Tag 38 / Türkei, Şereflikoçhisar / Ein Usta & Drei Musketiere
Am nächsten Morgen ging ich zum Menemen-Ci meines Vertrauens und nahm zum ersten Mal auf dieser Reise meinen Zeichenstift in die Hand, um Heledriel zu zeichnen.
Warum hatte ich eigentlich mit dem Zeichnen begonnen? Vor allem, um mich verständlich zu machen. Ich zeichnete Comics für Heesun, als sie in Seoul im Krankenhaus lag und ich keine Möglichkeit hatte, sie zu besuchen. Sie liebte es, meine kleinen absurden Humor-Comicstrips zu lesen, in denen zum Beispiel Elvis sie im Krankenhaus besuchte. Und noch viel früher zeichnete ich Comics für meine erste Freundin in den USA, in Rhode Island – Vikkie. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zeichnungen auf Papier sind etwas Physisches. Jeder Strich mit einem Fineliner besitzt etwas Finales. Die perfekte Linie gibt es nicht, und mit dem Aquarellkasten die exakte Farbe meiner Vorstellung anzumischen, gelingt mir bis heute nicht. Auch das Papier stellt etwas Endliches, Begrenztes dar.
In einer digitalen Zeit, in der die meisten Fehler per KI oder mit Strg + Z rückgängig gemacht werden können, stellt eine Zeichnung vielleicht auch etwas sehr Persönliches, Ehrliches dar. In jeder Skizze zeigen sich die Tagesform, die Hintergedanken und die Gefühlslage der zeichnenden Person. Diese Eigenschaft ist einer Zeichnung inhärent – etwas für jemanden zu zeichnen, ist für mich eine persönliche Geste, die durch kein digitales Medium ersetzt werden kann.
Die Morgensonne fiel über das fast leere Frühstückscafé. Ein kühler, vorherbstlicher Wind wehte vor den Fenstern.
Während des Zeichnens überlegte ich, ob ich den Schritt aufs Rad heute wagen sollte. Mein Körper sagte: Ja – aber bitte nicht zu 150 Prozent.
Als ich Heledriel in der kleinen Küche des Hostels antraf, war sie sichtlich gerührt. Sie stand in grauer Jogginghose vor mir und war gerade dabei, ihr morgendliches Frühstück aus türkischem Brot, Tomaten und Käse zuzubereiten. Wir umarmten uns lange und herzlich. Ich wünschte ihr alles Gute, und wir tauschten unsere Instagram-Kontaktdaten aus.
Vielleicht wird es uns einmal möglich sein, eine Ausstellung zum Thema „Dazwischen“ zu organisieren?
Aber das dachte ich nur – und sprach es nicht aus.
Ein Usta des Vertrauens
Mein Weg aus Ankara hinaus begann ab Kilometer eins mit einem steilen Hang, der es richtig in sich hatte. Bevor ich die Stadt verließ, wollte ich endlich meine vordere Scheibenbremse fachkundig reparieren lassen.
Der erste Radladen – Erdoğan Bisiklet – lag natürlich auf dem Gipfel eines Berges. Dort angekommen, schickte mich die gut gekleidete Frau mit kantiger Brille und angenehmem Parfum direkt zu ihrem Usta des Vertrauens.
Natürlich am Fuße des Hügels, den ich gerade erst erklommen hatte.
Dieser Weg hatte sich jedoch gelohnt! Mehmet saß auf einem Stuhl und speichte gerade ein Mountainbike-Laufrad ein. Davor hockte sein Sohn und war dabei, den Schlauch eines anderen Mountainbike-Rades einzusetzen. An der Wand hing eine Vielzahl von Markenrädern, und überall befand sich professionelles Werkzeug.
Hier war ich wohl in besten Händen.
„Komm, setz Dich hin – lass uns erst mal einen Çay trinken“, bat mich der freundliche Meister und deutete auf einen Klappstuhl. „Wo drückt denn der Schuh?“
Ich beschrieb ihm mein Problem mit meiner Vorderbremse. In einem Dorf kurz vor Ankara hatte bereits ein Automechaniker-Usta mir die Bremse einmal eingestellt. Laut eines Bauern auf einem knatternden Traktor gab es weit und breit keinen besseren Usta als diesen!
