Tag 35 / Türkei, Ankara / Würfelwüste im anatomischen Hochland
Heute bin ich in Ankara angekommen, der Hauptstadt der Türkei. Es war wie so oft ein wilder Ritt: insgesamt 130 Kilometer und 1.500 Höhenmeter. Der Kontrast zur steppenähnlichen Landschaft könnte größer nicht sein. Ankara ist eine Würfelwüste ohne Beispiel und steht damit in einem starken Gegensatz zu Istanbul.
Nachdem ein starkes Gewitter mit sintflutartigen Regenfällen die Stadt komplett unter Wasser gesetzt hat, sitze ich in einem Café und schreibe. Kleine Bäche stürzen an den Rändern der zubetonierten Straßen hinunter – meine Füße wurden natürlich patschnass.
Als ich das Café betrat, war ich zunächst geschockt über die hohen Preise, was ich der Kellnerin auch gleich sagte:
„Einen Cappuccino für vier Euro? Das scheint mir ja fast teurer als in Berlin zu sein!“
Sie antwortete darauf:
„Ich weiß. Aber was sollen wir hier auch anderes in der Stadt machen, als uns ab und zu mal in einem Café zu treffen und zu quatschen? Sonst ist hier doch nichts weit und breit.“
Als ich Ihr etwas vom Kulturfestival erzählte, das angeblich gerade in der Stadt stattfindet, schaute sie mich nur überrascht an:
„Kultur in Ankara? Glaub ich nicht.“
Vielleicht zeigt schon dieses kurze Gespräch, dass diese Stadt unter einem gewissen Imageproblem leidet.
Dabei ist Ankara keineswegs eine künstlich aus dem Boden gestampfte Stadt. Die Siedlungsgeschichte reicht weit in die Antike zurück. Aber mit der Gründung der modernen Türkei veränderte sich ihr Maßstab vollkommen. Während des Türkischen Unabhängigkeitskrieges wurde Ankara zum Zentrum der nationalen Bewegung. Am 23. April 1920 trat hier die Große Nationalversammlung zusammen; im Oktober 1923 wurde Ankara schließlich offiziell zur Hauptstadt der Türkei erklärt,
Warum gerade Ankara?
Zum einen lag die Stadt weit im anatolischen Binnenland und war damit deutlich weniger exponiert als Istanbul. Während des Unabhängigkeitskrieges war Ankara von der Front im Westen vergleichsweise weit entfernt und entwickelte sich gerade deshalb zum politischen und militärischen Zentrum der Nationalbewegung.
Zum anderen war die Entscheidung natürlich auch ein politisches und symbolisches Statement: Die neue Republik sollte ihren Mittelpunkt nicht länger im ehemaligen imperialen Zentrum des Osmanischen Reiches haben. Ankara stand für die neue, anatolische Türkei.
Und nun musste aus dieser vergleichsweise kleinen, armen und trockenen Stadt eine moderne Hauptstadt werden.
Das geschah tatsächlich in erstaunlichem Tempo. Neue Boulevards, Ministerien, Wohnviertel, Parks und öffentliche Gebäude entstanden. Zunächst entwarf der deutsche Architekt Christoph Lörcher 1924/25 einen Stadtplan; 1927 gewann dann der ebenfalls aus Deutschland stammende Stadtplaner Hermann Jansen einen internationalen Wettbewerb. Sein Plan wurde in den 1930er-Jahren in großem Umfang umgesetzt.
Oder, um es mit anderen Worten zu sagen:
Man nahm eine kleine anatolische Provinzstadt und begann, mitten im Hochland eine moderne Hauptstadt zusammen zu zimmern.
Dass Ankara heute wie eine riesige Stadt aus dem Baukasten wirkt, ist also kein Zufall. Und dessen entlegene Lage lässt sich als Radfahrer ziemlich gut erfahren.
Doch gehen wir noch ein paar Schritte zurück.
Mr. Superdry
Heute Morgen wachte ich beim Akçay-Barajı, einem Stausee, auf.
Meine nächtliche Fahrt dorthin führte durch eine vom Mondlicht geisterhaft erleuchtete Berglandschaft, die ich wirklich genoss. In Dunkelheit und Stille auf einer gut ausgebauten Straße alleine durch diese Weite zu fahren, dazu meine selbst gewählte Musik auf den Ohren – das fühlt sich für mich wie Freiheit an.
Ich begann sogar wieder einmal, für mich auf dem Rad laut zu freestylen. Etwas, das mir nach der Montagsmaler-Misere Anfang des Jahres ziemlich verhagelt wurde.
