Tag 37 / Türkei, Ankara / Eine Legebatterie voller Geschichten

Als ich nach meinem imaginären Interview zurück zum Hostel ging, kam ich mir schon etwas seltsam vor. In etwa wie während der 2020er-Coronazeit, als ich immer mehr mit mir selbst redete. Aber hey – dieser Reporter schrieb wenigstens meinen Namen richtig, im Gegensatz zu anderen. Und außerdem gefiel mir die Idee, diese monatlichen Interviews zu schreiben. Also – why not?

In der kleinen Hostelküche schrubbte ich meine Trinkflaschen mit einer Zahnbürste. Leider ist das Plastik anfällig für Schimmelbefall, und der setzt sich meist in der verwinkelten Druckmechanik des Deckels fest.

Dabei überhörte ich eine Unterhaltung zwischen einem Inder und einer Iranerin, die über Spiritualität und polytheistische Gottheiten redeten. Das ist doch mein Thema, dachte ich. Also fasste ich meinen Mut zusammen und wagte den ersten Schritt.

„Kann ich mich zu Euch setzen?“, fragte ich. „Hier in diesem Hostel ist es irgendwie etwas einsam – so in etwa wie in einer Legebatterie.“

Die Iranerin, die sich mir als Heledriel vorstellte, erwiderte: „Das geht mir ehrlich gesagt genau so. Mir fehlt hier irgendwie der Hostel-Vibe. Deshalb habe ich Rohan vorhin in der Küche angesprochen – genau so wie Du uns gerade.“ Sie lachte.


Feuer, Göttinnen und der richtige Kalender

Sie trug offene, lockige braune Haare mit blonden Strähnen und hatte dieses Feuer in den Augen, das ich bisher nur bei Iranerinnen entdeckt hatte.

Heledriel fuhr fort: „Rohan und ich haben uns gerade darüber unterhalten, wie vor den monotheistischen Gottheiten in vielen Ländern polytheistische Religionen herrschten und es in vielen Kulturen davor Muttergottheiten gab. Ich bete zum Beispiel das Feuer an – was allerdings von der aktuellen iranischen Regierung verboten ist.“

Rohan fuhr fort: „Im Taoismus ist es ja eh anders. Aber wir in Indien sind es gewohnt, in vielen Dingen etwas Göttliches zu sehen. Auch der Gedanke des Schicksals und der Fehler wird von uns anders bewertet. Im Prinzip kann jede*r durch gute oder schlechte Taten im nächsten Leben auf- oder absteigen.“

Rohan war schätzungsweise 18 Jahre alt, hatte ebenfalls lockiges Haar und war gerade dabei, ein Mathematikstudium in Ankara zu beginnen.

„Auch Euer gregorianischer Kalender ist Quatsch“, ergänzte Heledriel.

Beide nickten überzeugt.

„Euer neues Jahr beginnt mitten in der Dunkelheit – kein Wunder, dass alle Eure Neujahrsvorsätze scheitern. Unsere Zeitrechnung richtet sich nach dem Mond. Das neue Jahr beginnt mit dem Equinox – der Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühling – und das macht ja auch Sinn! Im Frühling entsteht neue Lebensenergie, neue Kraft. Auch in Europa hattet Ihr einmal eine andere Zeitrechnung, bevor das Christentum alles plattgemacht hat. Aber in den Monatsbezeichnungen ist dieses Wissen noch erhalten. OKTober – acht. NOVember – neun.“

Rohan war ebenfalls kein Fan des gregorianischen Kalenders. Anschließend erzählte er etwas über die Gründe, warum er in diesem Hostel gelandet – und dann gestrandet war.


Gestrandet in Ankara

„Eigentlich wollte ich zuerst in Neuseeland studieren. Da ich allerdings nur einen privaten Studienkredit bei einer Bank aufgenommen habe, ging das visumstechnisch nicht. Nur mit einem staatlichen Stipendium hätte das geklappt. Dann dachte ich an Deutschland, München – aber das wollte ich auch nicht.“

„Wieso?“, hakte ich nach.