Allerdings begann das verdammte Ding nach der nächsten rasanten Abfahrt wieder zu quietschen. Zwar nicht mehr ganz so schlimm – aber immerhin doch ganz schön nervig.
„Nimm Dich in Acht vor den Ustas“, sagte Usta Mehmet. „Viele von denen reparieren billige Kinderräder. Da kann nichts Gutes bei rauskommen.“
Er berichtete mir, wie er lange Zeit in Köln gelebt hatte und das Leben dort scheinbar auch sehr genossen hatte.
„Da hab ich an einem Abend sieben Bier getrunken! Und wie billig das dort war! Dafür habe ich dort richtig gut verdient. Acht Euro für einen Schlauch und dann noch mal zehn Euro fürs Einbauen des Rades. Davon kann ich hier in der Türkei nur träumen!“
Er warnte mich auch vor den Straßen von Ankara.
„Unser weiser Präsident scheint Fahrräder zu hassen – sonst wäre die Stadt hier nicht so verdammt gefährlich für Räder und verstopft für alle anderen!“
Indes hantierte er gekonnt an meinem Vorderrad herum und erklärte mir jeden einzelnen Schritt.
„Schau mal hier.“ Er reichte mir einen Drehmomentschlüssel. „Du musst Deine Schrauben alle nicht so verdammt fest anziehen. Das hier reicht!“
Er zog am Drehmomentschlüssel und drückte mir dann den Schlüssel in die Hand.
„So – und nun mach mal selbst!“
Mit meinen kräftigen Pfoten zog ich natürlich mal wieder viel zu kräftig.
„Allah, Allah – immer diese Barbaren“, scherzte er freundlich.
Die Bremsbeläge richtete er zunächst korrekt aus. Dann korrigierte er auch noch die Bremsscheibe, die an der ein oder anderen Stelle leicht verbogen war.
Für mich war das ein riesiges Glück, da ich diese Arbeiten selbst noch nie durchgeführt hatte. Ich trank einen Çay nach dem anderen, während der Usta seinem Werk nachging.
Zwischenzeitlich ging er auch mal zu seinem Jungen und drückte ihm einen Speichenschlüssel in die Hand. Der Junge zentrierte gekonnt das Rad – dabei war er bestimmt gerade mal zehn Jahre alt.
Ein Werkzeug für unterwegs
Der Usta fuhr fort:
„Ich versteh, warum Du unterwegs ein Problem mit dem Einstellen Deiner Bremse hattest. Bei diesem TRP-Modell ist die Einstellschraube am Rahmen angebracht. Du kommst da mit Deinem Schlüssel gar nicht richtig ran. Komm, ich stell Dir mal ein richtiges Werkzeug dafür her.“
Er nahm einen kleinen Sechskantschlüssel und ging hinüber zu seiner Werkzeugbank. Dort schliff er das Werkzeug zurecht, sodass die Funken nur so sprühten. Danach rundete er die Kanten mit einer Metallfeile ab.
„So“, sagte er zufrieden. „Damit kannst Du die Bremse selbstständig einstellen, ohne sie immer ausbauen zu müssen.“
Dieses Werkzeug stellte eine wichtige Ergänzung zu meinem Kit dar, und ich bedankte mich ehrfürchtig bei dem Radmeister.
„Glaubst Du, ich könnte damit Geld verdienen – indem ich Menschen beibringe, wie man Räder selbstständig repariert?“
Ich musste an die unzähligen Selbsthilfewerkstätten in Leipzig denken, die ich inzwischen schon besucht hatte – und wo ich mein Rad oft eher kaputt repariert hatte, als es mit Fachkenntnis zu verbessern.
„Gute Idee!“, sagte ich voller Begeisterung.
Bei der Bezahlung ließ er mich wählen, was ich ihm geben wollte. Ich drückte ihm einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand.
„Quasi als Andenken an Köln!“, lachte ich.
Mehmet legte den Schein mit einem sehnsüchtigen Blick zur Seite.
