Tag 39 / Türkei / Lost mit Prinzip


Kühe, Stacheldraht und ein Wiedersehen

Der nächste Morgen im Dorf war windig. Als die Sonne langsam über die türkische Steppe herüberkroch, sah ich mich zunächst einmal um. Mein Zelt stand inmitten eines nicht ganz fertig gebauten Kinderspielplatzes. Rostige, unbenutzte Spielgerüste wirkten genauso grotesk wie die Gebäude ohne Fensterscheiben. Eine tote Taube vor einem der unverputzten Häuser rundete den trostlosen Eindruck ab.

Eingezäunt durch einen Stacheldrahtzaun kam ich mir vor wie ein Tier im Gehege. Neugierig drängten sich die Kühe von außen a das Gitter und beobachteten den Neuankömmling – eine verkehrte Welt.


Dann, zwischen den Kühen, plötzlich der Schäfer der letzten Nacht. Leicht daran zu erkennen, dass er mich nicht grüßte, sondern mich finster anstarrte.

Ich starrte ebenfalls zurück, so entschlossen, wie es mir zu dieser frühen Uhrzeit möglich war. Die linke Hand an meiner Titantasse, aus der ich betont laut schlürfte. Die rechte tastete nach dem Pfefferspray in meiner Hosentasche.

Vielleicht war es ganz gut, dass dieser Zaun uns trennte. Von gegenseitiger Sympathie, geschweige denn einer versöhnlichen Entschuldigung, konnte jedenfalls keine Rede sein.

Doch bevor sich die Lage weiter zuspitzte, kam ein weiterer Schäfer hinzu: derjenige, der mich noch in der Nacht an diesen seltsamen Ort geführt hatte. Er schimpfte seinen Schäferkollegen dermaßen laut und demonstrativ zusammen, dass ich das Schauspiel hinter meinem sicheren Zaun gelassen beobachten konnte.

Der Gedemütigte stapfte alsbald davon, sein Esel ihm voraus. Lustlos warf er diesem seinen langen Stock hinterher. Ich verspürte so etwas wie Genugtuung.

Nach der unangenehmen Begegnung der letzten Nacht wollte ich allerdings so schnell wie möglich aus diesem Dorf verschwinden – was sich aufgrund des Windes mal wieder als etwas schwierig erwies.


Der Wind und die schlechte Stimmung

Mein Zelt flatterte wie eine Fahne am Mast. Wenn das in der kasachischen Steppe so weitergeht, muss ich mir wohl irgendeinen Trick für das Auf- und Abbauen einfallen lassen. Steine zum Beschweren konnte ich hier jedenfalls nirgends finden.

Am Ortsausgang grüßte mich eines der drei Musketiere – der sympathische Vermittler. Wir versuchten, uns gegenseitig durch ein freundliches Lächeln zu signalisieren, dass die gestrige Nacht vergessen und vergeben sein sollte.

Innerlich dachte ich jedoch nur: Bloß schnell weg aus diesem Kaff!

Natürlich hatte ich nicht sonderlich gut geschlafen und krauchte die Anstiege entsprechend langsam hinauf. Und der bittere Nachgeschmack der Begegnung ließ mich noch immer nicht los.

Es ist schon spannend, wie Erfahrungen den Blick auf eine Landschaft färben können: Fühlte sie sich gestern noch frei und malerisch an, fielen mir an diesem Tag plötzlich nur noch die negativen Details auf. Die holprigen, von festgetretener Erde verdreckten Straßen. Der leicht brenzlige Gestank von verbranntem Müll auf den Feldern. Dazu der omnipräsente Geruch von Dung und Viehpisse.

Und plötzlich musste ich an Sachsen-Anhalt denken.


Lost in Sachsen-Anhalt

An eine Zeit nach meinem Bachelorstudium 2015/2016, in der ich öfter ziellos mit meinem schrottreifen Diamantrad über die Äcker Sachsen-Anhalts fuhr – auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wo es mit mir eigentlich nun hingehen sollte.

