Tag 34 / Türkei, Mudurnu / Zwischen Gender-Gap & Überlebenskampf
Gerade arbeite ich mich einen 600-Meter-Anstieg irgendwo in den türkischen Bergen in der Nähe von Ankara hinauf, als plötzlich ein malerisches Bergdorf vor mir auftaucht. Und schwupps wird aus dem sportlichen Engagement eine Genusstour – so schnell kann’s gehen!
Im Schritttempo rolle ich durch eine mit Tüchern beschattete kleine Einkaufsstraße. Neben mir steht ein altes, halb zusammengefallenes Holzhaus, das ich lieber nicht zu stark anpusten sollte. Hinter meiner gemütlichen Sitzbank schnarcht ein alter Straßenhund vor sich hin, und unter der Tischdecke taucht natürlich auch schon die erste Katze auf. Gute Gesellschaft also!
Was passiert eigentlich zu Hause?
Jeden Morgen, nachdem ich aufgewacht bin, höre ich mir einen Rundumschlag durch die deutschen Nachrichten an. Und natürlich lässt auch mich die Situation daheim nicht kalt.
In Sachsen-Anhalt suchen die blauen Zyklopen – bestehend aus Parfumverkäufern, ehemaligen Pornodarstellern, Exstasimitarbeitern, Kleinkriminellen und anderen Hochstaplern – nach Überläufern. In Mecklenburg-Vorpommern geht die blaue Pest vielleicht gerade noch so an der Landesregierungsmacht vorbei, und in Berlin wird darüber diskutiert, Wohnungskonzerne zu enteignen. Für deutsche politische Verhältnisse geht es gerade also ziemlich hoch her.
Was würde ich tun, wenn ich gerade im Kartoffelland wäre? Mich mit anderen Kartoffeln über die Zustände aufregen, um anschließend nichts zu tun? Auf die Straße gehen und demonstrieren, um zu zeigen, dass der ganze Osten nicht nur komplett in die Dunstglocke einer nicht existenten Vergangenheit blickt?
Welche Bedeutung hat das Engagement des Einzelnen, wenn gefühlt das gesellschaftliche Boot gerade kräftig schaukelt und sich diese Entwicklungen nicht erst seit gestern, sondern schon über Jahre hinweg ankündigen?
Plötzlich horche ich auf, als sich auch einmal ein Deutschlandfunk-Podcast über die Türkei in meinen Feed verirrt.
„My Family is Safe“
Am vergangenen Wochenende – genauer gesagt zwischen dem 12. und 14. September – kam es in mehreren türkischen Städten zu koordinierten Polizeirazzien gegen LGBTQIA+-Organisationen und Personen aus deren Umfeld. Betroffen waren unter anderem Istanbul, Ankara, Izmir, Aydın und Mersin. Durchsucht wurden auch Büros von Organisationen sowie Bars und Clubs. In einigen Fällen gab es zudem Razzien in Privatwohnungen. Die Ermittlungen richten sich unter anderem gegen Aktivist*innen und Verantwortliche von Organisationen wie Lambdaistanbul, Hevi LGBTİ und SPoD. (Human Rights Watch)
Die Behörden führen die Operation unter dem Namen „My Family is Safe“ – „Meine Familie ist sicher“ – durch. Gegen die Betroffenen werden unter anderem Vorwürfe der „Obszönität“, Verstöße gegen das Vereinsrecht, Sexarbeit, Drogenvergehen und sogar die Bildung einer kriminellen Organisation erhoben. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Maßnahmen als Teil einer umfassenderen Repression gegen die LGBTQIA+-Bewegung. (Human Rights Watch)
Das kommt nicht völlig aus dem Nichts. Präsident Erdoğan hatte 2025 zum „Jahr der Familie“ erklärt und das Leitbild einer starken Familie und einer wachsenden Bevölkerung zum politischen Schwerpunkt gemacht. In diesem Zusammenhang äußerte er sich wiederholt explizit gegen LGBT. (İletişim Başkanlığı)
Gleichzeitig ist die rechtliche Situation etwas komplizierter, als man zunächst denken könnte: Einvernehmliche homosexuelle Beziehungen sind in der Türkei nicht strafbar. Einen umfassenden gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität gibt es allerdings nicht. Und bestehende Vorschriften – etwa zum Thema „Obszönität“ – werden zunehmend genutzt, um gegen LGBTQIA+-Personen, Veranstaltungen und Organisationen vorzugehen. (Amnesty International)
Als Reaktion auf die aktuellen Razzien meldeten sich auch Eltern queerer Menschen zu Wort und erklärten, dass nicht ihre Kinder, sondern die staatlichen Repressionen ihre Familien bedrohten.