Auch hatte ich mir vorher noch in einer Lokanta für günstige 13 Euro den Bauch komplett vollgeschlagen. Ich war also vollgetankt und daher bester Laune.
Die Nacht war jedoch nicht so lang und erholsam, wie ich es mir gewünscht hätte.
Der auf Komoot als „schöner, wilder Naturcampingplatz“ angepriesene Rastort war eine Mogelpackung. Zunächst war es eine befremdliche Erfahrung, im Stockdunkeln um einen unbekannten, riesigen Stausee zu radeln und dort nach einem ebenen, nicht von Dornen überwucherten Fleckchen Erde zu suchen.
Dann kam die bekannte Tricolore aus Plastiktüten, zerbrochenen Flaschen und abschüssigem Gelände, die mit wachsamen Campingaugen begutachtet werden musste.
Kaum hatte ich mein Zelt aufgestellt und genoss meine einsame Mondnacht mit einem mitternächtlichen Nacktbaden, richteten sich jedoch mehrere kleine, präzise Suchscheinwerfer aus größerer Entfernung von allen möglichen Seiten des Ufers auf mich.
Na toll.
Das wird wohl nichts mit Privatsphäre heute Nacht.
Nach der erst kürzlich vergangenen Security-Erfahrung in Bulgarien spannte mich das zusätzlich an. Allerdings konnte ich keine Absperrung, Schilder oder Ähnliches am See entdecken.
Kaum war ich jedoch in meinem Zelt verschwunden, hörte ich mehrere Stimmen und sah einen weiteren grellen Scheinwerfer aus unmittelbarer Nähe direkt auf mein Zelt gerichtet.
Also schälte ich mich mürrisch aus meinem Kokon heraus und begegnete dem Unbekannten.
Wie sich herausstellte, war es ein Fischer, der mit seiner dreiköpfigen Familie in ein enges Auto gepfercht nach einer vielversprechenden Angelstelle suchte.
Camping und Angeln scheinen zwei konkurrierende Naturunternehmungen zu sein.
Mit meinem begrenzten Türkisch, viel Lächeln und defensiven Gesten konnte ich die Fischerfamilie schließlich überzeugen, sich ein anderes Plätzchen zu suchen.
Was mir auch gelang.
Röhrend und knatternd verabschiedete sich Fischerauto Nummer eins.
Da war es bereits 22:30 Uhr.
Kaum hatte ich mich wieder hingelegt – es war inzwischen 23 Uhr –, tauchte allerdings schon der nächste Scheinwerfer auf.
Diese Person hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, auf mich zuzugehen, sondern postierte direkt seinen Campingstuhl vor meinem Zelt – mit ungefähr einem Meter Distanz zum einzigen Eingang, den ich für die Frischluft nachts meist offen lasse.
Da ich inzwischen zu müde für weitere diplomatische Interventionen war, ließ ich den Fischer seinem Werk nachgehen.
Kaum hatte ich mich einmal auf meiner Luftmatratze umgedreht, war ich bereits von einer Bastion aus sechs Angeln umgeben, die er fachmännisch im steinigen Untergrund verankerte.
Immer wieder leuchtete er mit seiner Stirnlampe wild um sich herum und weckte mich dabei auf.
Von einer entspannten Nacht konnte also leider keine Rede sein.
Aber immerhin sahen die blinkenden LED-Schwimmer ein bisschen aus wie Party-Glühwürmchen – redete ich mir gut zu.
Dieser Fischer meinte es richtig ernst.
Er saß unverändert immer noch auf seinem Stuhl, als ich am Morgen zerknautscht nach einer unerholsamen Nacht mit wilden Träumen erwachte, in denen ich als fresher Hecht einen schnellen Strom entlanghechtete und versuchte, blinkenden Haken zu entgehen.
Im Hintergrund frohlockte Lina mit raspelnder Süßholzstimme, die mich immer wieder an die mannigfaltige Hakenvielfalt lockte:
„Komm doch, wenn Du Dich traust!“
„Hilfe, es hechtet!“
Schreckte ich am Morgen auf und stieß meinen Kopf an meine immer noch verschwitzte Radlerhose.
Der Fischer – ich nenne ihn zur besseren Zuordnung Mr. Superdry – saß beziehungsweise thronte die ganze Zeit mit dem Rücken zu mir. Er drehte sich weder um, um mich zu begrüßen, noch würdigte er mich eines Blickes. War ich Luft für ihn?