Im Kopf hatte ich meistens eine Melodie für einen Track. Oder Lyrics dazu. Oft waren sie jedoch genauso zusammenhangslos wie meine Gedanken. Oder wie die trägen, grauen Wolken, die in langen Schlieren über die Stoppelfelder zogen.

Es war ungefähr 2015, als ich meinen Pfefferspray-und-Zitronen-Comic fertig zeichnete, gleichzeitig arbeitslos – ich meine: arbeitssuchend gemeldet – war, im Peißnitzhaus kellnerte und hundertprozentig lost war.

Besonders einprägsam war für mich dieser Moment, als meine Jobcenter-Sachbearbeiterin sich an einem Samstagvormittag einen Latte macchiato mit ihrer jungen Tochter bei mir als Kellner bestellte – um am Montag darauf mein Einkommen zu „bereinigen“.

Ich saß im kleinen Zimmer meiner Sechser-WG. Ravn hatte mal wieder seine Bartstoppeln im Waschbecken hinterlassen, Beckie fertigte in der Küche Metallschmuck für einen Markt an und unsere marokkanische Mitbewohnerin kochte duftenden Pfefferminztee.

Ich lag in meinem Zimmer, starrte an die Decke und auf eine Rückzahlungsaufforderung des Jobcenters und spürte, wie die Wände wie eine Schrottpresse immer weiter auf mich zukrochen.

Warum gab ich mir eigentlich ständig so viel Mühe mit allem?


Durch die Äcker

Dieses Durch-die-Äcker-Gurken passte perfekt zu meiner damaligen Stimmung.

Sie waren braun und matschig.

Steinig, buckelig und huckelig.

Dazwischen: Pfützen.

Im Herbstregen zum Geiseltalsee, wo ich fror. Dann im grauen Novemberregen Richtung Mansfelder Land, wo mich die Schutthalden grüßten. Meine Bremsen quietschten, die Kette quietschte, die Gangschaltung schaffte den Hügel gerade noch so.

Ich dachte damals: Was für eine wunderbare Landschaft. Die einzigen Berge weit und breit sind menschengemachte Müllberge. Na danke auch.


Das Atelierhaus, die Landsberger 16

Der einzige Anker in dieser Zeit war eigentlich mein Atelier.

Der graue Bürobau, der früher einmal ein Papierlager gewesen war und dessen Grundstück hoch verschuldet war, erweckte nur äußerlich den Anschein von Professionalität. Im Inneren spielten sich Geschichten ab, für deren Erzählung es eigentlich immer eine zweite Person braucht, die bestätigt, dass sie auch wirklich stattgefunden haben.

Zum Beispiel, dass unser Vermieter Klaus nachts nackt wie ein Hausgeist durch die Gänge des Studierendenwohnheims streifte und merkwürdige Lieder sang.

Oder dass Jama – unser Lieblings-Methkumpel – USB-Sticks in die Wände einbetonierte und alles mit der Flex zerflexte, was nicht flexsicher war.

Manchmal streifte ich selbst nachts durch den verwinkelten Bau, der – ähnlich wie mein Leben – einem Labyrinth glich und keiner erkennbaren Logik zu folgen schien.

Plötzlich tauchten dort nette Studierende auf, die nur mit einem Handtuch bekleidet durch die Gegend huschten. Oder Schlangen in einem neonleuchtenden Aquarium, die der Legende nach irgendwann sogar ausbrachen.

Für mich stellte dieses Atelierhaus meinen damaligen Lebensmittelpunkt dar.

Zum einen arbeitete ich dort wie ein emsiger Werkschaffender mindestens acht Stunden täglich an meinem Comic – für exakt null Euro die Stunde. Zum anderen war es das Quartier der Montagsmaler-Hip-Hop-Crew. Und Hip-Hop war in dieser Zeit wirklich alles für mich.

Oft hing ich nach dem Zeichnen, vollkommen erschöpft, mit einem bekifften Hendryk, aka BZU, herum, der gedanklich wieder irgendeinen Computerspieleprototypen entwickelte.