„Kann ich sonst noch etwas für Dich tun?“
Mehmet erklärte mir, wie ich die Kette richtig spanne, und korrigierte auch eine verhunzte Schraubenaufnahme meiner Steckachse, die ich wohl mit zu viel Drehmoment in Ungarn beschädigt hatte, nachdem sich meine Achse gelöst hatte.
„Ich verstehe Deine Angst“, meinte Mehmet. „Wenn so etwas mal passiert – wenn man seiner Technik nicht trauen kann –, dann läuft man Gefahr, es noch schlimmer zu machen. Übe Dich in Geduld und Vorsicht! Du hast ein gutes Rad. Es kann Dich weit tragen, wenn Du es gut behandelst.“
Mit großen Augen beobachtete uns der Sohn von Mehmet Usta.
„So, jetzt genug geredet. Willst Du noch einen weiteren Çay?“
Ich bejahte – und dann verließ ich zufrieden das Geschäft.
Endlich war ich einmal an einen wahren Usta geraten.
Fleisch, Döner und die große Welt
Bei einem BIM-Supermarkt stockte ich meine in Ankara heftig geschrumpften Vorräte auf. Ein Mitarbeiter verwickelte mich in ein Gespräch, während er vor der Tür saß und rauchte.
Ich erzählte ihm nach etwas Smalltalk, dass ich immer auf der Suche nach guten Proteinquellen sei, aber bisher noch keine gute Lösung gefunden hatte.
„Fleisch ist teuer in der Türkei, oder?“, fragte er.
„Ich selbst kann mir kaum Fleisch leisten – aber Hühnchen ist günstig. Du musst unbedingt mal den Döner in Ankara probieren. Der ist der beste weit und breit!“
Da musste ich einen kurzen Moment an Vincent denken. In Deutschland wird ein junger Erwachsener mit Stipendium losgeschickt, um eine Recherche über Veganismus in der Türkei anzufertigen, und hier hat der Kassierer nicht einmal genug Geld, sich Fleisch zu leisten, obwohl er es gerne würde.
Was für eine abgefahrene Welt das doch ist.
Nach einer herzlichen Verabschiedung machte ich mich endlich wieder auf meine Piste.
Durch die endlose Steppe
1.700 Höhenmeter gab es zu bestreiten – in einer malerischen Steppenlandschaft, die fast vollständig aus Gelb- und Ockertönen bestand. Darüber das stählerne Blau des Himmels, mit einem kühlen Wind, der mir die ganze Zeit im Nacken saß.
Während ich den ersten von drei Hügeln erklomm, verschwand Ankara immer weiter im dunstig blauen Hintergrund.
Ich hatte dort kein einziges Museum besucht – und keine einzige Veranstaltung des Kulturfestivals. Vielleicht, weil Ankara einfach nicht meine Stadt ist, redete ich mir ein. Vielleicht auch, weil ich gerade etwas anderes brauchte.
Mich interessierten vor allem echte, menschliche Verbindungen. Artefakte in Glasvitrinen eher weniger. Oder zumindest nicht aktuell.
Ob das in Ordnung ist, sich als Reisender für etwas nicht zu interessieren?
Die Stadt erinnerte mich auch aus der Entfernung an eine Fata Morgana. Vollkommen losgelöst von den kurvigen, welligen Formen des Hochlandes stachen die Hochhäuser wie kubische Zahnstocher aus dem Nichts heraus.
Ich drehte mich nicht allzu oft nach dieser Stadt um.
Dann begann ein scheinbar endlos weites Steppennichts.
Die menschliche Wahrnehmung ist schon interessant. Sobald uns etwas fehlt, an dem sich unser Auge einen Größenmaßstab ableiten kann – wie zum Beispiel ein Telefonmast, ein Haus oder ein Straßenschild –, verlieren wir jegliche Relation.
So konnte ich kaum mehr sagen, ob die Hügel vor mir 300, 500 oder 1.000 Meter hoch waren. Da diese Landschaft hauptsächlich aus abgeernteten Feldern und kargen Gesteinsflächen bestand, fehlten Bäume, an denen sich mein Auge festhalten konnte.
Das Einzige, was blieb, waren Wellen aus dahinrollendem Land, die durch das ständig changierende Lichtspiel der Sonne fortwährend ihre Farbe wechselten.