Das einzige Gespräch war das mit einem Fischerkollegen, der plötzlich oben am Staudammhang auftauchte.
„Du – Du musst die andere Stelle mal besuchen! Drei große Fische in einer Stunde. Allah, Allah, was für ein Fang! Der bringt bestimmt einiges an Lira!“
Mein Angel-Bastions-Fischer schüttelte enttäuscht den Kopf.
„Ich hab nichts gefangen! Gar nichts!“
Geschieht Dir recht – fügte ich innerlich bissig hinzu.
Dafür hattest Du die ganze Nacht meinen Schlaf an der Angel!
Doch ich wollte keine morgendliche Eskalation – schon gar nicht vor dem Frühstück.
Also schob ich knurrend meine trockene Stulle aus Marmelade und Tahin in den hungrigen Schlund und schoss mit giftigen Blicken um mich.
Inzwischen hatten sich ein paar junge Angler am Rand dazugesellt.
Lederjacke, Campingstuhl, Samowar.
Drei Typen, zwei Angeln.
Amateure!
Sie beobachteten still das Geschehen, das sich langsam seinem Showdown näherte.
Ich wartete inzwischen nur noch auf eine Steilvorlage, um meinen Frust über Mr. Mir-gehört-der-Strand herauszulassen.
Da!
Da kam sie auch schon.
„Sag mal, wo reist Du eigentlich noch hin?“, fragte er mich arglos.
Wütend platzte es aus mir heraus:
„Alter, hast Du überhaupt keinen Sinn für Abstand? Stellst Deinen dämlichen Campingstuhl direkt vor meine Nase. Nachts um 24 Uhr! Und strahlst mich an, als wäre das hier ein Fußballmatch. Kein bisschen konnte ich schlafen! Schau Dich mal um – war da wirklich kein anderer Platz für Deine … Angelsammlung?“
Baff starrte er mich an.
„Aber hier fließt nun mal die beste Strömung vorbei. Schau mal – links und rechts. Der perfekte Konvergenzpunkt zum Angeln.“
Da sah ich ihn mir an.
Den ausdruckslosen, mittelalten Mann im Superdry-Filzpulli, der in seinem Campingstuhl umgeben von Plastikmüll und zerbrochenen Flaschen breitbeinig herum lümmelte und ab und zu gelangweilt auf seinem Smartphone hoch und runter scrollte.
Wir hatten scheinbar ein komplett verschiedenes Naturverständnis.
Ich ziehe fast jeden Morgen mit einer leeren Plastiktüte um meinen Campingplatz herum, um den Müll anderer aufzusammeln. Er überlegt offenbar vor allem, wie viel Geld ihm sein jüngster Fang auf dem Markt bringt.
Am liebsten hätte ich seinen Angelhaken gegen Magnete oder diese Greifarme aus den Jahrmarkt-Spielautomaten ausgetauscht, damit er den ganzen Müll hier herausangeln konnte.
Wird Zeit, dass jemand Flaschenpfand in der Türkei einführt!
Vincent, 1:0 für Dich.
Doch dann wurde dieser lächerliche territoriale Konflikt zweier Homo-sapiens-Männchen durch die drei jungen Kerle entschärft.
„Çay gefällig?“
Schob mir einer der etwa zwanzigjährigen Burschen einen Becher unter die Nase.
War das ein diplomatischer Entschärfungs-Çay?
Ich nahm ihn jedenfalls dankbar an.
Kaum räumte Mr. Superdry still und grummelnd seinen Platz – ich grummelte ebenfalls vor mich hin, während ich meine Klamotten zusammenrollte –, schoben die Nachwuchsangler bereits ihre Campingstühle an exakt die gleiche Stelle, an dem mich der Fischer vorher behelligt hatte.
Also direkt vor meine Nase.
Konvergenzströmung und so.
Vor meinem Zelt standen also nun drei gammelige Campingstühle.
Nur dass sie parallel dazu noch Instagram-Reels in voller Lautstärke anschauten.
Also ist es doch ein Bestechungs-Çay gewesen!
Der Erste in der schwarzen, coolen Lederjacke holte mit großer Geste aus. Er schwang die Angel weit nach hinten über seinen Kopf – und ließ sie krachend im Kies fallen.
Es ist noch ein weiter Weg bis zum Anglermeister.
Immerhin – ein Kontrahent war vertrieben.
Blieben nur noch drei – oder?
Plötzlich schob mir ein anderer der jungen Angler-Gang lächelnd einen zweiten Çaybecher entgegen.
