und die Geschichten, die ich hier begonnen habe – und die aufgrund der Gezi-Proteste 2013 so abrupt unterbrochen wurden – fortzuführen.

Und zwar nicht in einer Radreise-Hauruck-Aktion.

Sondern mit genug Zeit. Über mehrere Monate hinweg.

Vielleicht kann ich auch meinen Türkischkurs fortsetzen und so die innere Reise, die ich hier begonnen habe, weiterführen – ohne in einer Vergangenheitsschleife festzuhängen.

Denn diese Stadt ist für mich mehr als eine gewöhnliche Stadt.

Hier treffen persönliche Sehnsüchte, Erfahrungen, Geschichte und politisches Zeitgeschehen aufeinander wie an keinem anderen Ort.

Um es ganz salopp zu sagen:

Diese Stadt ist wie eine vielschichtige Zwiebel. Je mehr Hüllen man abpellt, desto mehr treten hervor.

Das klingt eigentlich ganz gut, finde ich. :-)


Der Autor in mir

Jedenfalls weiß ich, dass ich hier in Istanbul eine neue Seite an mir entdeckt und auch entwickelt habe – die eines Autors.

Vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne, da ich natürlich weiterhin gerne zeichne. Also eher so etwas wie einen audiovisueller Autor.

Oder so.

Aber meine erzählerische Stimme wurde in dieser Stadt geboren und, soweit ich das beurteilen kann, ist sie ziemlich lebendig.

Das quirlige Istanbul – und die feste Bindung mit Heesun – erlaubten es mir, mich noch einmal neu zu erfinden.

Mit diesem Wissen ist mir allerdings auch klar, dass Istanbul viele dunkle Facetten hat, die vielen Touristen augenscheinlich gar nicht unbedingt auffallen.


Die graue Seite Istanbuls

Gestern zum Beispiel regnete es den ganzen Tag.

Und mit dem Grau der Wolken verwandelte sich mit einem Mal die gesamte Stadt in eine triste, verwaschene Würfellandschaft. Die oft schlecht verputzten Hausfassaden verschwanden hinter den Abgasschleiern und die Betonarchitektur wirkte noch härter und gnadenloser als sonst.

Mit der Metro machte ich mich auf den Weg ins Stadtinnere zur Station Şişhane, wo ich einen Ersatzakku für meine Stirnlampe suchte.

Im Regen zog ich von Laden zu Laden, während das Wasser ununterbrochen von den Balustraden der kleinen Geschäfte tropfte.

Vorher hatte ich bereits etwas recherchiert.

Variante eins bedeutete: eine günstige Stirnlampe bei Decathlon zu kaufen.

Variante zwei hingegen: den teuren Akku meiner Petzl-Stirnlampe zu ersetzen.

Beim ersten Shop – Outdoor Plus in Karaköy – traf ich auf einen gewieften Verkäufer, der meine Stirnlampe auf eher ungewöhnliche Art und Weise testete.

„Gib mal her“, sagte er schroff und winkte fordernd mit seiner Hand.

Er nahm den Akku heraus und hielt die Kontakte an seine Zunge.

„Ist tot. Keine Spannung. Wir verkaufen leider kein Petzl. Aber geh mal zu Outdoor Atlas.“

Na, das klingt doch nach einer Runde türkischem Karussell, oder?


Die Ustas von Istanbul

Eine besondere Eigenheit Istanbuls ist, dass hier viele Gewerke oft in der gleichen Straße nebeneinanderliegen.

So gibt es ein Geschäft nur für Klodeckel und daneben das Geschäft für die Klobürsten.

Für uns Künstler*innen sind auch die Läden mit den Pigmenten interessant, die oft direkt neben den Geschäften für Farbrollen liegen.

Dadurch ist der Weg zu einer Lösung meistens nie weit.

Zusätzlich kennen sich die Ustas, was so viel wie „Meister“ bedeutet, oft gegenseitig und führen einen höchstpersönlich von Laden zu Laden.

Man wird sozusagen als ahnungsloser Kunde herumgereicht, zu dem einen oder anderen Çay eingeladen, muss höllisch aufpassen, nicht über das Ohr gehauen zu werden – und kann dabei den ganzen Tag in diesem eigentümlichen Universum verbringen.