Als Radfahrer gleitet man durch diesen grenzenlosen Raum, der sich zu allen Seiten bis zum Horizont erstreckt. Und das fast geräuschlos – dank der reparierten Bremse.
Ich lachte glücklich vor mich hin.
Das war genau die Art von Reise, die ich mir gewünscht hatte!
Immer wieder versuchte ich, diese Eindrücke per Video und Foto festzuhalten. Es gelang mir jedoch nur beschränkt, da Fotos eben flach sind und der Raum sich gegen die Einsperrung in zwei Ebenen wehrt – das sagte mir zumindest mein alter Zeichenlehrer Herr Templin.
Er hatte recht!
Meine Fotos wirkten eher wie ein Teppich. Ohne Orientierungspunkte faltete sich der Raum vollkommen zusammen.
Für einen Moment unterbrach ich meine Musik und genoss die Stille dieser Landschaft.
Kein Autorauschen.
Kein „Na, wo fährst Du als Nächstes hin?“
Kein Hupen.
Nicht einmal Vogelzwitschern – da die Vögel hier sicherlich auch ihre Bäume zum Landen vermissten.
Der Schäfer
Da der Sonnenuntergang langsam hereinbrach, suchte auch ich nach einem guten Platz zum Zelten. Das dürfte hier wohl nicht so schwer werden, dachte ich mir. Immerhin gab es hier so viel Raum, wie ich ihn selten erlebt hatte!
Immer weiter kurvte ich von Tal zu Hügel zu Tal, bis auch das letzte Dämmerungslicht endgültig erlosch.
An einer geeigneten Feldstraße bog ich ab und radelte noch etwas weiter, um möglichst etwas Abstand zur Straße zu gewinnen.
Ich war gerade dabei, mein Zelt mitten im Nirgendwo aufzustellen, da leuchtete mich plötzlich eine scharf fokussierte, helle Lampe aus schätzungsweise 300 Metern Entfernung an.
Sofort musste ich an Vincents und meine Begegnung mit dem Wachschutz in Bulgarien denken. Aber hier, mitten im Nirgendwo? Es gab hier nicht einmal einen Zaun, geschweige denn einen See, der bewacht werden wollte.
Also harrte ich für einen Moment aus.
Dann hörte ich plötzlich Glockenläuten und das Bellen von schätzungsweise drei Schäferhunden.
Okay, dachte ich mir – wahrscheinlich handelt es sich um einen Schäfer, der seine Weidetiere beschützen möchte. Zwischen uns lag genug Abstand. Vielleicht würde er weiterziehen oder zumindest erkennen, dass ich mit meinem Rad keine Bedrohung darstellte.
Doch immer wieder strahlte er mich mit seiner grellen Lampe an. Manchmal sogar blinkend.
Gut, dachte ich mir nun. Er möchte mich offenbar hier nicht haben. Dann radele ich eben weiter – die Steppe ist ja groß genug.
Während ich mich umdrehte und mit dem Rad zurück Richtung asphaltierte Straße rollte, hörte ich jedoch plötzlich drei Schüsse, die aus einer Pistole zu kommen schienen.
Dazu das aggressive, lauter werdende Bellen der Hunde.
Hatte er seine Schäferhunde auf mich losgelassen?
Da ich mich in vollkommener Dunkelheit befand, konnte ich die Situation überhaupt nicht einschätzen. Aber natürlich wollte ich für meinen Wildcampingplatz nicht meine Sicherheit riskieren.
Also fuhr ich entlang der Straße schätzungsweise drei bis fünf Kilometer weiter, bis die Lampe des Schäfers und auch das Läuten der Kuhglocken nicht mehr zu hören waren.
Die Drei Musketiere
Auf dem kargen Lehmuntergrund, auf dem nur ab und zu ein paar Stoppeln auftauchten, suchte ich mir, mich zur Ruhe ermahnend, einen guten Campingplatz im Nirgendwo.
Inzwischen war es deutlich kälter geworden. Ich musste mich umziehen, damit meine Erkältung nicht wieder stärker wurde.
