Tag 33 / Türkei, izmit / Aufbruch ins Unbekannte
Ich sitze aktuell im Rivada Hotel in der Nähe von İzmit. Unter mir liegen zwei vierspurige Schnellstraßen. Dass ich heute in einem Hotel landen würde, war nicht geplant – aber das werde ich Euch gleich erzählen.
Der Abschied von Cihan und Melis fiel mir – wie immer, wenn ich auf liebe Menschen treffe – schwer. Da Melis noch schlief, musste der Meister Cihan selbst ran und die häuslichen Gastbewirtungspflichten übernehmen. Denn wie Ihr vielleicht schon bemerkt habt, wurde ich von den beiden von vorne bis hinten mit türkischer, bzw. kurdischer Gastfreundschaft verwöhnt.
Inzwischen waren meine vier Radtaschen gepackt, meine Reifen geflickt und die Scheibenbremse – so gut ich es vermochte – ausgerichtet.
Innerlich war ich angespannt, weil ich wusste, dass die nächste Etappe keine einfache werden würde. Auf Komoot – der Navigations-App, die ich nutze – sehen die folgenden 2.000 Kilometer bis nach Tiflis, Georgien, aus wie das Epigramm eines Erdbebens: Höhenmeter ohne Ende.
Diese Route habe ich aber bewusst so geplant. Sie stellt eine Art Belastungstest für mich dar, bevor es weiter nach Kasachstan geht.
Würde ich mit dem in den Bergen kühleren Klima klarkommen? Würde ich die Höhenmeter mit meinem schweren Rad bewältigen? Könnte ich meine Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln gut organisieren – trotz der teilweise langen Abstände zwischen den Orten?
All dies wollte ich herausfinden, bevor es in die kasachische Steppe geht. Dort gibt es teilweise Ortsabstände von 200 bis 300 Kilometern – teilweise ohne Mobilfunkverbindung.
Für diesen Umstand habe ich mir extra eine Art Notfall-GPS-Gerät besorgt. Aber auch das bringt nichts, wenn ich nicht fit und clever genug bin, gut mit meiner Energie und meinen Ressourcen zu haushalten.
Also lieber in der Türkei all das herausfinden – wo ich die Sprache sprechen kann, bisher guten Handyempfang hatte und Lebensmittel auch deutlich günstiger als beispielsweise in Deutschland sind.
All diese Gedanken erzeugen bei mir natürlich nicht unbedingt nur Vorfreude. Gerade deshalb bin ich Cihan sehr dankbar, dass er mir zwei türkische Kontakte organisiert hat: einmal ungefähr in der Mitte der Etappe, nach etwa 1.000 Kilometern, und einmal kurz vor der türkischen Grenze. So kann ich zumindest eine soziale Begegnung und eine kurze Verschnaufpause einplanen.
Was noch hinzukommt, ist, dass sich das Wetter in der Türkei mit dem Herbst … polarisiert.
In den Küstenregionen am Mittelmeer und am Schwarzen Meer nehmen starke Regenfälle und Gewitter zu. Und auch in den Bergen möchte man nicht unbedingt von Schlammlawinen oder Ähnlichem überrascht werden.
Außerdem sind 2.000 Kilometer auf dem Rad eben auch 2.000 Kilometer. Diese Etappe ist die längste, die ich bisher in einem Rutsch durchziehe. Also auch für mich ein Stück weit unbekanntes Terrain.
Hinzu kommt noch eine komische Grenzsituation in Aserbaidschan. Ich habe ChatGPT gebeten, den aktuellen Grenzstatus zu überwachen. Die Regierung dort verbietet Touristen, die ein Visum benötigen, weiterhin die direkte Einreise unter Verweis auf die Corona-Maßnahmen. Eine Einreise mit dem Flugzeug geht hingegen aus mir nicht ganz verständlichen Gründen weiterhin. Nur – warum sollte ich nach Aserbaidschan fliegen?
Mein Plan B bedeutet, von Georgien direkt nach Aktau (Kasachstan) zu fliegen und Aserbaidschan gewissermaßen zu überfliegen.
Aber auch in diesem Punkt gibt es Ungewissheit. Andrew, den Chinesen, den ich in der Seidenstraßengruppe angeschrieben habe, scheint nicht unbedingt ein besonders wohlwollender oder kommunikativer Charakter zu sein. Man könnte eher sagen, dass er sein Ding durchzieht und ich ihm gewissermaßen hinterher radle und hinterher schreibe.
Keine besonders angenehme Ausgangssituation – sodass ich ihn in meiner Planung aktuell eher als Bonus betrachte. Auf keinen Fall möchte ich mich deshalb zusätzlich stressen oder abmühen.