Einen konkreten unmittelbaren Anlass wie eine bevorstehende Wahl kann ich dabei nicht erkennen. Die türkische Regierung begründet die Maßnahmen vor allem mit dem Schutz von Kindern, der Familie und der gesellschaftlichen Ordnung. Menschenrechtsorganisationen und Betroffene sehen darin dagegen eine systematische Verschärfung des Vorgehens gegen die LGBTQIA+-Bewegung. (Reuters)
Die Türkei ist jedenfalls kein queerfreundliches Land, so viel steht fest.
Zurück in meine eigene Vergangenheit
Wenn ich Schlagzeilen oder Hintergrundreportagen wie diese höre, muss ich auch an meine Zeit in der Sambaband zurückdenken. Wir spielten gemeinsam während der Pride Week, die in Istanbul seit 2015 nicht mehr regulär stattfinden darf. Damals wurde die Parade erstmals nach vielen Jahren kurzfristig verboten und von der Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas aufgelöst. Seitdem werden die Veranstaltungen der Istanbul Pride jedes Jahr verboten. (Human Rights Watch)
In der Band gab es ebenfalls queere Mitglieder. Allen voran B. – ihren Namen werde ich zu ihrem Schutz an dieser Stelle nicht nennen.
Sie arbeitete als Psychologin in einem Frauenschutzhaus und hatte auch Kontakt zu Lambdaistanbul, einer der ältesten LGBTQIA+-Organisationen der Türkei. Lambdaistanbul entstand 1993, Kaos GL folgte 1994 in Ankara. Beide Organisationen gehören damit zu den frühesten dauerhaft organisierten Strukturen der modernen türkischen LGBTQIA+-Bewegung. (Kaos GL - LGBTİ+ Haber Portalı)
B. trug offenes, schulterlanges, lila gefärbtes Haar, dazu lila Lippenstift. In der gesamten Zeit, die ich sie kannte, habe ich sie immer nur als ruhig und gelassen wahrgenommen – obwohl wir zusammen wirklich durch wilde Zeiten gegangen sind. Sie in ihren schwarzen, fast kniehohe Lackstiefeln, ich in meinen damals schon hässlichen Riekers Sandalen.
Vor ungefähr dreizehn Jahren trampten wir oft gemeinsam durch die Türkei, und dabei gab es natürlich viel Raum für Gespräche.
So erzählte mir B. zum Beispiel damals, wie schwierig die Situation für Transpersonen in der Türkei sei. Viele müssten ihre Identität gegenüber Arbeitgebern und sogar innerhalb der eigenen Familie verbergen, weil sie sonst Diskriminierung, Gewalt oder den Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz fürchteten.
Dass diese Sorgen keineswegs nur subjektive Eindrücke waren, zeigen auch zeitgenössische Untersuchungen. Amnesty International dokumentierte bereits damals erhebliche Diskriminierung von trans Menschen, Probleme beim Zugang zum Arbeitsmarkt sowie Polizeischikanen und Gewalt. Für manche trans Frauen bedeutete der Ausschluss vom regulären Arbeitsmarkt, dass sie in die Sexarbeit gedrängt wurden – die wiederum selbst mit erheblichen Gefahren und polizeilicher Willkür verbunden sein konnte. (Amnesty International)
Das Frauenhaus
Aber auch Cis-Frauen, die von gewalttätigen oder kontrollierenden Männern verfolgt werden, gingen und gehen oft durch die Hölle, erzählte mir B.
Oft handeln solche Männer nicht alleine. Sie beschrieb mir einen Fall, bei dem beinahe ein halbes Dorf nach Istanbul kam, um unter falschen Namen und mit erfundenen Geschichten an eine Frau heranzukommen, die in ihrem Frauenhaus Schutz gefunden hatte.
All das führte dazu, dass die Sicherheitsmaßnahmen immer weiter ausgebaut wurden. Mitarbeitende sprachen Betroffene teilweise nur mit Decknamen an, Telefonnummern wurden gewechselt und die Frauen immer wieder an andere, von außen kaum auffindbare Orte gebracht.