Doch kaum hatte ich mein Zelt aufgebaut, fuhr wild hupend ein Auto auf der Straße – die von meinem Zeltplatz aus nur vage sichtbar war – an mir vorbei.
Danach weitere Schüsse, ein paar Kilometer entfernt im Dorf.
Was würde nun passieren?
Mir wurde immer unwohler zumute. Gab es hier in der Türkei irgendwelche Eigentumsgesetze wie in Amerika, wo man seinen Grund und Boden zur Not auch mit Waffen verteidigen durfte?
Oder war ich hier im wilden Osten gelandet, wo es überhaupt keine Regeln gab?
Und wovor hatte der Schäfer Angst – dass ich ihm seine Kühe anknabberte?
Bevor ich diese Gedanken jedoch zu Ende denken konnte, fuhren zwei Autos zielgerichtet auf mich zu und hielten in unmittelbarer Nähe meines Zeltes.
Da ich dieses „Spiel“ ja inzwischen schon kannte, stellte ich meine Lampe an, damit man mich gut erkennen konnte, und ging auf die Wagenkolonne zu.
Im Licht konnte ich hell reflektierende Warnstreifen erkennen – jedoch kein Blaulicht oder Ähnliches.
Eine Polizeistreife war das also nicht.
Dafür stand ich plötzlich vor drei muskulösen, vollkommen in Schwarz gekleideten Männern, die bestimmt auch als Rausschmeißer in einem Club eine gute Figur gemacht hätten.
Ich erklärte ihnen, dass ich nur ein Radfahrer sei und wirklich nichts Böses vorhatte. Außerdem sah ich nirgendwo Verbotsschilder, und überhaupt tat mir das alles sehr leid.
Der etwas kleinere – aber nicht weniger kräftige und bärtige Mann schlug mir vor, dass ich mein Zelt in seinem Garten aufbauen könne, aber in keinem Falle auf diesem Feld bleiben dürfe.
Einen Grund dafür lieferte er mir nicht – aber wer argumentiert in dieser Situation schon gern mit drei Musketieren?
Der Schäfer beäugte mich dabei missbilligend im Hintergrund. Ich konnte einen Blick von Verachtung und auch Genugtuung erkennen, als ich allen versicherte, dass ich mein Zelt innerhalb von 15 Minuten abbauen würde, um ihnen ins Dorf zu folgen.
Während ich dies tat, war ich nicht wütend über diese Schikane. Vielmehr wunderte ich mich erneut darüber, wie unterschiedlich die Vorstellungen von Eigentum und Territorialität doch sein können.
Ich lernte hier eine andere Seite der Türkei kennen. Eine, in der man sich das Land nahm, es für sich beanspruchte, es verteidigte und anderen Männern auch zeigte, dass es SEIN Land war.
Gerne hätte ich herausgefunden, was der Schäfer über Touristen wie mich dachte – jedoch nicht unbedingt vor Kälte zitternd beim Abbau meines Zeltes im Dunkeln.
Vom Angeklagten zum Gast
Als ich mich also erneut aufs Rad schwang und zum Zentrum des kleinen Dorfes radelte, in dem es überall nach Kuhdung und Pisse roch, saßen die drei starken Jungs auf einem Betonvorsprung – möglicherweise vor einem Brunnen.
Sie waren viel gelöster und baten mich, mich zu setzen.
„Komm, komm! Wir haben Dir da bestimmt einen Schrecken eingejagt, oder? Hier, rauch erst mal eine mit uns. Hast Du schon gegessen?“
Als ich verneinte, schickte der Eine – der Größte von allen – einen Bauern los, um mir zwei warme Sandwiches, auf Türkisch Tost, zuzubereiten.
Während er unterwegs war, telefonierten alle drei mit ihren Angehörigen und erzählten ihnen vom Ausländer, der wohl gerade einen Schäfer erschreckt und die Dorfwache mobilisiert hatte.
Sie lachten herzlich.
„Sowas hatten wir hier lange nicht mehr!“
In diesem Wechselbad der Gefühle – vom weggescheuchten Angeklagten zum willkommenen Gast – wusste ich zunächst nicht, wie ich reagieren sollte.