Outdoor Atlas verkaufte tatsächlich einen älteren passenden Petzl-Akku für sage und schreibe sechzig Euro.

Die Originallampe kostete hier 110 Euro, während ich sie in Deutschland für 85 Euro ergattern konnte.

Ich biss in den sehr sauren Apfel und kaufte den sehr kleinen, aber scheinbar sehr besonderen Akku.

Und sagte mir: Das ist die zweite und letzte Chance für Petzl.

Wenn sie noch einmal ausfällt, geht’s direkt zu Decathlon in Tiflis oder Almaty.


Fahrrad-Ustas in Eminönü

Meine zweite Aufgabe für diesen Tag betraf die Fahrradreifen.

Diese verloren permanent Luft und ich gehe davon aus, dass die bulgarischen Dornen für mich schwer auffindbare Löcher hinterlassen haben.

Mein Andenken aus Osteuropa, sozusagen.

Die Fahrrad-Ustas gab es in Eminönü, einem traditionellen Basarviertel, das vor Touristen nur so brummte.

Mir summte inzwischen selbst der Kopf, denn der Kontrast von Wildnis und Zelten zu „in einer 15-Millionen-Megastadt einkaufen gehen“ war tatsächlich ein bisschen zu heftig.

Der erste Laden verkaufte nur Reifen – allerdings für Motorroller.

Der nächste führte Fahrradschläuche, allerdings nur mit Autoventil.

Danach endlich ein Glücksgriff:

Ein älterer Herr mit lederner Haut erzählte mir ohne Umschweife, dass er selbst Langstreckenradler gewesen sei.

„Ich bin schon durch den Iran, Pakistan und Afghanistan geradelt. Da war ich vierundzwanzig!“, attestierte er stolz. „Allerdings waren die politischen Verhältnisse zu dieser Zeit noch andere.“

Ich nickte anerkennend und fügte hinzu:

„Heute geht das nicht mehr so einfach. Wie gerne würde ich durch den Iran oder durch Syrien radeln – aber mich bei den politischen Konflikten in zusätzliche Gefahr zu bringen, kann ich einfach nicht verantworten.“

Er klopfte mir wohlwollend auf die Schulter und lachte.

„Du hast ja noch ein paar Jahre Zeit!“

Schon hatte er mich entlang der vielen kleinen Teestuben in eine verwinkelte Gasse geführt, wo mir ein Schlauchverkäufer fachmännisch den richtigen Schlauch herüberreichte.

Ich nahm gleich zwei.

Wer weiß, wie die kasachischen Dornen so sind.


Die Gesichter im Regen

An grauen Tagen zeigt sich eine Seite von Istanbul, die im normalen Licht nur selten zum Vorschein kommt.

Blicke ich in die Gesichter der Verkäufer*innen und Kassierer*innen, erkenne ich dort eine Erschöpfung und eine Traurigkeit, die tiefer geht als alles, was ich bisher gesehen habe.

Im Fischrestaurant, in dem ich meinen letzten Eintrag schrieb, beobachtete mich aufmerksam eine Kellnerin.

Sie fragte sich bestimmt, was dieser Deutsche zwei Stunden lang so trieb und warum er nur zwei türkische Kaffee und zwei Gläser Wasser trank.

Ihr Gesicht hätte ich gerne einmal gezeichnet, da sich darin so viel von dem widerspiegelte, was mir hier begegnet.

Sie war bildhübsch, mit einer kleinen Stupsnase und wachen, jungen Augen.

Gleichzeitig war ihr Lächeln jedoch gebrochen.

Ich erkannte darin eine Schwere, die ihrem Alter von schätzungsweise fünfundzwanzig Jahren überhaupt nicht entsprach.

Sie erzählte mir in einer Mischung aus Türkisch und Englisch, dass sie vorher in der Hotelbranche als Rezeptionistin gearbeitet hatte – und zwar die hier üblichen zwölf Stunden am Tag.

Als die Branche durch die wirtschaftliche Krise und ausbleibende Touristen schwächelte, beschloss sie, hier in das Restaurant zu wechseln.

