Tag 36 / Türkei, Ankara / Das imaginäre Interview
Als ich heute durch die Innenstadt von Ankara streifte, dachte ich mir: Die Architekten haben es tatsächlich geschafft. Eine perfekte Kreuzung aus Neukölln und Magdeburg. Lebendigkeit, in praktische deutsche Quadrate zerteilt.
Während Istanbul vor sprudelndem Chaos nur so überquillt – zumindest in den innerstädtischen Bereichen – laufen die Menschen hier geordnet und konsumierend durch die Fußgängerzone von Ankara.
Dabei viele Frauen mit offenen Haaren und Männer in lässiger europäisch-türkischer Mode. Allerdings gibt es nur wenige Touristen. Hier sind die Menschen unter sich.
Dazu Starbucks-Abklatsche mit demselben schrecklichen, überteuerten Kaffee in billigen Pappbechern und türkische Burgerketten, deren Vorlagen sie geschmacklich bestimmt um ein Vielfaches an frischen Zutaten übertreffen würden – hoffte ich.
Meine Laune war bescheiden. Seit Istanbul schleppe ich eine mal ab-, mal aufklingende Erkältung mit mir herum. Durch die steilen Bergetappen ist entspanntes Radeln leider gerade nicht möglich. In Ankara zu bleiben, war deshalb eine Vernunftsentscheidung. Vor allem, um meinem Körper etwas mehr Zeit zur Regeneration zu verschaffen.
Kulturclash im Rossmann
Mein erster Stopp, in einem Rossmann, bescherte mir den ersten Kulturclash.
In der gewohnt durchsortierten deutschen Drogeriekette mit den vielen bekannten Produkten deutscher Marken tuschelten Mädchen mit Regenbogenhaaren und Frauen mit überbetontem Make-up, Lidschatten, Akzentstrichen und eleganten Lederjacken. Männer gab es dort außer mir kaum welche. Auch die nüchterne Ordnung der Regale, gepaart mit dem kühlen Neonlicht, passte so gar nicht zum türkischen Lebensgefühl. Eine ganz alltägliche Sache stellte plötzlich all die Unterschiede heraus: von der geduldigen und gelassenen Art des Anstehens bis zum herzlichen, über das Professionelle hinausgehenden Lächeln der Kassiererinnen.
Wie mächtig Architektur beziehungsweise Stadtplanung doch sein kann, dachte ich mir. Ankara wurde nach der Gründung der Republik gezielt zu einer modernen Hauptstadt ausgebaut. Über viele Jahrzehnte hat diese Planung ihre Spuren hinterlassen – vielleicht sogar in der Art, wie sich das Leben in der Stadt anfühlt. Formt eine moderne Stadt auch moderne Menschen?
Heesun hasste Ankara, genauso wenig wie sie Seoul und Berlin mochte. Sie sagte mir immer auf ihre temperamentvolle, direkte Art, dass quadratische Städte quadratische Köpfe und quadratische Menschen produzieren würden. Übrigens einer der Gründe, warum ich meinen Künstlernamen „Square Boy“ gewählt hatte. Als Deutscher ist mir die Spießigkeit – auf Englisch: to be a squarehead or blockhead – wohl auch etwas angeboren.
Zu warten, anzuhalten, vor allem, wenn es nicht von mir beabsichtigt ist, fällt mir besonders schwer. Im engen Vierbettzimmer des Hostels gibt es kaum Privatsphäre, und da ich Netflix pausiert habe – mal sehen, wie lange ich das aushalte – auch kaum Ablenkung.
Das imaginäre Interview
Ich traf Gerome in einem der vielen großräumigen Cafés Ankaras. Draußen, an den Fensterscheiben, trieb der Verkehr gemächlich an den quadratischen Kreuzungen vorbei – ein Panorama urbanen Abendlebens bot sich dar.
In der dezenten Hintergrundmusik bemerkte ich zunächst gar nicht, wie er sich an den Tisch gegenüber von mir setzte. Seine Erscheinung war gepflegt, aber unauffällig. Das dunkelgraue Hemd saß perfekt, ebenso die dezent und matt schimmernde Uhr und der akkurat getrimmte Bart. Lediglich seine eiskalten Augen strahlten aufmerksam, aber nicht aufdringlich, auf sein Gegenüber. Mit einem metallischen Kugelschreiber strich seine Hand beiläufig über einen kleinen Notizblock.
„Sollen wir beginnen?“, fragte er, nachdem wir uns kurz vorgestellt hatten.