Wie sonst auch prasselten die üblichen Fragen auf mich herein:
Wie viel verdienst Du?
Wie teuer ist Dein Rad?
Du möchtest wirklich mit dem Rad bis nach Georgien fahren?
Innerlich hallten immer noch die drei oder vier Schüsse nach.
Mit Waffen hatte ich seit meinem Besuch in den Favelas Brasiliens und den wilden Waffenbunkern der Nordamerikaner keinen Kontakt mehr gehabt.
Ich dachte mir: Sobald Waffen im Spiel sind, kannst Du eigentlich nur noch mit Eskalation – also Selbstverteidigung oder Flucht – reagieren.
Sie aktivierten einen Teil meines Gehirns, der instinktiv nach Stöcken, Steinen oder meinem Messer und Pfefferspray greifen lässt, die ich immer bei mir trage.
Schon während des Tages war ich durch eine verlassene Siedlung geradelt, bei der mich eine Reihe von fünf großen Hunden empfing. Doch diese flüchteten vor mir – dieser Konflikt, wenn man ihn denn so nennen konnte, war sofort entschieden.
Auch der Konflikt mit dem Schäfer war sofort entschieden – natürlich würde ich mich einem bewaffneten Mann nicht in den Weg stellen.
Aber hätte unsere Begegnung wirklich diesen Verlauf nehmen müssen?
Wenn ich an seinen verachtenden Blick dachte, sah ich da noch viel mehr als den einen Touristen, der aus Versehen mit dem Rad die falsche Abbiegung nahm.
Ich sah eine Art Archetyp von Mann.
Jemanden, der nimmt und fordert.
Das gehört mir. Hier darfst Du nicht sein.
Was für eine Sorte von Mann war ich?
Der immer nur redet, selbst wenn es hart auf hart kommt?
Was für eine Art Mann bin ich?
Ich möchte ehrlich mit Euch sein: Natürlich habe auch ich meine aggressiven Seiten.
Manchmal würde ich gerne einem der nervigen Köter richtig schön a die Gurgel gehen. Ihn bauchlängs aufschneiden und ihm seine Eingeweide wie eine pinke Girlande um den Hals wickeln und dabei dreckig lachen.
Ja, ich habe ab und zu grausame Fantasien und ehrlich gesagt bin ich ganz froh darüber, dass die wenigsten Menschen sie im Detail kennen. Vielleicht ist das auch eher mein Messer, das da mit mir spricht, als mein gesunder Verstand.
Als Reisender verstehe ich mich hingegen vor allem als eine Art Botschafter. Ich hoffe, dass Menschen durch die Begegnung mit uns Reisenden sich daran erinnern können, dass wir rücksichtsvoll und dankbar sind.
Nie hinterlasse ich irgendwo Müll.
Konfrontationen gehe ich nur ein, wenn jemand aktiv und aggressiv mir gegenübertritt.
Jedenfalls schlief ich in dieser Nacht ruhig ein – aber dennoch mit einem bitteren Beigeschmack.
Ich wusste, dass ich mich nicht an die deeskalierenden Gesten der Männer im Dorf erinnern würde. Einprägsamer war dieser verachtungsvolle Blick des Schäfers.
Jede Form von Gewalt ist leider sehr einprägsam.
Hundert gute Erfahrungen
Noch vor dem Einschlafen schrieb ich meinem türkischen Kontakt Engin von meinem Konflikt. Er lebt in Nevşehir, aktuell etwa 200 Kilometer von mir entfernt.
Außerdem schickte ich ihm meinen Standort und sagte, dass ich mich morgen früh noch einmal melden würde, bevor ich den Ort verlassen würde.
Innerlich war ich wieder einmal überrascht, wie gegensätzlich die Erfahrungen an einem einzigen Reisetag sein können.
Und ich versuchte, so gut ich es konnte, die hundert guten Erfahrungen in meinem Herzen zu bewahren, um diese eine schlechte Erfahrung in ihren Schatten zu stellen – wo sie meiner Meinung nach auch hingehörte.



































Kommentare
Kommentar veröffentlichen