Jedenfalls habe ich gestern eine Mail an die Aserbaidschanische Botschaft geschrieben, die sinngemäß lautete:
„Hey! Sagt mal – so ein Radler mehr oder weniger, das geht doch klar, oder!? :-D“
Natürlich alles in steifstem Beamtenenglisch.
Parallel bekomme ich Mails auf Kasachisch – auch spannend – von der SCAT-Air-Fluggesellschaft, die Fahrräder extra absegnen muss. Die Flugzeuge dort sind sehr klein, und ein Stahlrad ist eben auch ein Stahlrad – sprich: schwer.
Nevşehir, ungefähr in der Hälfte der Etappe, ist gewissermaßen mein Entscheidungspunkt.
Bis dahin weiß ich, ob ich mit den körperlichen Anforderungen und der Einsamkeit dieser Etappe klarkomme. Bis dahin ist hoffentlich auch die Wetterentwicklung etwas vorhersehbarer.
So weit der Plan.
Raus aus Istanbul
Dementsprechend ging es heute Morgen mit einem anderen Gefühl los als bei meinem Start in Leipzig.
Unbekannte Faktoren erzeugen bei mir vor allem erst einmal eine unterschwellige Anspannung. Natürlich habe ich auch keine Lust auf unangenehme Überraschungen in den türkischen Bergen.
Aber immerhin kann ich hier immer nach Süden oder Norden ausweichen – wo eine endlos lange Straße am Schwarzen Meer entlangführt. Oder notfalls meine türkischen Kontaktpersonen um Hilfe bitten.
Ich bin diese Straßen bereits 2013 hoch und runter getrampt, mit sehr spannenden LKWfahrer-Begegnungen – aber das wäre genug Stoff für einen eigenständigen Beitrag.
Gerade möchte ich Euch hingegen einen kleinen Einblick in die Herausforderungen meiner aktuellen Situation geben.
Oft ist das Unbekannte eben eine Überraschungsbox, und wir alle lieben wohl eher angenehme Überraschungen.
Die Route aus Istanbul heraus auf der asiatischen Seite war für mich ebenfalls unbekannt, und ich hätte gerne lobende Worte darüber verloren. Jedoch stellte sie sich als zweischneidiges Schwert heraus.
Die ersten etwa 40 Kilometer an der asiatischen Küste ab Kadıköy waren eine Wohltat, bestehend aus flachen, betonierten Radwegen mit malerischen Ausblicken auf das Marmarameer und die Prinzeninseln.
Dazu viele sehr europäisch anmutende Jogger*innen und sogar ein paar Radfahrer*innen!
Interessanterweise scheinen hier Brompton-Klappräder gerade so ein Ding zu sein. Jedenfalls überholte ich sehr oft stylische, gut gebräunte, gut eingeölte Beachboys auf E-Brompton-Rädern.
Was mich besonders überraschte, war, dass der Radweg – anders als der Weg auf der europäischen Seite – einigermaßen durchgehend von Bucht zu Bucht führte.
Es war schon ein ungewohntes Gefühl, einfach mal kurz den Kopf ausschalten zu können und nicht mit 360-Grad-Sicht nach heranschnellenden Autos oder Rollern Ausschau halten zu müssen.
Naja – bis auf die eine oder andere Katze natürlich, die sich majestätisch quer über den Radweg legte.
So weit, so gut. Der Strandweg war ein Träumchen.
Aber dann!
Ab Kilometer sechzig führte Komoot mich in einer Slalombewegung über, unter und um die Autobahn herum.
Dazu „zauberhafte“ Ausblicke auf Betonwerke, Werften und die dazugehörigen staubigen LKW, die mich oft in Wolken von Diesel und Sand einhüllten.
Dann ging es weiter kreuz und quer durch Wohnviertel, die es – was die Steigungen betraf – echt in sich hatten.
Dazu Einbahnstraßen, die mich kontraintuitiv immer wieder in eine andere Richtung führten – fast wie in einem Labyrinth.
Hinzu kam, dass für mich als Tourist überhaupt nicht ersichtlich war, warum beispielsweise die eine Straße als Hauptverkehrsstraße behandelt wurde, während die andere eher eine Nebenstraße darstellte. Die Stadtplaner*innen hatten wohl irgendwelche Schilder irgendwo hingestellt – alles irgendwie sehr random.
Aber gut! Das kenne ich ja bereits.
Also schnell ein paar Lebensmittel gekauft, dazu eine Wurst – seit Kurzem verköstige ich die Straßenhunde immer so gut es geht, da sie mir irgendwie sehr ans Herz gewachsen sind.