„Ey, ich hab da voll die Idee! Wie wär’s mit einer Street-Art-vs.-Graffiti-Plattformer? Du bist der Street-Artist und wirst von mir, dem Graffiti Writer, richtig vermöbelt, hö hö!“

So sprach er mit deutlich geröteten, hervortretenden Augen.

Peter 2000 – oder war es Peter 3000? – ebenfalls bekifft, verschmolz neben mir immer mehr mit der Couch. Wir spielten beide eine uralte Version von Tony Hawk auf einem Miniaturbildschirm.

Als könnte er meine Gedanken lesen, sprach er lallend vom Retter-Bier:

„Ey, das mit der Zukunft – nimm das mal nicht so ernst. Das wird sich schon irgendwie alles ergeben!“

Ein paar Monate später stellte sich heraus, dass Peter die Crew ziemlich dreist bestohlen hatte. Danach wurde er nie wieder gesehen.

Weiter hinten, in Boogies Bumsbude – oder Boogies B-Zimmer –, meditierte, schrieb, kochte, rappte oder bumste Boogie irgendwelche sehr viel jüngeren Groupies. Er hatte da so ein Abkommen mit seiner Freundin, wurde gemunkelt. Aber so ganz genau wollte ich das eigentlich gar nicht wissen.

Gerade drang nur ein Podcast über mystische Erzählungen der abendländischen Folklore zu uns herüber. Von SpiegelDich.de.

Dazwischen ich, mit dem klapprigen Diamantrad irgendwo am Geländer befestigt.

Einmal wurde es mir auch geklaut. Ein anderes Mal hatte ich es einer manisch depressiven Freundin geliehen – sie hatte es dann, in finanzieller Not, unerwünschterweise für schnelles Geld in einem Secondhandladen verkauft. Ich musste es anschließend für einen Zehner zurückkaufen.

Eigentlich ein gutes Beispiel dafür, wie in Halle alles irgendwie zirkuliert.


Zusammen lost

Das lebendige, manchmal freudige, manchmal deprimierende Chaos dieser Haus- bzw. Ateliergemeinschaft stellte so etwas wie eine Heimat und gleichzeitig einen Spiegel meiner damaligen Befindlichkeit dar.

Dort waren wir gewissermaßen zusammen lost.

Immerhin.

Und Sachsen-Anhalt lässt sich ohne „Lost“ eigentlich gar nicht buchstabieren.

Du bist nicht lost in Sachsen-Anhalt.

Du bist erst richtig Sachsen-Anhalt, wenn Du derbe lost bist.

Meine Meinung.

Sachsen-Anhalt. Ick liebe Dir.

Wenigstens ein bisschen.

Boogie und ich schrieben sogar einen gemeinsamen Track über Sachsen-Anhalt. Ein Land, über dem die Sonne nicht so richtig aufgehen wollte.

Der Song erhielt, glaube ich, sechs Likes auf SoundCloud.


Tropical Heins

Und darüber dachte ich also nach, während ich jetzt, 2026, durch die müffelnden Äcker der Türkei fuhr.

Spannend, wie Gerüche einen direkt wieder zurück in eine Zeit holen können, die man irgendwie versucht hatte abzustreifen wie die hartnäckige Lehmerde am Fuß.

Aber wie die Lehmerde ist auch diese Vergangenheit der Nährboden für die Person, die ich heute bin.

In diesem Atelierhaus erfand ich mein rappendes Alter Ego Illestrator.

Meine Freestyle-Routinen entwickelte ich in den vielen Jahren der montäglichen Hip-Hop-Runden.

Robin und ich gründeten dort das Kunstkollektiv Tropical Heins, nachdem wir gemeinsam ein Live-Painting mit Neonfarben in einem Club gemacht hatten.

Während des Malens stellten wir plötzlich fest, dass dieser Club voll mit Nazis war. Wir mussten allerdings die Fresse halten, damit sich unsere „üppige“ Gage von, glaube ich, nicht mehr als fünfzig Euro nicht in braune Luft auflöste.

Ziemlich demotiviert – so, als hätte man gerade all seine Ideale für einen feuchten Furz verkauft – saßen wir auf dem Dach des hippen Etablissements, in dem parallel auch „Schlag Dich Fit“-Veranstaltungen stattfanden, und überlegten, wie wir das Kollektiv nun nennen sollten.