Er antwortete: „Na, die unterrichten dort gar nicht auf Englisch. Und Deutsch zu lernen – das möchte ich mir ehrlich gesagt nicht antun. Wofür soll das gut sein? Abgesehen davon ist der Test hier in Ankara noch härter als der in Deutschland. Es ist eine wirklich gute Hochschule – und alle Fächer werden auf Englisch unterrichtet!“

Der Junge wusste offensichtlich, was er wollte!

Seine Freundin sei Türkin und lebe in Ankara. Sie studiere Finanzwesen. Das wird wohl einmal ein wohlhabendes Pärchen werden, dachte ich mir.

„Für mich ist es leider gerade etwas komplizierter“, sagte Heledriel traurig und blickte auf den Tisch.

Zwischen Iran und den Niederlanden

„Ich möchte gern zu meinem Verlobten reisen – einem Niederländer. Meine Freunde sagten mir, dass die Grenze aufgrund des Krieges bald geschlossen wird. Also nahm ich gewissermaßen den letzten Flieger in die Türkei, um meine Visumsformalitäten zu erledigen. Eine Bestätigung der Behörden in den Niederlanden habe ich bereits, aber für den Stempel soll ich zu einer Botschaft außerhalb der Niederlande kommen – da war Ankara am nächsten“, führte sie fort.

Bis jetzt klang das alles noch recht normal für mich. Deshalb wartete ich gespannt, wie ihre Geschichte weiterging.

„Die niederländische Botschaft hier ist allerdings eine komplette Mogelpackung. Zunächst gibt es keine Niederländer in der Botschaft, und dann spricht auch noch niemand Niederländisch. Ein Vorgang, der maximal zwei Wochen dauern soll, zieht sich nunmehr schon seit mehreren Wochen hin. Und mein vorläufiges Visum gilt nur für 90 Tage. Auch mein Verlobter hatte hier schon angerufen und sich aufgeregt – allerdings ohne Erfolg.“

„Hinzu kommt“, sagte Heledriel, „dass ich über Nacht meinen Koffer gepackt habe und keine Zeit hatte, mich von meinen Freunden und meiner Familie im Iran zu verabschieden. Ich sitze hier in einem Sechsbettzimmer und kann nicht einmal richtig darüber weinen. Aktuell spüre ich gar nichts und kann nur beten, dass die Behörden aufgrund des Krieges nicht noch irgendeinen Abweisungsgrund erfinden.“

„Ich sitze ebenfalls fest“, ergänzte Rohan. „Sie bauen gerade das Studentenwohnheim in Ankara um, und wer weiß, wie lange das noch dauern wird. Eine reguläre Mietwohnung kann ich mir hier natürlich nicht leisten – WGs gibt es auch nicht. Die Mutter meiner Freundin hatte mir schon angeboten, dass ich bei ihr wohnen könne – aber das wollte meine Freundin nicht.“

Heledriel und ich lachten beide. Das konnten wir wohl beide gut nachvollziehen. Wer würde schon wollen, dass plötzlich die peinlichen Familienfotoalben herausgeholt würden – die mit den peinlichen Nacktbildern aus der Kindheit?

NIEMAND will das.



Die Sache mit den Türken

Beide waren sich auch darüber einig, was die türkische Mentalität betraf:

„Ihnen geht es eigentlich nur ums Geld. Wenn Du nicht Türkisch sprechen kannst, ziehen sie Dich sowas von ab. Besonders die Taxifahrer!“, sagte Rohan.

Das konnte ich nicht nachvollziehen – aber vielleicht auch, weil ich ausschließlich Türkisch mit Türk*innen sprach.


Eine Malerin auf der Suche

Heledriel ist eigentlich Malerin, fühlt sich aber auch zur Literatur hingezogen. So studierte sie zum Beispiel in Russland. Etwas, das für junge Iranerinnen eher ungewöhnlich ist.