Und dann zurück auf die Piste!
Es ist für deutsche Dimensionen vielleicht nicht vorstellbar – aber wenn man Istanbul auf der asiatischen Seite entkommen möchte, warten etwa 140 Kilometer Stadt auf einen.
Zwar heißen diese industriellen Orte inzwischen nicht mehr Istanbul, sondern Tuzla, Gebze oder auch İzmit – aber für Radfahrer*innen stellt es sich als endlos langes Stadtband dar, mit der dazugehörigen Dreifaltigkeit aus Autobahn, Schnellstraße und buckeliger Nebenstraße.
Und in meinem Falle noch einem harschen, konstanten Gegenwind.
Nun war ich das Seitenstreifenfahren inzwischen von meiner Einreise nach Istanbul gewohnt, aber dort schienen mir die Unterbrechungen noch Möglichkeiten zum Abbiegen und Rasten zu bieten.
Dies war heute nicht der Fall.
Der Tankwart
Meine einzige nennenswerte Pause stellte ein Cappuccino-Stopp an einer Tankstelle dar, wo der vielleicht neunzehnjährige Tankwart mit gut gepflegten schwarzen Haaren natürlich gleich wieder ein Gespräch mit mir begann.
„Gefällt Dir die Türkei?“, sprach er mich ohne Umschweife an.
„Ja – ich mag die Gastfreundschaft hier.“
„Ehrlich?“, gab er ungläubig zurück. „Komm, Du lügst doch. Das ist hier alles nur Schein. Ich möchte endlich raus aus diesem Drecksland.“
Unsere Unterhaltung wurde kurz unterbrochen, da er seinem Dienst nachgehen musste und ein Auto betankte. Bei seiner Rückkehr stieg er direkt wieder ein.
„Meine Cousins leben in Berlin. Ich möchte auch dorthin! Aber diese Schwänze denken nur an sich selbst – die könnten mir ruhig mal bei der Visumsbeschaffung helfen!“
„Das tut mir leid zu hören“, sagte ich. Etwas genervt vom permanenten Rauschen des Verkehrs und dem omnipräsenten Dieselgeruch in der Luft.
„Eigentlich bin ich Barbier! Aber hier reicht ein einziger Job nicht zum Überleben. Was arbeitest Du?“
Ich erzählte ihm, dass ich als selbstständiger Grafikdesigner arbeite, und er hob anerkennend seinen imaginären Hut.
„Gut für Dich!“
Ich verabschiedete mich von ihm und wünschte ihm aufrichtig, dass er seinen Weg nach Deutschland finden würde. Seine Antwort wurde vom Rauschen des Verkehrs verschluckt.
Plan H
Es war bereits 19 Uhr.
120 Kilometer hatte ich auf dieser scheinbar endlosen Schnellstraße geschrubbt. Die Sonne hatte sich hinter mir bereits so weit gesenkt, dass sich mein langer Schatten – und die bedrohlich langen Schatten der Omnibusse und LKW, die natürlich wie immer viel zu nah überholten – über mich legten.
In etwa 25 Kilometern würde ich auf einen See treffen, an dem es laut Google Maps auch einen Campingplatz geben sollte.
Doch als ich hineinzoomte, erkannte ich, dass dieser Platz direkt neben einer weiteren Schnellstraße lag.
Wie sollte ich mich dort erholen können?
Ansonsten war der See von hochklassigen Spa-Hotels umgeben.
Keine gute Aussicht für einen Radler.
Als ich meinen Kopf hob, erkannte ich ein leuchtendes Hotelschild.
Na gut.
Dann heute Plan H – Notfallhotel.
Für gut 45 Euro bot mir der englischsprachige Rezeptionist ein Zimmer mit Ausblick auf die Schnellstraße an. Immerhin mit Frühstück.
Für fünf Euro weniger gäbe es ein Schnäppchenzimmer – allerdings ohne Fenster. Dieses Angebot lehnte ich dankend ab.
Dass ich bereits an Tag eins dieser Etappe ein Hotel buchen würde – was ich bisher auf meiner Reise aus Kostengründen erfolgreich vermieden hatte – ist sicherlich nichts, worauf ich Stolz bin.
Allerdings muss ich Euch ehrlich gestehen: Während ich hier unten auf den endlosen Strom an Fahrzeuglichtern auf der Straße schaue, habe ich absolut keine Lust, im Dunkeln auf diesen Straßen weiterzufahren.
So gesehen klopfe ich mir auf die Schulter.
Situation irgendwie gelöst.
Und immerhin gibt’s morgen ein hoffentlich üppiges Frühstück.
























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