„Gerne“, antwortete ich.
„Du bist jetzt ungefähr einen Monat lang unterwegs. Das ist die längste Radtour, die Du bisher unternommen hast. Wie ist das für Dich?“, fragte Gerome.
Einen Moment überlegte ich, denn es war schwer, dieses Gefühl in Worte zu fassen.
„Eigentlich gibt es für mich auf dieser Reise kein Zeitgefühl im klassischen Sinne. Es gibt immer nur ein fortlaufendes Jetzt. Wenn Du zum Beispiel eine Piste mit 60 km/h herunterrast, musst Du Dich ständig konzentrieren. Mit den Gedanken abzuschweifen oder an den Anfang der Reise zu denken, ist für mich kaum möglich.“
„Und dennoch schreibst Du jeden Tag in Deinem Blog. Und das nicht wenig, wie ich hier sehe. Warum ist es Dir so wichtig?“
„Weil das Schreiben mir die Möglichkeit gibt, Abstand zum Geschehen zu nehmen. Es ist außerdem meine Gedächtnisstütze. Und auch, weil es sich für mich natürlich anfühlt. Videos und Fotos transportieren oft den Anspruch einer objektiven Wirklichkeit – dabei denke ich, dass jede Reise eine ganz persönliche Erfahrung ist, die auch eine persönliche Stimme erhalten sollte.“
„Und warum dann kein Videoblog?“, hakte Gerome nach.
In der Tat fragten mich auf meiner Reise viele türkische Jugendliche nach einem YouTube-Kanal oder nach Social Media.
„Weil ich Oberflächlichkeit hasse“, platzte es aus mir heraus.
„Die meisten Reise-Vlogs, die ich kenne, sind auf Sensation aus. Es geht um das Wow. Das: Oh mein Gott – wie kann er das nur machen? Und das Boah - Wen hat er denn da wieder getroffen? Und natürlich auch darum, anderen zu zeigen, wie beeindruckend das eigene Leben im Vergleich zu dem der Daheimgebliebenen ist. Dabei geht es mir oft so, dass mir kleinere Momente viel mehr bedeuten als zum Beispiel beeindruckende Landschaften. Und tatsächlich vermisse ich die Alltäglichkeiten daheim gerade viel mehr, als ich es zugeben möchte.“
„… Zum Beispiel?“ Gerome tippte neugierig mit dem Kugelschreiber auf den Furniertisch in Eichenoptik.
„… Na ja, die ganz gewöhnlichen Dinge halt. Sich mit Freunden zu treffen. Zum Sport zu gehen. Und vor allem: mal über nichts nachdenken zu müssen.“
„Über welche Dinge musst Du denn hier nachdenken, die Dich zu Hause nicht beschäftigen?“
Die Basics
„Na, alle Basics eben!“, lachte ich. „Wer würde sich zu Hause schon die Frage stellen, ob man die Nacht sicher verbringen wird oder ob am Morgen der Pass aus dem Wertsachenbeutel fehlt? Oder ob die nette Bekanntschaft wirklich das tut, was sie sagt? Oder ob der Fisch wirklich frisch war oder man ihn noch zum zweiten Mal sieht? Zu Hause lebe ich entspannter, weil mein Alltag hauptsächlich aus Routinen besteht. Ich könnte montags meistens schon grob vorhersagen, was ich am kommenden Wochenende unternehmen möchte. Das ist auf dieser Reise anders. Ich nehme mir etwas vor und plötzlich … passiert das Leben.“
„Ist das wirklich so anders? Du fährst doch jeden Tag Rad, oder?“, Gerome hob fragend eine Augenbraue.
„Ja – aber das ist auch schon das Einzige, was auf dieser Reise konstant ist. Und nicht einmal das. Als meine Scheibenbremse in den Bergen anfing zu quietschen, dachte ich mir kurz: Was, wenn das Ding jetzt komplett aussteigt? Bei diesen steilen Hängen bin ich auf meine Technik angewiesen, wie es daheim nicht der Fall wäre. Da würde ich das Rad einfach in den Keller stellen und etwas anderes machen – E-Mails schreiben oder so. Hier hat jede Entscheidung unmittelbare Konsequenzen. Wie diese Erkältung hier – fahr ich morgen weiter? Oder hänge ich weiter in dieser SIM-City Stadt herum?“
„Dabei erlebst Du viele Dinge, die Menschen in ihrem Alltag nicht erleben. Was davon hat Dich bisher am meisten beeindruckt?“
Ich musste kurz über diese Frage nachdenken.