„Manchmal denke ich mir schon fast, dass mein Vater etwas zu vertrauensvoll war. Während jeder aus meiner Familie überlegte, ob ich verschleppt würde und in einem Prostitutionsring ende – so denken die Menschen bei mir zu Hause über Russland –, trank ich zusammen mit den Russen. Herzliche Menschen sind das, wenn man mal unter die schroffe Fassade gelangt.

Dort lernte ich auch Russisch, um die russische Literatur in ihrer Originalsprache lesen zu können. Mein Vater sagte nur: ‚Wenn Du denkst, dass das für Dich wichtig ist – dann mach das doch einfach.‘ Im Iran gibt es ein altes Sprichwort: mit dem Kopf voran ins Abenteuer stürzen. So eine Art von Frau bin ich.“

Heledriel wurde mir immer sympathischer.

„Danach studierte ich Literatur in Vietnam. Ich dachte, zwischen den Reisfeldern würde ich meinen künstlerischen Frieden finden – aber am Ende wusste ich irgendwie immer noch nicht so richtig, was ich eigentlich vom Leben wollte.“

Ich versuchte mich in einer diplomatischen Intervention:

„Kann es vielleicht sein, dass das einfach nur Dein Charakter ist – egal, wohin Du gehst?“

Sie nickte verträumt mit dem Kopf.

„Meinen Verlobten lernte ich jedenfalls im Iran kennen. Dort gibt es wunderschöne Berge – ach, wie vermisse ich es, dort wandern zu gehen! Ihm waren die Europäer zu kalt, und ich hatte mich nie wirklich dem Frauenbild im Iran fügen wollen. Das passte also perfekt zusammen.“


Kunst, Zensur und Abschied

Sie erzählte mir, dass sie im Iran noch nie eine Ausstellung umsetzen konnte, weil ihre Malereien immer wieder mit der Zensur in Konflikt gerieten. Also hörte sie irgendwann gänzlich auf zu malen.

„Was bringt das schon – wenn keiner Deine Arbeiten sieht und Du immer nur im Verborgenen handeln kannst? Meine Entscheidung, den Iran zu verlassen, fühlt sich an, als würde ein Teil von mir sterben. Ich bin ein sinnlicher Mensch. Ich brauche den Duft der Märkte, die Stimme meiner Mutter, den lebendigen Klang des Straßenlebens. All das tausche ich ein gegen eine ungewisse Zukunft mit meinem zukünftigen Ehemann.“


Ein anderer Blick auf Europa

Dennoch hatte sie erstaunliche Dinge zur europäischen Migrationspolitik zu sagen.

„Die Niederländer machen das mit der Immigration richtig. Dort muss wenigstens jeder einen Einbürgerungstest machen und die Sprache lernen. Ansonsten ist es viel zu lasch in Europa! Ist es Menschen nicht peinlich, wenn sie fünf Jahre in einem Land leben und noch immer nicht dessen Sprache sprechen können? Und viele Araber versuchen es doch nicht einmal – oder? Ich besuchte einmal Marseille, und die einzigen Franzosen dort waren Polizistinnen. Ansonsten nur Marokkaner! Was ist dort schiefgelaufen?“

Spannend, diese Worte aus dem Munde einer Iranerin zu hören, die gerade selbst mit der Einwanderungspolitik kämpfte – aber das war ja auf meiner Reise nicht das erste Mal.

Konnte dieser Vorbehalt gegenüber muslimischen Menschen auch mit ihrer Landesgeschichte zu tun haben? Sie verlor jedenfalls kein einziges gutes Wort über den Islam.

„Diese Religion wurde uns gewaltsam aufgezwungen! Aber darunter gibt es eine Ebene sehr reflektierter, sehr kritischer Menschen. Sie rollen mit den Augen, wenn ihnen jemand mit religiösem Fanatismus kommt. Deshalb treffen die aktuellen Sanktionen und der Krieg nicht nur das Regime, sondern auch den innenpolitischen Widerstand hart. Wenn niemand eine Richtung kennt, ducken sich viele Menschen ab, weil niemand seinen Kopf riskieren möchte.“

Der Himalaya im Dezember

Ich fragte Rohan, was er von meiner Idee hielt, mit dem Rad durch Indien zu radeln.