Konkret bedeutete das, unzählige Stunden in einem engen Anzug Touristen mit Sonderangeboten hereinzulocken.

Und oft auch einfach nur:

zu warten.

Während sie wartete, starrte sie in den grauen Himmel, in eine unbestimmte Ferne, und ich konnte genau beobachten, wie sich in ihrem Gesicht offene Fragen abzeichneten:

Was würde als Nächstes kommen? Worin liegt hier meine Zukunft?

Würde ich länger in Istanbul Zeit verbringen, würde ich sie wahrscheinlich auf ein Date einladen und versuchen, ihr all diese Fragen einmal in einem angenehmen Ambiente zu stellen.

Jedenfalls vertat ich mich beim Bezahlen um eine Null und gab ihr unverhoffter Dinge acht Euro Trinkgeld für zwei Kaffee, die insgesamt 4 Euro kosteten.

Sie lächelte mir hinterher und sagte, sie würde sich freuen, wenn ich wiederkäme.

Und in diesem Moment sah sie so viel jünger und so viel lebhafter aus.


Meine Dunkelheit

Auch mich befiel an diesem Tag – also gestern – eine Schwere, als ich mich wieder auf den Heimweg machte.

Als ich an meiner ehemaligen Universität, der Mimar Sinan Üniversitesi, vorbeikam, begegnete ich dort meiner Dunkelheit, die auf derselben Bank saß, auf der ich sie auch zuvor immer wieder angetroffen hatte.

„Hallo“, begrüßte mich die schwarze Gestalt, die zwei Köpfe größer war als ich, einen langen Mantel aus schwarzen Federn und eine Totenmaske trug.

„Wie Du siehst, habe ich mich seit den letzten dreizehn Jahren nicht vom Fleck bewegt.“

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich zwischen Uni und Heimweg regelmäßig auf dieser Bank Platz nahm, bevor ich mit der Fähre auf die asiatische Seite übersetzte.

Diese Bank war mein einziger Moment, in dem ich kurz innehalten konnte.

Zu Hause erwarteten mich die volle türkische Fünfer-WG und ihre zahlreichen Gäste, während in der Uni meistens nichts funktionierte und ich regelmäßig improvisieren musste.

Es war der einzige Raum, in dem meine Gedanken und Gefühle den Raum bekamen, kurz mit und bei mir zu sein.

„Und Du weißt sicherlich noch genau, was das für Gefühle waren“, fügte meine Dunkelheit mit einer tiefen, für andere Menschen unhörbaren Stimme hinzu.

„Manchmal starrtest Du stundenlang in das schwarze Wasser hinein und stelltest Dir vor, dass ein riesiger Strudel mitten im Bosporus alles Lebende in seine gnadenlosen Abgründe reißen würde.

Ich habe Deine Augen gesehen.

Das war lange vor Heesun.“

Ich nickte wissend.

Es ist sinnlos, sich selbst zu belügen.

„Und ich erinnere mich auch daran, wie sehr Dich diese Stadt zerrissen hatte. Nach einem halben Jahr wolltest Du so schnell es ging hier weg.

Es fiel Schnee in Istanbul und die ungeheizten Betonbauten schienen noch karger und trostloser, als sie es manchmal ohnehin taten.

Du liefst diesen Weg auf und ab wie ein Suchender.

Nur – was hast Du in diesen nach Katzenpisse stinkenden Gassen zu finden gehofft?

Welche Fragen hattest Du Dir gestellt, die Dich quälten und auf die Du keine Antwort fandest?“

„Ich weiß es nicht mehr“, entgegnete ich der Dunkelheit neben mir.

„Falsch.

Du willst es nicht mehr wissen.

Es ist dieser Strudel in Dir, der die Farbe aus allem zieht. Ein Strudel, der Dir durch diesen hektischen Ort umso mehr die Orientierung raubte.

Du hast in all Deinen künstlerischen Anstrengungen versucht, der Welt ihre Farbe zurückzugeben.

Diesen Kampf, den Du geführt hast, hast Du eigentlich immer nur gegen Dich selbst geführt.“

Wieder nickte ich.