Als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, kamen mir ihre Beschreibungen grotesk vor – fast wie aus einem Krimi.
B. übersetzte mir jedoch oft, was die LKW-Fahrer erzählten, während wir gemeinsam kreuz und quer durch die Türkei trampten. Es waren teilweise völlig verworrene Verhältnisse mit mehreren Frauen, die voneinander nichts wussten.
Auch als ich mit Heesun trampte, begegneten wir absurden Situationen. So fragte mich ein LKW-Fahrer einmal in ihrem Beisein – sie saß auf dem Mittelsitz zwischen ihm und mir –, ob es denn stimme, dass Koreanerinnen so gut ficken könnten und ob ich sie ihm nicht einmal „ausleihen“ könnte.
In diesem Moment blickte ich Heesun an. Sie konnte ebenfalls sehr gut Türkisch und hatte dementsprechend alles verstanden. Ich fragte sie auf Englisch, ob wir sofort anhalten und aussteigen sollten.
Heesun verneinte. Sie war diesen Umgang in der Türkei bereits gewöhnt.
Auch die Erasmus-Studierenden, die mir immer wieder berichteten, dass sie sich von türkischen Männern wie Freiwild oder Frischfleisch behandelt fühlten, dass ihnen in fast jeder Straße nachgestellt wurde und sie in manchen Fällen sogar bis nach Hause verfolgt wurden, schienen irgendwann aufzuhören, sich über diese Art der „Behandlung“ zu beschweren.
Warum gewöhnen sich Menschen an eine „Kultur“, die frauen- und menschenverachtendes Verhalten zumindest augenscheinlich normalisiert?
Die Kunst des Genderns
Demgegenüber befand sich Deutschland 2013 gerade in der Hochphase der „Kunst des Genderns“ – zumindest in meiner linksorientierten Kreativ-Bubble in Halle (Saale).
Stundenlang stritten wir uns darüber, ob es nun ein Doppelpunkt, ein Sternchen oder ein Leerzeichen zwischen den geschriebenen Geschlechtern sein sollte. Durfte mensch ein Leerzeichen wirklich verwenden? Würde das Gender-Gap dadurch nicht noch weiter vertieft?
B., türkische feministische bzw. queere Aktivistin, verdrehte bei solchen Diskussionen nur die Augen.
„Weißt Du, hier in der Türkei haben wir andere Probleme“, sagte sie mir damals.
Und sie hatte recht.
Es ging um Fragen, wie queere Vereinsstrukturen aufgebaut und geschützt werden können, wenn staatliche Eingriffe, Polizeirazzien und Verbote die mühsam aufgebaute Arbeit immer wieder zurückwerfen.
Es ging darum, wie Menschen ihre Identität bewahren und sichtbar machen können. Wie gesellschaftliche Solidarität entstehen kann, wenn gleichzeitig Angst, Schrecken und Falschinformationen verbreitet werden.
Und es ging ganz praktisch darum, wie man überhaupt einen Ort schafft, an dem Menschen sicher sein können.
Die türkische LGBTQIA+-Bewegung hat sich genau unter diesen Bedingungen bereits seit den frühen 1990er-Jahren organisiert. Lambdaistanbul entstand 1993, Kaos GL 1994. Die erste geplante Pride-Veranstaltung wurde bereits 1993 von der Istanbuler Stadtverwaltung verboten; die erste tatsächliche Pride-Parade fand schließlich 2003 statt. (Kaos GL - LGBTİ+ Haber Portalı)
Vielleicht erklärt das auch etwas von der besonderen Beharrlichkeit, die ich bei den Menschen dieser Bewegung erlebt habe.
Sichtbar bleiben
Jedenfalls hatte ich bei unseren Samba-Auftritten immer wieder großen Respekt vor den Transpersonen, die trotz ihrer Erfahrungen sichtbar und selbstbewusst nach außen traten.
Auch B. zeigte sich mir als pragmatische, starke Frau, die trotz aller Widrigkeiten weder ihr Engagement im Frauenhaus noch ihr politisches Engagement für die queere Bewegung oder ihren selbst gewählten Lebensweg infrage stellte.
Als ich sie 2016 wiedertraf, hatte sie ihre Ausbildung abgeschlossen.
Die Türkei zu verlassen – das sei keine Option für sie gewesen.