„Vielleicht, wie klein die Welt eigentlich ist. Zumindest in Europa. Zu unseren Nachbarn sind es oft nur wenige Radtage – mit dem Auto geht es sicherlich noch schneller. Diese Vernetzung bedeutet gewissermaßen auch eine Angleichung der Lebensgewohnheiten, zumindest äußerlich. Aber ich bin ja aktuell auch erst bis zur Türkei gekommen. Wer weiß, wie sich das in ein paar Monaten anfühlen wird.“
„Gibt es noch etwas anderes, was Dich beeindruckt hat?“ Offenbar war er noch nicht zufrieden mit meiner Antwort.
„Auf dem Rad bist Du sichtbar und verwundbar. Ich merke, dass meine Haltung in Deutschland vor allem die der Kontrolle ist. Ich habe mir ein halbwegs sicheres Nest gebaut, in dem ich mich komfortabel bewegen kann. Hier bin ich gezwungen, mich mit den unterschiedlichsten Nöten und Situationen und mit den verschiedensten Menschen herumzuschlagen. Erst dachte ich, dass die Einsamkeit mein größtes Problem werden würde. Gerade fühlt sich meine Reise eher wie ein großes Sozialtraining an.“ Ich lachte.
Geromes eiskalten, klaren Augen sahen fest in meine. „Aber unter Menschen zu sein bedeutet nicht, nicht einsam zu sein. Darüber bist Du Dir sicherlich auch bewusst.“
„Ja, das stimmt schon. Gerade fehlen mir hauptsächlich Menschen, mit denen ich mich auf einer tieferen Ebene unterhalten kann. Und Menschen, die nachvollziehen können, wie sehr die Ungewissheit, die diese Reise mit sich bringt, mich beschäftigt. Diese ganzen offenen Fragen wegen der Grenzsituationen, wegen politischer Spannungen, gefährlichen Tieren, ungewohnten Umgebungen und natürlich auch des Geldes. Das sind Dinge, die ich aktuell noch gar nicht absehen kann – die aber immer in meinem Hinterkopf anklopfen. Vor allem nachts.“
„Aber all das sind Dinge, die Dir schon vor der Reise bewusst waren, oder?“, fragte Gerome und schaute nachdenklich in seine Espressotasse, die bereits leer war.
„Gute Frage. Wahrscheinlich nur zum Teil. Manchmal komme ich mir vor, als würde ich den Traum meines zwanzigjährigen Ichs verfolgen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich beim Trampen durch die Türkei während meiner Erasmuszeit immer in Richtung Osten schaute und mich fragte, was denn wohl dahinter lag. Jetzt bin ich 38 und merke plötzlich, dass mich ganz andere Dinge beschäftigen.“
„Zum Beispiel?“, wollte Gerome wissen.
Über Pfeile und Linsen
„Heute habe ich das Buch, ‚Der Prophet‘ von Khalil Gibran gelesen, das ich bei einem Friseur in Istanbul gefunden habe. Dort steht, dass man sich ab einem gewissen Punkt entscheiden muss, ob man der Bogen oder der Pfeil sein möchte. Also im übertragenen Sinne.
Als Lehrer biete ich meinen Schüler*innen zum Beispiel mit all meiner Erfahrung und meinem Wissen so gut ich kann eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Aber gerade bin ich wohl eher der Pfeil – und meine Flugbahn ist für mich komplett unbekannt. Ein anderes mentales Bild ist für mich eine Linse.“
„Du magst offenbar Bilder“, stellte Gerome fest. „Na ja, das passt ja auch zu Deinem kreativen Beruf. Wie ist das also mit der Linse?“
Ich gestikulierte etwas mit den Händen – so, wie ich es immer tue, wenn mir die Worte auf der Zunge liegen, ich sie aber noch nicht ganz greifen kann.
„Ich denke, dass einige Menschen mit klarer Sicht und klaren Vorstellungen durch ihr Leben gehen. Sie blicken durch eine transparente Linse. Andere benebeln sich selbst, sodass sie nur eine verschwommene Vorstellung von ihren Zielen haben. Andere schauen durch ein verzerrtes Glas.“
„… So wie in einem Spiegelkabinett?“, ergänzte Gerome.
„… Genau“, fuhr ich fort. „Sie haben eine überzogene Vorstellung von sich und ihrer Bedeutung. Und andere …“ Ich drehte an diesem Punkt mein Wasserglas herum.