„Komm, der erste ist doch schon alle. Hier – nimm noch einen zweiten! Wo kommst Du eigentlich her?“
Ein charmanter Bezirpsungs-Çay.
Ich erzählte ihnen von meinen Radfahrplänen.
Alle sahen mich mit staunenden, offenen Mündern an und holten zeitgleich ihre Telefone hervor, um mir auf Instagram zu folgen.
Nun gut.
Jetzt verpuffte mein Ärger endgültig – bei so viel Schmeichelei.
„Hier, nimm noch ein paar Proteincookies und ein paar Salzstangen. Für die Elektrolyte!“ sagte der zweite und zauberte die Bestechungsgüter aus dem Becherhalter seines Campingstuhls hervor.
Dann erzählten sie mir, dass sie alle drei an der Yıldız Teknik Üniversitesi in Istanbul studierten und im Sommer während der Semesterferien in Ankara festhingen.
“Aber da gibt’s nichts zu tun. Gar nichts! Also hängen wir eben am See rum.”
„Sei froh, dass Du erst jetzt hier langfährst. Vor ein paar Wochen wäre diese Strecke hier die Hölle gewesen, von der Temperatur her.“ meinte der mit der schwarzen Lederjacke.
Ich war inzwischen entschärft.
Und nach einem dritten Çay und angenehmer Plauderei rollte ich endlich in Richtung Ankara.
Ein anderer Planet
Die Landschaft beeindruckte mich sehr.
Die Piste, die bei Nacht durch das fahle Mondlicht wie eine Kraterlandschaft des Mondes anmutete, tat es bei Tageslicht immer noch.
Plateaus mit steinernen Schichten, so bunt wie ein Marmorkuchen, stellten sich links und rechts der Straße in den fantastischsten Kombinationen hoch auf.
Dazwischen eine gelb ausgeblichene Steppenlandschaft.
Weite, abgeerntete Felder, die den Blick auf einen majestätischen blauen Himmel freigaben.
Mit einem Mal kam ich mir nicht mehr wie in der Türkei vor, sondern wie auf einem anderen Planeten.
Und auf diesem Planeten gab es keine gerade Fläche.
Es gab nur ein Ab- oder Auf. Ein ineinander Schieben und sich übereinander Auffalten.
Durch die Weite der Landschaft verlor ich jede Relation – sowohl zu meinen bereits geradelten Kilometern als auch zu den Höhenmetern, die noch vor mir lagen.
Teilweise wirkten die Dörfer wie dekoratives Modellspielzeug. So klein erschienen die mehrstöckigen Häuser im Vergleich zu den sich auftürmenden Gesteinsmassen dahinter.
Den ganzen Tag ging es so.
Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
Nur meldeten sich irgendwann meine Beine.
Die langen, welligen Berge hatten es echt in sich. Besonders ein Hauptanstieg kurz vor Ankara wollte einfach nicht enden.
Oft hupten mich die LKW von der gegenüberliegenden Straßenseite aufmunternd an.
Doch sie mussten im Gegensatz zu mir nur ein Gaspedal drücken.
Wie sehr vermisste ich doch in diesen Momenten meine Vespa aus Italien!
Doch dann endlich:
Ankara
Ankara liegt inmitten des anatolischen Hochlands und ist schon von Weitem gut zu erkennen.
Erst ragen die Betonquader wie eine Fata Morgana aus der kargen Berglandschaft. Dann werden es immer mehr Gebäude, bis man plötzlich nur noch von ihnen umgeben ist.
Zwischen ihnen hindurch führt eine gefühlt endlose, gerade vier- bis fünfspurige Schnellstraße.
Was ich nicht wusste: Auch wenn „Ankara“ bereits als Ortsschild bei Sincan steht, befindet man sich dort noch längst nicht im eigentlichen innerstädtischen Ankara. Sincan ist ein eigener Stadtbezirk innerhalb der Metropolregion.
Als ich dort falsch abbog, war die Überraschung daher nicht unbedingt angenehm, als ich feststellte, dass ich noch weitere 30 Kilometer durch den Feierabendverkehr fahren musste – inklusive Stau, schnell überholenden Sammeltaxen und aggressiven Sportwagen.
Aber nun ja.
Jetzt bin ich hier.
Und die Hauptfrage, die ich mir gerade stelle, ist:
Möchte ich dieser Stadt eine Chance geben und einen zusätzlichen Stadttag hier verbringen?
Diese – und weitere Entscheidungen können gerne noch bis morgen warten.





























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