„Die Menschen brauchen uns hier. Was bringt es, wenn ich aus der Ferne kluge Dinge ins Netz schreibe?“
Dieser Satz ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
„Unser Zelt ist offen“
Bei einem unserer Tramp-Trips 2013 wurden wir über mehrere Kilometer von einem Mann mit zweifelhaften Absichten verfolgt. B. weckte mich nachts, als wir zusammen im Zelt schliefen.
„Du – unser Zelt ist offen. Außerdem werden wir beobachtet.“
Dieser Mann sprach kein Wort mit uns. Trotzdem wurden wir ihn nicht los – auch nachdem B. ihn mit ihrer gelassenen Art darauf angesprochen hatte, dass sie kein Interesse an ihm habe und wir zur Polizei gehen würden, wenn er sich nicht entfernen würde.
Sie gab vor, dass ich ihr Freund sei. Ob das in dieser Situation überhaupt etwas gebracht hätte, sei dahingestellt.
In dieser Erfahrung wurde mir klar, wie selbstverständlich ich meine Sicherheit, meine Bewegungsfreiheit und auch meine Selbstbestimmung bis dahin genommen hatte.
Während ich mich immer wieder ängstlich umdrehte und mich fragte, ob unser lauernder Schatten uns noch immer folgte, schritt B. gelassen voran.
Sie sagte mir damals:
„Für mich ist so eine Situation leider nichts Besonderes. Vielleicht kannst Du Dir jetzt ein bisschen besser vorstellen, wie es sich anfühlt, eine Frau, oder eine queere Person hier in der Türkei zu sein.“
Unsichtbar werden?
Auch die queere Person, die jetzt, 2026, im Podcast interviewt wurde, konnte sich nicht vorstellen, die Türkei zu verlassen oder die eigene Identität zu verstecken.
Freund*innen hatten ihr beziehungsweise ihm geraten, zumindest für einige Zeit nichts in den sozialen Netzwerken zu posten. Prinzipiell könne schließlich alles gegen einen verwendet werden.
Doch genau darin liege die Gefahr, sagte die Person sinngemäß: Wenn Menschen sich aus Angst zurückziehen, wenn sie ihre Identität verstecken und aus der Öffentlichkeit verschwinden, werde genau das erreicht, was die Repression bezwecke.
Unsichtbarkeit.
Und deshalb müsse man sichtbar bleiben.
Was ist mit mir passiert?
Ich habe großen Respekt vor allen Menschen, die sich erhobenen Hauptes dieser Bedrohung stellen – auch wenn ich mich selbst nicht als queer betrachte.
Und während ich hier irgendwo in den türkischen Bergen auf meinem Fahrrad sitze, frage ich mich:
Was ist in der Zeit nach den Gezi-Protesten mit mir passiert, dass ich in Deutschland einen großen Teil meines Interesses an politischem Engagement verloren habe?
Ich glaube, es ist die Unart, mit der sich meiner Meinung nach viele Menschen im Wohlstandsnest Deutschland über Begriffe zerstreiten und dabei immer wieder ihre moralische Hoheit – oder Hohlheit – beanspruchen.
Ich wünsche Deutschland nicht, dass Unterdrückung und Repression jemals so weit gehen wie in der Türkei.
Aber auch in Deutschland kenne ich queere Menschen, die sich beispielsweise nicht trauen, in Sachsen oder Sachsen-Anhalt im ländlichen Raum offen mit ihrer Identität zu leben. Durch die Landtagswahlen wird das sicherlich nicht besser werden.
Vielleicht liegt der Unterschied deshalb gar nicht unbedingt darin, ob man in einem Land lebt, in dem die Situation gerade besser oder schlechter ist.
Vielleicht liegt er darin, ob man bereit ist, etwas zu tun, solange man noch etwas tun kann.
Für mich bleiben Menschen wie B. deshalb einprägsame Vorbilder.
Nicht, weil sie besonders laut sind. Nicht, weil sie besonders viele Begriffe kennen. Und auch nicht, weil sie ständig erklären müssen, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen.
Sondern weil sie aus einer inneren Überzeugung heraus handeln und bereit sind, über viele Jahre hinweg Menschen zu schützen, die ohne gesellschaftlichen Rückhalt und ohne politische Unterstützung leicht in ein Schattendasein gedrängt werden könnten.
Sie handelt leise und konsequent.
Und produziert nicht nur heiße Luft.
Link zum erwähnten Deutschland-Funk Podcast

























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