An diesem Tag war all die Schwere und gefühlte Vergeblichkeit dieses Kampfes wieder spürbar.

Teilweise lief ich damals Treppenstufen auf und ab, nur um mich irgendwie beschäftigt zu halten.

„Und ich weiß noch etwas über Dich, das Du gerne nicht wissen möchtest.“

Ich wartete, bis die dunkle Gestalt neben mir fortfuhr.

„Als Heesun nach Korea flog, wolltest Du Dich von ihr trennen. Weil Eure Welten zu verschieden waren.

Und als Du die Wohnung weiß streichen musstest, bist Du fast wahnsinnig geworden und hast einen Teil von Dir selbst abgespalten, um den Verstand nicht zu verlieren.“

Ich legte meinen Kopf auf das schwarze, weiche Kleid der Dunkelheit neben mir und fuhr ihre Gedanken fort.

„Es war so schlimm, dass ich nichts mehr fühlen konnte.

Ich schlief mit mehreren Frauen parallel, um irgendetwas zu spüren, aber da war nichts.

Lieber fühle ich Angst, Zorn und Traurigkeit als diese alles überlagernde Taubheit.

Aber es ging nicht anders.

All das überstieg meine Kräfte und mein Verständnis um ein Vielfaches.“

„Ich weiß“, antwortete die Dunkelheit.

„Wahrscheinlich wäre es vielen Menschen in dieser Situation so ergangen wie Dir.

Am Ende warst Du einfach nur ein verzweifelter Mensch.

Kannst Du Dir dafür verzeihen?“

„Ich denke schon“, antwortete ich der Dunkelheit neben mir.

Sie fuhr fort:

„Ich werde immer bei Dir sein.

Der Strudel in Dir – dieses gähnende schwarze Loch – wird sich nicht schließen.

Egal, welcher Gott, Welche Partnerinnen oder welche anderen Erlebnisse noch Dein Leben kreuzen werden.

Aber es ist ein Unterschied, ob Du Dich davon beherrschen lässt und Kurs auf den Abgrund setzt – oder ob Du die Strömung zu nutzen weißt.

Ich war schon immer da in dieser Welt und war nie Dein Feind.“

„Ich weiß“, sprach ich leise.

Ich verließ die Bank und blickte auf den regentrüben Bosporus, in dessen Mitte immer noch ein riesiger, düsterer Strudel träge, kraftvoll und zerstörerisch seine Runden drehte.


Der Moloch

Als ich den Bus zu meinem Gastgeber nach Hause nahm, blickte ich erneut in die Gesichter der Passagiere, die durch das Neonlicht noch fahler wirkten als sonst.

Überall sah ich tiefe Augenringe, oft Anspannung, selten ein Lächeln.

Istanbul ist auch ein Moloch.

Eine riesige Betonkrake, die das Leben aus ihren Bewohnern saugt.

Durch sinnloses Warten in endlosen Staus.

Durch grelle Reklametafeln, die unerreichbare Sehnsüchte in einsame Herzen pflanzen.

Durch Lärm und durch Ablenkung.

Ich irrte durch die Dunkelheit der Stadt und kam mir eingesperrt, kraftlos und mittellos vor.

Was für ein großer Kontrast zu einer Radreise, bei der ich so gut wie jeden Tag meinen eigenen Rhythmus und mein eigenes Tempo bestimmen kann.


Auf gewisse Art und Weise erinnerte mich dieser erschöpfende Moment auch wieder daran, warum ich diese Reise überhaupt mache.

Nicht nur, um einer verlorenen Liebe hinterherzutrauern.

Sondern auch für mich selbst.

Ich möchte wie ein Fluss sein, der fließt.

Mit Strudeln und Wasserfällen.

Mal eisig kalt, mal blubbernd und heiß.

So klar, wie es mir möglich ist.

Und so entschied ich auch an diesem Abend, meinen Aufenthalt in Istanbul auf zwei Tage zu verkürzen.

Meine Geschichte mit Istanbul ist noch nicht vorbei.

Aber es wird Zeit, meine Radreise fortzusetzen.


























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