„… standen dermaßen unter Druck, dass ihre Vorstellungen und Wünsche in kleine Splitter zerteilt sind. Sie sind damit beschäftigt, aus diesem fragmentarischen Chaos und den sich widersprechenden Trugbildern eine neue Perspektiven zu auf alte Fragen finden. Vielleicht so etwas wie ein Kaleidoskop. Du rennst einer Sache hinterher und bist Dir dabei aber nicht sicher, ob es diesmal nachhaltige Erfüllung ist oder nur ein weiteres Trugbild., das auf Dich wartet Ich mache diese Reise auch, um herauszufinden, was mein achtunddreißigjähriges Ich gerade braucht. Und was ich davon zukünftig auch mit Überzeugung in meinen neuen Lebensabschnitt mit nehmen kann.“
„So wie Du es in Deinem Odyssee-Artikel beschrieben hast?“
„Na ja“, fuhr ich fort und starrte gedankenverloren nach draußen auf den nicht abreißenden Verkehrsstrom. „Mein achtunddreißigjähriges Ich braucht andere Dinge als meine jüngere Version. Stabilität zum Beispiel und Ruhe. Oder auch die Möglichkeit, einmal alleine durch die Dunkelheit zu fahren und niemanden zu sehen. Aber auch, eine verlässliche Person a seiner Seite zu haben – auch wenn man zuallererst selbst diese Person für sich sein muss. Früher war ich mir darüber noch nicht so bewusst. Aber ich kann nicht permanent neue Eindrücke aufnehmen, oder mich permanent neu erfinden. Wäre ich ein Schwamm, dann würden mir wahrscheinlich schon nach zwei Wochen die Eindrücke überdrüssig werden.“
„Und Du bist jetzt gerade einmal einen Monat unterwegs. Wie soll das in den kommenden elf Monaten erst werden?“, stellte Gerome nüchtern fest.
„Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich werde ich eine neue Art zu reisen finden müssen, die meine Bedürfnisse nach Regeneration, Routine und Entschleunigung berücksichtigt. Aber auch nach Gesellschaft. Vielleicht werde ich dann eher zum Filter. Ich suche nach der Essenz, vor allem für mich selbst. Dazu gehört es auch, ein Stück weit bei sich zu bleiben – trotz all der Ungewissheit und des Tempos.“
„Was das Tempo betrifft, bist Du aber gerade ziemlich schnell unterwegs!“, merkte Gerome an.
„Das ist eben mein Naturell!“, lachte ich. „Außerdem sitzt mir immer noch der Winter im Nacken, wenn ich tatsächlich noch durch die kasachische Steppe radeln möchte.“
Warum eigentlich die Steppe?
„Warum eigentlich unbedingt die kasachische Steppe?“ Gerome hob fragend seinen Kugelschreiber.
„Weil ich mir dort erhoffe, unter Ausblendung aller äußerlichen Reize etwas mehr innere Klarheit zu finden. Ob das wirklich passieren kann – oder ich mich nur die ganze Zeit über den kalten Gegenwind, meine schweren Beine und den Hunger ärgern werde – das wird sich wohl erst zeigen müssen! Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich eigentlich schon, dass all diese Dinge, all die Antworten, die ich suche, bereits in mir sind. Ich brauche vor allem eine innere klare Sicht, um diese all das auch äußerlich zu erkennen.“
„Und warum gehst Du dann nicht einfach zu Hause meditieren?“, merkte Gerome an.
An dieser Stelle musste ich lachen.
„Komm – das wäre doch viel zu einfach! Wie heißt es doch so schön: Der längste Weg führt zu sich selbst – oder so?“
“Oh je – jetzt sind wir wohl in der Kalenderspruch-Sektion gelandet.”
Auch Gorme lachte.
Er schaute auf seine Uhr.
„Leider ist unsere Zeit für heute vorbei. Ich danke Dir für das Gespräch und wünsche Dir viel Erfolg bei Deiner Reise! Und ich wünsche Dir von Herzen, dass Du Dich auf die Menschen, die Du triffst, Dein Rad und vor allem auf Dich selbst verlassen kannst.“
Er reichte mir seine schlanke Hand, die dennoch fest und entschlossen zugriff. Während er das Café verließ, warf er sich lässig das graue Jackett über die Schulter.
„Sehen wir uns in einem Monat?“, fragte er beiläufig.
„Ich hoffe doch!“, antwortete ich.












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