Tag 25 / Bulgarien, Tarnovo / E5 und Nachtwäsche
Katzenwäsche im edlen Ambiente
Ich schreibe Euch aus dem Café Rose – einer stilvollen Tapas-Bar mitten im Zentrum von Jambol.
Ein Stück Torte: fünf Euro. Der Cappuccino? Keine Ahnung. Es gibt jedenfalls keinen einzigen Gast. Nebenan sitzen drei rauchende Bulgaren an einem Plastiktisch neben leeren Coca-Cola-Kästen und trinken Espresso.
Der Kellner hier – ebenfalls ein bulgarischer Bär, der kein Lächeln über die Lippen bekommt – trägt eine Jeansschürze und teure Sneaker, die farblich leider überhaupt nicht zu seiner bärtigen Erscheinung passen. Ein Bär im Tütü, sozusagen.
Zum Glück weiß er nicht, dass der deutsche, verschwitzte Gast in seinem edel und blumig parfümierten Bad erst seine Hände, dann sein Gesicht, dann die Arme und zum Schluss das ganze Bad mit Wasser vollgespritzt hat.
Heute also: Katzenwäsche im edlen Ambiente!
Bett im Kornfeld
Die letzten beiden Tagesetappen waren sehr kräftezehrend, deshalb schreibe ich erst jetzt.
Von meinem „Bett im Kornfeld“, in dem es nachts ununterbrochen raschelte und ich das eine oder andere glitzernde Reptil durch das lange, platt getretene Stroh schlängeln sah, ging es auf schneller Aufholjagd Richtung Tarnovo, wo Vincent und ich uns für ein Wiedersehen verabredet hatten.
Doch vorher hieß es: Grundhygiene.
Denn wer trinkt schon gerne Wasser aus einer mit Ackerstaub benetzten Trinkflasche?
Eine Sache, die sich Nicht-Bikepacker schwer vorstellen können, ist, wie sehr einen eine solche Reise dazu zwingt, mit begrenzten Ressourcen zu haushalten – vor allem mit Wasser.
Wenn Ihr anderthalb Liter Wasser zur Verfügung hättet: Würdet Ihr es schaffen, Euch, Euer Gefährt und Euer Geschirr damit zu reinigen?
Probiert das gerne mal aus.
Das Zauberwort heißt in den meisten Fällen: Schwamm.
Inzwischen habe ich vier Schwämme für die unterschiedlichsten Zwecke. Der Radschwamm sollte schließlich nicht mit dem Geschirrschwamm verwechselt werden – Ihr versteht.
Interessanterweise beherrsche ich diese Minimallogistik inzwischen so gut, dass ich immerhin nicht mehr als Homo sapiens durchgehe.
Die Schuhe glänzten wieder schwarz, beide Trinkflaschen waren gefüllt – das ist doch schon einmal etwas.
Hinzu kam, dass ich mich erstaunlich erholt fühlte. Vor allem freute ich mich auf die Begegnung mit Vincent.
Ganz ehrlich: Ich bin schon auch ein Eigenbrötler. Aber sechs Tage durch Äcker wechselnder Couleur zu heizen, reicht irgendwann. Die einzelnen Tage verschwimmen dann in der Erinnerung zu einem einzigen undefinierbaren Brei.
Tarnovo liegt spektakulär an den steilen Hängen des Flusses Jantra und war im Mittelalter die Hauptstadt des Zweiten Bulgarischen Reiches. Dementsprechend war auch der Weg dorthin spektakulär anstrengend.
Von der bulgarischen Automentalität hatte ich Euch ja bereits berichtet: enges Überholen, LKWs, die einen in ihren Sog ziehen.
Nun stellt Euch dazu noch lange, anstrengende Hügel in sattem Grün vor – mit einem quasi nicht existierenden Seitenstreifen. Oder besser noch: abgebrochene Straßenstücke, die direkt in die gähnende Tiefe münden.
Dazwischen ich.
Langsam kletternd, immerzu schwitzend und schmörend, arbeite ich mich weiter vor.
Woher ich diese stoische Ausdauer nehme, ist mir selbst ein Rätsel. Wie sich dreißig Kilometer gefühlt endlos ziehen können, ist für mich ebenfalls immer wieder eine Überraschung.
Willkommen im Wettbüro-Land
Das letzte Stück zur Stadt ist eine schnurgerade Asphaltpiste – immerhin mit leichter Abwärtsneigung –, die zu beiden Seiten mit Wettbüro-Werbung verziert ist.