„Ich empfehle Dir den Norden!“, antwortete er ganz direkt.

Plötzlich musste ich an Carsons Worte denken, der mir vom Norden abgeraten hatte. Also gab ich diese Bedenken an Rohan weiter.

„Nein – die Gangesebene meine ich nicht. Noch nördlicher! Hier!“

Er zeigte mir ein paar Bilder von Eistälern – im Himalaya.

„Na ja, das wird wohl im Dezember etwas schwieriger werden!“, lachte ich.

„Ja – ach so. Kann schon sein.“

„Und wie ist es mit den Straßen im Süden – meinst Du, dort kann ich Fahrrad fahren?“

„Die Straßen im Süden sind normal. Also nicht gut – aber normal.“

Beim Gedankenspiel, was indische Normalität darstellte, wollte ich an diesem Punkt nicht weiterspielen.


Eine andere Vorstellung von Feminismus

Interessanterweise hatte Heledriel auch etwas über das Thema Feminismus zu sagen.

„Ich bin kein Fan vom modernen Feminismus“, sagte Heledriel.

„Im Prinzip sollen Frauen wie Männer werden. Komplette Unabhängigkeit macht Menschen jedoch hart und eine Gesellschaft spröde. Im Iran musste ich mich als Frau permanent behaupten. Von der Frage, warum ich überhaupt studiere, bis zum Fakt, dass ich gut Englisch sprechen kann und damit verschrien wurde, mich dem Westen anzunähern.

Aber kaum kam ich nach Europa und lernte den weißen Feminismus kennen, bekam ich eine Krise. Mein Wunsch ist es doch nicht, jede Form von Familie, Gemeinschaft oder gegenseitiger Abhängigkeit – auch von meinem Mann – aus meinem Leben zu verbannen. Ich möchte Kinder bekommen. Ich möchte mich auch einmal zurücklehnen können und nicht das Haupteinkommen bestreiten müssen. Natürlich möchte ich auch arbeiten und nicht nur als Hausfrau leben.

All das bedeutet nicht, dass ich auf das Recht auf Gleichberechtigung verzichten möchte – es bedeutet, dass ich Menschen in meinem Leben vertrauen kann. Frauen und Männer sind unterschiedlich. Diese Unterschiede zu nivellieren, stellt für mich eine Form von Gewalt dar.“

Ich wusste nicht, was ich dazu erwidern sollte.

Mein Eindruck war, dass ich hier einer sehr starken Frau gegenübersaß, die ihr eigenes Schicksal in die Hand nahm, sich sowohl aus ihrer eigenen Gesellschaft emanzipierte und gleichzeitig ihren eigenen Kopf hatte.


Eine Unterhaltung jenseits von „Wo kommst Du her?”

Jedenfalls war ich in diesem Moment sehr glücklich, dass ich endlich einmal eine Unterhaltung führen konnte, die über das „Wo kommst Du her? Wie viel verdienst Du? Du reist wohin? Mit dem Fahrrad? Allah, Allah!“ hinausging.

Heledriels Leid ließ mich jedoch nicht los, als ich mich in meine Hostel-Legebatterie zurücklegte, während meine anderen Schlafzimmergenossen sich nur durch lautes Schnarchen bemerkbar machten.

Für mich ging es gerade nur um die Frage, ob ich einen oder zwei Tage aufgrund einer leichten Erkältung ausharren müsste.

Für Heledriel ging es um die Frage, ob sie ihren mutigen Schritt schaffen und ein neues Leben beginnen konnte.

Ich beschloss, während ich mir die Ohrstöpsel in beide Ohren steckte, ihr am kommenden Morgen eine kleine Zeichnung anzufertigen, damit sie in all diesem Papierchaos ihren Mut nicht verlieren würde.


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