„Irgendwas mit Essen“, sagte Robin.

An Essen dachten wir sowieso die meiste Zeit, weil wir irgendwie immer hungrig waren.

„Klingt gut“, sagte ich mit Neonfarbspritzern im Gesicht.

„Lass mal was Tropisches nehmen und das ein bisschen falsch schreiben“, stupste Robin mich keck in die Seite.

„Hö, hö – so richtig kunstig“, gab ich zurück.

Voilà. So war unser Kollektivname entstanden.

Auch wenn Robin bestimmt wieder eine andere Geschichte erzählen würde. Jede Wette.


Arm und arm

Ein Blogeintrag reicht sicherlich nicht aus, um all diese Erinnerungen zu fassen.

Das Schöne am Radeln ist jedoch, dass die Gedanken kommen und gehen. Die Zusammenhänge ergeben sich luftig. Es besteht kein Zwang zur Vollständigkeit.

Arm, aber sexy?

Rückblickend würde ich eher sagen: Arm und arm.

Alexandra und Susanne, zwei Studienfreundinnen, die beide ebenfalls ihr Bachelorstudium in Illustration beziehungsweise Grafikdesign absolviert hatten, jobbten zu dieser Zeit bei Pizzalieferdiensten.

Meine Bewerbung beim Pizzadienst Domino’s war zu diesem Zeitpunkt schon abgelehnt worden.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir vor der Kirche um die Ecke saßen und Alex mir erzählten, dass sie nach Berlin beziehungsweise Hamburg gehen wollten.

Als sich für mich später eine Studiengelegenheit für den Master in Hamburg ergab, traf ich sie dort beide wieder.

Sie blickten voller Zuversicht in ein neues Kapitel ihres Lebens in Hamburg.

Ich kam mir vor wie der Ossi, der sich über die Döner- und Bierpreise beschwerte und eigentlich nicht so genau wusste, was er mit diesem Master anfangen sollte.

Noch ein Stück Papier?

Und wofür genau?

Welcher Arbeitgeber interessiert sich für einen Abschluss in Grafischer Erzählung?


„Was mache ich denn jetzt mit meinem Leben?“

Ich saß mit meinem damaligen Grafikdesign Professor Sven Völker – zu dem ich wirklich aufblickte – auf der Treppe und fragte ihn genau das.

„Sag mal, Sven. Ich hab das Gefühl, dass ich alles irgendwie kann, aber nichts so richtig. Das mit dem Comicverlegen hat nicht geklappt, aber als Grafikdesigner stumpf am Rechner sitzen – das kann ich mir irgendwie auch nicht vorstellen. Was mach ich denn jetzt mit meinem Leben?“

Er dachte einen kurzen Moment nach und antwortete:

„Ich versteh Dein Problem. Aber bei manchen Menschen ist das so. Du brauchst vor allem gerade viel Geduld, bis Du einen Ort findest, an den Du wirklich hingehörst. Du hast eine starke Persönlichkeit – irgendwie wird sich dieser Ort schon finden. Da bin ich mir ganz sicher.“

Während er das sagte, schweiften meine Augen schon über das rote, leuchtende Blinken der Windräder, die weit hinter den Rändern der Stadt Halle in eine ungewisse Richtung deuteten.

Wie Landelichter.

Oder waren es Abfluglichter?

In gewisser Art und Weise suche ich nach diesem Ort noch heute.


Lost mit Prinzip

Während ich über all das heute nachdachte, schaute ich nach links und sah mein früheres Ich mit einem klapprigen Rad, das sich die Hügel auf und ab mühte.

Anstrengend ist das mit dem Radeln und der ständigen Ungewissheit heute immer noch. Als Student genau so wie als Selbstständiger.

Aber immerhin bin ich inzwischen Lost mit Prinzip.

Mit ein bisschen mehr Selbstsicherheit und Erfahrung im Lostsein.

Gewissermaßen ein Lost-Meister.

Oder so.

Komoot-Tour-Link















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