Es gibt grüne Hasenmenschen, leicht bekleidete Damen und alte Herren in edel wirkenden Smokings. Manchmal hängen auf beiden Seiten der Straße parallel unterschiedliche Wettbüroplakate, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.
Für mich gab es jedoch ein kleines großes Problem, das ich lösen musste:
Mein Benzinbrenner, der im Outdoorladen als Universalbrenner angepriesen wurde, konnte in Bulgarien nicht nachgefüllt werden.
Bulgarien ist den EU-Vorgaben offenbar weitaus stärker entgegengekommen als Deutschland und verkauft landesweit nur E10-Sprit.
Was gut für die Umwelt sein mag, ist für meinen Brenner ziemlich tödlich.
Oft stoppte ich an Tankstellen und wurde vom wissenden Tankwart direkt weitergeschickt, nachdem ich ihm die Benzinflasche gezeigt hatte. Und das gilt für alle Tankstellen – von Shell bis Lukoil und so weiter.
Aktuell verfüge ich also über exakt eine Portion Benzin für eine Mahlzeit.
Bis dahin schleppe ich Nudel- und Tütensuppenportionen mit mir herum und nehme kaum warme Mahlzeiten zu mir. Was mich allerdings nicht weiter stört.
E5 in Bulgarien? Gibt’s nicht.
In Tarnovo angekommen, fand ich mich am späten Nachmittag also an einer Shell-Tankstelle wieder.
Der auf einem Plastikstuhl lümmelnde Tankwart gab mir ziemlich knapp Folgendes zu verstehen:
„E5 in Bulgarien? Gibt’s nicht. Nicht hier, nicht woanders, nirgendwo.“
ChatGPT machte mir weiterhin Hoffnung mit Racing Fuel. Aber auch hier prangte der E10-Aufkleber über sämtlichen Zapfsäulen.
EU vs. Gunther: 1:0.
Nicht lange damit aufhalten. Weiter zum nächsten Supermarkt.
Die Baggerschaufel des ausgehungerten Radlers
Was für Nicht-Radreisende ebenfalls schwer zu verstehen ist, ist das hohe Maß an Selbstbeherrschung, das ein Supermarktbesuch nach einer langen Tagesetappe von einem ausgehungerten Radler verlangt.
Ich kenne dieses Problem schon seit Anfang an. Und trotzdem hilft bei mir nichts.
Ich gehe rein, um Nudeln und Milch zu kaufen.
Und komme raus mit dem halben Supermarkt im Einkaufswagen.
Manchmal überrascht mich meine wilde Baggerschaufelmentalität selbst.
Aha, zwei Schaumstoffburger.
Fermentiertes Weizengetränk – im Angebot!
Zwei Stück Käse – eins für jetzt, eins für später.
Würstchen bis zum Abwinken.
Und dieses Vitamin-B12-Superwasser muss natürlich auch noch mit.
Dieses Mal hatte ich extra zwei Würstchen an einem Imbiss vor dem Supermarkteinkauf gegessen, um meine Lebensmittelkaufwut zu besänftigen.
Hat trotzdem nichts gebracht.
Mit einem überüberladenen Rad machte ich mich schließlich auf zu unserem gemeinsamen Treffpunkt: dem Denkmal der Mutter Bulgariens.
Endlich wieder ein vertrautes Gesicht
Vincent wartete dort bereits in seinem Borussia-Dortmund-Shirt und schrieb in sein goldenes Tagebuch, für dessen Anschaffung er sein Handy an Tag eins der Tour eingebüßt hatte.
Andere Geschichte.
Wir umarmten uns herzlich und hatten uns viel zu erzählen.
Endlich wieder ein vertrautes Gesicht, das die Abenteuer und Strapazen nachvollziehen konnte!
Wie sich herausstellte, waren er und ich im Slalom jeweils auf der entgegengesetzten Seite der Donau gefahren.
Während ich in Bulgarien durch das grüne Nichts tuckerte, wurde er in rumänischen Dörfern mit selbstgebranntem Schnaps, Sekundenkleber und Wasser überhäuft.
Während ich mit platten Reifen kämpfte, kämpfte er vor allem mit seinem Vorsatz, überhaupt die täglichen Kilometer zu schaffen.
Aktuell hatte er sich bei einem Flötenbauer einquartiert, der ihm seine Radtaschen den steilen Anstieg mit dem Auto nach oben fuhr.
„War trotzdem anstrengend und hat ewig gedauert!“, meinte er, während wir unser 0,0-%-Lidl-Radler-ähnliches Getränk wegzischten und die Fake-Pombären hinunterknusperten.
Viel Zeit hatten wir nicht, denn sein Gastgeber hatte ihn am Abend noch auf eine Tiefkühlpizza eingeladen – leider war kein weiterer Platz in der Unterkunft frei.
Der persönliche Film
In diesem Moment wurde mir jedoch schlagartig wieder vor Augen geführt, dass ein geteiltes Erlebnis etwas ganz anderes ist als der persönliche Film, den man während einer langen Reise im eigenen Kopf abspult.
Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich diesen Blog hier für Euch und für mich schreibe.
Die Mutter Bulgariens
Die „Mutter Bulgariens“ ist übrigens ein gutes Beispiel für die bulgarische Mentalität.
Bei den Jahreszahlen geht es vor allem um Schlachten: gegen die Serben, gegen die Osmanen, im Ersten Weltkrieg.
Frische Blumen und Kränze dienen als lebhaftes Bekenntnis zu der hart erstrittenen Identität.
Rooster Hostel – oder: Doch kein Puff
Da es gegen 20 Uhr inzwischen schon fast dunkel war, hatte sich mein ohnehin vollkommen unrealistischer Plan, am selben Tag noch weiter zu den Stauseen in den Bergen zu fahren, endgültig in Luft aufgelöst.
Geschickt unterbreitete mir Vincent den Vorschlag: „Rooster Hostel“.
Für nur elf Euro könne man dort in einem Vierbettzimmer unterkommen.
Wir verabschiedeten uns also vorerst voneinander und ich fuhr mit meinem überüberladenen Rad die steilen Hänge hinauf in Richtung Altstadt.
Dunkle, grob gepflasterte Gassen. Abwasser, das vor sich hin müffelte.
Ich dachte mir:
„Okay. Entweder wirst Du gleich überfallen – oder landest im Puff.“
Der Name „Rooster Hostel“ schien mir in diesem Moment jedenfalls etwas suggestiv.
Wie sich herausstellte, handelte es sich jedoch um eine versteckte Perle mitten im historischen Altstadtkern von Tarnovo.
Das liebevoll eingerichtete Holzhaus war mit Bildern dekoriert – natürlich mit vielen Hähnen. Wer hätte das gedacht.
Es gab eine voll ausgestattete Küche, in der ein sympathisches japanisches Pärchen kochte. Mehrere große Bäder mit frischen, bunten Handtüchern.
Und im klimatisierten Mehrbettzimmer im Dachgeschoss eine kräftige Klimaanlage – sowie einen kräftigen Bulgaren, der um 21 Uhr bereits kräftig schnarchte.
Die Nachtwäsche
Der effektive Deutsche machte sich natürlich sofort daran, seine total verstaubte Kleidung zu waschen.
22 Uhr.
Und in der neonbeleuchteten Gasse sein Rad zu reinigen.
Ich fragte die Gastgeberin, ob das hier jemanden störte.
Sie zuckte gleichgültig mit den Achseln:
„Und wenn schon! Dafür ist die Gasse doch da!“
Dabei wurde ich von hohen Balkonen von oberkörperfreien Bulgaren beglotzt, die sich bereits ihr zweites oder drittes Dosenbier gönnten.
Was macht dieser Typ da mitten in der Nacht im Dunkeln mit einem Schwamm?
Nur dem plappernden Amerikaner, der das nudelessende Pärchen belagerte, ging ich in weitem Bogen aus dem Weg.
Wahrscheinlich hatte er wie ich zu viel Zeit alleine verbracht und fand den Stopfen nicht mehr für seinen überquellenden Erzähldrang.
Alles in allem: ein schöner, versteckter Ort!
Und dank guter Ohrstöpsel hielt ich auch das akustische Schnarchsägen im Schlafsaal ziemlich gut aus.
Ich beendete diesen Tag mit einer kleinen inneren Notiz:
Ein Langzeitreisender muss unbedingt auch seine sozialen Batterien aufladen.
Egal ob im Hostel oder in der Bar – am besten aber mit guten Freunden, wenn es sich ergibt.






















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